Untergehen ist das Eine, unter der Oberfläche bleiben das Andere. ;-)

Montag, 5. März 2012

Friedhofsbummel 2 – ein Nachtrag


Wie angedroht, schiebe ich nun die Bilder vom Äußeren Friedhof Briesnitz dem Bericht über den Inneren Friedhof meines Kollegen Octapolis auf Channel666.blogspot.com nach.
Aber ich dachte mir, den Octa mit seinen morbiden Photos, so voller in Sandstein gehauener Todesnähe, kannst du eh nicht toppen, da schmetterst du dem Frühling ein lautes »JA!« entgegen und machst einen auf bunte Bilder voller Enthusiasmus und Lebensfreude. Solange man einen Friedhof alleine wieder verlassen kann, sollte dies nicht schwerfallen und wenn nicht, ist es doch eh egal. Das Schöne am Todsein ist, daß man davon nichts mehr mitbekommt und es weder bedauern noch sich darüber aufregen kann. Und da ich mit der Zeit flexibler umzugehen vermag als andere Zeitgenossen, gibt’s ein paar Bilder, auf denen es schon wärmer und grüner ist.


Von außen sieht der Todesacker aus wie ein normaler Friedhof, obwohl nichts explizit darauf hinweist. Es könnte sich auch um eine Baumschule, eine rumänische Kaserne oder eine Abdeckerei handeln, aber auf die Idee kommt man gar nicht, wenn man den Eingang so sieht. In unmittelbarer Nähe befindet sich auch eine Bushaltestelle. Warum auch immer.


Die Alarmanlage deutet eher auf ein Ladengeschäft in einem von Braunkohlentagebau bedrohten Dorfes hin als auf einen Totenhain. Man könnte einen EDEKA oder einen Getränkehandel vermuten. Was der Knaller wäre, verspüre ich doch ein Verlangen nach etwas Erfrischung.


Das Schild unmittelbar links nach dem Tor, passend zum Zaun, läßt keine Zweifel aufkommen. Ich befinde mich tatsächlich auf dem Äußeren Friedhof. Aber alles, was ich bis jetzt sah, verströmte einen Hauch der zweiten Moderne und den eines nationalen Aufbauwerkes. Erbaut oder eingerichtet wurde der Gottesacker um 1880, weil die Kapazität des Inneren Friedhofes, der sich in unmittelbarer Nähe, an der alten Briesnitzer Kirche, befindet, zu wünschen übrig ließ. Der besteht vermutlich seit 1270 und ist demzufolge auch hoffnungslos veraltet. Schon alleine seine Toiletten müßten inzwischen zum Himmel stinken.


Hier haben die Toiletten sogar einen eigenen Warteraum. Herrlich. Sind alle Boxen besetzt, muß man trotzdem nicht in der Schlange stehen, sondern man setzt sich in das Wartezimmer und kann derweil in der Apothekenrundschau oder in der Bibel schmökern. Gut, dabei einen Kaffee trinken, wäre nicht die beste Idee, aber vielleicht hinterher? Wenn man noch auf jemanden warten muß? Wer geht schon auf einem Friedhof alleine aufs Klo? Na, also.


Die Solaranlage verrät, daß die Friedhofsverwaltung im Hier und Heute angekommen ist. Damit läßt sich der schnelle Rubel machen, den man scheinbar in den Erhalt der Außenanlage wieder investiert. Weit gekommen bin ich im Gelände zwar noch nicht, aber der erste Eindruck überzeugt mich schon. Alles wirkt gepflegt und mit Liebe erhalten, wie man es sich von einem Familienbetrieb wünschen würde. Sogar auf das übliche Kirchentrallala wird weitestgehend verzichtet, so daß man sich als Atheist auch nicht belästigt fühlt. Daß hier keine Katholiken am Werk sind, muß ich nicht extra betonen. Die hätten hier alles ausgemerzt und getilgt, was einem am Leben erhalten kann und man sähe vor lauter Todesengeln und ans Kreuz Geschlagenen den Friedhof nicht mehr. Warum die erst auf die Welt kommen, wenn sie sich in ihr sowieso nicht zu recht finden können und so sehr am Tod hängen, daß sie paradoxerweise ohne seine ständige Nähe gar nicht lebensfähig sind, konnte mir bis jetzt auch noch keiner schlüssig erklären.


Neben dem Warteraum und der Kapelle, ich gehe mal davon aus, daß das eine ist, hat man noch etwas Freiraum gelassen. Hier könnte so ein Bierwagen mit Bockwurst und Limo für Zerstreuung und Sättigung sorgen. Vom Friedhof aus wäre er auch nicht zu sehen und könnte so kaum irgendeine Pietät stören. Ich weiß, daß der Gedanke daran etwas gewöhnungsbedürftig ist, aber ich bin mir sicher, daß man irgendwann auf die Idee kommt, daß so ein schöner Park, mit den vielen schönen Steinen, belebt werden muß, um sich neue Einnahmequellen zu erschließen. Totenruhe hin, Totenruhe her. Hat die jemals einer gefragt, was sie von einer Cafeteria hier halten würden? Nein. Die sind tot, die haben die Klappe zu halten. Schöne Demokratie. Bei den Amis sind sie mal wieder weiter. Auf dem Friedhof in Hollywood gibt’s in der Sommersaison abends Freilichtkino und die angesagtesten DJs legen am Wochenende auf. Da wird auf den Gräbern getanzt, Bierbecher umgeschmissen und in weniger frequentierten Ecken Kinder gezeugt. Letzteres natürlich nicht einfach so, als Spaß an der Freude – man guckt vorher schon, wer beim Akt unter einem liegt. Da gibt’s genug Prominente, denen das schon zu Lebzeiten gefallen hätte. Was ist dagegen einzuwenden? Jeder hat seinen Spaß, die Friedhofskasse klingelt und von den dort Beerdigten hat sich auch noch keiner beschwert.


So aber nun weiter, sonst wird’s dunkel und ich will hier nicht als Geist mit einer Kerze herumirren. Die Gerätewand läßt fast keine Wünsche offen. Harken, Hacken und Spaten warten griffbereit und gut sortiert auf ihren Einsatz am jeweiligen Grab. Nur eine Feuerwehraxt zur Selbstverteidigung fehlt.


Gießkannen gibt’s in Zink und grünem Plaste, also werden beide Parteien, die jeweils auf ein Material bei der Grabbewässerung schwören, bedient. Nur keinen Streit. Die Wasserentnahmestellen sind großzügig bemessen ...


... und auch selbst reichlich vorhanden. Ich bin kurz versucht, darin ein Bad zu nehmen, so warm ist es heute geworden. Gleich so, wie Gott mich von der Leine, von der Nabelschnur gelassen hat. Ein frisch gewaschenes Handtuch habe ich ja immer mit dabei (Anmerk. d. Abt. Satz: Hinweis auf weiterführende Literatur). Nach kurzem Überlegen verweigere ich mir aber diese Wohltat. Wer weiß, wer da alles in den letzten 100 Jahren schon seine Füße drin gewaschen hat. Aus diesem Grund würde ich auch von Kindstaufen in den Natursteinbecken hier abraten. Es sei denn, man schmeißt vorher ein paar Chlortabletten zum desinfizieren in die grüne Suppe. 10 Stück müßten es schon sein. Meiner Schwester reicht eine für ihren Swimmingpool im Garten, da ist das Wasser aber auch wesentlich sauberer. Aber das läßt sich schwer mutmaßen, sie führt ja keine Taufen durch und da fehlt es schlicht an Erfahrungswerten. Außerdem weiß ich nicht einmal genau, ob die Evangeliken hier ihre Kinder nach der Geburt auch unters Wasser halten müssen, wie die Katholiken.


Womit wir beim Abfall wären. Ein ganz wichtiger Punkt. Umsonst heißt es ja nicht: Zeige mir deinen Abfall, und ich sage dir, was du wegschmeißt. Aber hier bin ich etwas irritiert: Was ist der Unterschied zwischen Laub, Blumen und Pflanzenresten? Gut, ich sehe die Welt wieder viel zu düster. Das »usw.« nach verrottbaren Abfällen interpretiere ich mal so: Einwickelpapier, Stullenreste, Kaffeesatz und leere Eierverpackungen. Für alles andere haben die ja die Gräber hier.


Was mir auch auffällt, sind die vielen Bänke am Wegesrand. Aller 15m kann man zusammenbrechen und sich ausruhen. Als wäre eine riesige Lagerhalle voll mit Parkbänken über das Areal geflogen und hätte sich hier über Bombenschächte genußvoll entleert. Oder ein edler Stifter hat vor hundert Jahren seine Goldminen in Südafrika via Testament instruiert, vom erwirtschafteten Gewinn 20 Parkbänke dem Briesnitzer Friedhof zu spenden. Was als Einmalwohltat gedacht war, wiederholt sich nun jedes Jahr, weil in der Verfügung die Jahreszahl schwer zu lesen ist und die Erben nichts falsch machen wollen.
Der Fels vor der Bank bietet sich geradezu als Opferstein an. Ob er momentan in Gebrauch ist, weiß ich nicht. Für schwarze Messen ist der Friedhof allerdings nicht gruftig genug. Ich glaube nicht, daß das Ambiente hier ausreicht, um Satan zu beschwören. Der würde sich einen Ast lachen und höchstens Erich Mielke nach oben schicken. Bestenfalls. Aber bestimmt käme nur Pittiplatsch oder Schnatterinchen durch die Grasnarbe geschossen.
Für eine Frau müßte der Fels reichen. Abends, wenn er ganz heiß strahlt, weil er von der Sonne aufgeladen wurde, seine Wärme ihren Rücken entspannt, und ihr die Nackenhaare willig vor Lust nach oben stehen ...


Überhaupt wäre der Friedhof gerade für Studentinnen eine Entdeckung. Hier sind sie an der frischen Luft, könnten sich sonnen, dabei fleißig lernen, sie hätten hier ihre Ruhe und wären doch nicht allein.


Ein Vögelchen würde ihnen Gesellschaft leisten und sie an die schönen Dinge im Leben erinnern.


Ganz hinten am Friedhof befindet sich noch eine schattige Wiese. Hier habe ich übrigens damals die Mauer durchbrochen und meine Bahn der Verwüstung durch die Gräberfelder gezogen. Aber das ist verjährt und der Friedhof ist von seinen Wunden genesen.
Gerüchten zu Folge ruhen hier Gorbitzer Kinder, die der Pest zum Opfer gefallen sind. Das muß aber gewesen sein, bevor der Friedhof entstand. Meines Wissens gab es 1680 das letzte große Pestjahr in Dresden. Wie dem auch sei. Hier jedenfalls will man es bei der Wiese belassen. Der Brennholzstapel ist nur eine Attrappe oder er wird woanders abgefackelt.


So, da sind wir schon am Ende der Exkursion angelangt. Abschließend möchte ich noch auf die hier oft verbauten Grabstelen hinweisen. Irgendwie faszinieren sie mich. Nicht, weil sie sicher nur ein Drittel kosten, als ein herkömmlicher Grabklotz, sondern, weil sie so außerirdisch wirken. Eher wie ein Andenkmal als ein Denkmal. »Wir waren hier, es war schön, bis zum nächstenmal! Seid gegrüßt!« Irgend so etwas.


