Untergehen ist das Eine, unter der Oberfläche bleiben das Andere. ;-)

Dienstag, 2. August 2011

Der Boden der Realität kann so etwas von hart sein ... Teil 10 (4. von 5)


Großstadtdschungel, dieselbe gemütliche Hinterhofküche wie immer, mit einem Küchentisch, darauf sechs brennende Kerzen, eine geleerte Flasche Rotwein, 29 volle Flaschen und ein halbvoller Aschenbecher. Es wird wieder ein durchlachter und verlaberter freundschaftlicher Abend werden. Sie schaut aus dem Fenster und er lehnt sich müde zurück.

»Ist das wieder ein Scheißwetter heute – Mensch, der November macht mich schon wieder alle. Kein Licht. Früh, wenn man auf Arbeit geht ist es dunkel und abends, wenn es wieder nach Hause geht auch. Zwischendurch ist es nur grau. Der Sommer war viel zu kurz! Hast du heute noch etwas vor? Ich meine: Hier stehen jede Menge volle Flaschen rum …«

»Ach, die sind vom Baumarkt. Die Frau Rot-Weiß-Erfurt rief mich gestern an. Ich würde doch so gerne billige Tafelweinplörre trinken. Sie wäre gerade im Heimwerkermarkt auf der Goethe-Allee. Da gäbe es eine Sonderaktion zum Weinfest im Markt. Die Literflasche für einen Euro. Die Abgabe wäre nur in haushaltsüblichen Mengen möglich. Also bin ich heute dahin gefahren und habe mir 60 Flaschen geholt. Die Kassiererin hat erst bei den vielen Kartons gestutzt, dann gegrinst und mir zugezwinkert. Mit meinem Charme habe ich bis jetzt jede Frau herumgekriegt. 10 Kartons sind ja nicht haushaltsüblich!«

»Bei dir schon! Das hat die sofort erkannt! So schlecht schmeckt der gar nicht. Aber das du gern Billig-Plörre trinkst, hat sich also schon bis zu der Frau Rot-Weiß-Erfurt herumgesprochen. Manchmal hasse ich diese Stadt!«

»Wieso sollte ich diese Plörre gerne trinken? Ich muß einfach!«

»Wieso mußt du? Kauf dir doch einfach vernünftigen Wein!«

»Ach, was weiß ich. Vielleicht bin ich auf einem Selbstbestrafungstrip. Für was auch immer. Keine Ahnung. Ich muß mal wieder zum Psycho ›klar Schiff‹ machen. Irgendein Ding haben wir doch alle ab ü.-dreißig an der Waffel.«

»Geh doch! Solange der dir nicht das Kochen abgewöhnt – es war wieder lecker! Bin ich vollgefuttert! Die Plinsen! Ein Bißchen dünn aber dadurch kann man auch mehr davon essen, und die Marmelade verteilt sich durch das rollen besser. Der Kesselgulasch vorher, war auch eine Wucht! Obwohl es kein richtiger Kesselgulasch ist.«

»Das sind Palatschinken! Die müssen so dünn sein! Und wieso soll der Kesselgulasch kein echter gewesen sein?«

»Na, der wird doch über einem offenen Feuer gemacht! Wo sind eigentlich die übrigen Flaschen?«

»Der schmeckt schon, wie ein richtiger Kesselgulasch. Auch wenn es nicht so aussieht, weiß ich schon immer ganz genau, was ich mache. Ich bin heute früh runter an den Grill und habe mir etwas Holzkohle und Asche abgefüllt. Deswegen schmeckt dieser hier so schön rauchig. Ohne den geht es doch gar nicht! Die restlichen Pullen liegen noch im Auto. Die hole ich erst hoch, wenn die hier alle sind. So wie du guckst, wird das morgen sein.«

»Nein, vergiß es. Ich will heute beizeiten zu Hause sein. Da kommt eine Dokumentationsreihe über Serienkiller im Fernseher. Auf Pro Ableben. Heute ist Jack the Ripper dran! Ich interessiere mich doch wieder für etwas! Du, der soll 5 Frauen in 3 Monaten ermordet haben!«

