Untergehen ist das Eine, unter der Oberfläche bleiben das Andere. ;-)

Samstag, 13. November 2010

moderne Zeiten


Früher musste man sich die Gummihandschuhe aus Fahrradschläuchen selber basteln. Die wurden ab und zu aufgewaschen, danach mit Talkum eingepudert und von Generation zu Generation weitergegeben. Da hat man es heute besser. *g*

Kann man an Hämorrhoiden den Pulsschlag der Zeit fühlen? Und wenn ja, warum sollte man dies tun?

Wetter gab es früher auch nicht. Nur Schlagwetter. :-P

Samstag, 6. November 2010

Klärung eines Sachverhaltes


@ Octa:
Wein – in der Tasse war schlicht Wein. Über verschiedene Sachen denke ich in meiner Frauenrunde nicht mehr nach. Ich kann dir also nicht sagen, warum die Frau ihren Wein in die Tasse gekippt hat. Vielleicht wollte sie damit einen Protest verdeutlichen. Gegen den Wein kann er sich aber nicht gerichtet haben – den hat sie schließlich selber mitgebracht.


Möglich ist auch, daß einfach kein sauberes Glas mehr verfügbar war. Früher hätte ihnen das nichts ausgemacht. Da haben die sich gleich die Pappe angesetzt. Aber jetzt – mit über dreißig – wahren sie zumindest zum Schein die Etikette. Auch trinken die Saufzwerge so gut wie gar nichts mehr. Das Neun-Getränke-Gelage würde dann so aussehen: Jeder bekommt ein Getränk und fertig. Die müssen schließlich früh bei Zeiten raus und ins Bad. Das funktioniert nur, wenn sie da schon wieder klare Bilder sehen und sich an die Reihenfolge erinnern können, die sie am Vorabend ausgekaspert haben. Abends kommt ja nur eine davon und damit nach Hause.

Ob der Wein sich mit dem Kürbis vertragen hat, kann ich dir auch nicht sagen. Eigentlich haben sie die selbe Knete erzählt wie sonst auch. Letztens hatten wir Frisör- und Haarprobleme auf der Tagesordnung. Entnervend. Vielleicht kann ich das später noch genauer beobachten. Das mir angedrohte Drei-Gänge-Menü besteht ja aus 1. Kürbissuppe, 2. Kürbisgratin, 3. Kürbiskompott. Vermutlich leuchten dann ihre Augen feurig und sie fletschen die Zähne – um anschließend wieder von früher und ihren verflossenen Kerlen zu schwelgen. Ich weiß noch nicht, ob ich da schon wieder aus der Dönerbude zurück bin. Mal sehen.

Was Subway mit der ganzen Sache zu tun hat, wüßte ich auch gern. Irgend ein Kurzschluß in meinem Unterbewußtsein. Die habe ich das erste mal Mitte der 90er im Gasthof Lüttewitz erleben dürfen. Da hat der Saal so gekocht, daß ich nicht mehr wußte, ob ich da noch lebend herauskomme. Oder besser, ob ich das noch will. Vielleicht liegt es ja daran. Möglich wäre es ja. Da hat schräg vor mir so eine Schnecke getanzt ... *hüstel* Da flogen die Abrissfunken nur so hin und her ... So vor 15 Jahren. *g*

Bei der Kommasetzung haben wir uns auf folgendes Verfahren geeignet: Ich klatsch die Dinger einfach rein. Dann schicke ich das alles zu Frau Rot-Weiß Erfurt. Die korrigiert nach dem Prinzip, nachdem ein »kann-Komma« ein »muß-Komma« wird und beamt mir das zurück. Dann lese ich nochmal Korrektur und fertig. Diesen Text hat sie nicht lektoriert. Sie sitzt jetzt eben in einem Bierzelt und versucht die Dorfbevölkerung für schwere Kunst zu begeistern. Das ist zwar auch nicht die wahre Erfüllung, aber immer noch besser, als sich mutterseelenallein Nachts auf der Straße herumzudrücken.
Die Texte werden übrigens nicht länger sondern kürzer. Mir sterben sonst die Leser aus. Meine letzte »Tantchen« Kurzgeschichte ging über 35 Seiten bei einer 10pt Schrift und obwohl ich sie in 6 Teilen gestaffelt habe, gab es eine Epidemie in meiner Leserschaft. Das liest kein Mensch am Monitor. Auch nicht, wenn er regelmäßig den Späti aufsucht.

@ Mali

Dienstag, 2. November 2010

Vom Kürbis getroffen


Da flehte der Rufer, Seher und Mahner im Angesicht seines irrenden Volkes in der Wüste zu Gott: »Oh, Herr! Wirf Hirn vom Himmel!« Und Gott erhörte ihn, mißverstand ihn und warf Kürbis. Der Kürbis traf, hier und da, und beide wußten nicht, ob das gut war.