Naja, wollen wir es dabei bewenden lassen. Wie immer nach so einem Friedhofsbesuch, überdenke ich meine letzte Ruhestatt. Was aus meinen Atomen so werden wird. Ein Teil davon wird sich beim Einäschern im Rauch und in der Luft davonmachen und ich hoffe, daß niemand, oder nur die eine oder andere auserwählte Person, daran erstickt und der Rest von mir sehnt sich dann nach einem verwilderten Garten. Einfach ausgekippt und breitgelatscht könnten sich meine Atome anderweitig zusammenkuscheln und als Dünger dienen. So stelle ich mir ein »nach Hause gehen« vor. Man möge mich mit einem Friedhof verschonen, zumindest, wenn es dort noch keine Kinovorstellungen gibt.

P.S. Ich haue die Fälle und Zeitformen nicht durcheinander. Ich gehe nur flexibler und genauer damit um. ☺

P.P.S. vom 6.3.: Kollege Octapolis hat es sich nicht nehmen lassen, zum Thema noch mal multimedial nachzulegen: Hier gucken!

Samstag, 3. März 2012

Schach mit dem Führer


»Kunst mit dem Führer« ist eigentlich das Fachgebiet des Nachbarblogs und nicht meine Spielwiese. »Schach mit dem Führer« fällt, denke ich, nicht unter dieses Ressort, so daß ich meine eigene Forschungssparte eröffnen kann, und »runterfallen« ist ein gutes Stichwort, oder besser, der Einstieg zu diesem Eintrag.

Obwohl »zusammenbrechen« es besser treffen würde. Ich meine jetzt nicht das Dritte Reich, sondern mein über Eck gelagertes Bücherregal, welches zu meiner Erbauung einmal im Jahr pflegt unter seiner Last zusammenzubrechen und seinen Inhalt bis in den letzten Winkel meines Zimmers, unter Beachtung der Gaußschen Normalverteilung, zu verstreuen. Dazu muß man anmerken, daß sich darunter Werke befinden, die mir im Rahmen einer Erbschaft anvertraut wurden, und die von mir zwar ungelesen, aber schon auf Grund ihres zeitgenössisch fragwürdigen Titels jedem Giftschrank einer gut sortierten Bücherei zur Ehre gereichen würden.

Da der Bücherhaufen zwar gut zu mir und meinem Zimmer paßt, aber ein geregeltes Leben unmöglich erscheinen läßt – der Gang zum Kühlschrank gleicht einer Flucht durch einen schwankende, literarischen Irrgarten – sehe ich mich jedes Jahr auf das Neue gezwungen, dieses Regal wieder zu errichten und einzuräumen, wobei mir jedesmal eine Kostbarkeit in Buchform in die Hände fällt.


Dieses mal ist es »Der Weg zum Matt« der meine Aufmerksamkeit erregt und ursprünglich für das Oberkommando der Wehrmacht gedacht war. Erst vermutete ich eine detaillierte Reisebeschreibung von Berlin bis nach Stalingrad und zurück, aber soweit vorangekommen war die Streitmacht damals noch nicht. In der Hand halte ich statt dessen ein kleines Schachbüchlein, was mein reges Interesse hervorruft. Nicht das ich so ein Schachspieler wäre – ich kann nur die Figuren ziehen und hoffen, daß mir dabei nichts passiert – nur muß es den Herren Generalfeldmarschallen 1941 ähnlich ergangen sein, sonst hätte man diesen Leitfaden nicht in Auftrag gegeben.


Das Inhaltsverzeichnis gibt sich betont militärisch, was dem einen oder anderen vertrottelten Militär dazu bewogen haben mag, die eine oder andere Armee nach strengem Schachreglement zu opfern, in der Hoffnung, das Blatt noch wenden zu können und das Kriegsglück auf sich einzuschwören. Oder es war der Führer selbst, der jeden Abend vor dem Brett immer neue Winkelzüge erfand, dem imaginär mitspielenden Stalin ein Schnippchen nach dem anderen schlug – Schach ist ja das Spiel der Könige – und der dabei vergaß, das ein Handstreich übers Spielbrett nicht der Gleiche ist, wie der, der in einem Weltkrieg übers Schlachtfeld geführt, den Gegner hinwegwischt.

Und im Hinwegwischen war der Führer ja ein Meister und dabei nicht zimperlich. Was waren schon die Bedenken seiner Generäle gegen sein Genie? Nichts, also weg damit. »Läufer auf C5? Da steht schon eine Figur? Weg damit!« Es wird schon keine eigene gewesen sein. Der Blitzkrieg auf dem Schachbrett. Folge 5697. Keine Partie mit dem Führer dürfte länger als 30 Sekunden gedauert haben. »Bauer auf ... Was? Schach? Matt? Weg damit! Ich werde die jüdische Weltverschwörung ausmerzen! Mit Stumpf und Stiel! Nein! Mit Dame und König! Es wird nicht gelingen dem deutschem Volke ...« Blitzkrieg, Folge 5670. »Was? Schach? Matt? Weg damit!« Und so weiter bis zum Endsieg. Wahrscheinlichkeitsberechnungen haben ergeben, daß dieser vermutlich am 21.12.2012 in der 3.678.908.734 Partie Schach mit dem Führer eingetreten wäre.

Schach ist ja auch ein Denksport. Zumindest ging die Wissenschaft bis jetzt davon aus. Das müßte dem Führer imponiert haben. Immerhin hat er es als talentloser Kunstpostkartenmaler bis zum Dienstgrad eines Gefreiten und zur Dienststellung des Oberbefehlshabers des Heeres geschafft. Eine Karriere, so einzigartig in der Geschichte der Menschheit, wie jeder einzelne Schachzug. Inzwischen hat man herausgefunden, daß es mit dem Denken beim Schach eher schlecht bestellt ist. Wenn man zum Beispiel einem Kriminalfilm versucht zu folgen, werden mehr als das Doppelte an Hirnregionen gefordert, als wie beim Schachspiel benötigt werden. Je besser man das Spiel kennt, um so weniger muß das Hirn rechnen.

Je mehr ich darüber nachdenke, um so weniger meiner Hirnregionen scheinen sich für den Denkprozeß verantwortlich zu fühlen. Theoretisch wäre ich also jetzt ein exzellenter Schachspieler. Wenn man den Gedanken weiterführt – irgendeinen Zweck sollte das Büchlein ja im Oberkommando der Wehrmacht erfüllen – könnte man auch zu dem Schluß kommen, daß sich eine herabgesetzte Denkleistung auch vorzüglich zum führen eines Angriffskrieges eignet. Die Welt auf das Notwendigste zu beschränken, sie in aller Klarheit zu erkennen, schafft man nur durch Meditation, Schachspielen oder beim entfesseln eines Weltkrieges.

Was zu beweisen wäre.

Blöderweise sieht es mit Angriffskriegen im abendländischen Kulturkreis im Moment ziemlich mau aus. Da sind nur kriegsähnliche Zustände oder Friedensmissionen im Angebot. Nichts, was es rechtfertigen könnte, ein ganzes Land in Schutt und Asche zu legen. Dabei bräuchte Deutschland dringend so eine Konjunkturbelebung. Die fetten Brocken schnappt sich seit letztens immer der Ami weg. Erst schafft der Baufreiheit aus der Luft, dann schickt der Bodentruppen - äh, humanitäre Missionen zum »Klar Schiff« machen und zum Zeltaufbau und schwupps, zutscht der den Derwischen da unten das Öl unter dem Arsch aus dem Land. Clever.
Man könnte mal wieder Polen überfallen. Selbst regieren konnten die sich eigentlich noch nie, das lehrt uns ihre Geschichte. Baufreiheit aus der Luft schaffen, Bodentruppen hinterher und mit großen Reibach auf ihre Kosten alles wieder aufbauen. Am deutschen Wesen soll die Welt genesen. Aber die sind auch nicht doof und haben den Braten längst gerochen. Umsonst sind die nicht der NATO beigetreten.

Bleibt das Morgenland. Schach kommt ja aus der Ecke. Genauer aus Persien und ins Deutsche übersetzt, bedeutet Schach so viel wie König. Aber die haben sich schon auf ein Level herabgedacht, daß sie schon wieder beten müssen, um aufs Klo zu kommen. Den Koran auswendig zu können ist eine gute Sache, wenn man es bei einmal beläßt und ihn nicht doppelt und dreifach herunterleiern kann. Er wird davon nicht besser und die eigene Frau verprügelt sich davon auch nicht von selbst.
Aber Gebete sind auch eine Form der Meditation und als solche zu begrüßen. Wenn man jetzt mal von kriegerischen Invasionen absieht – ich sehe keine Möglichkeit zur Stützung meiner These einen kleinen Krieg vom Gartenzaun zu brechen oder wenigstens einen netten Pogrom durchzuführen, ohne die Gesetze des Humanismus, denen ich mich nach wie vor verpflichtet fühle, zu verletzen – bleibt neben Schach nur das gepflegte Gebet zur Herabsetzung der Rechenleistung des Gehirns und damit zu dessen Erleuchtung.

Eine Erleuchtung hätte der Neurochirurg auch gern gehabt, als er mehrere Gehirne in Scheiben schnitt, die nach medizinischem Ermessen schon seit 20 Jahren hätte klinisch tot sein müssen. Sie gehörten katholischen Nonnen vom Congregatio Pauperum Sororum Scholasticarum Dominae Nostrae und waren so mit Morbus Altzheimer verseucht, daß normale Gehirnstrukturen nur noch schwer erkennbar waren. Den Damen war die Demenz aber merkwürdiger Weise bis ins hohe Alter nicht anzumerken. Man kam zu dem Schluß, daß ihre eingeschränkte Lebensweise dies ermöglichte. Essen, Schlafen und Beten. Durch ihr bewußt auf ein Minimum herabgesetzten Hirnaktivitäten konnten sie der Demenz Paroli bieten.

Wenn man diesen Gedanken weiterführt – ich persönlich nähere mich gerade dem Blitzkriegs- nein, dem Blitzschachniveau – kann man froh sein, daß die Wehrmachtsführung aus degenerierten Adeligen bestand und nicht aus scheintoten katholischen Nonnen. Die hätten den Bolschewismus nicht nur bis hinter den Ural gejagt, sondern über den Pazifik bis nach Pearl Harbor oder gleich bis in die Staaten. Da gäbe es jetzt bei McDonalds Soljanka und Pelmenie und in Großdeutschland keine Gegendemos. Da wären wieder alle dafür und der Bau des Stuttgarter Hauptbahnhofs schon längst vollendet.

