Untergehen ist das Eine, unter der Oberfläche bleiben das Andere. ;-)

Mittwoch, 8. Februar 2012

Wenn du zum Berge gehst, vergiß die Fackel nicht!

Wald des Todes 1

Ein kurzer, wohlfeiler Abriss durch die Historie des Erzgebirges, mit dringlichem Rat dir zum Gebot.

Wenn du in Texas so einen Ulkbären von seiner Rodeo-Kuh – ich meine die mit 4 Beinen – schlägst, ihm eine Flasche Whisky an die Schläfe hältst und ihn fragst, was ihm spontan zu Old Germany einfällt, wird er, wie ein GI der alten Schule, dir in Stichpunkten folgendes herunterasseln; Oktoberfest, Bier, Weißwurst, Kraut; Hitler, der große Führer; Schnee, Winter, »Aaaarzgebarch«!
Bei letzteren Angeführtem werden sich sie seine Augen angsterfüllt verengen und er wird dir die Flasche wegnehmen und den Whisky in sich hereinschütten, als wäre es wohlfeiles Zyankali, welches verspricht ihn von allen Qualen zu erlösen.

Ein Fellache, bis zum Hals im Nilschlamm rudernd, wird dir Ähnliches berichten. Nur zählt er nach dem Oktoberfest den Rommel und die Pyramiden aus Holz – Holz haben die da unten keins – auf, bevor er mit spitzen Schreien beim »Aaarzgebarch« und im Nilschlamm endet.

Hang des Todes 1
Anfang der 70er Jahre bekam versehentlich ein Inuit ein Photo mit verschneiten Berghängen des Osterzgebirges zu sehen. Trotzdem Eskimos 20 verschiedene Arten von Schnee kennen, und für jedem seiner Zustände einen eigenen Begriff haben, verschlug es diesem armen Menschen die Sprache, und er fand keinen Ausdruck für das Grauen, was er auf dem Bild erblickte. Rückwärts taumelnd erlöste er sich beim Fall in ein großes Robbenloch, wobei er sich seine Harpune aus Walbein ins Gehirn stieß.

Wenn du in eine Gegend kommst, sei es beim Wandern oder auf der Flucht, und dein Auge nimmt nur noch drei Farben wahr: Dunkelgrün, schwarz und weiß, dann bist du im »Aarzgebarch« – im Erzgebirge angekommen. In dem Teil des Gebirges, was als passierbar gilt. Hier herrscht ganzjährig ein rauhes Klima. Frostfreie Tage sind selbst im Hochsommer selten, meist sind es nur zehn an der Zahl und an den Häusern findest du keine Thermometer. Die Temperatur hält sich um die 10°C, plus oder minus, da spart man sich diese Ausgabe.

Hier oben im Gebirge hat der Winter das Sagen und die anderen Jahreszeiten gibt es nur der Sage nach. Siehst du ein Buswartehäuschen, so kehre ein und warte bis die Rettung dich talwärts fährt. Versperre die Tür von innen – hier im Erzgebirge haben die Wartehäusel Türen, um den grimmigen Frost und die Wölfe abzuwehren – und verbleibe frohen Mutes. Hoffe nicht auf einen wärmenden Sonnenstrahl. Die Mutter des Lebens hat sich längst von den Tälern und Bergen hier abgewandt.

Wenn keine Rettung naht, das ist in den Monaten von August bis Juli wahrscheinlich, so mußt du dein Ränzlein schnüren und den Abstieg selbst wagen. Gehe dabei nie Wege deren Namen auf -steig wie; Briefträgersteig, Schmugglersteig, Mördersteig, Räubersteig oder Diebessteig, enden. Sie führen dich, wenn nicht gar ins Verderben, so doch in die unpassierbaren Gegenden des Gebirges, die weit in die Geschichte reichen.

Tal des Todes 1
Der Teufel selbst schuf diese Täler, in denen der Nebel nie weicht und es unaufhörlich regnet. Dort kühlt er seine Hölle und gewährt den hartgesottenen Seelen Hofgang. Hier hat die Welt keine Farbe mehr, so wie das Gesicht eines Flachländers der sich in diese düsteren Gefilde verirrt. Noch nie ist es einem gelungen, die Täler des Teufels wieder zu verlassen. Wenn man genau hinhört, kann man den Schreien der Unglücklichen lauschen, wenn der Leibhaftige mit ihren Gebeinen das Feuer schürt.

