Untergehen ist das Eine, unter der Oberfläche bleiben das Andere. ;-)

Donnerstag, 15. März 2012

Wo die Kaufkraft zu Hause ist...


... liegt Meißen.

Fleurop, 5 Filialen; Sparkasse, 4 Filialen; Vodafone, 4 Filialen; Ringfoto, 3 Filialen; Netto Marken-Discount, 3 Filialen; Buchhandlung, 3 Filialen; Commerzbank, 2 Filialen; Goldmeister, 2 Filialen; Aldi Nord, 2 Filialen; Lidl, 2 Filialen; Atlasreisen, 2 Filialen; Euromobil, 2 Filialen; AWG, 2 Filialen; Schlecker, 2 Filialen; Go 1a, 2 Filialen; Suzuki 2 Filialen; Sternenbäck, 2 Filialen; Mercedes Benz 2 Filialen; Bäckerei Raddatz, 2 Filialen; Aral, 2 Filialen, Avis, 1 Filiale; AD Auto Dienst, 1 Filiale: Citroen, 1 Filiale; Mazda, 1 Filiale; Ford, 1 Filiale; Holiday Land, 1 Filiale, Teppich Schmidt, 1 Filiale, Jack Wolfskin,1 Filiale; Nah und gut, 1 Filiale; Home Market, 1 Filiale; Spielzeug-Ring, 1 Filiale, Wiener Feinbäckerei, 1 Filiale; Fielmann, 1 Filiale; Der Club Bertelsmann, 1 Filiale; Renault, 1 Filiale; Fristo, 1 Filiale; Fischer Modehaus, 1 Filiale; Bonita, 1 Filiale; AUTOFIT 1 Filiale; McDonald's, 1 Filiale; diska, 1 Filiale; Deutsche Bank, 1 Filiale; McPaper, 1 Filiale; Biomarkt, 1 Filiale; Base, 1 Filiale; Dänisches Bettenlager, 1 Filiale; Ernsting's family, 1 Filiale; Tchibo, 1 Filiale; Reiseland, 1 Filiale; Apollo Optik, 1 Filiale; C&A, 1 Filiale; MEDIMAX, 1 Filiale; Eckert, 1 Filiale, Norma, 1 Filiale; MFO Matratzen, 1 Filiale; K+K Schuh-Center, 1 Filiale; Sprint Tank,1 Filiale; Reformhaus 1 Filiale; Roßmann, 1 Filiale; Volkswagen, 1 Filiale; BMW, 1 Filiale; Würth 1 Filiale; REWE, 1 Filiale; A.T.U. AutoTeile Unger; 1 Filiale; Fitneßstudio 1 Filiale; o2, 1 Filiale, DEICHMANN, 1 Filiale; vivesco Apotheke; 1 Filiale; Mode Express No 1, 1 Filiale; KüchenTreff, 1 Filiale; Skoda, 1 Filiale; Optik Plus, 1 Filiale; Pfennigpfeiffer, 1 Filiale, Mayers, 1 Filiale; Kind Hörgeräte, 1 Filiale; Mäc-Geiz, 1 Filiale; Takko Fashion, 1 Filiale; ACR, 1 Filiale; Dacia, 1 Filiale; KiK, 1 Filiale; Esso, 1 Filiale; Nissan,1 Filiale; OBI 1 Filiale; Pit-Stop, 1 Filiale; EDEKA1 Filiale; Audi, 1 Filiale; toom BauMarkt, 1 Filiale; Telekom Shop, 1 Filiale; Mitsubishi, 1 Filiale; Thalia, 1 Filiale
(Quelle: www.kaufda.de)

Es ist kaum zu glauben aber scheinbar wahr. Rund 100 Filialen können sich nicht irren. Dabei erhebt diese Liste keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Aktualität.

Mir ist kein Ort bekannt, der so wie Meißen fest im Würgegriff verschiedener Handelsketten ist. Das liegt möglicherweise daran, daß ich keine vergleichbaren Städte kenne und um mir meine Subjektivität bewahren zu können, auch nicht entsprechend recherchiert habe.