Wenn man dauerhaft Schach spielt, also weite Teile seines Gehirns brach liegen läßt, läuft man allerdings Gefahr, der Gesundheit desselben zu schaden. Wenn, ja wenn man denn über »weite Teile« verfügt. Forscher gehen davon aus, daß ein Drittel unseres Hirns auf Sparflamme, oder besser, in Rufbereitschaft leuchtet. Es wird nicht genutzt, springt aber sofort ein, wenn andere Regionen ihren Dienst versagen. Sprich: »Axt im Schädel.« Es dauert ein wenig, bis die Synapsen sich eingespielt haben aber dann flutscht es wie gewohnt. Bei noch mal »Axt im Schädel« wird es dann schon schwieriger. Wir erinnern uns: Ein Drittel futsch, ergibt zwei Drittel funktionierende Hirnmasse, die aber wiederum ein Drittel in Rufbereitschaft versetzen muß. Das macht schon weniger als die Hälfte der ursprünglich gesunden Masse. Bei dreimal »Axt im Schädel« wird es dann eng. Da ist die Lage schlecht, aber nicht hoffnungslos. Wir erinnern uns: Beten oder Schach spielen hält die Hirnfunktion am Laufen und läßt noch etwas Spielraum für sonstige Aktivitäten. Beim vierten Mal »Axt im Schädel« meldet das System beim Wiederhochfahren dann unweigerlich »Out of Memory«. Das Einzige, was dann noch funktioniert, ist das unkontrollierte Kinderzeugen. Diesen Modus hat Mutter Natur so abgesichert, daß er völlig autonom vom Nervenzentrum in einer Stapelverarbeitung ablaufen kann. Das Einzige, was der Körper dafür braucht sind zwei drei Liter atembare Luft.

Worauf wollte ich hinaus? Wir erinnern uns: Weite Teile der unmittelbar nutzbaren Hirnmasse dauerhaft brach liegen zu lassen ist nicht gesund. Es tritt dann unweigerlich der sogenannte Memory-Effekt auf, wie er früher in Handy-Akkus üblich war. Wir erinnern uns? Die Ladeleistung erreichte immer nur den zuletzt erreichten Pegel. Das Hirn bäumt sich immer nur noch bis zu der zuletzt erreichten Rechenleistung auf. Unter Beachtung des natürlichen Schwundes wird es irgendwann fatal. Beten, Schach spielen, Beten, Schach spielen – einmal das Beten vergessen und schon reicht es nur noch für Schach.
Sicher, als Intelligenzbestie oder Blitzschachgenie, wie ich eines bin – ich habe so eben den Führer geschlagen. In 12 Sekunden, und damit wurde ich um 18 Sekunden schneller als er von meinem Laptop und dem installierten »Chess for Dummies« Schachmatt gesetzt. – könnte ich den Memory-Effekt vernachlässigen und ich müßte noch 300 Jahre leben, bevor sich daraus eine Konsequenz ergäbe. Aber mit solcherart gigantischer Rechenleistung ist eben nicht jeder gesegnet. Wer eine einzige Hirnwindung sein Eigen nennt, kann eigentlich gleich zum Kinderzeugen übergehen und sich die Gebets- und Schachspielexperimente schenken.

Oder das Straßenbahnfahren. Wenn dieses Elend der Führer noch erlebt hätte ... Seine nächste Rede auf dem Reichsparteitag wäre etwas lauter ausgefallen aber auch deutlicher zu verstehen gewesen. Dabei ist die einfache Straßenbahnfahrt selbst für das pubertierende Vorstadtgesindel keine unüberwindbare Hürde: Einsteigen, Fahrschein entwerten, Klappe halten und wieder aussteigen. Aber nein, die lärmen, schmutzen, belästigen alles was nach einem IQ über Null ausschaut und atmen noch dazu meine Luft. Dummdreiste, unverschämte und verlogene Arschlochaustauschgesichter voller mit Schminke verschmierten Pickel und mit einem teflonbeschichteten Hirn bewaffnet, was genau eine halbe Windung enthält und in dem nichts klebenbleibt außer ausgekatschter Kaugummi. Aber ich halte jede Wette, daß, wenn die im zeugungsfähigen Alter sind, ganz genau wissen, wo und wohin sie ihr ungewaschenes Geschlechtsteil hängen müssen, um möglichst effektiv viele Kinder zu bekommen. Dabei ist letzteres nicht mal gewollt, sondern eher ein Abfallprodukt.

Gut, auch wenn ich diesen Gedanken noch gern vertiefen möchte, so gebietet mir die Vernunft doch Einhalt. Es sind schon wieder drei Seiten Text geschmierfinkt und ich weiß eigentlich nicht so recht warum.

Aber Gott weiß das. Oder der Geier. Oder Beide. Es bleibt die Frage zu klären, woher meine Ahnen das Büchlein hatten. Die in Frage kommenden Kriegsteilnehmer brachten es nur zu Mannschaftsdienstgraden und ihr Genie sie an der Ostfront in Gefangenschaft aber nicht in das Oberkommando der Wehrmacht. Beim Russen hieß die »Kraft durch Freude« auch nicht Schach spielen, sondern Zwangsarbeit mit Hacke und Schaufel. Das war eher ein Scheißspiel, rettete einem aber das Leben.

Gott wird sich schon etwas dabei gedacht haben, als er mir diesen Leitfaden empfahl. Vielleicht soll ich anfangen mit Schach spielen und mir nicht so viele Gedanken machen. Das führt ja zwangsläufig in die geistige Umnachtung, wie es Nietzsche uns vorlebte. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob das so viel schlimmer ist, als fünfmal am Tag beim Gebet den Herrn zu preisen. Dem muß das Gedudel doch auch langsam auf den Keks gehen. Oder soll ich mich fit für einen gediegenen Angriffskrieg machen? Als Feldherr? Mein Geburtshoroskop, der Radix spricht dafür. Nach dem bin ich mit Ares, dem Kriegsgott, eng verwandt. Eineiige Zwillinge sozusagen. Oder seine schwertführende rechte Hand. Aber gegen wen könnte ich meine Aggressionen richten? Gegen alle Gläubige dieser Welt? Das sind ein bißchen viel ...
Vielleicht will der alte Sack mir auch bloß den Rat geben, endlich mal mein Regal zu reparieren. Wie bei einem kriegerischen Akt muß man dabei seine Ressourcen sichten und dann, ohne viel Gelaber planvoll zur Tat schreiten. Das wird es wohl gewesen sein. Alles andere scheint mir doch etwas zu gewagt.

»Schraube auf B5! Da ist schon eine? Weg damit! Nie wird es eine Unterschraube schaffen sich dauerhaft in einem deutschen Eichenbrett festzusetzen! Die Urkraft des völkischen Zorns eines gesunden, arischen Schraubenziehers wird ihr den Garaus machen! So wie das deutsche Volk Luft zum atmen braucht, so braucht eine eherne, aus Kruppstahl geschmiedete Schraube, vom gesundem Volksempfinden geführt, Platz um ihre ...«

»Tatü-tata-tatü ...«

Freitag, 24. Februar 2012

Hausmitteilung – Absinth war gestern


Muß ich dazu noch etwas tippen? Eigentlich nicht. Mein Dauergrinsen leuchtet seit heute Nachmittag von Cotta bis zum Horizont und zurück.

Wirkt das gleich? Gibt’s bei Frauen ab 30 etwas zu beachten? Ob man das Zeug auch mixen kann? Wenn man pro Liter Tee 9g Kochsalz beimischt, taugt es auch als Infusionslösung. Das wäre der direkte Weg in die weibliche Birne. Was passiert, wenn man einer Frau damit einen Tropf legt und im Fernsehen kommt gleichzeitig ein Schmachtfetzen? Kochen werde ich das Zeug! Literweise! Nein Kesselweise! Im Garten! Da können sie dann drumherumtanzen!


Die Gegenmittelchen gibt’s ja auch dazu. Oder sind das Komponenten? Reiche ich ihnen »Heiße Liebe« zuerst und dann »Träum schön«? Oder umgekehrt? Oder soll ich es mixen und »Pure Lust« 1:1 dazu schmuggeln? Wieso gibt es kein »Richtig schmutzigen Sex«? Es soll ja nicht heißen, ich würde den Frauen nichts gönnen. *ggg*

Absinth war gestern Mädels ...

Dienstag, 14. Februar 2012

Winter am Pumpspeicherwerk


Für Leute die sich vorgenommen haben, im neuen Jahr ihre Familienverhältnisse auf sizillianische/katholische Weise zu klären, hier noch ein vorausschauender Hinweis: Es zeugt nicht von einem eigenwilligen Humor, sondern von seltener Dämlichkeit die Leichen dann im Becken eines Pumpspeicherwerkes entsorgen zu wollen. Google-Maps hilft da im Zweifelsfall weiter.

Samstag, 11. Februar 2012

Das Leben kann so schön einfach sein ...

... wenn man eine Kneipe hat. Heute empfiehlt sie »glücklich zu sein«.


Aber Glück allein ist auch nicht das Wahre. Irgendwas fehlt einem ja immer ...


... und speziell heute ein Eisbein mit Kartoffeln und Sauerkraut für spektakuläre 7,50 €.


Das perfekte Glück für den kleinen Geldbeutel sozusagen.

Wie sich die Zeiten ändern. Rechnen wir mal kurz durch: 7,50 € das sind π mal Daumen 15,00 DM. Umgerubelt zum Handwerkerdeppenkurs, wie er damals üblich war, 1:10 macht das schon mal 150 Mark der DDR. Das sind 3000 Konsumsemmeln. 1 bis 2 Semmeln waren im Schulhort üblich, um satt zu werden. Das heißt: Damals hätte man mich für 7,50 € 4 Jahre lang Nachmittags versorgen können und es wären noch ein Haufen Brötchen übriggeblieben. Irre. Wenn man dasselbe Spielchen mal für die Zukunft rechnet – Auch ohne Deppenkurs – kann man froh sein, wenn sich von seiner Rente noch jeden Tag ein Brötchen leisten kann.

Mittwoch, 8. Februar 2012

Wenn du zum Berge gehst, vergiß die Fackel nicht!

Wald des Todes 1

Ein kurzer, wohlfeiler Abriss durch die Historie des Erzgebirges, mit dringlichem Rat dir zum Gebot.

Wenn du in Texas so einen Ulkbären von seiner Rodeo-Kuh – ich meine die mit 4 Beinen – schlägst, ihm eine Flasche Whisky an die Schläfe hältst und ihn fragst, was ihm spontan zu Old Germany einfällt, wird er, wie ein GI der alten Schule, dir in Stichpunkten folgendes herunterasseln; Oktoberfest, Bier, Weißwurst, Kraut; Hitler, der große Führer; Schnee, Winter, »Aaaarzgebarch«!
Bei letzteren Angeführtem werden sich sie seine Augen angsterfüllt verengen und er wird dir die Flasche wegnehmen und den Whisky in sich hereinschütten, als wäre es wohlfeiles Zyankali, welches verspricht ihn von allen Qualen zu erlösen.

Ein Fellache, bis zum Hals im Nilschlamm rudernd, wird dir Ähnliches berichten. Nur zählt er nach dem Oktoberfest den Rommel und die Pyramiden aus Holz – Holz haben die da unten keins – auf, bevor er mit spitzen Schreien beim »Aaarzgebarch« und im Nilschlamm endet.

Hang des Todes 1
Anfang der 70er Jahre bekam versehentlich ein Inuit ein Photo mit verschneiten Berghängen des Osterzgebirges zu sehen. Trotzdem Eskimos 20 verschiedene Arten von Schnee kennen, und für jedem seiner Zustände einen eigenen Begriff haben, verschlug es diesem armen Menschen die Sprache, und er fand keinen Ausdruck für das Grauen, was er auf dem Bild erblickte. Rückwärts taumelnd erlöste er sich beim Fall in ein großes Robbenloch, wobei er sich seine Harpune aus Walbein ins Gehirn stieß.