Besser du gehst
Besser du läufst
Besser du rennst
So schnell du kannst
Und so weit
Wie dich dein Atem tragen kann (Subway to Sally)


Einen Volltreffer landete der heilige Geist, Gott oder wer auch immer bei der Kirsche, die eben im Niederdeutschen Rundfunk zu sehen war. Wenn man mit einem Blindgänger überhaupt etwas treffen kann. Inmitten von Strohballen saß die da und laberte Kürbis. Genauer, sie sabbelte von 130 Kürbissorten die sie auch umgaben. Dabei nestelte sie an ihrer Strickjacke, die sie wohl von Gustav Adolf von Schweden gespendet bekam, und über die schon von Grimmelshausen gespottet hat. So eine Strickjacke hat jede Frau. Zur Konfirmation oder zur Beerdigung ihrer Oma bekommt sie die geschenkt und in ihr fühlt sie sich so wohl, daß sie die jeden Tag trägt, bis sie in Fetzen an ihr herunterhängt oder bis sie beim besten Willen nicht mehr hineinpaßt. Dann hebt sie die auf, um sie gelegentlich, meist nach einem gediegenen Ehekrach, wiederhervorzukramen und wehmütig ihrer verlorenen Jugend zu gedenken. Als Mann kommt man gegen so eine Reliquie nicht an und man wird sie erst los, wenn man die Frau mit raus- oder ihr den Fetzen als Grabbeigabe hinterherwirft.

Die Frau erklärte allen Ernstes, daß sie ihr Leben dem Kürbis gewidmet hätte. Der ganze übliche theatralische Schmuß, den man so von sich gibt, wenn man auf Krampf versucht, seinem Leben einen Sinn zu geben, sprudelte aus ihr hervor. Früher, wenn man sich seiner Talentfreiheit bewußt wurde und einem nichts besseres einfiel, verkaufte man seine Seele dem Teufel oder opferte sie Gott, um anschließend nach vielen Entbehrungen sein Leben auf dem Scheiterhaufen oder vor dem Altar auszuhauchen. Heutzutage endet man eben streng ökologisch und umweltgerecht in einer Scheune, in einen Scheuerhader gewickelt, auf Strohballen gelagert, inmitten von 130 Kürbissorten. Kein Mann, kein Kind, keine sinnvolle Aufgabe – was bleibt ist der Tierschutzverein, der Gemeindechor, die Klöppelrunde oder eben die Kürbiszucht.

»Das hier ist ein sehr schöner Kürbis! Er hat ein sehr festes Fruchtfleisch. Daraus lassen sich wunderbare Kürbisgratins machen. Die sind sehr lecker!«

Schnitt. Die Frau hat plötzlich einen anderen Kürbis in der Hand.

»Das ist auch ein sehr, sehr schöner Kürbis mit einem wunderbar festen Fruchtfleisch! Er eignet sich besonders für ganz leckere Gratins!«

Kurze Kamerafahrt über 5 der 130 Kürbissorten.

»Dieser Kürbis eignet sich hervorragend für wunderbar leckere Gratins, weil er ein sehr festes Fruchtfleisch hat.«

Die Kamera schwenkt über 60 der 130 Kürbissorten und stoppt abrupt. Wahrscheinlich mußte der Kameramann sich spontan übergeben. Schnitt.

»Mit diesem Kürbis lassen sich auch ganz wunderbar leckere ...«

Und so ging das weiter, bis Sorte 70. Gelaber, Kameraschwenk auf die 130 Kürbissorten, Gelaber, Schwenk ... usw. Grauenvoll. Die gute Frau unterteilte die Kürbisse dabei in drei Kategorien: 1. Sehr schöne Kürbisse. 2. Sehr, sehr schöne Kürbisse und 3. Sehr, sehr, sehr schöne Kürbisse, die sich aber alle wunderbar für leckere Gratins eignen.
Die Redakteurin bäumte sich nur einmal mit einer geistreichen Frage aus ihrer zielpublikumangepassten geistigen Umnachtung auf: Ob es denn auch giftige Kürbisse gäbe? Da schaute die angesprochene Mutter aller Kürbisgratins völlig irritiert auf und verneinte harsch diese Unterstellung. Sie räumte aber um Entschuldigung bittend ein, daß es einige ungenießbare Sorten gäbe. Damit stieß sie unverhofft bei der Redakteurin auf Verständnis. Der Niederdeutsche Rundfunk ist ja auch zum größten Teil ungenießbar. Daran ändern auch die Ernährungsbeiträge und diverse Kochsendungen, die sich da im 3-Schichtsystem über die Bühne schinden, auch nichts. Die werden ihr Stümpertum und ihre Einfallslosigkeit solange über den Sender jagen, bis sie ihre Zuschauerclique ausgerottet haben. Da diese alle der Nachkriegsgeneration angehören, dürfte dies nicht mehr allzu lange dauern. Aber selbst dann sprudelt die Zwangsgebührenquelle ja weiter und da der Bürger nie von seinem Notwehrrecht Gebrauch machen wird, um diese Bande in den Steinbruch zu putschen, werden sie einfach weiter den Äther verseuchen.

Apropos Seuche: Was will die Alte mit 130 Kürbissorten? Gratins kochen. Ist klar. Aber rechnen wir das Ganze mal spaßeshalber durch. Pro Sorte lagen dort im Schnitt vier bis sechs Murmeln rum. Macht in etwa 650 Kürbisse. Das sind im günstigsten Fall 1950 Gratins für 4 Personen, also 7800 Mahlzeiten. Sie müßte nun pro Tag 21 mal Kürbisgratin essen, um ihre Scheune in einem Jahr wieder leerzukriegen.