»Fünf Frauen in drei Monaten zu ermorden, ist für einen Serienkiller wenig effektiv. Alles Legende! Der hat sie auch nicht aufgeschlitzt, sondern als Sozialpädagoge der ersten Stunde totgeredet. So etwas dauert länger. Aber es stimmt. Du scheinst wieder interessant zu werden. Du erinnerst mich wieder an die, die ich damals kennengelernt habe. Leicht bis mittelschwer depressiv aber für die schönen Dinge im Leben aufgeschlossen.«

»Blödmann! Ich war nur beim Friseur! Mal was neues ausprobieren.«

»Lasse mich raten: Neue Frisur ist gleich ein neues Leben?«

»So in etwa. Mensch, mir ging es doch nur noch Scheiße. Meine Arbeit macht mir sonst Spaß und sie füllt mich auch aus. Aber dort ging gar nichts mehr. Ich habe nur noch aufgepaßt, daß ich bloß keine Fehler mehr mache. Und genau deswegen ist mir immer mehr passiert. Mein Chef war nur noch stinkig. Ich dachte schon, ich fliege da bald raus.«

»Das wird er nie tun. Du schmeißt ihm ja den Laden. Das wißt ihr Beide.«

»Aber zu Hause ging auch nichts mehr. Nach der Arbeit habe ich mir nur noch etwas zu essen gemacht. Dann bin ich auf das Sofa gekrochen oder gleich ins Bett. Weißt du, wie es bei mir aussieht? In deinem Sperrmüllcontainer hier fühle ich mich eher zu Hause, als in meiner Wohnung. Dort verwahre ich mich nur aber lebe nicht.
Dann frage ich mich immer, was ich bloß falsch mache. Keine meiner Wünsche ist bis jetzt in Erfüllung gegangen. Kein Kind, kein Mann und keine kleine Familie. Mit wem auch? Ich könnte heulen! Was ich sowieso bei jedem kleinsten Anlaß getan habe.«

»Aber du kannst doch nichts erzwingen Schnecke. Wenn nicht jetzt, dann passiert es im nächsten Leben.«

»Das weiß ich auch! Dann frage ich mich, was passiert, wenn ich mich unglücklich verlieben sollte. Das es mir vielleicht so ergeht wie dir! Davor habe ich mehr Angst, als vor dem Alleinsein.«

»Wie ist es mir denn ergangen? In der Liebe gibt es nun mal keine Garantieurkunde oder Rückfahrkarte. Entweder man läßt sich darauf ein oder man läßt es eben bleiben! Außerdem bist du nicht allein. Es gibt schließlich jemanden, der mit dir redet und dir ab und zu ein leckeres Essen kocht. Das muß reichen!«

»Es reicht mir aber nicht! Und, wenn der Herr sich noch daran erinnern kann: Als er sich das letztemal dazu herabließ sich zu verlieben, wurde er von der Dame völlig zerrieben. Davon hast du dich doch bis heute nicht erholt!«

»Aber ich werde es! Irgendwann werde ich mit der Sache abschließen können. Dann gibt es auch wieder Platz für etwas Neues. Alles andere wäre nicht nur Selbstbetrug.«

»Ja, ja, ich weiß: Wenn nicht in diesem Leben glücklich werden, dann eben im Nächsten.«

»Na und? Bis dahin halte ich mich an Fischefrauen. Die können mir nicht gefährlich werden und ich ihnen auch nicht. Und zerrieben … Na, nicht ganz. Sie konnte doch auch nichts dafür. Ein Skorpion mit dem Aszendenten Zwilling ist der Giftcocktail für jeden Widder! Nur wußte ich das damals nicht.«

»Hör auf mit dieser Astroentschuldigungsnummer! Das macht ihr Verhalten auch nicht besser. Kurze Zwischenfrage: Was macht das Fischlein? Spanngurte kaufen?«

»Kurze Zwischenantwort: Nein. Sie ist in den Abwasserkanal der Geschichte eingetaucht.«

»Wie geplant also.«

»Sie konnte wirklich nichts dafür. Schau doch mal: Die wußte doch gar nicht, daß ich mich in sie verliebt hatte. Als sie merkte, daß sie mich zerstört, hat sie die Notbremse gezogen, weil sie das nicht zulassen konnte. Ich weiß doch selber, daß ich nicht in ihr Leben passe.«