Wenn du in eine Gegend kommst, sei es beim Wandern oder auf der Flucht, und dein Auge nimmt nur noch drei Farben wahr: Dunkelgrün, schwarz und weiß, dann bist du im »Aarzgebarch« – im Erzgebirge angekommen. In dem Teil des Gebirges, was als passierbar gilt. Hier herrscht ganzjährig ein rauhes Klima. Frostfreie Tage sind selbst im Hochsommer selten, meist sind es nur zehn an der Zahl und an den Häusern findest du keine Thermometer. Die Temperatur hält sich um die 10°C, plus oder minus, da spart man sich diese Ausgabe.

Hier oben im Gebirge hat der Winter das Sagen und die anderen Jahreszeiten gibt es nur der Sage nach. Siehst du ein Buswartehäuschen, so kehre ein und warte bis die Rettung dich talwärts fährt. Versperre die Tür von innen – hier im Erzgebirge haben die Wartehäusel Türen, um den grimmigen Frost und die Wölfe abzuwehren – und verbleibe frohen Mutes. Hoffe nicht auf einen wärmenden Sonnenstrahl. Die Mutter des Lebens hat sich längst von den Tälern und Bergen hier abgewandt.

Wenn keine Rettung naht, das ist in den Monaten von August bis Juli wahrscheinlich, so mußt du dein Ränzlein schnüren und den Abstieg selbst wagen. Gehe dabei nie Wege deren Namen auf -steig wie; Briefträgersteig, Schmugglersteig, Mördersteig, Räubersteig oder Diebessteig, enden. Sie führen dich, wenn nicht gar ins Verderben, so doch in die unpassierbaren Gegenden des Gebirges, die weit in die Geschichte reichen.

Tal des Todes 1
Der Teufel selbst schuf diese Täler, in denen der Nebel nie weicht und es unaufhörlich regnet. Dort kühlt er seine Hölle und gewährt den hartgesottenen Seelen Hofgang. Hier hat die Welt keine Farbe mehr, so wie das Gesicht eines Flachländers der sich in diese düsteren Gefilde verirrt. Noch nie ist es einem gelungen, die Täler des Teufels wieder zu verlassen. Wenn man genau hinhört, kann man den Schreien der Unglücklichen lauschen, wenn der Leibhaftige mit ihren Gebeinen das Feuer schürt.

Verbleibe auf den Pfaden deren Namen auf -weg, wie Briefträgerweg, Schmugglerweg, Mörderweg, Räuberweg oder Diebesweg enden. Darauf bist du zwar nicht in Sicherheit aber in menschlichen Gefilden. Ihre Häuser säumen den Weg, wie Leichen die die Pest hinterließ. Dunkel liegen sie da und laß dich nicht täuschen, von dem Kerzenlicht im Fenster. Diese Kerzen beleuchten nur die ausschließlich dunklen Kapitel, die in diesen Häusern seit Jahrhunderten spuken.

Laß dich auch nicht vom fehlenden Hundegebell ermuntern näher zu treten, um ein Heim für die Nacht und ein Labsal zu erbitten. Bleib den Häusern fern und hübsch auf dem Weg. Achte darauf, daß deine Fackel nicht verlischt, nähre sie notfalls mit deinem Gewand, sie ist deine Lebensversicherung bei Tag und bei Nacht.

Denn die Hunde des Erzgebirges bellen nicht. Sie riechen dich bis zu 50km weit. Sie riechen alles an dir. Deine Kindheit, dein Umgang mit dem Weibe oder eine andere Neigung, deine Gebrechen die du hattest, die du hast und die du nicht mehr bekommen wirst, wenn sie deiner habhaft werden. Sie hören dich, schwarz wie der Tod in ihren Verstecken, wie du dich ihnen auf Sprungweite näherst und sie folgen dir, bis sich eine günstige Gelegenheit ergibt – du vielleicht die Fackel aus der Hand nimmst – um sich auf dich zu werfen und um dir die Kehle aus dem Halse zu reißen.
Das was sie beherrscht, ist deine Angst, wie sie dir aus allen Poren schießt, wenn dich ihr mächtiger Brustkorb zu Boden wirft und sie sich in deinen Eingeweiden verbeißen, um ihren Blutdurst zu stillen. Ihr Haß ist blind, wie ihre Augen es sind und richtet sich gegen alles menschliche, was in dir schlägt und er ist so grenzenlos, wie alles, was der Mensch hervorzubringen vermag. Jeder der oben im Berg oder unten im Tal eine Heimstatt vorgefunden hat, besitzt so ein Untier, entweder vor der Tür oder in sich selbst und er nährt es, um nicht von ihm gefressen zu werden.

Die blinden Hunde stammen von den Wölfen des Miriquidi, des germanischen Dunkelwaldes, wie man früher weite Teile Mitteleuropas und das Erzgebirge nannte, ab. Ob sie schon damals durch die Blitze aus Thors Hammer geblendet wurden, als sie sich gegen ihn auflehnten, wie die Sage es berichtet, oder ob sie erst später, nach dem ersten Berggeschrey als Zugtiere mißbraucht, im Stollen ihr Augenlicht verloren, ist unter den Gelehrten umstritten. Für die Blitze aus Thors Zorn spricht ihre Angst vor dem Feuer – hast du deine Fackel noch? – dagegen die Wahrscheinlichkeit, daß sie im Dunkelwald ihre Augen eh nicht gebrauchen konnten.
Ihre unbändige Wut auf alles, was lebt oder nur so tut, hat mehrere Väter. Einer davon ist die Evolution. Seit Jahrtausenden wütet sie im Erzgebirge und brachte allerlei Wunderlichkeiten hervor, wie den Bergmann in Einem und seine Frau im Besonderen oder drollige Eichhörnchen, sanfte Rehkitze oder glänzende Blutegel in den Hochmooren –  nur aus ihnen, den stolzen Wölfen wurden umnachtete Hunde.

Die Bergleute waren einer der anderen Gründe. Von welchen Völkern diese abstammen ist nicht mehr zu klären. Als das Erzgebirge noch Dunkelwald hieß, hatte es ungeheure Ausmaße. Vielen Stämmen diente es als Zuflucht und Heimstatt, vor allem denen, die das Licht scheuen mußten. Damals verbannte man alles, was sich ehrlicher Arbeit verweigerte, einfach in den Wald. Viehdiebe, Landstreicher, Fahrensleute, Räuber und Brandstifter wurden, soweit sie nicht gedungen waren und im Auftrag ihrer Herrscher handelten, mitsamt ihrer Sippe so in Acht und Bann geschlagen und für vogelfrei erklärt.
Sie siedelten sich im Herzen des heutigen Erzgebirges an und versuchten das Beste daraus zu machen. Das hieß Holzeinschlag und Nachkommen zeugen. Holz gab es genug, das Klima war damals bedeutend kälter als heute, und da die Steinkohle noch nicht gefunden worden war, wanderte alles Geschlagene in den Ofen. Bis auf die Nachkommen. Die brauchte man zum Holzfällen oder für die Kopfjagden. Letzteres ist ein ganz düsteres Kapitel in der Geschichte des Erzgebirges und es wurde von beherzten Geschichtsschreibern im späten Mittelalter durch herausreißen von Seiten aus den Kirchenbüchern getilgt. Was eigentlich eine bahnbrechende Lösung darstellte, gab es damals diese Chroniken doch noch gar nicht. Diese wurden erst Mitte des 18. Jhd. mit der Einführung von Friedhöfen angelegt. Aber dazu später mehr.

Hang des Todes 2
Die Not war groß im Gebirge. Die Rodungen gaben kein Ackerland her und Holz konnte man damals noch nicht essen. Was blieb, war der Verkauf des Holzes, Vieh- und Frauenraub oder einfache Plünderungen, bis hin zu kannibalen Kopfjagden. Am Anfang schlug man sich wirklich gegenseitig die Köpfe ab und aß das Fleisch der Anderen. Viele Rezepte der erzgebirgischen Küche haben hier ihren Ursprung und wurden später durch die Zugabe von Gewürzen verfeinert.
Nur eine Sage deutet auf diesen schönen Brauch hin. Der Volksmund mußte ganz schön dichten um die »Drei wunderlichen Köpfe« zu schönen. Angeblich laberte ein Berggnom drei Brüder auf einer Wiese voll. Sie hätten wunderliche Köpfe. Daraufhin fingen sie an zu buddeln und fanden reiche Zinnvorkommen, was zur Gründung der Stadt Zinnwald führte. Was völlig unlogisch und damit Quatsch ist. Die Köpfe lagen abgeschlagen auf dem Rasen und sollten vergraben werden. Dabei fand man dann das Zinn.

Später nahmen die Kopfjagden immer mehr touristische Züge an. Sie versprachen Amüsement, Entspannung und Erholung vom Holzeinschlag, so daß die Exkursionen sich immer weiter von den heimischen Gefilden entfernten und es zunehmend zu einem Kulturaustausch kam. Man schaute sich Land und Leute an, sah was sie aßen, wie sie sich kleideten und erzählte ihnen im Gegenzug vom Holz. Das war der entscheidende Wendepunkt in der Historie des Erzgebirges. Unter Kopfjagd verstand man nun fremde Meister aller Gewerke zu entführen und von ihnen Produktionsmethoden zu erlernen.
Die Viehzucht gelang, auf den ersten Holzkohlemeilern tanzten die Köhler, in den Schmieden die Funken und man fing an alles zu verhütten, was man im Wald fand. Aus einem böhmischen Mönch prügelte man die Glasmacherkunst heraus und gefangene venezianische Kundschafter folterte man so lange, bis sie ihre letztes Wissen über den Bergbau preisgaben. Ihre Schreie hallten lange durch das Gebirge und sie verstummten auch nicht, als sich das erste Berggeschrey erhob.

Wenn du genau in den Wald horchst, kannst du den Schreien lauschen.

Die ersten Erzfunde zogen eine Ansiedlungswelle nach sich, wie sie das Gebirge noch nicht gesehen hat. Entlang von Handelswegen und vereinzelten Gasthöfen entstanden Dörfer, Städte und Schutthalden. Wälder verschwanden und gaben den nackten Fels frei. Das Erz versprach mehr Brot als die Glashütten. Aber es hielt nicht, was man sich erhoffte. Die Bergleute, die später nach Daniel Knappe benannt wurden, schürften ihr Erz aber reich wurden nur die Bergherren und der König von Sachsen. Die Knappen fuhren als Kinder ein und verließen den Schacht als Greise. Die Lungen voller Staub, die Knochen kaputtgeschlagen, die Hände vom Gestein zerquetscht, starben sie mit oft nicht mal dreißig Jahren.

Wenn dir ein Friedhof begegnet, so wundere dich nicht, sondern lauf so schnell du kannst.