Besser du gehst
Besser du läufst
Besser du rennst
So schnell du kannst
Dreh dich nicht um
Vielleicht entkommst du irgendwann


Denn das kann definitiv nicht gesund sein. Auch wenn sie das Zeug zu Suppe verkocht oder Salat daraus hobelt – selbst das tapferste Hausschwein oder ein aus dem Kürbis gezauberter Ehemann streckt da die Hufe. Außerdem – hier irrt die Frau in ihrem Wahn – sind alle Sorten ungenießbar. Unter Genuß verstehe ich etwas, was man gern und ohne Zwang tut und dabei Freude empfindet. Das kann durchaus ein gelungenes Gericht sein, wenn man als Zutat auf das Kürbisfleisch verzichtet. Oder es geschmacklich so verfremdet, daß es nicht mehr nach Kürbis schmeckt.


Ein Paradebeispiel ist die Ingwer-Kürbissuppe. Im Verhältnis drei zu eins püriert schmeckt man garantiert keinen Kürbis mehr heraus. Statt Ingwer kann man auch Zahnpasta nehmen oder für ein lecker Kürbiskompott Essig, Zucker, Zimt, Nelken und viel Meerrettich. Mag man die Suppe exotisch, so empfehle ich, Kokosmilch und heftig Chillipulver. Es mag sein, daß dies alles recht gewöhnungsbedürftig klingt, aber es ist immer noch ein Labsal, verglichen mit dem Kürbisaroma an sich.
Wozu hat man denn 130 Kürbisarten im Haus oder überhaupt erst gezüchtet? Doch nur, weil man mit einer Sorte nicht zufrieden ist. Dem DDR-Bürger wird unterstellt, er hätte in dem Kürbis einen Ananasersatz gesehen. Dabei gab es in der Zone – und besonders in der Schulspeisung – nicht mal einen Kürbis der nach Kürbis geschmeckt hat. Da gab es nur Kürbisersatz. Das waren Zuckerrüben die man mit Leinöl aufgekocht und mit Terpentinersatz abgeschmeckt hat. Es kann auch Kohlrabi gewesen sein. Oder eben Kohlrabiersatz, also Futterrüben. Ich habe keine Ahnung mehr. Irgendso etwas. Das Schulessen war ja die Fortführung des Sportunterrichtes mit anderen Mitteln.

Besser du gehst
Besser du läufst
Besser du rennst
So schnell du kannst
Und so weit
Wie dich dein Atem tragen kann



Es war stockdunkel, es war arschkalt, die Welt war gegen mich und stellte sich mir nur verschwommen dar. Klar, meine Brille lag ja zu Hause. Was ich sehen konnte, war ein glimmendes Stück Holzkohle und auf der Mauer zum angrenzenden Friedhof den schwachen Schein eines Halloweenkürbisses. Der hätte mich stutzig machen sollen. Ansonsten umgab mich Dunkelheit und ich konnte die anderen Gäste auf dieser Gartensommerabschlußparty nur spüren, aber nicht sehen. Der Mann an der Holzkohle nannte sich Grillmeister und war ein Totalversager. Ich hörte ihn nur fluchen und in rhythmischen Abständen etwas scheppern oder das Stück Holzkohle glomm auf. Eh der seinen Job erledigt hätte, wäre ich dreimal verhungert gewesen. Also tastete ich die Tischplatte nach etwas anderem Eßbaren ab. Die Dame des Hauses steht ja zu recht in dem Ruf, eine hervorragende Köchin zu sein und ihre Göttergaben waren stets sehr reichlich und vielseitig vorhanden. Die erste Schüssel war meine. Ich unternahm gar nicht erst den Versuch, mir einen Teller zu erfummeln und ergriff gleich den Löffel aus der Schüssel. Von der Konsistenz her war ihr Inhalt schmierig und er roch grün, also mußte es sich um Gemüsesalat handeln. Das war zwar nicht das, was ich mir erhofft hatte, aber es war erstmal besser als nichts. So für den ersten Hunger mußte es reichen und war der gestillt, würde sich noch etwas anderes finden. Das Zeug war wirklich Salat und schmeckte nach Lauch und nach etwas anderem mir unbekannten. Ich löffelte los, bis mich der Lichtkegel einer Taschenlampe traf.
»Gib mir mal bitte kurz die Schüssel mit dem Kürbissalat herüber!«

Besser du gehst
Besser du läufst
Besser du rennst
So schnell du kannst
Und so weit
Wie dich dein Atem tragen kann


Am nächstem Tag brachten die Nachrichten die Eilmeldung, daß der Friedhof geschändet wurde. Quer über das gesamte Areal hätten die unbekannten Täter eine Schneise geschlagen und dabei die Grabsteine umgestoßen. Das war natürlich kompletter Blödsinn. Ich war allein auf der Flucht und ich habe die Klötzer nicht geschändet, sondern mir sämtliche Knochen daran aufgeschlagen. Da kann man mal sehen, was der Niederdeutsche Rundfunk für Falschmeldungen verbreitet, nur um überhaupt etwas berichten zu können.
Aber davon mal abgesehen – es war eher der Schreck, der mich zu dem etwas überstürzten Aufbruch verleitete, als der Geschmack des Salats. Nichtsdestotrotz war ich nun erpressbar – und ich wurde natürlich schamlos unter Druck gesetzt. Entweder Kürbis oder Knast. Ich hatte die Wahl zwischen einer Einladung zu einem Essen, mit einem gefüllten Kürbis bei mir zu Hause oder ich fahre pro umgeworfenen Grabstein für eine Woche ein. Das wären summa summarum ca. 1 Jahr bei Wasser und Kürbisbrot gewesen. Also lies ich mich wutschnaubend auf dieses Experiment ein.