Verbleibe auf den Pfaden deren Namen auf -weg, wie Briefträgerweg, Schmugglerweg, Mörderweg, Räuberweg oder Diebesweg enden. Darauf bist du zwar nicht in Sicherheit aber in menschlichen Gefilden. Ihre Häuser säumen den Weg, wie Leichen die die Pest hinterließ. Dunkel liegen sie da und laß dich nicht täuschen, von dem Kerzenlicht im Fenster. Diese Kerzen beleuchten nur die ausschließlich dunklen Kapitel, die in diesen Häusern seit Jahrhunderten spuken.

Laß dich auch nicht vom fehlenden Hundegebell ermuntern näher zu treten, um ein Heim für die Nacht und ein Labsal zu erbitten. Bleib den Häusern fern und hübsch auf dem Weg. Achte darauf, daß deine Fackel nicht verlischt, nähre sie notfalls mit deinem Gewand, sie ist deine Lebensversicherung bei Tag und bei Nacht.

Denn die Hunde des Erzgebirges bellen nicht. Sie riechen dich bis zu 50km weit. Sie riechen alles an dir. Deine Kindheit, dein Umgang mit dem Weibe oder eine andere Neigung, deine Gebrechen die du hattest, die du hast und die du nicht mehr bekommen wirst, wenn sie deiner habhaft werden. Sie hören dich, schwarz wie der Tod in ihren Verstecken, wie du dich ihnen auf Sprungweite näherst und sie folgen dir, bis sich eine günstige Gelegenheit ergibt – du vielleicht die Fackel aus der Hand nimmst – um sich auf dich zu werfen und um dir die Kehle aus dem Halse zu reißen.
Das was sie beherrscht, ist deine Angst, wie sie dir aus allen Poren schießt, wenn dich ihr mächtiger Brustkorb zu Boden wirft und sie sich in deinen Eingeweiden verbeißen, um ihren Blutdurst zu stillen. Ihr Haß ist blind, wie ihre Augen es sind und richtet sich gegen alles menschliche, was in dir schlägt und er ist so grenzenlos, wie alles, was der Mensch hervorzubringen vermag. Jeder der oben im Berg oder unten im Tal eine Heimstatt vorgefunden hat, besitzt so ein Untier, entweder vor der Tür oder in sich selbst und er nährt es, um nicht von ihm gefressen zu werden.

Die blinden Hunde stammen von den Wölfen des Miriquidi, des germanischen Dunkelwaldes, wie man früher weite Teile Mitteleuropas und das Erzgebirge nannte, ab. Ob sie schon damals durch die Blitze aus Thors Hammer geblendet wurden, als sie sich gegen ihn auflehnten, wie die Sage es berichtet, oder ob sie erst später, nach dem ersten Berggeschrey als Zugtiere mißbraucht, im Stollen ihr Augenlicht verloren, ist unter den Gelehrten umstritten. Für die Blitze aus Thors Zorn spricht ihre Angst vor dem Feuer – hast du deine Fackel noch? – dagegen die Wahrscheinlichkeit, daß sie im Dunkelwald ihre Augen eh nicht gebrauchen konnten.
Ihre unbändige Wut auf alles, was lebt oder nur so tut, hat mehrere Väter. Einer davon ist die Evolution. Seit Jahrtausenden wütet sie im Erzgebirge und brachte allerlei Wunderlichkeiten hervor, wie den Bergmann in Einem und seine Frau im Besonderen oder drollige Eichhörnchen, sanfte Rehkitze oder glänzende Blutegel in den Hochmooren –  nur aus ihnen, den stolzen Wölfen wurden umnachtete Hunde.

Die Bergleute waren einer der anderen Gründe. Von welchen Völkern diese abstammen ist nicht mehr zu klären. Als das Erzgebirge noch Dunkelwald hieß, hatte es ungeheure Ausmaße. Vielen Stämmen diente es als Zuflucht und Heimstatt, vor allem denen, die das Licht scheuen mußten. Damals verbannte man alles, was sich ehrlicher Arbeit verweigerte, einfach in den Wald. Viehdiebe, Landstreicher, Fahrensleute, Räuber und Brandstifter wurden, soweit sie nicht gedungen waren und im Auftrag ihrer Herrscher handelten, mitsamt ihrer Sippe so in Acht und Bann geschlagen und für vogelfrei erklärt.
Sie siedelten sich im Herzen des heutigen Erzgebirges an und versuchten das Beste daraus zu machen. Das hieß Holzeinschlag und Nachkommen zeugen. Holz gab es genug, das Klima war damals bedeutend kälter als heute, und da die Steinkohle noch nicht gefunden worden war, wanderte alles Geschlagene in den Ofen. Bis auf die Nachkommen. Die brauchte man zum Holzfällen oder für die Kopfjagden. Letzteres ist ein ganz düsteres Kapitel in der Geschichte des Erzgebirges und es wurde von beherzten Geschichtsschreibern im späten Mittelalter durch herausreißen von Seiten aus den Kirchenbüchern getilgt. Was eigentlich eine bahnbrechende Lösung darstellte, gab es damals diese Chroniken doch noch gar nicht. Diese wurden erst Mitte des 18. Jhd. mit der Einführung von Friedhöfen angelegt. Aber dazu später mehr.