Im 16. Jahrhundert kam der Hunt als Förderwagen auf. Vorher trugen die Bergleute das Erz und das taube Gestein in Körben aus dem Berg. Der Begriff Hunt geht wahrscheinlich auf das germanische Hyntow, der Wagen, zurück. Nur im Erzgebirge hat der Hunt auch etwas mit dem Hund zu tun. Die Bergleute brachen den Pakt, den sie mit ihren Hunden vor tausenden von Jahren geschlossen hatten und mißbrauchten sie als Zugtiere für ihre Förderwagen. Das ist eine Tatsache die noch heute von Historikern geleugnet wird, so wie sie die Existenz der blinden Hunde vehement bestreiten. Und das aus gutem Grund: Angst.
Die immerwährende Nacht im Stollen forderte ihren Tribut. Der Berg nahm den Hunden das Augenlicht. Nicht Thors Hammer und seine Blitze ließen sie erblinden, sondern die Schwärze des Todes. Ihre Angst vor Feuer ist dieselbe, wie die, die sie vor den Fackeln hatten die der Hauer brauchte, um das Erz zu brechen und um die angeschirrten Tiere anzutreiben. Ihre Glut schlug er ihnen ins Fell und der Schmerz kerbte sich tief in ihr Hirn. So wie sie ihre fehlende Sehkraft vererbten, so vererbt sich auch ihr Leid, ihr Schmerz in jede Generation weiter.

Dabei war der Hund dem Menschen im Vorteil. Er konnte den Berg fühlen. Er spürte jede Veränderung im Stein und wußte schon Tage vorher, wenn ein Schlagwetter oder ein Wassereinbruch bevorstand und stellte sich darauf ein. Im Berg sind nur Hunde geblieben, die von Bergleuten erschlagen wurden. Nie konnte der Berg einen Hund töten. So wie du keinen Hund der hier geboren wurde töten kannst. Aber er dich, so wie er jeden Bergmann und jeden Fremden in dir töten kann.

Siehst du den Friedhof? Er scheint neu zu sein. Keine 200 Jahre alt. Die Mauern sind hoch und die Tore fest verschlossen. Das haben die Geschichtsfälscher so verfügt, als sie ihn anlegten und merkten, was sie dort heraufbeschworen.

Die Bergleute merkten auch zu spät, was sie heraufbeschworen. Sie gruben zu tief und sie gruben zu gierig. Sie ahnten nicht, was sie im Berg außer Silber- und Zinnerz noch finden und wecken würden. Nach dem zweiten, dem großen Berggeschrey, dreihundert Jahre nach dem ersten, nahm das Unheil weiter Gestalt an. Ströme von Halsabschneidern, Vagabunden und Hungerleider aller Art wurden von den Silbererzfunden in Schneeberg und am Schreckenstein angezogen.
Sie schürften tief im Berg, mißachteten des Gebirges Gebote und Warnungen und starben zu Hunderten im Fels. So uralt, wie das Gebirge, sind auch dessen Geister, und um so stärker der Frevel, die der Mensch durch seinen Raubbau betrieb, um so begieriger waren sie, es dem Frevler heimzuzahlen. Das Gebirge wehrte sich und sandte als letzte Warnung seltsame Krankheiten, Spukgestalten, Hungersnöte und Klimakatastrophen.
Es gab Jahre, da erfror alles Vieh im Stall und selbst im April waren die Menschen durch Schneestürme von der Umwelt abgeschnitten. Die Bergleute verloren ihre Zähne, und starben über und über mit Geschwüren übersät, einen qualvollen Tod. Nach Typhus, Pest und Cholera fand der Ebola-Virus nichts mehr vor, was er vernichten konnte, ohne das Bergvolk auszurotten und er verzog sich schmollend mit den Zugvögeln nach Afrika in wärmere Gefilde.
Spukgestalten narrten einsame Wanderer, führten sie in die Irre und ins Verderben. Manch ehrliche Haut wurde auch von ihnen auf den rechten Weg zurückgeführt und fürstlich beschenkt. Der Berg war nicht nur böse. Das überließ er den Wölfen.

Ja, die Wölfe, die sich nach dem ersten Berggeschrei in tiefere Wälder verzogen, kamen zurück. Nahe dem Böhmischen bei Zinnwald tauchten sie auf, wie die todbringenden Geister aus dem Berg. Sie zogen eine mit nichts vergleichbare Blutspur über das Land. Das Vieh in den Ställen nährte sie und ihren Blutdurst stillten sie am Menschen. Erst überfielen sie nur einsam gelegene Gehöfte, später brachten sie den Tod in ganze Dörfer. Die Menschen flohen in Angst und Schrecken aus ihren Häusern, um im Schnee zu erfrieren. Verhungert wären sie sowieso.
Nur ein Herzog wagte sich den Wölfen in den Weg zu stellen. Sein Name verschweigt die Geschichte aus gutem Grund. Der Sage nach rief er seine Jägerschar zusammen und schwor sie auf sein Vorhaben ein. Sie sattelten die Pferde und stoben in die Richtung des Dorfes, was zuletzt den Wölfen zum Opfer gefallen war, um ihre Spuren aufzunehmen. Dort angekommen, sahen sie das Rudel sattgefressen und dösend am Waldesrand liegend. Es waren etwa zwei Dutzend Tiere – nichts was die erfahrene Jägerschar schrecken konnte.
 Ohne viel Federlesens stürmten sie los, um der Meute den Garaus zu machen. Nur der Herzog zögerte, schien ihm doch der Erfolg allzu leicht in den Schoß zu fallen. Gerade als er sich anschickte seinem Roß die Sporen zu geben, um den Seinen zu folgen, tat sich um ihn herum die Erde auf und hundert Wölfe glitten heraus um seiner Jägerschar lautlos in den Rücken zu fallen. Die Waidmänner wurden zerissen, bevor sie der Übermacht gewahr wurden und  ihre Waffen ziehen konnten.
Entsetzt und voller Angst riß der Herzog sein Roß herum und floh, als säße ihm der Teufel im Nacken. Wäre es nur der Leibhaftige gewesen! Seine Burg empfing ihn still und mit offenen Toren. Die Mauern waren voller Blut und in den Gassen lagen Leichen, deren Gedärme zerfetzt noch dampften, und deren Arme und Beine gar greulich zerstreut zu tanzen schienen.
Oben in seinen Gemächern zollten die Wölfe dem Adel Respekt. Seinen Töchtern hatten sie nur die Kehlen durchgebissen und seiner Frau das Leben gelassen. Dieses Geschenk vermochte sie nicht zu schätzen. Als sie seiner Angesicht wurde, stürzte sie sich in sein Schwert. Vor Gram gebeugt starb er in der Nacht darauf.
Seltsamerweise behauptet die Sage, daß er fortan als Reiter ohne Kopf mit einem Wolfspelz über den Schultern durch die Nächte galoppiert.
Von den Wölfen allerdings, ward nichts mehr gesehen. Nur noch einmal zogen sie durchs Land, ein Rudel von über tausend Tieren, mit hoch erhobenen Haupt ließen sie kein Zweifel daran, wer der wahre Herrscher im Gebirge war. Die Menschen verstanden diese Warnung und verbeugten ihr Haupt voller Demut. Dann verschwanden die Wölfe in den Bergen und noch heute erinnert der Wolfsgrund und der Wolfszug an diesen Schrecken.
Wenn du genau in den Wald horchst, kannst du sie noch heulen hören.

Götzen des Todes 1
In den Städten machte sich vor Angst der Wahnsinn breit. Er und der Hunger trieben seltsame Blüten. Die Männer saßen vor ihren Öfen und schnitzten kleine Götzenbilder, die sie in der Frühe und am Abend anbeteten. Als das nicht half, schnitzten sie böse Menschen, wie Gendarmen oder Soldaten und übergaben sie stellvertretend für Menschenopfer den Flammen. Als das auch zu keinem Ergebnis führte, resignierten sie und brachten den Holzklötzern kleine Kunststückchen bei, wie Nüsse knacken, Rauchen oder Kerzen halten. Allerdings waren diese Urformen in ihrer Funktion stark eingeschränkt bis unbrauchbar.
Die Nüsse, es handelt sich zweifelsfrei um Wal- (Welsch-) oder Haselnüsse, welche im Erzgebirge bis 800m über NN gedeihen, zu knacken stellte für jeden Experimentierfreudigen eine Herausforderung dar. Entweder die Nuß springt unzerstört aus dem Werkzeug oder sie zerbirst spritzend durch das ganze Zimmer.
Die »Rachermännel«, wie die Räuchermännchen genannt wurden, machten erst nach der Erfindung der Räucherkerze um 1750, also ca. 200 Jahre später, einen Sinn und den Kerzenhaltern fiel so manch Gehöft zum Opfer. Der Teufel selbst fand Gefallen an diesem Werk schlichter Gemüter und machte sich um deren Verbreitung verdient, wie ich es dir später noch berichten werde.

Bäumes des Todes 1
Die Not war also groß und das Erz rar. Aber dem nicht genug. Durch die starke Besiedelung nach dem 2. Berggeschrey häuften sich natürlich auch die Todesfälle, so daß eine herkömmliche Bestattung, aufgrund der Vielzahl der Leichen, nicht mehr in Frage kam. Bis dahin mußte man sich um die Toten keine Gedanken machen, fanden doch Bestattungen so nebenbei und ohne Gräber zu hinterlassen statt.
Wenn es ans Sterben ging, das kam bei Männern um die 40 Jahre in Betracht und bei Frauen ab 30, schickte man die Gebrechlichen und zur Arbeit untauglich gewordenen einfach in den Wald. Dort sollten sie Gehölz holen oder Pilze sammeln. Jeden Morgen vor der Dämmerung setzte man sie vor die Tür und die Siechenden machten sich auf ihr Tagewerk zu verrichten. Irgendwann, meist im Winter, blieben sie dann im Wald bei den Bären, Füchsen, Krähen, Würmern und Ameisen. Die Natur bekam zurück, was sie einst gab und alle waren zufrieden.
Die Totengräber unter den Christen entwarfen nun die ersten Friedhöfe. So in der Mitte des 18 Jhd. In der Übergangsphase von der Wald- zur Feuerbestattung behalf man sich mit Holzkohlemeilern und die Köhler waren über das kleine Zubrot sehr zufrieden.
Aber die Natur war schon zu sehr aus dem Gleichgewicht gebracht worden, um auch noch Gottesacker verkraften zu können. Früher fanden die Geister der Toten im Stein, im Moos oder in einer Ratte – je nach Gusto – ihre Heim- und Ruhestatt. Jetzt waren die Plätze zwar nicht rar geworden aber die Dichte der niedergelassenen Seelen brachte viel Streit und Zank und damit Wiedergänger hervor. Seelen die weder tot noch lebendig waren, haderten mit sich und der Welt und brachten viel Unheil über das Land.
Die meisten Sagen des Erzgebirges gehen auf solche Ungestalten zurück. Bis heute gibt es keine befriedigende Lösung für dieses Problem. Achte deshalb, wenn du auf einen Friedhof triffst, nicht auf die Gestalten die die Mauer zum Friedhof überwinden – das sind nur Grabräuber – sondern auf diese, die vom Friedhof her kommen. Eine helle Fackel hat da schon manchen das Leben gerettet.