Und was soll ich sagen: Meine These über Kürbisgerichte erwies sich als wahr. Das Zeug schmeckte wie gebackene Kartoffeln, die man vorher in Gemüsebrühe gekocht hat. Mit der Käsehackfleischpampe darin war es sogar lecker. Ganz ohne Gratin und sonstigen schnickschnackischen Sättigungsbeilagen.
Aber warum dreht die Menschheit im Herbst durch und sich um den Kürbis? Der Halloweenquatsch kann es nicht sein. Wenn die Kelten nicht durch die Römer alle ihre Druiden losgeworden wären, gäbe es diesen Brauch gar nicht. Die Druiden hatten selber helle Köpfe und brauchten keine ausgehölten Kürbisse zum Denken. Nur wurden diese Köpfe eben von den römischen Legionären abgeschlagen, um der keltischen Landbevölkerung die politische und spirituelle Führung zu nehmen. Da haben die eben als Führungsersatz diese Leuchtkürbisse geschaffen und damit den Römern einen gehörigen Schreck eingejagt. Das scheint sich ja bis heute bewährt zu haben. Deutschland, zum Beispiel, wird immer noch von Kürbisnischeln regiert. Die sind geschmacklos, ungenießbar, scheinen scheinbar so vor sich hin und jagen ihren freien Bürger einen Schrecken nach dem anderen ein.

Aber da muß es noch etwas anderes geben. Also beschloß ich etwas zu recherchieren. Vorab: Ich habe meine Nachforschungen gleich wieder eingestellt. Die erste Erkenntnis, gefunden auf einem uralten Bambusblattkalender im Fidschi-Restaurant schräg gegenüber, war schon erschütternd:

»Eine große Flut hatte die gesamte Menschheit hinfort gespült, nur ein Geschwisterpaar hatte sich retten können, und da beide die einzigen Überlebenden darstellten, waren sie gezwungen sich zusammen zu tun, um die Welt erneut zu bevölkern. Nach einiger Zeit gebar die Frau einen Kürbis, aus dem nacheinander verschiedene Ethnien schlüpften: zunächst erschienen die Khmu, dann die Rmeet, die Lao und schließlich die Thais, Vietnamesen, Franzosen, Japaner, Amerikaner, Deutsche, …«

Alles klar? Wer die Muuh und die Määh sein sollen, weiß ich nicht. Es ist mir auch völlig egal. Das der Deutsche nicht aus dem Mustopf, sondern aus dem Kürbis kommt, war mir neu. Seine Inzestnähe hat er ja auch nie abgelegt. Seit der Kleinstaaterei wurde das besonders deutlich. Der Adel blieb unter sich, heiratete nur untereinander und pflanzte sich fort, bis sein gesamtes Erbgut so versippt und verschwägert war, das es nur noch vor sich hindegenerierte. Der daraus entsprungene letzte sächsische Mutant erkannte 1918 seine schweren Erbschäden und dankte mit den Worten: »Machd doch eiern Drägg alleene!« ab. Darauf hatte das schon erstarkte Großbürgertum nur gewartet und sie gebaren, was die Erbsubstanz hergab. Die Folgeschäden blieben natürlich nicht aus. 1933 marschierte ganz Deutschland los, bis alles in Scherben fiel oder später eine ganze Republik gebündet wurde. Das Lumpenproletariat war derweil auch nicht untätig und ihre Nachkommenschaft regierte bis zur völligen Haftunfähigkeit. Immer wenn ein Erbgut ausgelaugt war und nur noch Genschrott barg, übernahm der nächste Kollateralschaden freudig den Staffelstab, um ihn in der kommenden Führungsunfähigkeit wieder zu verlieren. Das bisherige Ende vom Lied ist, daß wir von einem Bodensatz dieser Gesellschaft regiert werden, deren Wähler von der Unterschicht nun schon geklont werden. Bildungs- und Wohlstandsverwahrlosung gebiert Crashkids, Parteisoldaten oder Sozialpädagogen, die wiederum nur untereinander in die Kiste zur Zeugung neuer Gesellschaftsschichten springen. Irgendwann werden wir dort enden, woher wir gekommen sind: Im Kürbis.

Besser du rennst ...

Samstag, 16. Oktober 2010

Das Wunder von Berlin

Dank an Heike und Siggi. 73 til_o.