Allein bei den Lebensmitteldiscountern habe ich bei 15 Standorten aufgehört zu zählen. Aldi, Netto, Lidl usw. sind fast überall dort vertreten, wo man ein Fabrikgelände geschliffen und Baufreiheit geschaffen hat. Einzig Penny kneift immer noch und beschränkt sich darauf, die Stadt mit Kaufhallen einzukesseln.
Dagegen kann niemand etwas sagen. Wir haben die soziale Marktwirtschaft gewählt, ihr Wolfsgesetz auch und so muß die Konkurrenz das Geschäft beleben oder erlegen, was dem Kunden zugute kommen sollte. Wenn für alle genug vom Meißner Kaufkraftkuchen bleibt, und der Verdrängungswettbewerb mit lauteren Mitteln und ohne Waffengewalt – wie in anderen Ländern üblich – ruhig vor sich hinplätschert, hat jeder etwas davon und alle sind zufrieden. Bis auf diejenigen, die dabei außen vor und leer ausgehen. So hart wie deren Los auch erscheinen mag, so ist es doch von Gott gewollt und es trifft nur die von ihm Auserwählten. Auserwählt zu sein ist zweifellos etwas Besonderes, aber es heißt auch, daß man benachteiligt wird.

Gottes Wege und die der Kaufkraft haben folgendes gemeinsam: Sie sind voller Falltüren, Irrgärten und immer für eine Überraschung gut.

So mußte man, plötzlich und unerwartet, in einschlägigen Kreisen feststellen, daß die Kaufkraft in Meißen so gewaltig angestiegen ist und stetig weiter wächst, daß sie immer öfter nach Dresden abwandert und mit den ortsansässigen Einkaufsmärkten nicht mehr abzuschöpfen ist. Der Bürger, in seiner Not, muß weit reisen, bis in das Elbecenter oder noch weiter nach Dresden hinein, um sein Geld in fremde Rachen, in fremde Steuereinzugsgebiete zu werfen. Eine knallharte Bedarfsanalyse hat demzufolge herausgefunden, woran es dem Bürger in Meißen so fehlt, wo das Portemonnaie drückt und wie man dem begegnen könnte.

Das Ergebnis barg keinerlei Überraschung: Ein neues Einkaufscenter mußte her. So weit so gut. Ein zentral gelegenes Areal – natürlich ein ehemaliges Fabrikgelände – war auch schnell gefunden. Nur kann man selbst in Meißen nicht einfach so einen Neubau hinzimmern. Da hat der ignorante, sich dem Fortschritt verweigernde, demokratisch gesinnte Bürger schließlich auch ein Wörtchen querzuschießen.
Das ganze Theater um Stadtratssitzungen, Unterschriftenlisten und den ganzen »Ich-bin-wichtig, Ich-bin-betroffen, Ich-muß-mitpalavern« Schnickschnack, über Jahre hinweg, erspare ich mir jetzt. Was zählt, ist das zu Beton gewordene Ergebnis der Bemühungen aller Beteiligten. Die AVW Immobilien AG machte 23 Mio Euro locker, um das Teil in 15 Monaten Bauzeit auf das Gelände des ehemaligen Plattenwerkes am Neumarkt hinzurotzen. Ein Fachmarktzentrum, in dem keine Wünsche der Kaufkraft in Meißen offen bleiben würden. Auf knapp 12 000 qm Verkaufsfläche können sich ab sofort rund 30 Mietparteien tummeln und ihre Waren feilbieten. Die AVM versprach noch 250 neue Arbeitsplätze und einen Parkplatz mit mindestens 350 Stellplätzen. Letzteres hätte mich stutzig machen müssen.

Ein paar Tage nach dem offiziellen Eröffnungstermin reiste ich mit meinem Wagen nach Meißen, um den neuen Einkaufstempel in Augenschein zu nehmen und um der Internetwelt davon berichten zu können. Informationsbedarf über derartige Neueröffnungen scheint es ja zu geben, denn mein Bericht über das Hofbrauhaus zu Dresden und seinem EDEKA führt meine Counterstatistik nach wie vor unangefochten an. Der Sinn des Lebens scheint beim Bürger vorrangig in einem vorteilhaften Einkauf zu bestehen. Dafür nimmt er weite Wege und dessen Gefahren in Kauf, oder revoluzzt durch die Kante, bis sich die Balken biegen, um Berge und Grenzen zu verschieben. Warum auch immer. Seine Beweggründe erschließen sich mir nicht, aber ich bin zufrieden mit der Rolle des stillen Beobachters oder des Schmierfinkes.