Die Wende im Geschehen und den Lauf zum Besseren brachte dann der Leibhaftige höchst persönlich. Der Mensch tat schon immer gut daran, hier und da Gottes Ordnung in Frage zu stellen und sich Ratschlag beim Teufel zu holen. Guter Rat ist nicht teuer und sein Last-Minute-Angebot kostet einen gerade mal die Seele.
Der Sage zu Folge beschworen ein paar Dörfler mit Hilfe eines Geistlichen, der auch im Okkulten kundig war, den Teufel, um Ratschlag zu halten, wie es weitergehen sollte im geliebten Erzgebirge. Dafür lasen sie die ersten Kapitel aus dem 6. und 7. Buch Moses laut vor, bis der Satan mit einem klirrenden Sack voller Einfälle durch den Schornstein zu ihnen herabfuhr. Offiziell stieß ihnen der Schrecken so in die Knochen, daß sie die Kapitel schnell wieder rückwärts verlasen und der Spuk dorthin verschwand, wo er hergekommen war.
In Wahrheit wurde es ein lustiger Abend mit dem besten Wein den der Gast aus dem hiesigen Brunnenwasser bereiten konnte. Es wurde viel gelacht und Zukunftspläne geschmiedet, die der Pferdefuß geheimnisvoll lächelnd guthieß.

Früh am nächsten Morgen stoben sie voller Tatendrang in alle Himmelsrichtungen davon, um ihre Pläne in die Tat umzusetzen. Vom Bergbau hatte der Alte dringlichst abgeraten. Da unten gäbe es kein Erz mehr, für welches sie eine Verwendung haben könnten. Das, was da unten schlummert, würde ihnen nur den Tod bringen. Erst wenn das dritte Berggeschrey sich erheben würde, wäre die Zeit dafür gekommen und bis dahin solle es ruhen. Nur Kobalt und Kaolin wäre noch zu haben und zwei der abendlichen Gesellen machten sich, durch den Teufel genauestens unterrichtet, flugs ans Werk.

Den Anderen legte er aus Holz geschnitzte Figuren ans Herz. Sie sollten dem Öffnen von Nüssen dienen, sahen dem Leibhaftigen nicht unähnlich und taugten vermutlich nur als Brennholz. Aber der Alte versprach reißenden Absatz, wenn man sie bunt anmalt und in den Städten als Götzen feilbot. Überhaupt legte er Pläne vor, nach denen Holz bearbeitet werden sollte. So hörten die Versammelten daß erstemal von Schwibbögen, gedrechseltem Holzspielzeug und Pyramiden die sich auch drehen können.

Götzen des Todes 2
Erst dachten die Gesellen, der Teufel würde sie zum Narren halten, da ließ dieser die Katze aus dem Sack: Er plane etwas noch nie dagewesenes, eine Teufelei ersten Ranges und er würde sie als Spießgesellen gern teilhaben lassen, es würde ihr Schade nicht sein und als Lohn würde er sich mit ihren Seelen zufrieden geben. Sie willigten und schlugen leichtsinnig ein und lauschten seinen Plänen.
Ein Fest zu Ehren Gottes und seines Sohnes Geburt sollte es werden, um gleich jeden Verdacht von ihm abzulenken. Eine Weihnacht schwebe ihm vor, ein Fest der Liebe und der Familie, gleich zu Winteranfang, wenn die Nächte am längsten sind. Besinnlich sollte es zugehen, die Stuben hübsch geschmückt und es würden darin Tannenbäume aufgestellt werden, an die man Glaskugeln und Süßkram hängt, in den Fenstern leuchten dann die Schwibbögen und man möge sich zum Heiligen Abend beschenken müssen.
Alle im Raum wurden kreidebleich und stöhnten. Wahrlich! Was für eine Teufelei! Das ergäbe Mord und Totschlag. Ganze Familien würden so zerstört und ins Grab gezerrt. Aber es war zu spät zum Entrinnen. Der Pakt mit dem Teufel galt. So jammerten sie und wehklagten darob, auf was sie sich da eingelassen hatten. Aber der Teufel lachte nur. Reich würden sie werden, wenn sie seinen Rat befolgen. Reich, so reich wie die Pfeffersäcke in Hamburg und Bremen. Aber vorher müßten sie noch Mühlen bauen. Die Kraft des Wassers nutzen lernen, um die Produktivität des Handwerks zu erhöhen. Damit jeder Hungerleider Geld in die Taschen bekäme, um es zur Weihnacht voller Reue wieder verschleudern zu können.
Was der Teufel da sprach, verstanden die Burschen nicht, aber daß es Hand und Huf haben mußte, konnten sie sich denken. Lag der Gehörnte jemals fehl in seiner Ansicht? Niemals, seit Anbeginn der Zeit war auf ihn Verlaß. Und nicht Gott, der Hüter und Bewahrer, sondern der Teufel, als Zerstörer und Wegbereiter, hat die Fäden in der Hand. Wohl dem, dachten sich die Burschen nun, der ihm folgt und seinem Rat befolgt.

Modernes Rechenzentrum bei Bärenfels 1
Überall im Lande, an jedem Bach der des Sommers, wie des Winters, genug Wasser führte, schossen die Mühlen wie Pilze aus dem Boden. So neu waren diese ja nicht. Mit Wasserkraft wurden schon die Stollen entwässert, in Pochmühlen das Erz zerkleinert und in Hammerwerken der Stahl geformt. Abgesehen von den Sägewerken und den Mühlen für das täglich Brot. Nun besann man sich wieder auf diese Kunst und erfand neue Anwendungen dazu. Papier- und Pulvermühlen, Walk- und Schleifmühlen klapperten durch die Täler und die Weihnacht erwies sich als die schlimmste Pandemie die die Welt je gesehen hat.

Dann kam der Krieg ins Gebirge. Leise und unscheinbar. Steingraue und schwarze Uniformen zogen durch den Wald und LKWs fuhren Zement in den Berg. Gegen Kriegsende brüllten deren Motoren Tag und Nacht. Niemand weiß, wo und was sie dort versteckt haben. Der Berg hütet ihr Geheimnis unerbittlich. Kein Suchtrupp war erfolgreich. Sie blieben im Fels oder wurden vorher von geheimnisvollen Gestalten erschossen. Selbst heute noch peitschen Schüsse durch die Nacht und strecken allzu Wagemutige nieder.
Es heißt, das Wiedergänger dort einen Schatz bewachen. Lebende Tote. So ist es kein Wunder, daß die Amerikaner fast 500 GI’s im Erzgebirge verloren. Mit Geistern von gestern und heute ist schlecht Kirschen essen. Außerdem hat denen niemand erzählt, daß sie im Wald eine Fackel brauchen. Der Russe erwies sich als vertraut mit der Materie. Er verbot seinen Soldaten in den Wald zu gehen und zog bald wieder ab. Er hatte genug Menschenleben in diesem Krieg verloren, da wollte er seine letzten Armeen nicht noch dem Erzgebirge opfern.

Als das dritte Berggeschrey ausbrach, gab es die Mühlen schon lange nicht mehr. Die Dampfmaschinen und Elektromotoren zogen unerbittlich an ihnen vorbei. Die Hammerwerke verstummten, ihre Mauern brachen und gaben die Unglücklichen frei, die man aus altem Aberglauben dort lebendig begraben hatte. So wie die Deichgrafen im Friesland nur auf Staumauern vertrauten, in die etwas Lebendiges verbracht wurde, so trauten die Mühlenbesitzer nur auf Fundamente, in denen ihre eigene Familie ihre Seelen aufgaben. Manchmal barsten die Mauern schon zum Richtfest, weil sie die vielen Kadaver nicht in sich halten konnten.

Die Bergmänner kamen aus einem Krieg zurück, wie er grauenvoller nicht sein konnte und sie fuhren wieder in den Berg, um dieses Grauen nicht noch einmal erleben zu müssen. Zumindest glaubten sie daran, weil man es ihnen so sagte. Sie holten das aus dem Berg, wovon der Teufel in der guten Stube sprach. Das was Jahrtausende schlief und nun geweckt werden sollte. Sie verdienten prächtig daran, hatten ein paar gute Jahre und starben früh an dem, was sie schürften. Man konnte das Verderben nicht sehen, schmecken oder riechen. Trotzdem starben sie daran, wie die Fliegen auf einem vergifteten Kuhfladen.

Das Glück bleibt weiter unter Tage verborgen. Nie wird es da noch einer finden. Was Jahrhunderte nicht gelang, wird nun auch nimmermehr. Die Tage werden nicht heller und die Luft zum Atmen nicht leichter und wärmer. Der Dunkelwald mit seiner Trikolore – dunkelgrün, schwarz und weiß – ist allgegenwärtig und liegt schwer auf den Menschen. Die Lichter in den Hütten beleuchten zwar nur das Dunkel, aber sie sind auch das einzig Warme, was den Menschen hier bleiben wird.

Steine des Todes 1
Ein guter Rat noch ganz zum Schluß: Wenn du den Abstieg wagen mußt, um ins Leben zurückzukehren, deine Wegzehrung sich aber dem Ende neigt und du zu verhungern drohst, dann fasse dir ein Herz und deine Fackel und klopfe an den Häusern, vor dessen Tür der Schnee geschoben wurde, und sich ein sorgsam gestapelter Haufen mit Ofenholz im Garten findet. Der echte Erzgebirgler hackt kein Holz – er spaltet Stämme zu Brennholz so exakt, daß sich im Holzstapel kaum ein Spalt mit Luft befindet. So wie die Inkas Machu Picchu erbauten, so errichtet dieser sein Brennholzlager. Kein Sturm, kein Orkan ist stark genug, um so ein Kunstwerk zu vernichten.
Liegt das Brennholz lustlos hingeschüttet neben der Mauer, so wandere weiter. In diesem Haus lebt kein echter Bergmann und kein echter Erzgebirgler. Das sind Zugezogene aus dem Westen Deutschlands, die nirgendwo anders jemand dulden wollte. Hier haben sie sich nur eingekauft – spottbillig Haus und Grund erworben und sie meinen daraus auch das Recht an der Geschichte des Gebirges zu haben. Aber da irren sie. Eine eigene Geschichte kann man nicht mit Geld erwerben. Das Haus konnten sie sich ergaunern aber nicht, was bis dato da drin geschah.
Das harte Brot des Bergmanns haben sie nie gekostet und es verlangt ihnen auch nicht danach. Nicht mal den Schnee vor der eigenen Haustür, auf ihrem Grundstück, wollen sie selbst beräumen. Den ganzen Tag sinnen sie darüber nach, wie sie den Nachbarn übertölpeln könnten, damit er ihnen ohne Dank und Lohn diese Arbeit tut. Dort brauchst du nicht um Obdach bitten. Anstatt dir etwas aufzutischen werden sie nimmermüde sein dich über den Tisch zu ziehen und dir Bürden aufzuladen, um einen Vorteil zu erlangen. Nein, nimm deine Fackel, setze ihnen den roten Hahn, den Florian, aufs Dach – wenn du es nicht tust, wird es ein anderer sein – und ziehe weiter.