»Das Schönste am Trappistenkäse ist, daß er die Klappe halten muß.« aus: Til van der Hasze; Beglaubigte Werke 2010, Band 2

… ist genau genommen kein Wunder. Gut, ich habe die knapp 200km von der Hauptstadt zurück an die Erdoberfläche fast ohne fremde Hilfe selbst geschafft. Aber wie jede gute Wunde, so spuckt oder eitert auch Berlin Fremdkörper wieder aus. Insofern war es keine große Leistung von mir, das Licht meiner Welt mit all seinen gutartig wuchernden Schatten wieder zu erblicken. Freiwillig dort unten bleiben nur Lichtgestalten die ihre Gründe dafür haben müssen. Denn in Berlin kommt man nicht an, sondern davon. Überall lobpreist man diese Stadt im Vergleich zu New York oder Tokio als die erwachende Weltmetropole – für mich ist sie ein unheilbarer Trümmerbruch aus Vergangenem und krampfhaft neu Beschworenem. Auferstanden aus Ruinen sind dort nur neue marode Hirngespinste aus abwaschbaren Plaste und Elaste des schlechten Zeitgeschmackes expandierenden Kapitals. Aufgebaut, ausgelaugt und wieder abgerissen. Das Hamsterrad als Selbstzweck. »Ist es denn wirklich so, daß wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, nur kopieren müssen? Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des KIK, ALDI, ToysRaus, MacFit und wie das alles heißt, ja, sollte man doch Schluß machen.« Die Fratze des Imperialismus und seines militärisch-industriellen Komplexes ist im Grunde nur ein billiges Austauschgesicht, was man in jeder Stadt bewundern kann. Womit wir in Dresden und dem Startpunkt meiner Ausfallerscheinung wären.


Natürlich habe ich meinen guten alten Seesack als Transporter für diverse Extras wieder herausgekramt. Mein Bettzeug, Kuschelknietschtier, Reiseproviant, der Rechner plus Schreibtisch und der halbe Garten – es ist unglaublich, was da alles reinpaßt – mußte ja gut verpackt mit auf die Reise. Sogar der Container voller Erinnerungen, aus einer Zeit, in der ich noch als hauptberuflicher Dummy von Crashtest zu Crashtest durch die ostberliner, schuttgrauen Dschungelhalbwelt eilte, fand seinen Platz. Als Kompaß oder Orientierungshilfe sollte er mir dienen aber mein Unterbewußtsein verwand ihn besser als Faden der Ariadne, der sich sowieso als roter Strick durch mein Leben spinnt.

Über die Fahrt gibts nicht viel zu berichten. Rauf auf die Autobahn und ab durch die Wüste eben. Die endet genau am Ortseingangsschild Berlin und damit die von Gott, IKEA, Möbel Höffner und McDonalds verlassene Zone Brandenburgs. Bis dahin konnte man ohne Sprit liegenbleiben, weil es keine Tankstellen gibt, und ab da bleibt man liegen, weil man sich nicht für eine der drei Millionen Zapfpunkte entscheiden kann.

Wenn man von seiner Betonpiste, also der Autobahn, nach rechts und links in den Wald, also ins Nichts, sieht, ahnt man, daß es Eisenhüttenstadt, Schwedt oder vielleicht alle Dörfer mit mehr als 16 Seelen in der Mark Brandenburg nie gegeben haben kann. Seit Albrecht dem Bär schon nicht. Es war alles eine riesige Propagandalüge nicht nur der DDR-Regierung. Dort gibt es jetzt nichts, also kann es nie etwas gegeben haben. Außer die paar Eingeborenen mit ihrem orthodoxen Deutsch, die bei der letzten Brandrodung 1945 aufgescheucht wurden. Als in den siebziger Jahren ein Hubschrauber nach ihnen sehen wollte, sind die vor lauter Angst bis hinter den Ural geflohen, und damit weiter ins russische Reich vorgedrungen, als manch Deutscher vor ihnen. Dieses mal ohne Pferd und ohne Panzer. So wurden sie auch mit offenen Armen empfangen. Von Leuten die ein sehr orthodoxes Russisch sprechen.
Vermutlich hatte das DEFA-Trickfilmstudio ein paar Mülltonnen in Großaufnahme gefilmt und das Ganze als Dokumentarfilm über das Eisenhütten-Kombinat inszeniert. Wer fliegende Windmühlen so glaubhaft und authentisch auf die Leinwand bannt, kann auch aus einem Samowar einen Stahlkocher machen. Oder SS-20 Raketen. Je nachdem. Und wir alle haben das geglaubt, so wie wir jeden Scheiß glauben, der Schwarz auf Weiß und ohne viel Federlesen daherkommt. Schlimm nicht?

Bis zum Zielpunkt ging es dann relativ zügig voran. Die Stadt Berlin ist eine einzige Baustelle. Die buddeln und zementieren was die Steuergelder oder der Kreditrahmen hergibt. Aber man hat trotzdem das beruhigende Gefühl, daß die niemals damit fertigwerden. Die Claims sind nur scheinbar abgesteckt und Planfeststellungsverfahren enden nie. Irgendwas bleibt dabei immer auf der Strecke und somit erhalten.

150 Lidlbuden gibt es in Berlin. 333 davon wahrscheinlich vom Ortseingang bis genau 23m neben meiner Unterkunft. Da hätte ich auch zu Hause bleiben können. Hier habe ich es nur 20m bis dahin. Meine Paranoia deswegen ist schon recht paradox. Zu Hause fühle ich mich vom Discounter verfolgt, außerhalb ist er mir vertraut und der Fels in der Konsumbrandung. Natürlich bin ich da gleich mal rein um »Guten Tag« zu sagen. Dem Toastbrot, den Thunfischbüchsen und dem Möhrensaft. Alles gute alte Bekannte von Daheim. Ein »Hallo!« war das! Nur die Kassiererinnen sahen anders aus. An dieser Stelle muß die Konzernleitung noch nachbessern.

