Untergehen ist das Eine, unter der Oberfläche bleiben das Andere. ;-)

Mittwoch, 1. Mai 2013

mobiler Geierservice


Der Titel führt etwas in die Irre – Geier waren weder vor Ort, noch sind sie Mitglied im mobilen Ensemble des geladenen Falkners – aber wir haben im Moment Kapitalismus und somit kann ich mit der Wahrheit etwas flexibler umgehen, um das berechtigte Interesse dieser, von mir im Folgenden angepriesenen, Kleinkunsttruppe nach Gewinnmaximierung voranzutreiben. Klappern gehört zum Handwerk. Das weiß jeder. Aber jeder weiß auch, daß es in dieser fortgeschrittenen Gesellschaftsordnung im Endstadium einem fast unmöglich gemacht wird, über etwas zu berichten ohne Post von einem, sagen wir: geschäftstüchtigen Anwalt zu bekommen. Dieser ist verpflichtet, eine schon unüberschaubare Ansammlung von verschiedenen Rechten im Interesse seines Geldbeutels durchzusetzen.

Was es da nicht alles gibt: Persönlichkeitsrecht (was als solches gar nicht ausdrücklich geregelt ist), das Bildnisrecht und das Recht am eigenen gesprochenen und geschriebenen Wort, Urheberrecht, Schutz der Menschenwürde und diverse andere Schutzrechte. Das sieht keine Sau mehr durch. Ich weiß nicht mal, ob ich ein Schwein als Schwein oder Sau bezeichnen darf oder ob das Tierschutzgesetz dies verbietet. Obwohl de jure Tiere keine Persönlichkeit besitzen, ich sie demnach nicht beleidigen kann, und als Sache gelten. Tierquälerei wäre demnach eine Sachbeschädigung. Eine grundlose, vorsätzliche Sachbeschädigung mit Todesfolge ist auch verboten – fragen sie ihren Tierarzt – auch wenn die Sache zu meinem Eigentum gehört. Was wiederum irgendein Schutzrecht genießt.

Sei es, wie es sei. Ich habe beschlossen, mich im folgenden Artikel etwas ängstlich zu geben und alles, was irgendwie im Verdacht steht ein Recht zu beeinträchtigen, unkenntlich zu machen. Entweder durch verpixelte Photos oder durch ein »Piep« »Ton« im Text. Letzteres paßt auch gut zum Thema.

Eines wunderschönen Morgens erreichte mich also die Kunde, daß in der »Piep« der Falkner vom »Piep« eine Vogelvorführung abhält. So etwas gilt als pädagogisch wertvoll und als Abwechslung im trüben »Piep« Alltag. Außerdem beugt es Fehlbildung in Heimatkunde/Sachunterricht von Stadtlehrern vor, fördert das Allgemeinwissen und falls die Vorführung bei meinem Obhutling auf Desinteresse stoßen sollte, dessen eigentlich verantwortliche »Piep« der »Piep« frönt und demzufolge einen Tag geschlossen blieb, war man zumindest ein paar Stunden an der frischen Luft.

Die Flugshow sollte Punkt »Piep« in »Piep« stattfinden. Die Kinder waren pünktlich, der Falkner »Piep«. »Piep, piepiep piep piepiepiep! Piep pieppiep.«

Der flexibel gehaltene Termin ermöglichte mir und »Piep«, meinem temporären Obhutling, den Besuch des angegliederten »Piep« Spielplatzes. Was sich wenig spektakulär gestaltete. »Piep« geprüfte und abgenommene Mehrzweckspielgroßgeräte und –bauten. So etwas hatten wir früher auf dem Dorf auch. Nur hieß der Spielplatz Wald, die Großgeräte wurden von uns selbst gebaut und das Material dafür in der LPG geklaut. Einen »Piep« Prüfer hätte vermutlich beim Anblick unserer Werkeleien der Herzstillstand ereilt, deshalb bekam unser Reich auch niemand Ü 10 zu sehen. Die Lebensgefahr gehörte damals nicht zu den Dingen die uns Sorgen bereitete.