Ziehe weiter, bis zum nächsten sauber gefegten Haus. Aber halt! Klopf nicht einfach und verlang nach Einlaß. Da setzt du dein Leben ohne Not aufs Spiel.
Ein echter Erzgebirgler stirbt unter Tage im Gestein, im Wald beim Bären oder vor seinem Haus beim Schneeschieben. Etwas anderes kommt für ihn nicht in Frage. Die ersten beiden Möglichkeiten scheiden inzwischen aus, wie wir wissen, so bleibt das Schneeschieben.
Aber du brauchst den Herrn im Hause lebend. Er ist dein Schutz und der Garant heil wieder davonzukommen. So leuchte mit deiner Fackel in die Schneewehen, ob er nicht gerade dort niedergekommen und verschieden ist. Liegt der Schnee hoch, so halte zuerst Ausschau, wo der Schneeschieber steckt. Meist liegen die Toten in seiner Nähe. Findest du ihn schon hart gefroren, so ziehe weiter und versuch dein Glück am nächsten Haus.
Widerstehe der Verlockung ein mannloses Haus aufzusuchen. Die hinterbliebenen Frauen mögen zwar den Anschein haben, seit ihrer Geburt an den Herd geschmiedet zu sein, aber sie sind es mitnichten und schneller bei der Mistgabel, als dir lieb sein kann. Versteh mich richtig: Sie wollen dich nicht meucheln, sondern aufgabeln, dich also ins Stroh oder Heu zwingen. Ihr Schoß ist fruchtbar noch und ihre Gene schreien nach Vermischung. Sie brauchen frisches Blut, um ihre Art gesund zu halten für die nächsten Generationen. Vielleicht haben sie Kunde davon erhalten, das der Zeugungsakt auch Freude bringen kann. Wer weiß schon, was in den Köpfen von Frauen rumspukt, die in ihrem ganzen Leben nur Entbehrungen erfahren haben? Sie würden dich aussagen bis deine Lebens- und Zeugungskraft in sie übergegangen ist. Dabei haben sie keine Angst vor Fackeln.

Der Mann jedoch wird dich beschützen. Sie wird sich hüten dir zu nahe zu kommen, denn sie will nicht vor ihrer Zeit neben dem Karnickelstall gesteinigt werden.
Er wird dir Brot, Zwiebeln und Speck auftafeln, von dem du auch bedenkenlos deinen Hunger stillen kannst. Ist er dir wohlgesonnen, so gibt’s selbst getrocknete Forelle aus dem Gebirgsbach nebenan dazu. Er tut dies nicht aus Nächstenliebe oder Gottesfurcht, sondern aus Notwendigkeit. Jeder Mensch braucht Geselligkeit und im hohen Gebirge ist diese so rar, daß man sich einsam und verlassen fühlt und in seiner Not schon in Versuchung gerät mit der Frau oder dem Hackklotz zu reden, als könnten diese einem zuhören.
Er wird dich also auf ein Pfeifchen auf die Ofenbank einladen und dir vom Holz, vom Stein und vom Schnee erzählen. In einer Mundart die so einzigartig ist, daß man auch lachen muß ohne sein Gegenüber zu verstehen. Stoße mit ihm an, beim Wein oder Bier aber hüte dich vor seinen Likören. Sie wurden von ihm selbst angesetzt und bestenfalls ist da ein Zauberkraut unter den Zutaten, welches dir die Sinne rauben wird. Gegen Gifte, die in Gebirgskräutlein schlummern, ist er und seinesgleichen seid Jahrhunderten immun. Diese Art von Unsterblichkeit haben sich seine Urahnen vor tausend Jahren angesoffen und bis ins Heute vererbt. Was einem vor Jahren verschütteten und jetzt geborgenen Bergmann wieder Leben einhaucht, kann für den Flachländer zum Abendbrot nicht gesund sein. Bedenke dies und behalte auch beim Bier oder Wein maß. Schlafe dort, wo dein Gastgeber umfällt und stör dich nicht an seinem lauten Schlaf. Lieber eine Nacht wach, als die mit seiner Frau verbracht!

Am Morgen breche beizeiten auf und laß den Hof schnell hinter dir. Aber versäume nicht, dir die Fackel frisch zu teeren und zu binden. Ihr Schein wird dich vor Unheil bewahren und dir heim leuchten, so wahr es Gott will und der Teufel erlaubt.

Glück auf!

Bildnachweis: Das Erzgebirge, © VEB F. A. Brockhaus Verlag Leipzig, DDR, 1976

Dienstag, 6. Dezember 2011

Rattenkampf – sechzehn, Showdown

Echtes Multimedia gibt es heute im Nachbarblog beim Projektpartner Octapolis zu bestaunen. Bei mir langt es nur für ein erhöhtes Videoaufkommen. Das muß reichen. Abschließend gilt mein Dank für das überkreuzte Schrauben am Manuskript Lizzard, Lisa und Frau Rot-Weiß-Erfurt. Seid gewiß: Ihr durftet an großer Weltliteratur schnuppern!
Auf gehts! Dem Ende entgegen:



Sie schoß sofort. Den Wagen, der genau vor der Haustür parkte, konnte sie durch das Treppenhaus sehen. Er gehörte nicht hierher und paßte auch nicht in das vornehme Viertel. Die Seitenscheibe war heruntergekurbelt. Das gab ihrer Ahnung Gewißheit, und sie zog ihren Revolver und steckte den Schalldämpfer auf.
Mitten zwischen die Augen getroffen, sackte er auf dem Beifahrersitz zusammen. Dort hatte er Stellung bezogen, um näher an der Haustür zu sein.
Sie setzte sich hinter das Lenkrad, drehte den Zündschlüssel um und fuhr langsam aus der Parklücke.
Im Radio hatte er einen Klassikkanal gewählt; sie brachten irgendetwas von Claude Debussy. Sie drehte die Musik lauter, bog um die Ecke und fuhr stadtauswärts. Ein zufälliger Beobachter mußte annehmen, daß der Wagen auf sie gewartet hätte, um sie abzuholen.




Ihre Kokainvorräte hätte er beinahe vergessen. Er schloß den Tresor noch einmal auf, und legte sie neben seinen Revolver. Hier drin waren sie vor der Polizei sicher.
Die Bullen würden den Safe hinter dem Bild an der Wand für bare Münze nehmen und so tun, als würden sie sich die Zähne daran ausbeißen. Den richtigen Tresor im Schreibtisch würden sie für nicht existent erklären.
Sie hatten kein Interesse daran, im Schmutz stinkreicher Wirtschaftsbosse zu wühlen. Sollten sie sich doch gegenseitig umbringen, ihnen war es recht. Direkt nachweisen konnte man ihnen in den meisten Fällen ohnehin nichts. Weder ihre Wirtschaftsverbrechen, noch einen Mord. Das Einzige, was die Bullen  bedauerten, war die Tatsache, daß man sie nicht einfach mal so zusammenschlagen konnte, wie den Kleindealer von nebenan.
So ein wohlgefüllter geheimer Schrank ist der Fluch, der auf allen Staatsanwälten lastet. Ist er einmal offen, müssen sie ermitteln, und das jahrelang mit einem Personalaufwand, der jedes Gericht finanziell in die Knie zwingt, und mit dem Ergebnis, den Tresorbesitzern nur eine Steuerhinterziehung im vierstelligen Bereich nachweisen zukönnen. Wider besseren Wissens gingen sie ansonsten straffrei aus. Die Blamierte war die Justiz, die mit einem Millionenaufwand nur einen Strafzettel ausstellen durfte.
Der Tresor würde geschlossen bleiben. Wer ihn aus dem Nachlaß erwerben erwerben würde, wußte er nicht. Aber daß dieser nicht zu den Ärmsten gehörte, verstand sich von selbst. Der Schreibtisch besteht (bestand) aus verschiedenen Harthölzern, war kunstvoll gearbeitet und allein schon ein Vermögen wert.
Um den Tresor zerstörungsfrei öffnen zu können, bedurfte es eines Spezialisten, eines Haufens moderner Technik und damit wieder Unsummen an Geld) Wer viel Geld hat, hat aber auch viele Sorgen.
Er würde den Schreibtisch bald wiedersehen.

Draußen vor der Stadt bog sie rechts auf einen Feldweg, der mitten durch ein Maisfeld führte, ab. Von der Straße aus war der Wagen kaum zu sehen. Neben ihr lag zusammengesunken ein Greenhorn Ende 20. Sein Paß gab nicht viel her. Wie sie vermutet hatte, kam er aus den Staaten. Für seine Pistole hatte sie nur ein Kopfschütteln übrig.
Ein Schießprügel vom neuesten Modell. War der zweimal in den Dreck gefallen, gab es bei jedem zweiten Schuß eine Ladehemmung. Hochgeschwindigkeitspatronen und der Schalldämpfer waren schön blankpolierter Schrott. So klein und schmal, daß er nach dem vierten Schuß so heiß war, das man ihn nicht mehr anfassen konnte.
Die gesamte Waffe glitzerte wie ein Kronleuchter. Auffälliger ging es fast nicht mehr. Das war kein Professioneller. Vielleicht ein Kopfgeldjäger, aber kein Killer. Er konnte ihr im Prinzip dankbar sein. Mit dieser Kanone hätte er sich früher oder später selbst ins Knie geschossen.
Geld hatte er auch keines weiter bei sich. Die Kreditkarten und seinen Paß behielt sie erst einmal für sich. Ihn kippte sie einfach aus dem Wagen und zog ihn ins Feld. Seine Knarre nahm sie auseinander, und die Einzelteile flogen bei der Weiterfahrt nacheinander aus dem Fenster. Später im Hotel würde sie seinen Paß prüfen und abwägen, ob sie damit als Mann durch eine Kontrolle käme. Wenn nicht, würde sie sich einen anderen, passenden besorgen. Mit etwas Wehmut dachte sie an den Joker. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben und man sieht sich im Leben immer zweimal.




Die Bullen ließen sich Zeit und als sie endlich da waren, benahmen sie sich wie erwartet. Sie stellten ein völliges Desinteresse zur Schau. M.s liebevoll gekochtes Essen wurde von ihnen mehr beachtet als ihre Leiche. Von einer Tatortsicherung gab es keine Spur. Ihr Leichnam wurde fotografiert, das war alles.
Niemand fragte ihn, was er hier zu tun hatte. Sie grinsten ihn nur an. Die Wohnung durchsuchten sie gar nicht und seine Aussage mußte er ihnen förmlich aufzwingen.
Für sie war die Sache völlig klar. Es gab ein Exemplar von diesem stinkreichen und nichtstuenden Dreckzeug weniger auf der Welt. Für sie war das eher ein Grund zum Feiern, als zum Ermitteln.
Eine Stunde später stand er wieder unten auf der Straße. Daß die M. tot war und er sie nicht mehr sehen konnte, wurde ihm erst jetzt richtig bewußt. Er hatte sich geschworen, alles zu tun, um nie in so eine Situation zu kommen. Jetzt steckte er trotzdem in dieser Herzscheiße fest.
Dagegen war er machtlos, wie jeder Mensch und jede Ratte es war. Er bog ab und ging in den Park. Er suchte die Stelle, von der aus man ungesehen das Haus der M. beobachten konnte. Hier mußte sie gestanden haben, die Frau um die dreißig. Als er da oben auf ihr lag, hätte er sie beinahe nach ihrem Namen gefragt, so kaputt war er inzwischen.
Als er mit ihr schlief, wollte er sich nur gegen die Gefühle wehren, die er für die M. empfand. Es gelang ihm nicht. Er mußte dabei an sie denken und bereute schließlich, daß er die Ausweglosigkeit seiner Laborratte ausnutzte und sich an ihr verging. Diese anschließend noch zu demütigen, sie zu zwingen, daß sie sich bettelnd vor ihm erniedrigt, war nicht seine Absicht gewesen. Das ergab sich so und ihm war es recht, daß sie es annahm. So war der Abzweig zu ihr auf dem Weg zu sich selbst versperrt und der Wegweiser sollte eindeutig zur M. weisen. Jetzt, nach dem die  M. tot war, stand er hier im Park, an »ihrer« Stelle, als würde er sich bei ihr für das Geschehene entschuldigen wollen. Sie selbst war nicht sein Feind – nur ihr Auftrag. Diesen nicht als gegen sich persönlich zu sehen, war professioneller Rattenalltag.
Zu spät. Sie war inzwischen hoffentlich weit weg. Aber vielleicht könnte er sich bei ihr später reinwaschen. Er und sie hatten genug gemeinsam. So wie ein Unheil anderes Unheil anzieht, würden sie beide früher oder später wieder voreinander stehen.