»Die hat dich so gerne gehabt, daß sie dir zum Abschluß noch so richtig eine reingewürgt hat. Sie mußte unbedingt diese völlig idiotische Nummer durchziehen. Daß ihr nicht wirklich zusammen wart, macht mir besonders Angst. Und klar hat die gewußt, daß du sie geliebt hast. Das merkt doch jede Frau! Wenn sie schon mal geliebt wird.«

»Was hätte sie denn tun sollen? Ich sollte richtig Wut auf sie bekommen, damit ich sie schneller vergesse. Außerdem brauchte sie etwas, damit sie vor sich selber gut da steht. Das sie nicht das Gefühl hat, schuldig zu sein. Gleichzeitig hat sie sich damit den Rückweg zu mir verbaut. So kann sie mir nicht mehr weh tun.«

»Das ist deine Version. Wie es wirklich war, weißt du doch gar nicht!«

»Das ist mir auch völlig egal, weil es nicht wichtig ist! Mit dieser Version kann ich nämlich ganz gut leben! Jeder von uns braucht eine ihm genehme Version vom Leben, um überleben zu können! Und diese Version ist mir wesentlich lieber, als die der anderen in die Tonne gekloppten Männer. Diese Litanei von dem ›Verarscht-worden-sein‹ kotzt mich nur noch an. Man verarscht sich immer nur selbst, in dem man in den anderen Erwartungen setzt, die dieser gar nicht erfüllen kann. Außerdem ist die Schuldfrage beim Scheitern einer Beziehung völliger Unsinn. Keiner von beiden hat Schuld! Es hat halt nicht gepaßt. Fertig! Nur weil wir das nicht in unseren Kopf bekommen, brauchen wir diese verschiedenen Versionen. Vielleicht haben wir auch zu gut zueinander gepaßt? Unsere Schwingungen hatten haargenau dieselbe Wellenlänge? In der Physik nennt man das Resonanzkatastrophe! Das Stärkere zerstört dabei das Schwächere!«

»Ach, jetzt wird schon die Physik bemüht? Für deine persönliche Lebenslüge? Es ist aber schön, daß mal ein Mann zugibt, einer Frau unterlegen gewesen zu sein.
Ach egal. Jedenfalls stieg dann mein Magen aus. Die Ärzte konnten nichts finden. Kein Geschwür, keine Entzündung, nichts. Trotzdem blieb nichts drin. Es wäre wohl eine psychosomatische Störung.«

»Trenne dich einfach von deinen zwei niedlichen und putzigen Idioten, und nehme dein Leben wieder in die eigene Hand! Schaue einfach, was dir gut tut und mach das auch. Fang wieder an zu leben! Schaffe dir kleine Erfolgserlebnisse, die dein Selbstbewußtsein stärken. Einfach mal aufwaschen! Oder Fenster putzen! Lerne irgendwas. Am besten eine Sprache! Plane Abenteuerurlaube! Knalle dir den Terminkalender voll, dann kommst du nicht auf dumme Gedanken. Lebe wild und gefährlich! Habe Sex! Egal mit wem! Du mußt einfach wieder lernen Spaß am Leben zu haben. Dann kommt der Partner von alleine. Du weißt doch: Was man selbst ausstrahlt, zieht man auch an. Im Moment hast du dich auf Null geschaltet. Also ziehst du auch nur Nullnummern an.«

»Komisch, das hat der Psycho auch gesagt. Das der Partner nicht das wichtigste im Leben ist. Und das es manchmal besser ist, keinen zu haben. Wenn der einem nicht gut tut, ist es besser allein zu sein. Aber wenn ich nun gar keinen mehr bekomme? Alleinsein ist doch Scheiße. Und du? Kannst du dir vorstellen immer ohne Partnerin zu sein? Deine Meßlatte liegt doch so hoch, daß keine Frau mehr darüber springen kann.«

»Quatsch Meßlatte. Sie muß mich nur ausreichend faszinieren. Das ist alles. Wenn ich keine Partnerin mehr finden kann, ist das auch nicht so schlimm. Ich hatte ja das Glück eine zu haben. Auch wenn es nur eine Beziehung gewesen ist, die als Freundschaft getarnt war. Dieses Glück haben nur die wenigsten Menschen. Ich bin da wesentlich besser dran, als die meisten anderen.
Du warst beim Psycho? Daß du einen dringend nötig hast, weiß ich. Sonst würdest du nicht hier regelmäßig aufschlagen. Aber meine Magie hält nur zwei, drei Tage an. Ich kann den Fachmann nicht ersetzen.«