Kurzfassung: Niemand muß dort einkaufen und niemand muß den Text hier weiterlesen.


Oben auf dem Parkdeck des Neumarkt-Centers angelangt, wäre ich am Liebsten wieder umgedreht. Aber das ging nicht, ohne den Totalverlust von einem Euro Einkaufskapital. Von der Straße her, war es für mich nicht ersichtlich, daß der Herrscher über die Stellplätze die Contipark sein und demzufolge eine Gebühr fällig werden würde. Wenn es da unten ein Hinweisschild gibt, so habe ich es nicht gesehen. Ist man erstmal in der Einfahrt zum Parkdeck, so gibt es kein Zurück. Man muß auf den Parkplatz fahren und löhnen. Dumm gelaufen. Hätte ich gewußt, daß ich für eine Stunde Einkaufsbummel einen Euro oder für das unbegrenzte Parkvergnügen zwei Euro bezahlen muß, wäre ich unten geblieben und hätte mir vielleicht den ganzen Recherchebummel geschenkt. Gleich und gleich gesellt sich gern, so sagt man und ich hätte annehmen können, daß ich in den Geschäften noch einmal Eintrittsgeld entrichten muß. Möglich ist alles, was der Gewinnoptimierung dient und das bar jeder Vernunft.

Für was zahlt man da eigentlich? Und warum an die Contipark, über deren Geschäftsmodell schon oft in Funk- und Fernsehen berichtet wurde? Weil sie ein Partner der Deutschen Bahn AG ist? Laut Pressegetrommel soll ja gleich hinter dem Neumarkt-Center der lang ersehnte S-Bahn Haltepunkt entstehen.

Klick. S-Bahn Haltepunkt. In meinem Unterbewußtsein ordnet die Erfahrungsbibliothek das bisher Gesehene und schaltet mein Gehirn auf erhöhte Aufmerksamkeit. S-Bahnhof?
Das Einkaufsparadies ist ein Flachbau, der über das Erdgeschoß nicht hinausgekommen ist. Die gesamte Nutzfläche des Daches nennt sich Parkdeck und versprüht den Charme eines Flugzeugträgers der rumänischen Streitkräfte. Bestenfalls. Ein Kellergeschoß gibt es nicht. Das Betriebsgelände wurde komplett mit einer Betondecke versiegelt. Was darunter im Erdreich an Altlasten lagert, weiß niemand so recht genau. Man wollte auch nicht zu neugierig sein und beließ es bei ein paar Probebohrungen. Falls da unten wirklich ein paar Chemikalien vor sich hinseuchen, so ist das nicht allzu tragisch. Irgendwann wird daraus mal Erdöl oder das Grundwasser spült die Relikte in homöopathischen Dosen in die Elbe.


Abwärts geht es über Rolltreppen oder diesem Abstieg, der im Nordatlantikwall-Gedächtnisstil gestaltet wurde. So sehen Bahnhofsabgänge aus, wenn sich noch nicht von der Muse gepeinigte Graffiti-Künstler daran vergangen haben. Das dürfte demnächst der Fall sein. Sprayer schlafen nicht.
Sollten den Bau nicht Keramikfliesen zieren? So als Erinnerung an das alte Plattenwerk? Hier wäre genug Platz dafür gewesen. Aber wenn der Bauträger ein Herz für junge Sachbeschädiger hat, muß man das akzeptieren.


Deichmann und Medimax sind hier schön über Eck arrangiert. Da wird sich jeder Tourist sofort wie zu Hause fühlen. Oder wie auf einem Bahnhof. Der Gedanke daran läßt mich einfach nicht mehr los.


Obwohl es links einen Durchgang zu weiteren Geschäften gibt, wähle ich den Gang über diese Treppe, um erst einmal Abstand zum Gebäude zu finden und mich zu sammeln. Die Treppe ist sehr steil gehalten und wirkt irgendwie lieblos an diesen Reling geklatscht. Aber für den, der steil nach oben will, ist sie maßgenau gebaut. Schüler, Azubis, Rentner und Wehrdienstleistende, die damit überfordert sind, können ja den barrierefreien Zugang wählen.