Der Ukrainer hatte noch auf. »Wie immer?«, fragte Dimitri »Nein, für immer.«, antwortete er. Dimitri lachte und packte ihm zu den Zigaretten, deren Anzahl er verdoppelte, noch zwei große Flaschen Wodka in seinen Beutel. »Brauchst du mein Zimmer?« Der Joker nickte. »Für drei Tage, wenn es geht.« Es ging.
Dimitris Zimmer lag in der Nachbarschaft unterm Dach eines ruhigen Hauses. Er hatte es angemietet, um sich von seiner Frau unentdeckt seinen amourösen Abenteuern widmen zu können.
»Sie ist schön? Nicht wahr?« Wenn er mal einen Seelenklempner brauchen würde, wäre der Ukrainer die erste Wahl.



Das Zimmer war eine kleine Wohnung, mit allem was man braucht. Er stellte die eine Flasche Wodka in den Kühlschrank, die andere warf er auf das Bett. Sein Körper dampfte noch von der heißen Dusche, als er sich neben sie legte.
Hier bei Dimitri fühlte er sich fast geborgen. Das Zimmer beruhigte ihn. Der Fernseher warf ein buntschattiges Flimmern an die Wände und dudelte ungehört vor sich hin. Die kleine Leselampe beschien mit ihrem dämmrigen, warmen Licht beinahe alltägliche Normalität. Als wäre er jetzt gerade von einer Arbeit beim Gleisbau gekommen und nicht von einer Leiche. Nicht von der toten M. sondern von einer anonymen Leiche, wie man sie im Herbst, bei Regenwetter im Stadtpark findet. Er war bereits dabei alles zu verdrängen, und Dimitris Zimmer, die ungewohnte Umgebung, die vermeintliche Normalität und der Wodka würden ihm dabei helfen. Wenigstens für die nächsten 2 Tage. Dann war das Schlimmste überstanden und er würde ein paar fast überfällige Lektoratsarbeiten beenden können.
Eine halbe Flasche Wodka hatte er bereits getrunken. Wie ein Spiegeltrinker, der schnell wieder auf seinen Wohlfühlpegel kommen will. Schluck für Schluck, um möglichst viel Alkohol schon über die Mundschleimhaut aufnehmen zu können, den Geschmack des unverhofft doch recht guten Wodkas genießend. Der Alkohol tat seine erwünschte Wirkung. Ihm wurde warm, sein Körper entkrampfte und eine wohltuende Ruhe deckte ihn zu. Jetzt konnte er M’s Vermächtnis ertragen, auch wenn es gar nicht an ihn gerichtet war.

»An meinen lieben Little Big Joe Black.« Er mußte grinsen, der Wodka machte es ihm leicht. Was wäre wohl dem armen Joe alles durch den Kopf geschossen, hätte er jetzt diesen Brief in der Hand. Nichts Gutes vermutlich. »Wie bin ich gestorben? An einer Überdosis Schlaftabletten in einem Schweizer Sanatorium? An einer Alkoholvergiftung? Oder bei einem Verkehrsunfall? Ich denke, du hast mich mit einem standesgemäßen und schnellen Tod bedacht, der nicht viel Staub aufgewirbelt hat. Warum auch immer.
Sicher hattest Du gute Gründe dafür, obwohl ich mir nur einen Grund, eine jüngere, mittellose Frau, für die Du mein Vermögen vorgesehen hast, vorstellen kann. Du wirst sicher verstehen, daß ich das nicht hinnehmen kann. Wenn ich schon meinen Tod nicht verhindern konnte, oder ihn nun nicht mehr verhindern kann – vielleicht lebe ich ja noch, wer weiß das schon? – so möchte ich Dir zumindest ein Abschiedsgeschenk, eine kleine Freude bereiten.
Was um alles in der Welt hat Dich bewogen, dieses Dossier anzulegen? Und es noch dazu mit allen Akten zu untermauern? So eine Art Lebensbeichte? Oder wolltest du dir damit beweisen, was für ein toller Hecht du bist? Die Unterlagen alleine wären schon ein gefundenes Fressen für deine Konkurrenz gewesen – ich kenne da ein, zwei Adressaten, die Schaum vor dem Mund bekämen, wenn sie das läsen. So bekommt der Staatsanwalt noch von Dir höchstpersönlich Amtshilfe.
Gut, er wird dich für allerhöchstens 5 Jahre hinter Gitter bekommen und der Schadenersatz, den Du bezahlen mußt, ist geradezu lächerlich. Aber hast Du schon mal daran gedacht, was passiert, wenn Du im Gefängnis sitzt?
Bestimmt. Deine Geschäfte gehen weiter und Du hast genug Vasallen, die den Laden, von Dir gesteuert, am Laufen halten. Soweit hast Du Recht. Aber, was ich die ganze Zeit andeuten wollte, ist, daß jetzt nicht nur das Gericht einen Teil der Akten bekommt, sondern auch Deine Dich liebenden Geschäftspartner und solche, die es werden, wenn sie Deine Unterlagen in den Händen halten.
Erst werden sie eine feindliche Übernahme nach der anderen starten und Dich aus allen Geschäften drängen. Sie werden Dir überall das Wasser abgraben, Deine Verbündeten unter Druck setzen usw... Sie werden deine gesamte Palette an schmutzigen Tricks bedienen und auf Deiner Klaviatur Dein Requiem spielen.
Sollen sie nur, wirst Du jetzt sagen. Das Geld, was Du auf der hohen Kante hast, reicht locker für einen Neuanfang. Sicher, aber der wird Dir nicht vergönnt sein. Drinnen im Knast bist du schutzlos. Dein Hochmut gewissen Kreisen gegenüber rächt sich da gewaltig. Die haben auch ihre Ehre im Leib. Du bist tot, mein Liebling.

Bleibt die Frage zu klären, wie ich in Deinen Safe gekommen bin. Goethes Hexeneinmaleis: ›Du mußt versteh’n! – Aus Eins mach Zehn, – Und Zwei laß geh’n, – Und Drei mach gleich, – So bist Du reich. – Verlier die Vier! Aus Fünf und Sechs, – So sagt die Hex’, – Mach Sieben und Acht, – So ist's vollbracht: – Und Neun ist Eins, Und Zehn ist keins. – Das ist das Hexen-Einmaleins!‹
Es paßt zu Dir, mir das Bild vor die Nase zu hängen. Ein magisches Quadrat, dessen Summen  immer 15 sind. Die Quersumme von 15 ist 6. Das ergibt 666 666 oder zweimal die Zahl des Teufels,  der Du gern selbst gewesen wärst. Vielleicht war es als Notöffner gedacht, bevor Du das Dossier angelegt hast. Wie dem auch sei – ich mußte nicht lange überlegen, um zu wissen, was Du mir da schenktest.
Ich hoffe, Du bist mir nicht böse? Nein, sicher kannst Du mich verstehen. Mein Erbe kannst Du nun genießen. Bis auf diverse Kleinigkeiten, wie die Wohnung hier. Aber Näheres erfährst du zur Testamenteröffnung. Bis dahin, alles Gute!
Ach ja, die Unterlagen, außer die von meinem Vater, werden im Falle meines Todes oder auf meine Anweisung hin per Kurier verteilt. Die Rechnung dafür ist bereits bezahlt.
Abschließend möchte ich bemerken: Falls du jetzt eine Stärkung nötig hast, der Pernod steht im Kühlschrank.«




Danke M. Damit war er aus dem Schneider. Bei der wilden Hatz, die nun beginnen würde, spielte er keine Rolle mehr. Die Könige der Ratten würden sich jetzt gegenseitig an die Gurgel gehen und dabei die Karten neu mischen. Ihm konnte es egal sein. Als die leere Flasche auf den Boden rollte, schlief er bereits.




Drei Monate später.

Die Adresse, die als Absender der E-Mail angegeben war, kannte er. Es war dieselbe Wohngegend, in der auch die M. wohnte. Es war nur ein Haus weiter, näher am Park. Er sollte da vorbeischauen, man hätte eine interessante Entdeckung gemacht.

Ein älterer, dickbäuchiger, aber sehr beweglicher Mann öffnete ihm. Er nickte kurz und bat ihn herein. Ohne eine Erklärung führte er ihn in ein kleines Hinterzimmer. Dort stand der Schreibtisch der M., der Safe stand offen und auf ihm lag sein Revolver, M’s Kokain und seine Visitenkarte.
»Nun, mein Herr, ich wurde von Frau M. in ihrem Testament mit diesem Schmuckstück von einem Schreibtisch bedacht. Fragen sie nicht warum, ich werde es ihnen nicht erklären.« Er ging um den Schreibtisch herum, stützte sich auf und sah ihn fest an. »Gehe ich recht in der Annahme, daß sich der Originalschlüssel zu diesem Safe in ihrem Besitz befindet?«
Der Joker griff in seine Tasche und legte ihn neben seinen Revolver, aber der Mann winkte ab. »Nein, behalten sie ihn. Ich sehe, daß sie mein Mann sind. Wissen sie, ich habe natürlich keine Kosten gescheut und mir den Tresor öffnen lassen. Irgendwie ahnte ich, daß es sich für mich lohnen würde. Die M. war, sagen wir, eine Freundin des Hauses und wer sie auch erschossen haben mag, Sie waren es nicht. Aus diesem Revolver wurde die letzten Jahre kein Schuß abgefeuert. Das ist doch ihre Waffe?« Er streckte sie dem Joker entgegen, der nahm sie und steckte sie ein.
»Sie werden verstehen, daß ich mir wegen Ihrer Karte so meine Gedanken gemacht habe. Sie werden auch verstehen, daß ich Sie in meine Überlegungen und Recherchen nicht einbeziehe. Aber ich weiß, daß diese nicht falsch sind und Sie erfreut über mein Angebot sein werden.« Er spreizt die aneinandergelegten Fingerkuppen vor seiner Brust und schaut scheinbar gedankenverloren in den Raum. »Wie sie vielleicht wissen, bin ich ein Mann, den man als vermögend bezeichnen kann. Dies ist an sich ein erfreulicher Umstand, aber wer Geld hat, hat auch Sorgen. Ich brauche jemanden, der diskret meine ...«