»Eben. Du zählst nicht. Du hast eine andere Funktion in meinem Leben. Und richtig: Ich war beim Psycho. Als die Einladung zum Klassentreffen kam, war ich am Ende. Was sollte ich denen denn erzählen? Das ich es in meinem Leben zu nichts gebracht habe? Das ich keine superglückliche Familie mit zwei Kindern habe? Das mich keiner will?«

»Quatsch. Bei den Niedlichen und Putzigen ist dein Marktwert durch die Wolken geknallt.«

»Aber die nützen mir doch nichts!«

»Schön, daß du es endlich einsiehst! Und überhaupt: Du bist gesund! Zumindest körperlich. Du hast das Abitur und einen Beruf der dir gefällt. Zumindest hast du auch einen Freund. Der ist mehr wert als ein Partner. Einen richtigen Freund hast du dein ganzes Leben lang. Einen Partner vielleicht nur ein paar Jahre. Was beschwerst du dich denn da? Weißt du überhaupt, ob die wirklich so superglücklich in ihren Familien sind? Mir fällt da spontan die Aleksa ein.«

»Du hast ja recht. Ich habe nur Schiß vor ihren blöden Witzen. Diese Vollidioten schleppen doch immer noch Konflikte aus der Schulzeit mit sich herum. Anstatt menschliche Größe zu zeigen und darüber zu stehen, sticheln die immer noch. Beim letzten Treffen hat die Gustl geprahlt, daß sie einen Dorfgasthof übernommen hat und demnächst heiraten wird. Sofort kam die Frage, ob sie den Bauern in ihrer Kneipe kennengelernt hat. Ich habe keinen Bock auf diesen Scheiß! Der Aleksa geht es genau so. Die war auch völlig fertig, als sie die Einladung bekommen hat. Wir haben doch das Abitur zusammen gemacht. Aber die kann wenigstens eine Hochzeit vorweisen!«

»Dein ›eine Hochzeit vorweisen‹ läßt auch tief blicken. Eine ›Ehe vorweisen‹ wäre wohl treffender. Aber das kann sie nicht. So ehrlich, wie sie meistens ist. Wie geht es ihr? Was gibt es Neues? Wart ihr zusammen beim Psycho?«

»Ja, wir haben uns dort rein zufällig getroffen. Ihr ging es genau so wie mir. Kein Kind, keine Familie, obwohl sie verheiratet ist. Ihr Kerl würde nur Geschichten erzählen aber nichts tun. Sie stagnierte genau wie ich. Sie hatte auch nichts, auf was sie hinarbeiten könnte und auf das sie sich freuen kann. Sie hat inzwischen – wie ihr Mann – auch nur noch in der einen Hand die Zigarette und in der anderen die Tasse Kaffee, damit sie keine Hand mehr frei für etwas Nützliches hat. Ansonsten würden sie sich nur noch auf den Keks gehen. Was aber beide nicht zugeben können, weil sie erst ein paar Monate verheiratet sind. Da gilt man schließlich als noch glücklich.
Dann kam die endgültige Bedrohung durch die Einladung. Genau wie ich wußte sie sofort, daß sie jetzt professionelle Hilfe braucht, um nicht abzudriften. Also waren wir zeitgleich beim Psycho.«

»Bei dem Selben? Das ist doch höchst unwahrscheinlich. Psychos gibt es wie Sand am Meer und man braucht im Schnitt 10 Jahre, um den zu finden, der zu einem selber paßt.«


»Das war sogar sehr wahrscheinlich. Das ist doch die einzige Praxis in der Stadt, die nach modernen Methoden arbeitet. Außerdem haben die sich auf Frauen ab Mitte 20 bis Mitte 30 spezialisiert. Bei jüngeren Frauen würde der Hausarzt reichen und die Älteren wären sowieso therapieresistent. Da würde nur regelmäßige harte Chemie helfen.«

»Was sind denn moderne Methoden? Auspeitschen? Das gibt es schon seit über 6000 Jahren. Geholfen hat das nie.«