Zum korrigierten Termin traf der Falkner mit seinem Ensemble frohgemut, bremsenquietschend und vorbildlich pünktlich ein. Der Mann machte nicht viel Federlesen und erklärte den hauseigenen Spielplatz gleich zur Manege. Was »piep« zu seinen »piep« Ideen am Morgen gehörte, wie er später feststellen mußte.

Während er gekonnt die Herzen der Kleinen im Handstreich nahm, warf ich einen Blick in seine Künstlergarderobe.

(Anmerkung: Das Kampfgeflügel habe ich von meiner Regelung ausgenommen bzw. ich habe es gefragt, ob ich sie photographieren und bildnerisch darstellen, also veröffentlichen darf. Dem Wanderfalken war es egal, weil er sowieso vermummt und damit nicht wiederzuerkennen ist, und der Rest der Belegschaft meinte nur, daß ich mich zum Geier scheren soll, was mich zur Titelgebung inspirierte.)


Turmfalke, Wanderfalke, ein sibirischer Uhu und ein normaler, alle sind nicht angeschnallt oder durch Spanngurte gesichert. Die sitzen nur auf ihren Ständer. Toll. Der Weißkopfseeadler hockt vor dem Auto auf seiner Stange und für den Steinadler ist schon Showtime.



Der deutsche Todesvogel, der Waldkauz, fährt natürlich auf dem Beifahrersitz mit. War vorhersehbar. Er ist natürlich auch nicht angeschnallt.
Mir ist schon klar, daß ich über die Transportbedingungen des Federviehs eigentlich nichts hätte schreiben dürfen. Immerhin greife ich damit massiv in die Persönlichkeitsrechte des Fahrzeugführers ein. Er möge es mir verzeihen. Irgendwas Konkretes möchte ich schon verfassen, sonst tendiert der Informationsgehalt meines Berichtes gegen Null und ich verspreche auch, bei einer eventuellen Befragung durch die Strafverfolgungsbehörden dicht zu halten. Schließlich gibt es auch ein Informantenschutzrecht. Zumindest hoffe ich das.


Der Falkner, eine sympathische Mischung aus »Piep« und »Piep« macht seine Sache gut und professionell. Er stellt die Viecher kurz vor, erläutert ihre Lebens- und Freßgewohnheiten in freier Wildbahn und bezieht die Kinder auf unterhaltsame Art dabei mit ein. Die sind begeistert, antworten brav im Chor und lauschen ansonsten seinen Ausführungen.


Sogar kuscheln ist erlaubt. Nicht mit dem Falkner – obwohl einige anwesende »piep« dies »piep piep pieppieepiep piep piep«, sondern mit dem Vorgeführten. Schon mal einen sibirischen Uhu gestreichelt? Der faßt sich so an, wie sein ausgestopfter Pedant aus meinem Heimatkundeunterricht. Wenn er vorher in der Sonne gestanden hat. Genau wie sein noch lebender Pedant, hätte er sicher noch gern einen Freiflug gehabt, nicht nur den von uns initiierten in der Pause, aber es war beiden nicht mehr vergönnt. Ein Blick des Falkners in den von Baumkronen umrahmten Himmel, sein: »Piep piep! Piep.« vereitelte die Starterlaubnis. Was den Kindern gar nicht auffiel. Die kennen wahrscheinlich nur angeleinte Tiere.

Langsam vergeht mir der Pfad der freiheitlich-demokratischen, von Schutzrechten begleiteten Berichterstattung. Beim Schreiben bin ich jetzt das zweite Mal eingeschlafen. Deswegen werde ich jetzt mal kurz die Kehrseite des Spektakels näher beleuchten:


Die dunkle Seite des Falkners ist seine TASCHE DES TODES. Ganz beiläufig, völlig unauffällig, griff der Mann ab und zu da rein, riß mit einer Hand etwas entzwei und schob es den hungrigen Vögeln in den Schnabel. So wie ein Zauberer geschickt Karten in der Hand verschwinden und wieder auftauchen lassen kann, so hantierte dieser Meister zwischen seiner Tasche und dem Vogelkropf, falls Greifvögel so etwas besitzen. Dabei erzählt er scheinheilig, daß dieser Vogel heute schon acht Küken verdrückt hätte. Küken? Ja, was sonst? Niemand, außer bekloppte Veganer, erwarten, daß ein Raubvogel an einer Möhre mümmelt. Aber: Der verfüttert hier Küken? Vor den Augen der Kinder? Als würde er es beweisen wollen, holte er just so ein niedliches aber totes Tier aus der Tasche und ließ es den Vogel schlucken.