Gegenüber scheint die Baufreude weiter frohgemut zu wüten. Vielleicht hat die Kaufkraft in Meißen Blut geleckt und eine Bedarfsanalyse festgestellt, daß noch Verkaufsflächen benötigt werden, um der Kapitalkraft des Bürgers stand halten zu können? So abwegig ist das gar nicht. Investoren, denen die Bank und die eigenen Aktionäre im Nacken sitzen, kommen auf noch seltsamere Ideen. So lange gebaut wird, sprudelt die Geldquelle notgedrungen auf dem fahrenden Zug mit. So hat man Spielraum, um die Finanzen nach Belieben hin und her zu schieben. Vielleicht rentiert sich sogar eine Investition? Wer kann das schon wissen? Die Arbeitsmethode nach Dr. Jürgen Schneider hat gute Grundlagen, sie müßte aber noch etwas ausgefeilt werden, damit am Ende nicht nur eine themenbezogene Stadtführung den eigenen Namen trägt.


Wieder rechts herum führt eine Auffahrt zurück ins vollendete Neubauwerk. Noch ziert es sich, noch ist nicht viel zu sehen...


... aber ist man oben angelangt, offenbart es sich. Wie man es nimmt. Rechterhand führt ein Tunnel zurück zu Deichmann und Medimax, den, neben C & A, sogenannten Ankermietern. Bis dahin haben links Mietpartner ihre Heimstatt gefunden. Ein Hoch den Worterfindern in der Immobilienbranche. Die letzte Kategorie, in die ein Mieter eingestuft werden kann, heißt vermutlich Mietling.
Etwas duster erscheint das Ganze, aber so kommt die Leuchtreklame gut zur Geltung und die Schaufenster würden auch ohne Inhalt optimistisch strahlen. Strategisch in die Zukunft gesehen, macht das sicher einen Sinn.


Einkaufen kann so schön sein. Wenn man woanders hinfährt. Wieso gibt’s hier kein Glasdach? Weil damit dieser Billigbetonbau von der Stange einen Wiederverkaufswert hätte? Wer hatte getönt, man habe mit diesem Bau etwas Großes erschaffen? Davon will man sich schließlich nicht so schnell wieder trennen. Das ist ja verständlich. Und es tut ja noch nicht Not. Die Kaufkraft zu Meißen wird hier schon nicht im Regen stehen bleiben und zur Traufe weiterlatschen.


Womit sie auf dem Promenadendeck wäre. Die Kaufkraft. Ich identifiziere mich schon mit ihr. Das kann nicht gut gehen. Egal. Einsichtig verläßt sie mich ja sofort wieder.

Rechts gibt es Shopping-Adventures und links den berühmten Stau von Meißen. Aber das wäre ein gesondert zu behandelndes Thema, was den Rahmen meiner Berichterstattung sprengen würde. Außerdem fließt der Verkehr gerade flüssig Richtung Elbe. Das zu erwähnen kann ich mir wegen der vielen Unkenrufe aus dem Miesmacherlager nicht verkneifen. Nix ist es mit Dauerstau trotz einer neuen Ampel. Die zehn Autos, die ich auf dem Parkdeck gesehen habe, vertun sich bei der Abfahrt. Wegen denen bricht der Verkehr nicht wie gewohnt zusammen. Bei elf Autos könnte es allerdings eng werden. Eine kleine Testfahrt wird sich wohl anschließend nicht vermeiden lassen.


Apropos Verkehr: Die Bushaltestelle gibt’s direkt vor der Haustür. Eine Fahrspur ist auch nur für den Nahverkehr vorgesehen. Vorbildlich. Der Meißner kommt so ganz gut durch die Stadt. Für Touristen ist das weniger interessant. Die Sehenswürdigkeiten der Stadt lassen sich erlaufen oder müssen erlaufen werden.


Auf der anderen Straßenseite erregt ein Schild meine Aufmerksamkeit. Es zeugt von der völlig unbegründeten Angst der Kleinhändler vor dem Fachmarktcenter. So viel hat sich seit seiner Eröffnung im Angebotsgefüge ja nicht geändert. So viel wie ich weiß, sind die meisten Händler, die jetzt im Betonprunkbau residieren, nur innerhalb der Stadt umgezogen. Nur zwei oder drei Handelsketten sind neu. So viel zum Thema 250 neu geschaffene Arbeitsplätze. Sie wurden nur an einem anderen Standort neu eingerichtet. Die Händler werden ihre Angestellten ja nicht irgendwo an einen Baum gebunden haben, sondern sie mit in das neue Ambiente umziehen lassen. Wer tönte von den neu geschaffenen Arbeitsplätzen im niedrig qualifizierten Bereich? Gemeint sind wohl Jobs im Niedriglohnsektor. Niedrig qualifizierte Arbeitnehmer hat die Stadt schon genug, obwohl die sich einen Wolf studiert haben. Aber das ist auch schon wieder ein anderes Thema.