»Du Arsch! Nein, das ist etwas völlig Neues und wurde von amerikanischen Wissenschaftlern entwickelt. Das nennt sich Turbo-Therapie und eine Sitzung würde für den Rest des Lebens reichen. Also paß auf: Du gehst dort hin. Ohne Termin. Egal ob du gesetzlich oder privat versichert bist – keine Krankenkasse bezahlt das ja – kommst du innerhalb von 2 Stunden dran. Das funktioniert, weil die gleich mehrere Patienten gleichzeitig abfertigen. Du mußt nur der Sprechstundenhilfe einen groben Abriß deiner Probleme erzählen.«

»Ich erzähle der gar nichts! Ist dir schon mal aufgefallen, daß du heute noch gar keinen Wein holen warst?«

»Weil der schon hier auf dem Tisch steht! Mensch! Laß mich doch mal ausreden!«

»Das sind moderne Methoden! Gut, sprich dich aus.«

»Also die Sprechstundenhilfe faßt die Problemlagen zusammen. Da es mir genau so wie der Aleksa ging, saßen wir beide im Behandlungszimmer. Dort erwarteten uns zwei Psychos. Am Anfang tun die ganz harmlos. Sie bieten dir Kaffee an und fragen dich nach scheinbar Nebensächlichen. Was die da aus mir herausgeholt haben! Unglaublich, was ich denen alles erzählt habe, obwohl die Aleksa neben mir saß. Das ist mir erst hinterher bewußt geworden. Egal, jedenfalls fühlte ich mich bei denen auf der sicheren Seite.«

»Bei Psychos kannst du dir nie sicher sein. Die haben doch selber ein Ding an der Waffel. Sonst würden die dich ja nicht so gut verstehen.«

»Würdest du deine blödsinnigen Kommentare mal lassen? Danke! Aber dann legten die Beiden los! Wie bei einem Kreuzverhör! Das Prinzip ist das gleiche: Böser Bulle, guter Bulle. Der eine macht dich fertig und der andere baut dich auf. Irrsinn! Nach einer halben Stunde sind wir beide da am Boden zerstört und heulend herausgerannt. Ich gehe da nie wieder hin! Mir hat es ja geholfen. Der Aleksa erstmal auch. Ich bin so motiviert der Welt zu beweisen, daß ich keine unnütze, unattraktive Schlampe bin! Das ich mein Leben alleine in den Griff bekomme! Das ich mir selbst auch etwas Gutes tun kann. Am selben Tag habe ich mich von meinen zwei Heinis getrennt und mir die erste Fernsehstaffel von den Serienkillern reingezogen. Hochinteressant sage ich dir! Seitdem geht es mir wieder etwas besser. Und es wird mir immer besser gehen! Im Fitti habe ich mich auch schon wieder angemeldet.«

»Und Aleksa? Wie geht es der jetzt?«

»Da gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht. Welche …?«

»Die gute!«

»Ihr Mann liegt im Krankenhaus.«

»Die schlechte?«

»Die Aleksa auch. Aber nicht auf derselben Station. Ich fange mal von vorne an. Also die Aleksa ist doch blind wie ein Maulwurf. Die sieht doch nichts weiter. Ihr Auto fuhr sie doch auch nur noch nach Gefühl. Über die Jahre ist das immer schlimmer geworden. Nach unserer Psycho-Sitzung hat sie beschlossen nun endlich mal etwas für sich zu tun. Also ist sie zum Optiker und hat sich ein Brillengestell herausgesucht. Sie ist auch sofort fündig geworden. Walpurgisnacht heißt das Modell und es steht ihr wirklich gut. Dann haben sie ihre Sehstärke bestimmt und ein paar Tage später hat sie das Teil abgeholt. Das ist jetzt ungefähr 14 Tage her.
Egal. Unterwegs nach Hause beschlich sie schon so ein komisches Gefühl, ob das wirklich so eine gute Idee mit der Brille wäre. Sie mußte doch noch mit der Straßenbahn fahren, weil ihr Auto mangels Kapital immer noch kaputt ist. Das Novemberwetter, die Fahrgäste – das ganze Elend sah sie nun auch noch haarscharf! Ich meine: Die hatte einen Scheißmonat hinter sich. Eine Scheißwoche! Der Tag ist alles andere als gut gelaufen. Sie macht die Vorgartentür auf und sie sieht die natürlich immer noch kaputten Gehwegplatten überdeutlich. Die Frau war sowieso schon wieder am Ende, da hört sie auch noch lautstarkes Gezeter im Garten!