Hang des Todes 2
Die Not war groß im Gebirge. Die Rodungen gaben kein Ackerland her und Holz konnte man damals noch nicht essen. Was blieb, war der Verkauf des Holzes, Vieh- und Frauenraub oder einfache Plünderungen, bis hin zu kannibalen Kopfjagden. Am Anfang schlug man sich wirklich gegenseitig die Köpfe ab und aß das Fleisch der Anderen. Viele Rezepte der erzgebirgischen Küche haben hier ihren Ursprung und wurden später durch die Zugabe von Gewürzen verfeinert.
Nur eine Sage deutet auf diesen schönen Brauch hin. Der Volksmund mußte ganz schön dichten um die »Drei wunderlichen Köpfe« zu schönen. Angeblich laberte ein Berggnom drei Brüder auf einer Wiese voll. Sie hätten wunderliche Köpfe. Daraufhin fingen sie an zu buddeln und fanden reiche Zinnvorkommen, was zur Gründung der Stadt Zinnwald führte. Was völlig unlogisch und damit Quatsch ist. Die Köpfe lagen abgeschlagen auf dem Rasen und sollten vergraben werden. Dabei fand man dann das Zinn.

Später nahmen die Kopfjagden immer mehr touristische Züge an. Sie versprachen Amüsement, Entspannung und Erholung vom Holzeinschlag, so daß die Exkursionen sich immer weiter von den heimischen Gefilden entfernten und es zunehmend zu einem Kulturaustausch kam. Man schaute sich Land und Leute an, sah was sie aßen, wie sie sich kleideten und erzählte ihnen im Gegenzug vom Holz. Das war der entscheidende Wendepunkt in der Historie des Erzgebirges. Unter Kopfjagd verstand man nun fremde Meister aller Gewerke zu entführen und von ihnen Produktionsmethoden zu erlernen.
Die Viehzucht gelang, auf den ersten Holzkohlemeilern tanzten die Köhler, in den Schmieden die Funken und man fing an alles zu verhütten, was man im Wald fand. Aus einem böhmischen Mönch prügelte man die Glasmacherkunst heraus und gefangene venezianische Kundschafter folterte man so lange, bis sie ihre letztes Wissen über den Bergbau preisgaben. Ihre Schreie hallten lange durch das Gebirge und sie verstummten auch nicht, als sich das erste Berggeschrey erhob.

Wenn du genau in den Wald horchst, kannst du den Schreien lauschen.

Die ersten Erzfunde zogen eine Ansiedlungswelle nach sich, wie sie das Gebirge noch nicht gesehen hat. Entlang von Handelswegen und vereinzelten Gasthöfen entstanden Dörfer, Städte und Schutthalden. Wälder verschwanden und gaben den nackten Fels frei. Das Erz versprach mehr Brot als die Glashütten. Aber es hielt nicht, was man sich erhoffte. Die Bergleute, die später nach Daniel Knappe benannt wurden, schürften ihr Erz aber reich wurden nur die Bergherren und der König von Sachsen. Die Knappen fuhren als Kinder ein und verließen den Schacht als Greise. Die Lungen voller Staub, die Knochen kaputtgeschlagen, die Hände vom Gestein zerquetscht, starben sie mit oft nicht mal dreißig Jahren.

Wenn dir ein Friedhof begegnet, so wundere dich nicht, sondern lauf so schnell du kannst.