Nur welche Geschäfte meint das Schild? Spaß beiseite. Die Läden sind natürlich auf der anderen Seite. Die Sanierung des Hahnemannplatzes steht wohl als Nächstes an. Allerdings vollführt das die Stadt in Eigenregie. Zumindest gehe ich davon aus. Noch einmal wird sie sich ja nicht von einem Investor so verkaspern lassen.


Richtig. Der Traum in Stahl und Beton heißt offiziell Neumarkt-Arkaden. Und warum? Weil er am Neumarkt steht. Eine Arkade ist nichts weiter als ein Bogen auf zwei Säulen oder neuerdings ein Marketing-Trick. Dieser heißt Penny-Arkaden oder Amusement-Arkaden und darf vollständig auf Bögen und Säulen verzichten. Gemeint sind damit schnöde Einkaufspassagen, wie man sie von hier aus gesehen vermuten darf.


Man muß dem Architekten schon dankbar sein, daß er es nicht bei einem einfachen Flachdach belassen, sondern kurze Blechbögen mit Stahlsäulen, als Regenschutz für die Treppen vom Parkdeck nach unten, verwurstet hat. Somit wäre der Bezeichnung Arkaden genüge getan. Lobet ihn; er hätte es nicht tun müssen.
Was er tun mußte, war eine Vorgabe der Stadt zu erfüllen, die vorschrieb, in der Fassadengestaltung keramische Platten einzuarbeiten. Eben aus historischen Gründen. In Dresden sind rund um den Altmarkt deshalb zwingend Sandsteinverkleidungen vorgeschrieben. Hier in Meißen sollten wenigstens die Säulen im historischen Keramikgewand den Fachmarkt zieren. Was sie auch tun. Siehe Pfeil. Den Bauausschuß der Stadt zierten lange Gesichter, als er seine Auflage verwirklicht sah. Warum auch immer.


Zurück im Arkadengang möchte ich noch auf den rollstuhlgerechten Zugang verweisen. Die Kaufkraft wird ihn ja nicht nötig haben, aber dem einem oder anderem Passanten den Weg ins Einkaufszentrum erleichtern. Stichwort: Zu steile Treppen.


Im Inneren des Ganzen angekommen, klingelt es endlich bei mir. Klar, nach was sieht das denn aus? Richtig. Den Meißnern hat man hier unter falschem Vorwand einen niegelnagelneuen Bahnhof untergejubelt. Mit Einkaufspassage. Respekt! So tut man Gutes ohne lange Diskussionen und stellt die notorischen Nörgler und Querulanten vor vollendete Tatsachen. Platz für Fahrkartenschalter ist zwar keiner, aber so einen überflüssigen Kostenfaktor sieht die Bahn AG sowieso nicht mehr vor. Abkassiert wird dann im Zug.


Links oben befindet sich das S-Bahn Gleis, was angezapft werden soll. Genauer: Ein zweites Gleis soll noch verlegt werden und dazwischen bliebe noch Platz für einen Bahnsteig in Insellage. Bei Insellage fällt mir spontan Inselbegabung ein. Aber die hat mit meinem Recherchen wohl nichts zu tun.
Hier schwant mir Einiges. Ich bin ja lernfähig und nicht gegen ein Paddel geknallt. Über die Konstellation S-Bahn Haltepunkt, und Zugang zum Neumarkt, dürfte kein schneller Segen liegen. Ich höre die Schildbürgerstreiche und Fehlplanungen schon vom Dach des Arkadenbahnhofs pfeifen.


Mondäne Eleganz aus Stahl und Glas. Wer hier aus der S-Bahn fällt, muß den Eindruck haben, in einer Weltstadt angekommen zu sein. Die Bahnhofshalle ist ja so hoch, daß man von Meißen nichts mehr sieht.