Sie bog völlig entnervt um die Ecke und sah, wie ein Mann im Apfelbaum rumturnt. So ein alter häßlicher Vogel, der mindestens eine Flasche Wodka intus hat, so wie der rumlallt. Der schreit, er hätte eine Perverse geheiratet. die ihn im Keller einsperren und foltern will. Die Aleksa war schlichtweg völlig überfordert und sie sah nur noch Rot. Anstatt die Polizei, hat sie über Funk nur den Notarzt angefordert und den Nachbarn gerufen. Der war gerade den Müll runterschaffen. Was jetzt kommt, wäre alles nicht passiert, wenn der seine Brille aufgehabt hätte. Mit dem Apfelpflücker haben sie den Typen vom Baum geholt. Dabei brach er sich ein Bein, was ihm aber nicht davon abhielt, wild auf die Beiden einzuschlagen. Bei dem Gerangel ist ihr die Brille von der Nase gerutscht und sie hat, in dem völlig Besoffenen, das wiedererkannt, was sie ehelichte.

Sie hat sich ihre Brille wieder aufgesetzt, ist sofort in Ohnmacht und dem Notarzt in die Arme gefallen. Der kennt die Aleksa von früher. Die hatten doch mal was miteinander. Also trug er sie ins Haus, legte sie auf das Sofa und genoß ihre Ohnmacht. Dabei entdeckte er ihre Spielzeugkiste und bestaunte deren Inhalt. Aleksas Unterbewußtsein hatte ihr selbst einen Streich gespielt. Die war so frustriert, daß sie dringend eine Änderung in ihrem Leben herbeiführen wollte. Offen hat sie sich das nicht getraut, also hat ihr Unterbewußtsein eine Initialzündung herbeigeführt. Sie hat die Kiste einfach offen stehen gelassen. Ihr Mann mußte ja völlig austicken bei dem Inhalt.«

»Blödsinn, den Vibrator hat er ihr doch selber geschenkt. Da tickt der doch nicht aus.«

»Mensch! Der hat ihre richtige Spielzeugkiste gefunden! Nicht die ganz kleine! Der hat doch keine Ahnung von dem, was der Aleksa wirklich Spaß macht. Der Typ kommt doch aus dem Allgäu! Dort haben die nur zur Fortpflanzung Sex und das auch erst nach Rücksprache mit dem Dorfpfarrer. Das er ihr das Spaßteil schenken konnte, ohne den Bannstrahl Gottes zu fürchten, liegt einfach daran, daß er seit über 40 Jahren hier in der zivilisierten Welt wohnt.
Das meiste Zeug ist ja relativ harmlos. Handschellen, Stachelhalsband, ein paar Baumwollseile, pinkfarbene Spanngurte – frisch gebügelt usw. Der übliche Kram eben. Aber ihr Mann hat, genau wie der Notarzt auch ihre Deko für bare Münze genommen!«

»Ihre was? Deko…«

»Dekoration. Die Aleksa steht doch auf Mittelalterzeug. Also hat die noch so einen Kram den sie sich, um ordentlich in Demut fallen zu können, nur in die Bude stellt aber nicht benutzt. So einen Morgenstern, einen zusammenklappbaren Mini-Pranger, Daumenschrauben, Keuschheitsgürtel, Brandmarken und all so ein Zeug.«

»Aua, wie peinlich!«

»Das hat der Notarzt auch gesagt, als sie wieder munter wurde. Und das er schon immer geahnt hat, wie sie so veranlagt ist. Und das es ganz gut wäre, daß sie sich damals getrennt haben. So etwas hätte er ihr nie machen können. Das wäre mit seinem abgelegten Eid des Hippokrates unvereinbar.«