Im 16. Jahrhundert kam der Hunt als Förderwagen auf. Vorher trugen die Bergleute das Erz und das taube Gestein in Körben aus dem Berg. Der Begriff Hunt geht wahrscheinlich auf das germanische Hyntow, der Wagen, zurück. Nur im Erzgebirge hat der Hunt auch etwas mit dem Hund zu tun. Die Bergleute brachen den Pakt, den sie mit ihren Hunden vor tausenden von Jahren geschlossen hatten und mißbrauchten sie als Zugtiere für ihre Förderwagen. Das ist eine Tatsache die noch heute von Historikern geleugnet wird, so wie sie die Existenz der blinden Hunde vehement bestreiten. Und das aus gutem Grund: Angst.
Die immerwährende Nacht im Stollen forderte ihren Tribut. Der Berg nahm den Hunden das Augenlicht. Nicht Thors Hammer und seine Blitze ließen sie erblinden, sondern die Schwärze des Todes. Ihre Angst vor Feuer ist dieselbe, wie die, die sie vor den Fackeln hatten die der Hauer brauchte, um das Erz zu brechen und um die angeschirrten Tiere anzutreiben. Ihre Glut schlug er ihnen ins Fell und der Schmerz kerbte sich tief in ihr Hirn. So wie sie ihre fehlende Sehkraft vererbten, so vererbt sich auch ihr Leid, ihr Schmerz in jede Generation weiter.

Dabei war der Hund dem Menschen im Vorteil. Er konnte den Berg fühlen. Er spürte jede Veränderung im Stein und wußte schon Tage vorher, wenn ein Schlagwetter oder ein Wassereinbruch bevorstand und stellte sich darauf ein. Im Berg sind nur Hunde geblieben, die von Bergleuten erschlagen wurden. Nie konnte der Berg einen Hund töten. So wie du keinen Hund der hier geboren wurde töten kannst. Aber er dich, so wie er jeden Bergmann und jeden Fremden in dir töten kann.

Siehst du den Friedhof? Er scheint neu zu sein. Keine 200 Jahre alt. Die Mauern sind hoch und die Tore fest verschlossen. Das haben die Geschichtsfälscher so verfügt, als sie ihn anlegten und merkten, was sie dort heraufbeschworen.

Die Bergleute merkten auch zu spät, was sie heraufbeschworen. Sie gruben zu tief und sie gruben zu gierig. Sie ahnten nicht, was sie im Berg außer Silber- und Zinnerz noch finden und wecken würden. Nach dem zweiten, dem großen Berggeschrey, dreihundert Jahre nach dem ersten, nahm das Unheil weiter Gestalt an. Ströme von Halsabschneidern, Vagabunden und Hungerleider aller Art wurden von den Silbererzfunden in Schneeberg und am Schreckenstein angezogen.
Sie schürften tief im Berg, mißachteten des Gebirges Gebote und Warnungen und starben zu Hunderten im Fels. So uralt, wie das Gebirge, sind auch dessen Geister, und um so stärker der Frevel, die der Mensch durch seinen Raubbau betrieb, um so begieriger waren sie, es dem Frevler heimzuzahlen. Das Gebirge wehrte sich und sandte als letzte Warnung seltsame Krankheiten, Spukgestalten, Hungersnöte und Klimakatastrophen.
Es gab Jahre, da erfror alles Vieh im Stall und selbst im April waren die Menschen durch Schneestürme von der Umwelt abgeschnitten. Die Bergleute verloren ihre Zähne, und starben über und über mit Geschwüren übersät, einen qualvollen Tod. Nach Typhus, Pest und Cholera fand der Ebola-Virus nichts mehr vor, was er vernichten konnte, ohne das Bergvolk auszurotten und er verzog sich schmollend mit den Zugvögeln nach Afrika in wärmere Gefilde.
Spukgestalten narrten einsame Wanderer, führten sie in die Irre und ins Verderben. Manch ehrliche Haut wurde auch von ihnen auf den rechten Weg zurückgeführt und fürstlich beschenkt. Der Berg war nicht nur böse. Das überließ er den Wölfen.