Für mich wird es jetzt Zeit für einen kleinen Einkauf, mit einer auf Sparflamme regulierten Kaufkraft. Dafür wähle ich den REWE-Markt. Außer einem Fleischer mit Imbißbude, zwei Bäckern – einer davon ist Sternenbäck (über 200 Filialen), der andere Möbius (nur knapp 50) – bietet keiner Lebensmittel an oder ich habe etwas übersehen (der Blumenladen zählt nicht). Der REWE sieht aus, wie ein REWE auszusehen hat. Da gibt es nichts zu meckern.


Vier Kassen sind installiert und könnten gleichzeitig am Start sein. Da war wohl eher der Wunsch Vater des Gedanken. Machen wir uns nichts vor; mehr als zwei Kassen werden hier nicht gebraucht. Aber das sieht so etwas von mickrig aus. Vier dagegen stellen schon etwas dar.


Weiter geht’s durch die Halle. Entweder drohe ich zu unterzuckern oder vor mir steht wirklich die Kaufkraft von Meißen? Ein wenig pixelig im Gesicht, als würde sie nicht erkannt werden wollen?


Ich weiß nicht. So lässig wie sie sich auf den Einkaufswagen stützt? Es könnte sie sein! Oder ist es das Maskottchen des Neumarkt-Arkaden-Bahnhofs-Fachmarktes? Das Rätsel kann ich jetzt nicht lösen, denn ich bin zu feige, um nachzufragen und zu unterzuckert, um bei einer Schlägerei mit einem ausgewachsenen Mann bestehen zu können.


An der Kasse gibt es eine gelungene Überraschung für mich. Die Frau im blütenweißen Kittel zaubert eine Geldwertkarte über einen Euro aus dem Ärmel. Damit kann ich meine Parkgebühren bezahlen oder die Parkzeit auf unbegrenzte Zeit (was die Contipark unter unbegrenzt versteht, weiß sicher jede Verbraucherzentrale bundesweit) verlängern. Aber warum sollte ich das tun? Die Märkte hier gibt es überall. In jedem neu eröffneten Karnickelstall, irgendwo auf dem Dorf natürlich nicht. Aber sonst? Wer hat getönt, die Kaufkraft mit diesem »Bahn«-brechenden Bauwerk nicht nur in Meißen zu binden, sondern sie auch von Auswärts anziehen zu können? Dem empfehle ich einen Rundgang durch das Elbecenter. Die wissen, wie man so etwas macht.


Was bleibt, ist ein Blick in die Schandgasse zu Meißen. Auch Schandgang genannt. Hier müssen alle durch, die den Bau, in dieser Form, zu verantworten haben. Oben vom Dach darf der geneigte Bürger dabei Teer und Federn fallen lassen. Auf Antrag können auch Steinigungen genehmigt und durchgeführt werden. Nein, das ist natürlich Quatsch. Hier müssen nur Verkäufer Spießruten laufen, wenn deren Umsatz zu wünschen übrig läßt.


Auf das Parkdeck gelange ich diesmal über eine Rolltreppe. Dabei kann man den Mannen vom 300.000. Vodafone-Laden zwar nicht über die Schulter, aber beim Kundengespräch zusehen. Vodafone muß traumhafte Provisionen zahlen, anders kann ich mir diese Expansion nicht erklären.
Die Führungsbunkertreppe ist vermutlich schon in der Umgestaltungsphase. Dem Schriftzug »SGD« oder »SG Dynamo« oder »Dynamo Dresden« wird sie sich nicht entziehen können. Dem möchte ich nicht störend entgegenlaufen. Vermutlich sind die Künstler sogar bewaffnet. Mit Spraydosen und Dummheit. Das muß ich mir nicht auch noch antun.


Von hier oben gelingt noch ein Blick in die nicht überdachte Passage. Das sieht so trostlos aus, daß in mir schon fast Mitleid aufkeimt. Mir wird nur nicht klar, mit wem.