»Blödmann.«

»Das hat die Aleksa auch gesagt. Dann ist sie ganz weiß geworden. Sie hat ihn, trotz Brille, wiedererkannt. Den Notarzt-Typen mit dem sie früher auch in der Kiste war. Da mußte sie sich übergeben und ihr kam ein schlimmer Verdacht. Der Arzt ist in den Garten geschlichen, das Schmetterbruchbein schienen und sie ist in die Straßenbahn gerannt, um zum Fotografen zu fahren. Der von ihrer Hochzeit. Mit dem sie auch mal was hatte. Als der die Tür aufmachte, bekam sie einen Schreikrampf. Kotzen konnte sie ja nicht mehr. Weil der Magen schon leer war. Dann ist sie zum Barden. Mit dem sie in der Hochzeitnacht … Der war nicht zu Hause. Dann ist sie weiter zum nächsten Verblichenen. Überall dasselbe: Schreikrampf. Ich habe keine Ahnung, bei wem die noch überall war.«

»Bei mir nicht.«

»Das wollte sie sich bestimmt nicht auch noch antun oder du hast einfach Glück gehabt. Gestoppt wurde sie im Baumarkt von der Frau Rot-Weiß-Erfurt. Die sagte sich, daß ein Einkaufswagen mit 20 Äxten, eine am ganzen Körper bebende und hysterisch schluchzende Aleksa nicht gesund sein kann und alarmierte den Notarzt. Dieser hatte gerade ihren Mann im Krankenhaus abgeliefert und er verpaßte der Aleksa eine doppelte K.-O. Spritze, wobei er sich Vorwürfe machte. In diesem Zustand hätte er sie schon vorher aus dem Verkehr ziehen müssen.
Übrigens: Ist dir schon mal aufgefallen, daß sich die Frau Rot-Weiß-Erfurt den ganzen Tag in Baumärkten rumtreibt aber nie etwas kauft?«

»Na und? Die Aleksa war doch auch auf dem Trödel-Markt zu Hause und sie hat nie etwas gekauft.«

»Weil sie mit Trödel immer in einer Beziehung lebte. Den brauchte sie ja nicht mehr kaufen.«

»Ha, ha! Ach, was weiß ich, was die Frau zu verarbeiten hat. Ich sagte doch: Mit über dreißig haben wir alle ein Ding an der Waffel.«

»Die ist noch keine 30!«

»Man ist so alt, wie man sich fühlt! Wie geht es der Aleksa jetzt? Warst du sie besuchen?«

»Ja, gestern. Es geht ihr wieder besser. Ihr plötzlich aufgetretener Waschzwang verschwindet langsam wieder. Sie muß nicht mehr gleich unter die Dusche, wenn sie einen Mann sieht.«

»Das hätte sie mal früher machen sollen! Die hat manchmal gemuffelt. Das reine Vergnügen war das oft nicht.«

»Du bist so ein Arsch! Ich könnte dich!«

»Das geht jetzt nicht. Scheidung eingereicht?«

»Was geht jetzt nicht? Nein, ich frage lieber nicht. Da kommt eh nur Gülle. Ja klar, die Scheidung hat sie beantragt und sie hofft, daß sie aus der Nummer schnell wieder rauskommt, weil die Ehe nie vollzogen wurde.«

»Ich dachte nicht, daß die sich mal im Krankenhaus wiederfinden und sich scheiden lassen.«

»Wieso? Das war doch abzusehen. Du kennst doch die Aleksa besser als ich!«

»Eben! Ich habe eher auf ein Krematorium getippt. Das die sich mal gegenseitig erschlagen.«

»Nein. Dafür ist sie zu jung und er zu alt.«

»Und, wie lange will sie da drin bleiben?«

»Bis das Buch fertig ist. Ihre Krankenkasse hat grünes Licht gegeben, weil die fertig gedruckte Schwarte, wenn sie in genügend Frauenhände gelangt, ein Millionen-Kosten-Ersparnis wäre und diese klinisch tote Umgebung würde sie bestens zum Schreiben inspirieren.«

»Was für ein Buch?«

»Na ihre Ärztin hat gemeint, daß sie ihre Ehe am besten verarbeitet, wenn sie sich alles von der Seele schreibt. Da hat die Aleksa angefangen zu tippen. Wie eine Blöde. Zwanzig Seiten am Tag. Das hat die Frau Doktor gelesen und sie ist vor Lachen unter den Tisch gerutscht. Sie meint, daß sie noch nie von solchen Strategien gehört hat, wie man eine Frau so unter Druck setzen kann, daß sie letztendlich glaubt selbst Schuld an ihrer Ehe-Misere zu sein. Damit sie nicht aufbegehrt und alles hinnimmt. Und das ihr Mann schon oft verheiratet gewesen sein muß.«