Ja, die Wölfe, die sich nach dem ersten Berggeschrei in tiefere Wälder verzogen, kamen zurück. Nahe dem Böhmischen bei Zinnwald tauchten sie auf, wie die todbringenden Geister aus dem Berg. Sie zogen eine mit nichts vergleichbare Blutspur über das Land. Das Vieh in den Ställen nährte sie und ihren Blutdurst stillten sie am Menschen. Erst überfielen sie nur einsam gelegene Gehöfte, später brachten sie den Tod in ganze Dörfer. Die Menschen flohen in Angst und Schrecken aus ihren Häusern, um im Schnee zu erfrieren. Verhungert wären sie sowieso.
Nur ein Herzog wagte sich den Wölfen in den Weg zu stellen. Sein Name verschweigt die Geschichte aus gutem Grund. Der Sage nach rief er seine Jägerschar zusammen und schwor sie auf sein Vorhaben ein. Sie sattelten die Pferde und stoben in die Richtung des Dorfes, was zuletzt den Wölfen zum Opfer gefallen war, um ihre Spuren aufzunehmen. Dort angekommen, sahen sie das Rudel sattgefressen und dösend am Waldesrand liegend. Es waren etwa zwei Dutzend Tiere – nichts was die erfahrene Jägerschar schrecken konnte.
 Ohne viel Federlesens stürmten sie los, um der Meute den Garaus zu machen. Nur der Herzog zögerte, schien ihm doch der Erfolg allzu leicht in den Schoß zu fallen. Gerade als er sich anschickte seinem Roß die Sporen zu geben, um den Seinen zu folgen, tat sich um ihn herum die Erde auf und hundert Wölfe glitten heraus um seiner Jägerschar lautlos in den Rücken zu fallen. Die Waidmänner wurden zerissen, bevor sie der Übermacht gewahr wurden und  ihre Waffen ziehen konnten.
Entsetzt und voller Angst riß der Herzog sein Roß herum und floh, als säße ihm der Teufel im Nacken. Wäre es nur der Leibhaftige gewesen! Seine Burg empfing ihn still und mit offenen Toren. Die Mauern waren voller Blut und in den Gassen lagen Leichen, deren Gedärme zerfetzt noch dampften, und deren Arme und Beine gar greulich zerstreut zu tanzen schienen.
Oben in seinen Gemächern zollten die Wölfe dem Adel Respekt. Seinen Töchtern hatten sie nur die Kehlen durchgebissen und seiner Frau das Leben gelassen. Dieses Geschenk vermochte sie nicht zu schätzen. Als sie seiner Angesicht wurde, stürzte sie sich in sein Schwert. Vor Gram gebeugt starb er in der Nacht darauf.
Seltsamerweise behauptet die Sage, daß er fortan als Reiter ohne Kopf mit einem Wolfspelz über den Schultern durch die Nächte galoppiert.
Von den Wölfen allerdings, ward nichts mehr gesehen. Nur noch einmal zogen sie durchs Land, ein Rudel von über tausend Tieren, mit hoch erhobenen Haupt ließen sie kein Zweifel daran, wer der wahre Herrscher im Gebirge war. Die Menschen verstanden diese Warnung und verbeugten ihr Haupt voller Demut. Dann verschwanden die Wölfe in den Bergen und noch heute erinnert der Wolfsgrund und der Wolfszug an diesen Schrecken.
Wenn du genau in den Wald horchst, kannst du sie noch heulen hören.

Götzen des Todes 1
In den Städten machte sich vor Angst der Wahnsinn breit. Er und der Hunger trieben seltsame Blüten. Die Männer saßen vor ihren Öfen und schnitzten kleine Götzenbilder, die sie in der Frühe und am Abend anbeteten. Als das nicht half, schnitzten sie böse Menschen, wie Gendarmen oder Soldaten und übergaben sie stellvertretend für Menschenopfer den Flammen. Als das auch zu keinem Ergebnis führte, resignierten sie und brachten den Holzklötzern kleine Kunststückchen bei, wie Nüsse knacken, Rauchen oder Kerzen halten. Allerdings waren diese Urformen in ihrer Funktion stark eingeschränkt bis unbrauchbar.
Die Nüsse, es handelt sich zweifelsfrei um Wal- (Welsch-) oder Haselnüsse, welche im Erzgebirge bis 800m über NN gedeihen, zu knacken stellte für jeden Experimentierfreudigen eine Herausforderung dar. Entweder die Nuß springt unzerstört aus dem Werkzeug oder sie zerbirst spritzend durch das ganze Zimmer.
Die »Rachermännel«, wie die Räuchermännchen genannt wurden, machten erst nach der Erfindung der Räucherkerze um 1750, also ca. 200 Jahre später, einen Sinn und den Kerzenhaltern fiel so manch Gehöft zum Opfer. Der Teufel selbst fand Gefallen an diesem Werk schlichter Gemüter und machte sich um deren Verbreitung verdient, wie ich es dir später noch berichten werde.