Ja, das war fast zu erwarten. Meine schöne Geldwertkarte wird vom Contiparkautomaten nicht akzeptiert. Mir ist es echt scheißegal, wer die Schuld dabei hat. Es paßt einfach ins Bild und ich trolle mich in Richtung Triebischtal.
Das hat seinen Grund. Hier ist zwar nicht die Kaufkraft zu Hause, aber ein grundlegendes Ungemach. Ich meine jetzt nicht die Spezialisten für Park- und Bahnhofsanlagen, die man gern im Niedriglohnsektor unterbringen würde, um das Stadtsäckel zu entlasten, sondern den Ursprung allen Übels dieser Stadt: Den Stau. Er ist der Dämon, der Schrecken für die Konjunktur, die Gewerbeansiedlung, den Tourismus und was sich sonst noch an den Haaren herbeiziehen läßt. Trotz diverser Baumaßnahmen, wie die neue Brücke, der Tunnel Richtung Nossen (Deutschlands steilster Tunnel und sozusagen die Steilvorlage zu den Treppen am zukünftigen S-Bahn Haltepunkt Altstadt) und diverser anderer Straßenbauarbeiten, bekommt man das Problem einfach nicht in den Griff. Vom Triebischtal aus kann man nur über eine Straße Richtung Elbe fahren. Blöderweise münden in sie Zufahrtswege, deren Autos in dieselbe Richtung wollen. Also hat man Ampeln aufgestellt oder vertraut auf das Reißverschlußsystem, was dem Meißner Autofahrer ins Blut, in die Gene übergegangen ist und damit seit Jahrzehnten auch vererbt wird. Die einzigen Kunden weltweit, die sich im Supermarkt an der Kasse nach dem Reißverschlußprinzip einordnen, sind Meißner Herkunft.

Für meine Recherche habe ich drei Stunden eingeplant, aber nur eine in Anspruch genommen. Bleiben zwei Stunden die ich im Stau, zu Testzwecken, verbringen könnte. Das würde unter Umständen zwar knapp werden aber da ich alle Zeit dieser Welt habe, bin ich bereit ein paar Überstunden zu schieben.


Wenn der Stau mich gelassen hätte. Wider Erwarten ging es zügig voran und an den bekannten Engstellen zeigte man sich kooperativ. Das Reißverschlußprinzip. Die geplante grüne Welle fand zwar nur von Ampel zu Ampel statt, aber ein guter Wille war erkennbar. Nicht mal 15min brauchte ich von der Porzellanmanufaktur bis über die Elbe zu Meißens Hauptbahnhof. Der wiederum ein Thema für sich ist.


Mein Resümee: In Ruhe betrachtet, gibt es keinen Grund sich über Neumarkt-Arkaden aufzuregen. Jeder Beteiligte hat seinen Schnitt gemacht, der Bürger wird sich an alles gewöhnen, er hat was zum Shoppen, einen neuen Bahnhof und es ist schon größerer, allerdings preisgekrönter, Bockmist gebaut worden. Jetzt heißt es für den Meißner damit leben und es akzeptieren müssen. Vielleicht bietet sich, in den nun leer stehenden Ladenlokalen Restmeißens, für manchen die Chance seines Lebens? Die Mieten dürften sich jetzt nach unten anpassen lassen. Was spricht eigentlich gegen einen Penny Markt? Gibt’s schon einen Freßnapf? Einen Erotikshop? Sex geht eigentlich immer. Schlecker? Nein? Ein Sonnenstudio vielleicht? Zum Kaufkraft blenden? Etwas Unternehmergeist hat noch niemandem geschadet, und was am Markt alles möglich ist, weiß keiner besser als der Bürger Meißens. Der von Gott Auserwählte.

Wieviel von den nötigen 23 Mio wurden eigentlich verbaut?

Ach ja, was ich ganz vergaß ist, daß, sozusagen in einem Abwasch, das denkmalgeschützte Teichert-Haus, was in den Bau der Neumarkt-Arkaden Meißens integriert werden mußte, komplett saniert wurde. Mieter sind da noch willkommen.

Kommentare:

  1. Hut ab, was für eine Pracht! Und til_o., der Reich-Ranicki unter den Supermarktbesuchern, erlebt nach seiner Edeka-Phase wieder spannende Abenteuer, haha!

    Über die Notwendigkeit von noch mehr Einkaufstempeln kann man diskutieren. Aber die Marktwirtschaft regelt so was manchmal von allein. Heute noch Investruine, vielleicht ein Tourismusmagnet in 100 Jahren? ;o)

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  2. Mein Opa hat Abends oft vom Krieg erzählt. Der hat in Norwegen Bunker gebaut. Ich erzähle meinem Enkel mal vom Einkaufen. Die Herausforderung des 21. Jhd. Historisch gesehen, kann man das als Fortschritt verbuchen.