Der Abend gestaltete sich entspannt verquatscht und war für mich von neuen Erkenntnissen geprägt. Zum Beispiel, daß man von Berlin bis Hanoi mit dem Zug fahren kann. Im Sommer dort angekommen, besucht man entweder den Sohn des Imbißbesitzers vom Asia-Grill hier an der Ecke, der gerade in theoretischer Kybernetik promoviert hat, oder man vertritt sich besser nur schnell die Beine und fährt wieder zurück, um vor dem Wintereinbruch wieder zu Hause zu sein. Wobei die Jahreszeiten keine Rolle spielen, wenn man sich als Hauptwohnsitz eine Kebabbude erwählt hat, in der man mit der Fernbedienung für den TV-Apparat, oder Dart und Schach spielen kann. Dort läuft man nicht Gefahr, daß einem die Decke, sondern höchstens die Dönerkeule auf den Kopf fällt. Oder das es ein Meilenstein in der Literaturgeschichte ist, wenn man als Schriftsteller für Wert befunden wurde in China mit einem Band verlegt zu werden, auch wenn einem das Warum völlig schleierhaft ist, aber es auch irgendwie doof ist, wenn einem das zugeschickte Belegexemplar kein bißchen bekannt vorkommt. Nun ja, irgendwas ist immer und wir beschlossen, daß es eine gute Sache wäre, wenn wir den kommenden Tag mit einer Straftat und einen Gang über den Friedhof begrüßen würden.

Was wir am Morgen auch taten. Beim Bummel über den Totenacker erfreuten wir uns noch etwas über unser multikulturelles Husarenstück. Aber da ich das Erwachen aus dem Schlaf mir unliebsamer Mitmenschen auch als eine von ihnen begangene strafbare Handlung ansehe, so erkenne ich unser kleines Abenteuer eher als notwendige Maßnahme zur Völkerverständigung mit beiderseitigen Vorteil an.


Das Wetter war schön, vor allem kalt, die Sonne quälte sich über die brüchige, durchlässige Friedhofsmauer in den unvermeidlichen Tag hinein und ich war, friedlich und versöhnlich gestimmt, kurz davor den Opfern der humanitären Anschläge des Kommandos 8. April zu gedenken. Aber so weit ging mein Vergebungszwang dann doch nicht. Außerdem sind die zwar alle schon beerdigt, aber eben noch lange nicht tot.


Nirgendwo ist das Leben und der Tod schöner vereint als auf einem solch gepflegten Trauerbolzplatz. Um den Kontakt zwischen dem überirdischen Dahinsiechen und dem unterirdischen einfach Totsein zu pflegen, bedarf es seit Alters her genau zwei Dinge: Ein Harke und eine Plastegießkanne für die Blumen auf dem Grab der jeweiligen, individuellen Begegnungsstätte. Das man sie hier, getreu dem Einkaufswagenprinzip, nur dann von der Kette bekommt, wenn man einen Euro als Pfand einschiebt, kann ich nur als Verfall der guten Sitten in dieser Gesellschaft werten. Früher hat man die Gießkanne nach der Grabpflege fromm und brav wieder zurückgebracht, ohne sie einfach ins Gebüsch zu schmeißen, wie es heutzutage der Fall zu scheinen ist.
Eine schöne Aufmerksamkeit der Friedhofsverwaltung ist der ebenso ausleihbare, handliche und einfach zu handhabende Morgenstern, der diskret bei den Gießkannen zu finden ist. Damit lassen sich unkompliziert eventuelle Irritationen schnell beseitigen. Etwa, wenn die Alte sich partout wieder aus dem Grab buddeln will, oder der Festredner Knete labert. Buff! Da gibts ein paar auf die Nuss und fertig.

Überhaupt befinden wir, daß es auf dieser Welt viel zu viele Bürger gibt, deren einziger Lebenssinn darin zu bestehen scheint, ihrer Umwelt auf den Nerv zu fallen und ihr den Tag zu vermiesen. Nebenbei schachten diese unermüdlich an ihrem Grab, kommen aber nie am Boden an. Nicht mal das bekommen die fertig und sie sind in allem so konsequent erfolglos, daß sie letztendlich unsterblich werden. Erst wenn unsere Sonne zur Supernova wird und ihr Feuersturm die Erde von der intergalaktischen Sternenkarte tilgt, werden ihre Körper wieder zu einzelnen Atomen zerstrahlt und eins mit den unendlichen Weiten des Weltalls.

So, wie wir nun vergnügt über die verblichenen, ausgegrillten Reste erfolgreicher Mitbürger schlenderten, mußte ich an Douglas Adams und sein Buch »Per Anhalter durch die Galaxis« denken. Wir hatten was von Arthur Dent, Ford Perfekt und Trillian. Das Herz aus Gold mit seinem Unwahrscheinlichkeitsantrieb ist entweder meine Schwester selbst oder ihr uralter Golf Diesel der mich auf diesen Gottesacker portierte. Aber genau so gut zu uns paßte die Figur des Marvin, des Zaphod Beeblebrox oder des Slartibartfaß der uns erklärte, das die Antwort auf den Sinn des Lebens, dem Universum und den ganzen Rest nicht 42 sondern 73 ist.
Natürlich mußte jetzt das unvermeidliche Sofa in unseren Gedankengängen schweben, auf dem Arthur Dent und Ford Perfekt im dritten Teil des Bandes (wie gehabt: »Das Leben, das Universum und der ganze Rest«) durch das Raum-Zeit-Kontinuum reisen, und obwohl auch mein Entschluß, einfach verrückt zu werden um meine Umwelt ertragen zu können, Äonen weit zurückliegt und ich nicht mehr weiß, ob ich ihn damals in die Tat umgesetzt habe, nehme ich bereitwillig darauf Platz.