»War er ja auch. Tja, Lebenserfahrung kann manchmal Gold wert sein.«

»Das hat sich die Ärztin auch gesagt und den Anfang vom Manuskript, mit Aleksas Einverständnis, an verschiedene Verlage geschickt. Ein Ratgeberbuch soll es werden. Titel: ›Wie man eine Frau hin- und bei Laune hält.‹ Als Antwort kam dann, daß sie solch einen Dreck schon zu oft verlegt haben. Da es aber immer noch genug Idioten gibt, die so etwas kaufen werden, würden sie es mal lesen. Jetzt stehen die Telefone nicht mehr still, weil die sich um das Manuskript kloppen. 365 Seiten sollen es nun werden. Jede Seite ein Tipp für jeden Tag im Jahr. Ein Astrologe soll dann noch sortieren und die Reihenfolge festlegen.«

»Die Aleksa wird also berühmt. Für irgendwas muß ihre Ehe ja gut gewesen sein.«

»Sie wird nicht berühmt. Das Buch erscheint unter dem Pseudonym B. B. Keine Ahnung was das soll. Ich habe sie danach gefragt aber sie hat mich nur blöde angegrinst. Das wird wohl ewig ihr Geheimnis bleiben.«

»So, genug geschwatzt. Das Ripperchen fängt bald an. Da wolltest du zu Hause sein.«

»Ist das ein Rausschmiß? Das ist ja ganz was Neues! Ich kann noch gar nicht gehen! Ich habe nämlich noch nicht ›Sadist‹ brüllen können, damit es aufhört mit regnen. Soll ich nun naß werden oder was?«

»Hm, du ich habe vorhin etwas geflunkert. Das Fischlein ist doch noch nicht Geschichte. Ich kann doch so schlecht nein sagen … Dann habe ich irgendwie die Termine vermischt. Ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Jedenfalls war sie eine halbe Stunde vor dir hier und sie ist jetzt im Arbeitszimmer.«

»Ach? Und warum ist sie nicht mit in die Küche gekommen? Was essen und schwatzen? Ist Madame etwas Besseres?«

»Sie kann nicht: Spanngurte.«

»SADIST!«

Und schlagartig hört es auf mit regnen.

Totgeschriebene leben länger ...

Kommentare:

  1. Hachnee, das ist wieder mal zu lang für den Gutenmorgenkaffee. Reichts halt länger! Ich hab mir mit nem Edding (oder, wie man zu Friedenszeiten sagte, nem "Filzer") die Stelle auf dem Monitor markiert, wo ich aufhören musste. Bis später & nen erträglichen Tag! ;o)

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  2. *g* Genau das habe ich meiner werten Leserschaft in meinem alten Block vor Jahren empfohlen.

    Ja, dir auch. Morgen oder übermorgen soll es ja wieder November werden. Bis denne!

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  3. So, mit einem Schüsselchen Tomatensalat, Kaffee und phonstarkem Soundtrack zu Ende gelesen. Scheiss aufs gute Wetter!

    Als erstes fällt mir ins Auge, dass diesmal weniger (oder gar nichts) vom Wein getrunken wurde und auch keine Zigaretten zum Einsatz kamen. Til_o. als neuer Gesundheitsapostel, haha?!? Kann man wie immer hoffen, dass nicht alles nur halb so autobiographisch sein möge, wie es auf den ersten Blick wirkt. Wenn doch, graut mir vorm Älterwerden! ;o)

    Und die Erkenntnis, dass ein leicht verschwommener Blick zuweilen nicht verkehrt ist, ist nicht neu, aber richtig. Kann man sich antrinken, oder durch einen angeborenen Sehfehler, was deutlich preiswerter ist, erleben.

    Jetzt kann ich den Edding wieder abrubbeln...

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  4. Ja, in diesem Teil schleift der Weinkonsum etwas, aber das nächstemal wird nicht nur dabei unmenschliches geleistet. *g* Da könnte die Angst vorm Alter neue Qualitäten annehmen. ;-)
    Leg den Edding mal nicht so weit weg ...

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