Bäumes des Todes 1
Die Not war also groß und das Erz rar. Aber dem nicht genug. Durch die starke Besiedelung nach dem 2. Berggeschrey häuften sich natürlich auch die Todesfälle, so daß eine herkömmliche Bestattung, aufgrund der Vielzahl der Leichen, nicht mehr in Frage kam. Bis dahin mußte man sich um die Toten keine Gedanken machen, fanden doch Bestattungen so nebenbei und ohne Gräber zu hinterlassen statt.
Wenn es ans Sterben ging, das kam bei Männern um die 40 Jahre in Betracht und bei Frauen ab 30, schickte man die Gebrechlichen und zur Arbeit untauglich gewordenen einfach in den Wald. Dort sollten sie Gehölz holen oder Pilze sammeln. Jeden Morgen vor der Dämmerung setzte man sie vor die Tür und die Siechenden machten sich auf ihr Tagewerk zu verrichten. Irgendwann, meist im Winter, blieben sie dann im Wald bei den Bären, Füchsen, Krähen, Würmern und Ameisen. Die Natur bekam zurück, was sie einst gab und alle waren zufrieden.
Die Totengräber unter den Christen entwarfen nun die ersten Friedhöfe. So in der Mitte des 18 Jhd. In der Übergangsphase von der Wald- zur Feuerbestattung behalf man sich mit Holzkohlemeilern und die Köhler waren über das kleine Zubrot sehr zufrieden.
Aber die Natur war schon zu sehr aus dem Gleichgewicht gebracht worden, um auch noch Gottesacker verkraften zu können. Früher fanden die Geister der Toten im Stein, im Moos oder in einer Ratte – je nach Gusto – ihre Heim- und Ruhestatt. Jetzt waren die Plätze zwar nicht rar geworden aber die Dichte der niedergelassenen Seelen brachte viel Streit und Zank und damit Wiedergänger hervor. Seelen die weder tot noch lebendig waren, haderten mit sich und der Welt und brachten viel Unheil über das Land.
Die meisten Sagen des Erzgebirges gehen auf solche Ungestalten zurück. Bis heute gibt es keine befriedigende Lösung für dieses Problem. Achte deshalb, wenn du auf einen Friedhof triffst, nicht auf die Gestalten die die Mauer zum Friedhof überwinden – das sind nur Grabräuber – sondern auf diese, die vom Friedhof her kommen. Eine helle Fackel hat da schon manchen das Leben gerettet.

Die Wende im Geschehen und den Lauf zum Besseren brachte dann der Leibhaftige höchst persönlich. Der Mensch tat schon immer gut daran, hier und da Gottes Ordnung in Frage zu stellen und sich Ratschlag beim Teufel zu holen. Guter Rat ist nicht teuer und sein Last-Minute-Angebot kostet einen gerade mal die Seele.
Der Sage zu Folge beschworen ein paar Dörfler mit Hilfe eines Geistlichen, der auch im Okkulten kundig war, den Teufel, um Ratschlag zu halten, wie es weitergehen sollte im geliebten Erzgebirge. Dafür lasen sie die ersten Kapitel aus dem 6. und 7. Buch Moses laut vor, bis der Satan mit einem klirrenden Sack voller Einfälle durch den Schornstein zu ihnen herabfuhr. Offiziell stieß ihnen der Schrecken so in die Knochen, daß sie die Kapitel schnell wieder rückwärts verlasen und der Spuk dorthin verschwand, wo er hergekommen war.
In Wahrheit wurde es ein lustiger Abend mit dem besten Wein den der Gast aus dem hiesigen Brunnenwasser bereiten konnte. Es wurde viel gelacht und Zukunftspläne geschmiedet, die der Pferdefuß geheimnisvoll lächelnd guthieß.

Früh am nächsten Morgen stoben sie voller Tatendrang in alle Himmelsrichtungen davon, um ihre Pläne in die Tat umzusetzen. Vom Bergbau hatte der Alte dringlichst abgeraten. Da unten gäbe es kein Erz mehr, für welches sie eine Verwendung haben könnten. Das, was da unten schlummert, würde ihnen nur den Tod bringen. Erst wenn das dritte Berggeschrey sich erheben würde, wäre die Zeit dafür gekommen und bis dahin solle es ruhen. Nur Kobalt und Kaolin wäre noch zu haben und zwei der abendlichen Gesellen machten sich, durch den Teufel genauestens unterrichtet, flugs ans Werk.

Den Anderen legte er aus Holz geschnitzte Figuren ans Herz. Sie sollten dem Öffnen von Nüssen dienen, sahen dem Leibhaftigen nicht unähnlich und taugten vermutlich nur als Brennholz. Aber der Alte versprach reißenden Absatz, wenn man sie bunt anmalt und in den Städten als Götzen feilbot. Überhaupt legte er Pläne vor, nach denen Holz bearbeitet werden sollte. So hörten die Versammelten daß erstemal von Schwibbögen, gedrechseltem Holzspielzeug und Pyramiden die sich auch drehen können.