    Mein Vertrauen in die Marktwirtschaft hält sich da in Grenzen. Zumindest in die real existierende. Alles was sie so selbst regelt, geht letztendlich auf Kosten des normalsterblichen Arbeitnehmers.

    Heutzutage schafft es kaum noch ein Wohnhaus 100 Jahre alt zu werden. In spätestens 20 Jahren reißen sie das Ding wieder ab. So wie es jetzt ist, bleibt es sowieso nicht allzu lang. Der Konjunkturgott wird dafür sorgen. Oder die Baumängel. Erfahrungsgemäß wird es davon jede Menge geben. Es verspricht spannend zu bleiben.

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  3. clemens hauptmann08.04.2012, 06:26:00

    Vielen Dank. Es ist eine Verhöhnung des Architektenberufs ... mir tut das richtig weh. Aber das wahre Übel ist und bleibt dieser Investor. Und Zittau wird bald etwas ähnliches unterlaufen. Und weil in der gesamten Stadt(verwaltung) der Blinde dem Taubstummen etwas über Farbe erzählen möchte, [...] wurde kurzerhand ein Gestaltungsbeirat gebildet. Da sitzen dann pensionierte Fleischer drin. Es bedarf wohl keiner weiteren Ausführungen.
    IKEA ist schon ein Unding auf dieser Welt aber ein IKEA-Hotdog ist mehr wert, als der Investor mit all seinen je gebauten Projekten.

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  4. Der Architekt ist sicher schuldlos. Er wird klare Vorgaben gehabt haben und mit dem Teil auch nicht glücklich sein. Der Stadt werden sie nur die Computergrafiken gezeigt haben. Das die mit der Realität nicht viel zu tun haben, hätte denen aber klar sein müssen.

    Die Frage ist nur: Was hat der Investor davon? Vermietet der nicht selbst? So viel wie ich weiß, geht da kaum einer hin. Also ist bald Schluß mit Miete kassieren.

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  5. Weit gefehlt, lieber Blogger, und ob der Architekt Mitschuld daran hat. Das was hier der Öffentlichkeit als Ergänzung zum Stadtbild verkauft wird, grenzt nicht nur an ein architektonisches Horrorszenario, es ist auch von der übelsten und billgsten Machart, und muss ohne jeden Verstand und in völliger geistiger Gestaltungsumnachtung geschehen sein. Und ... wie kommt man bei diesem Blechschuppen eigentlich auf den Begriff "Arkaden"? Damit assoziiere ich zumindest etwas ganz anderes ... etwas mit Substanz, aus historischer Notwendigkeit hervorgegangenes. Das hier kommt noch nicht mal an den auch schon üblen MacDonald's-Baustil ran.
    Aber in Meissen wird es auch nicht anders sein als in Zittau ... Lasst die Kälber ruhig zur Bank marschieren und die Nukleargemüse im Pupsiland kaufen.

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  6. Eine Arkade klingt gewaltig und assoziiert genau das, was du beschreibst. Das war auch mein Irrtum. Laut Definition ist alles eine Arkade, was einen Bogen darstellt und auf zwei Säulen steht. Neuerdings werden eben auch einfache Ladenpassagen so bezeichnet. Aber wenn man einmal dort war, kommt man sich sowieso komplett verarscht vor. Da kommt es darauf auch nicht mehr an.

    Mal sehen. Vielleicht schaue ich demnächst nochmal dort vorbei und schaue, was sich da so getan hat. :-D

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  7. Tja, und nun mehren sich die Gerüchte, dass der Ankermieter C&A schon wieder raus geht - das gleiche Gerücht bei Deichmann. Wenn wundert's...
    Und wenn man an den "Arkaden" langfährt und sich C&A anschaut, dann sieht man - leere Schaufenster! Sind sie schon am ausziehen oder ist das der neueste Marketingtrick, die Leute ins Geschäft zu locken?

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  8. Keine Ahnung. Solange kein Meißner Bürger im Schaufenster steht, besteht eigentlich keine Gefahr.

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  9. Dieses Machwerk ist vorsätzliche Körperverletzung an den Meißnern und ihren Gästen. Von Augenkrebs ganz zu schweigen.

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  10. Selten wieder mal so gelacht! Speziell über die Gestalt gewordene ostdeutsche Kaufkraft in Meißnischer Variante! Herzlichen Gruß und Dank an tilo. von Peter DORN

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  11. Danke. Es war mir ein Vergnügen!

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