Aber in der Realität stellt so ein Sofa, wie es in jedem der Bohème verpflichteten Haushalt nicht fehlen darf, nur eine Sonderform des Schwarzen Loches, nämlich das Blaue Loch dar. Durch seine unendliche Massekonzentration verschlingt es nicht Materie oder Licht, sondern es krümmt nur die Zeit zu einer Schleife oder besser zu einem Möbius’schen Band. Man setzt sich darauf, trinkt einen Kaffee, raucht eine Zigarette oder liest in einer Zeitung und schwupps – sind anderthalb Jahre vergangen. (Oder auch nicht. Wir haben doch noch das Jahr 2010? Oder?) Gut beschrieben wird dieses Phänomen in dem Film »Und täglich grüßt das Murmeltier« aber im Unterschied dazu, wird einem selbst nicht bewußt, daß man in einer Zeitschleife festsitzt, so das man das Blaue Loch nicht mehr selbst verlassen kann. Nur später beschleunigt einem die sich kreisende Zeit so, daß man unweigerlich aus der Spur geworfen wird.

»Aus der Spur« kann ein Dauerzustand sein, der, wenn man ihn nicht lenken und beherrschen kann, auch naturbreit genannt wird. Davon bin ich meilenweit entfernt, auch wenn ich mich inzwischen außerstande fühle dieses herbstlich gestimmte, separierte Massengrab wieder zu verlassen, so sehr fasziniert mich der Gedanke von Dresden nach Berlin gefahren zu sein, nur um auf diesen Friedhof vor mich hin zu dämmern. Zeit dafür habe ich ja. Obwohl die Zeit so ziemlich das unwichtigste ist, was es in dieser Welt mit seinen 11 Dimensionen gibt. Man braucht sie nicht um Zustände zu beschreiben und daß man keine hat, sie einem davoneilt oder in den Rücken fällt usw. ist nur pure Einbildung des eigenen übersteigerten Selbstwertgefühls. Die Zeit kümmert sich in Wahrheit nicht um einen, und man kann auch nicht Besitz von ihr erlangen und sie somit wieder verlieren. Die Zeit vergeht einfach ohne wenn und aber, obwohl selbst das nicht erwiesen, sondern nur eine pure Annahme ist. Das beste Beispiel dafür bin ich selbst. Ich stehe hier zwischen Gräbern und weiß, daß dabei Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein und dasselbe ist.


Eigentlich wollte ich in der Hauptstadt ein paar Weihnachtseinkäufe tätigen. Dresdner Stollen besorgen zum Beispiel. Aber der Geheimtipp dazu erwies sich als veraltet und der Laden als insolvent. Aber mal ehrlich überlegt: Wenn der Schuppen wirklich Dresdner Stollen und nicht irgendein gefälschtes Gemehle im Angebot gehabt hätte, wäre er jetzt wohl kaum am Ende. Qualität setzt sich ja durch. Oder?


Womit wir wieder bei meiner Person wären. Die vage Hoffnung, daß ich meinen weiblichen Stalkerclub durch die Fahrt hierher abschütteln könnte, erwies sich als haltlos. Frauenhände beschmieren Tisch und Wände oder wie in diesem Fall, Dachrinnen oder besser deren Fallröhren. Das sie meinen Namen dabei nicht mehr richtig schreiben können, ist der Tatsache geschuldet, daß mein Fanblock schon in der dritten Generation angelangt ist. Der Informationsfluß zwischen ihnen ist wohl leicht ins Stocken geraten. Anders kann ich mir diese, wohl rein rhetorisch gemeinten, Fragen nicht erklären. Sie sind nur mit »gut!« und »natürlich ja!« zu beantworten. Die Zeit, wie gesagt, spielt eben keine Rolle.


Dieses Festzelt erinnerte mich daran, daß wir uns immer noch auf dem Friedhof befinden. Wahrscheinlich wollen sie dort das Novemberfest der Volksmusik mit »’s ist Feierabend, ’s ist Feierabend, das Tagwerk ist vollbracht, ...« begehen. So mit Faßbieranstich, heiterem Urnenraten und einer Gräberfeldtombola. Was weiß ich, was hier in Berlin und in der Partyszene gerade in Mode oder schwer angesagt ist. Zutrauen würde ich denen hier alles – und mir natürlich auch. Ich hatte da eine Idee …


… und das Keyboard war schnell geholt und angestöpselt.
»Somewhere over the Rainbow ...«

Postdingsda: Im allgemeinen nehme ich Versprechen ernst und halte sie auch. Aber wie grüßt man eine Hauptstadt? Soll ich mich auf den Alex stellen und rumbrüllen? Nein. Ich rätselte herum, bis mein Blick auf dieses Kunstwerk fiel:


Also wählte ich auch die Schriftform:


Und siehe da! Es hat geklappt.