Götzen des Todes 2
Erst dachten die Gesellen, der Teufel würde sie zum Narren halten, da ließ dieser die Katze aus dem Sack: Er plane etwas noch nie dagewesenes, eine Teufelei ersten Ranges und er würde sie als Spießgesellen gern teilhaben lassen, es würde ihr Schade nicht sein und als Lohn würde er sich mit ihren Seelen zufrieden geben. Sie willigten und schlugen leichtsinnig ein und lauschten seinen Plänen.
Ein Fest zu Ehren Gottes und seines Sohnes Geburt sollte es werden, um gleich jeden Verdacht von ihm abzulenken. Eine Weihnacht schwebe ihm vor, ein Fest der Liebe und der Familie, gleich zu Winteranfang, wenn die Nächte am längsten sind. Besinnlich sollte es zugehen, die Stuben hübsch geschmückt und es würden darin Tannenbäume aufgestellt werden, an die man Glaskugeln und Süßkram hängt, in den Fenstern leuchten dann die Schwibbögen und man möge sich zum Heiligen Abend beschenken müssen.
Alle im Raum wurden kreidebleich und stöhnten. Wahrlich! Was für eine Teufelei! Das ergäbe Mord und Totschlag. Ganze Familien würden so zerstört und ins Grab gezerrt. Aber es war zu spät zum Entrinnen. Der Pakt mit dem Teufel galt. So jammerten sie und wehklagten darob, auf was sie sich da eingelassen hatten. Aber der Teufel lachte nur. Reich würden sie werden, wenn sie seinen Rat befolgen. Reich, so reich wie die Pfeffersäcke in Hamburg und Bremen. Aber vorher müßten sie noch Mühlen bauen. Die Kraft des Wassers nutzen lernen, um die Produktivität des Handwerks zu erhöhen. Damit jeder Hungerleider Geld in die Taschen bekäme, um es zur Weihnacht voller Reue wieder verschleudern zu können.
Was der Teufel da sprach, verstanden die Burschen nicht, aber daß es Hand und Huf haben mußte, konnten sie sich denken. Lag der Gehörnte jemals fehl in seiner Ansicht? Niemals, seit Anbeginn der Zeit war auf ihn Verlaß. Und nicht Gott, der Hüter und Bewahrer, sondern der Teufel, als Zerstörer und Wegbereiter, hat die Fäden in der Hand. Wohl dem, dachten sich die Burschen nun, der ihm folgt und seinem Rat befolgt.

Modernes Rechenzentrum bei Bärenfels 1
Überall im Lande, an jedem Bach der des Sommers, wie des Winters, genug Wasser führte, schossen die Mühlen wie Pilze aus dem Boden. So neu waren diese ja nicht. Mit Wasserkraft wurden schon die Stollen entwässert, in Pochmühlen das Erz zerkleinert und in Hammerwerken der Stahl geformt. Abgesehen von den Sägewerken und den Mühlen für das täglich Brot. Nun besann man sich wieder auf diese Kunst und erfand neue Anwendungen dazu. Papier- und Pulvermühlen, Walk- und Schleifmühlen klapperten durch die Täler und die Weihnacht erwies sich als die schlimmste Pandemie die die Welt je gesehen hat.

Dann kam der Krieg ins Gebirge. Leise und unscheinbar. Steingraue und schwarze Uniformen zogen durch den Wald und LKWs fuhren Zement in den Berg. Gegen Kriegsende brüllten deren Motoren Tag und Nacht. Niemand weiß, wo und was sie dort versteckt haben. Der Berg hütet ihr Geheimnis unerbittlich. Kein Suchtrupp war erfolgreich. Sie blieben im Fels oder wurden vorher von geheimnisvollen Gestalten erschossen. Selbst heute noch peitschen Schüsse durch die Nacht und strecken allzu Wagemutige nieder.
Es heißt, das Wiedergänger dort einen Schatz bewachen. Lebende Tote. So ist es kein Wunder, daß die Amerikaner fast 500 GI’s im Erzgebirge verloren. Mit Geistern von gestern und heute ist schlecht Kirschen essen. Außerdem hat denen niemand erzählt, daß sie im Wald eine Fackel brauchen. Der Russe erwies sich als vertraut mit der Materie. Er verbot seinen Soldaten in den Wald zu gehen und zog bald wieder ab. Er hatte genug Menschenleben in diesem Krieg verloren, da wollte er seine letzten Armeen nicht noch dem Erzgebirge opfern.