Ich erwartete einen Sturm der Entrüstung und tausende Gedanken durchblitzten meinen Kopf: Wo hat der die Küken her? Sind die ermordet worden oder schon tot aus dem Ei geschlüpft? Was richtet das Massaker jetzt in Kinderhirnen an? Müssen die jetzt alle zum Psycho? Elektroschocks? Traumatherapie? Wie viele Küken murkst der Typ am Tag so ab? Was sagt der Tierschutz dazu? Gibt es nicht ein Kükenschutzrecht?

Aber der einzige der reif für Elektroschocks und dem Psycho ist, bin wahrscheinlich ich. Für die lieben kleinen Wänster war es die natürlichste Sache der Welt, daß die Geier Küken fressen und das wahrscheinlich auch, wenn sie noch lebendig wären und sich der Hakenschnabel durch ihre Schädel bohrt. Die Kleinen Racker hatten des Meisters Spiel schon längst durchschaut. Kinder sind immer auf »Aufnahme« geschaltet und verharren nicht wie ihre Eltern im »Stand by« Modus. Für sie war der Mittagsschlaf nicht gelaufen, wie ich annahm, sondern für mich. Ich träume nun nachts von toten Küken, wie sie mit einer Hand gevierteilt werden und im Maul verschiedener Personen landen. Die Welt könnte so schön sein, wenn diese Küken nicht wären.


So hatte eben jeder etwas von diesem Vormittag. Mein »Piep« seinen Spaß, die Kinder ihre Freude, ihre »piep« ein paar »piep« Phantasien, die Vögel eine Ausfahrt, der Falkner sein Honorar und ich meine Todesküken. Wenn ich nicht einschlafen kann, zähle ich tote, über mein Bett hopsende Küken. Das klappt wunderbar. Allerdings weiß ich nie, wann das Zählen aufhört und der Traum anfängt oder wann er endet.

Nachtrag: Wir leben schon in einer seltsamen Zeit. Alle wollen beschützt, anonym und unverbindlich sein und wir nennen das Freiheit. Dabei meinen wir frei von Verantwortung sein. Ich werde das Gefühl nicht los, daß wir, um so mehr wir diese Freiheit einfordern, um so mehr wir uns hinter Rechten verstecken, um so schneller werden wir diese wieder verlieren. Aber das soll hier nicht zum Gegenstand einer Betrachtung werden. Dafür ist schlicht kein Platz und dieser Blog ist auch nicht dafür gedacht.

Kommentare:

  1. Hauptsache, Schnegge bekommts nicht mit der Eifersucht, wenn du hier so ungeniert über andere Greifvögel berichtest. (Nein, Schnegge, kack nicht auf den Monitor, der Papa meint das doch nicht so!). Und so.

    Eines ist mal klar: so einen Todesuhu auf dem Beifahrersitz müsste man schon haben, um ganz vorn mitzumischen. Alle nötigen ornithologischen Kniffe und Feinheiten zur Bespaßung des Tieres lassen sich ja wohl selbst in unserem Alter noch lernen!

    Sprachs, breitete die Schwingen und schwiff davon... ;o)

    AntwortenLöschen
  2. Den Todesvogel bespaßt du mit gemeuchelten Küken. Ein wenig Curry darüber streuen und das Vieh ist glücklich. Schnegge hingegen ist gerade in einer Sinnkrise. Irgendwie kommt sie sich gerade von der Natur verarscht vor. Einen krummen Schnabel hat sie zwar, sie wirkt damit aber nicht wild und gefährlich. Aber das gibt sich wieder. Hoffe ich.

    AntwortenLöschen