Sonntag, 10. Oktober 2010

düdeldüüü ... *g*


Falls sich jemand fragen sollte, was ich den ganzen Tag so mache – das würde mich auch mal interessieren. Egal.
Herbstzeit ist Reisezeit. Entweder ins eigene Ich oder nach Ostberlin. Einen prima Einkaufszettel habe ich dafür schon erstellt.

– Apfelsinen (keine Cuba-Orangen)
– Bananen
– Spee Color
– Berliner Pils
– Dresdner Stollen

Dazu müßten die zwei oder drei Tage reichen. Nebenbei bleibt vielleicht noch Zeit für eine Rundreise über die schönsten TÜP der Warschauer Vertragsstaaten im Umkreis der Frontstadt. Mal sehen. Morgen Mittag kommt das Shuttle. Also bis später.

Donnerstag, 7. Oktober 2010

Herbstzeitverstimmung


Nachkriegsaltneubaugebiet. Kaltgraubraunfeuchte, vernebelte morgendliche Endherbstverstimmung. Einzig, zwar einheitlich, bunt scheinen die gelben, quergestreiften, schaufensterlichen Warnbaken eines Verbrauchertempels zu sein.

»Sind die nicht mehr dicht oder was? Das gibts doch gar nicht!«

Ein Männel rüttelt energisch an der verschlossenen Kaufhallentür. Blauer Anorak, beige Bundfaltenhose, eine silbermetallgefaßte, leicht verschmierte Brille und spärliche, verklebte Haare. Er verkörpert für mich einen in den Herbstmodus geschalteten Kaninchenzüchter, der sich schon lange keine Karnickel mehr leisten kann.

»Die können doch nicht einfach nicht aufmachen? Keiner hat was gesagt und nicht mal ein Schild haben sie hingestellt, um Bescheid zu geben! So geht das doch nicht! Wieso machen die nicht auf?«

Vielleicht weil heute Sonntag ist, gebe ich zu bedenken.

»Sonntag? Heute? Stimmt! Mir war schon vorhin so komisch. Dem Nachbarn, Parterre, sein Auto stand ja noch da. Nicht, daß der verschlafen oder auch keine Arbeit mehr hat! Sonst bin ich ja nicht so früh unterwegs – aber heute ...«

Er schaute mich jetzt so an, wie man jemanden anschaut, der einen versteht und sich dabei beide zu vorgerückter Stunde in einer Stadtteilkneipe befinden. Dabei staune ich nur.

»Das ist doch der Einzigste in unserem Aufgang, der noch Arbeit hat. Die anderen sind doch Rentner oder schon lange nicht mehr dabei. Zu alt – mit Fünfzig! Das muß man sich mal vorstellen! Bis auf die »Jungsche« – zweiter Stock, ganz rechts. Aber die ist allein und hat zwei kleine Kinder. Drei und Fünf. Die kriegt doch auch nichts mehr.
Ein Geschrei ist dort manchmal ...«

Jetzt schaut er schwer philosophisch in das imaginäre Nichts.

»Sonntag – das ist eigentlich ein Tag wie jeder andere auch. Nur das ich da eben nichts einholen kann.«

Es folgt ein schelmisches, um Entschuldigung bittendes Grinsen, was einem etwas ratlosen aber lösungsorientierten Blick in die einkaufsmöglichkeitslose Realität weichen muß.

»Was mache ich denn nun? Ach, ich gehe zum Nachbarn mir was borgen. Dritter Stock mitte-links. Das ist doch auch ein alter DDR-Bürger – der hat sicher was gebunkert.«

Er nickt mir kurz zu – an seiner Brille sehe ich, daß es angefangen hat zu regnen – dreht sich um und steuert auf das nächstgelegene Wohnsilo zu.

Patsch, Patsch – und es regnet, regnet und regnet.

Sonntag, 3. Oktober 2010

versalzen, verkleistert, verformt, ver...


Geschichte schreiben geht so flott, wie das Plätzchenbacken. Man rührt ein paar unerläßliche Zutaten zusammen, knetet sie, bis sie eine homogene Masse bilden, die man dreht und wendet, um sie genüßlich auszuwalzen. Dann nimmt man gefällige, handgewerkelte Formen, sticht kleine Salzteigfigürchen aus dem Plattgewalzten und schiebt sie zur Haltbarmachung, als historisches Ereignis, in den Backofen des Zeitgeschmackes.
Manches mißlingt dabei. Es verbrennt zu Matsch. Aber mein alter Brieffreund Napoleon Bonaparte meint, daß dies nicht so schlimm wäre, da man sich über den Endsieg einigen kann, wenn man, daß unter den Tisch gefallene, als Vergleich, auf den Müllhaufen der Geschichte verbannt.

Was dabei zählt und zählte, ist der olympische Gedanke: Dabei sein ist alles.

Salzteig:
– 1 Tasse Mehl
– 1 Tasse Salz
– 8–10 Esslöffel Wasser
– 1 Tasse Tapetenkleister
Die ausgebackenen Figuren können, nach Belieben, beklebt und angemalt werden, sie sind aber für den menschlichen Verzehr ungeeignet.