Als das dritte Berggeschrey ausbrach, gab es die Mühlen schon lange nicht mehr. Die Dampfmaschinen und Elektromotoren zogen unerbittlich an ihnen vorbei. Die Hammerwerke verstummten, ihre Mauern brachen und gaben die Unglücklichen frei, die man aus altem Aberglauben dort lebendig begraben hatte. So wie die Deichgrafen im Friesland nur auf Staumauern vertrauten, in die etwas Lebendiges verbracht wurde, so trauten die Mühlenbesitzer nur auf Fundamente, in denen ihre eigene Familie ihre Seelen aufgaben. Manchmal barsten die Mauern schon zum Richtfest, weil sie die vielen Kadaver nicht in sich halten konnten.

Die Bergmänner kamen aus einem Krieg zurück, wie er grauenvoller nicht sein konnte und sie fuhren wieder in den Berg, um dieses Grauen nicht noch einmal erleben zu müssen. Zumindest glaubten sie daran, weil man es ihnen so sagte. Sie holten das aus dem Berg, wovon der Teufel in der guten Stube sprach. Das was Jahrtausende schlief und nun geweckt werden sollte. Sie verdienten prächtig daran, hatten ein paar gute Jahre und starben früh an dem, was sie schürften. Man konnte das Verderben nicht sehen, schmecken oder riechen. Trotzdem starben sie daran, wie die Fliegen auf einem vergifteten Kuhfladen.

Das Glück bleibt weiter unter Tage verborgen. Nie wird es da noch einer finden. Was Jahrhunderte nicht gelang, wird nun auch nimmermehr. Die Tage werden nicht heller und die Luft zum Atmen nicht leichter und wärmer. Der Dunkelwald mit seiner Trikolore – dunkelgrün, schwarz und weiß – ist allgegenwärtig und liegt schwer auf den Menschen. Die Lichter in den Hütten beleuchten zwar nur das Dunkel, aber sie sind auch das einzig Warme, was den Menschen hier bleiben wird.

Steine des Todes 1
Ein guter Rat noch ganz zum Schluß: Wenn du den Abstieg wagen mußt, um ins Leben zurückzukehren, deine Wegzehrung sich aber dem Ende neigt und du zu verhungern drohst, dann fasse dir ein Herz und deine Fackel und klopfe an den Häusern, vor dessen Tür der Schnee geschoben wurde, und sich ein sorgsam gestapelter Haufen mit Ofenholz im Garten findet. Der echte Erzgebirgler hackt kein Holz – er spaltet Stämme zu Brennholz so exakt, daß sich im Holzstapel kaum ein Spalt mit Luft befindet. So wie die Inkas Machu Picchu erbauten, so errichtet dieser sein Brennholzlager. Kein Sturm, kein Orkan ist stark genug, um so ein Kunstwerk zu vernichten.
Liegt das Brennholz lustlos hingeschüttet neben der Mauer, so wandere weiter. In diesem Haus lebt kein echter Bergmann und kein echter Erzgebirgler. Das sind Zugezogene aus dem Westen Deutschlands, die nirgendwo anders jemand dulden wollte. Hier haben sie sich nur eingekauft – spottbillig Haus und Grund erworben und sie meinen daraus auch das Recht an der Geschichte des Gebirges zu haben. Aber da irren sie. Eine eigene Geschichte kann man nicht mit Geld erwerben. Das Haus konnten sie sich ergaunern aber nicht, was bis dato da drin geschah.
Das harte Brot des Bergmanns haben sie nie gekostet und es verlangt ihnen auch nicht danach. Nicht mal den Schnee vor der eigenen Haustür, auf ihrem Grundstück, wollen sie selbst beräumen. Den ganzen Tag sinnen sie darüber nach, wie sie den Nachbarn übertölpeln könnten, damit er ihnen ohne Dank und Lohn diese Arbeit tut. Dort brauchst du nicht um Obdach bitten. Anstatt dir etwas aufzutischen werden sie nimmermüde sein dich über den Tisch zu ziehen und dir Bürden aufzuladen, um einen Vorteil zu erlangen. Nein, nimm deine Fackel, setze ihnen den roten Hahn, den Florian, aufs Dach – wenn du es nicht tust, wird es ein anderer sein – und ziehe weiter.

Ziehe weiter, bis zum nächsten sauber gefegten Haus. Aber halt! Klopf nicht einfach und verlang nach Einlaß. Da setzt du dein Leben ohne Not aufs Spiel.
Ein echter Erzgebirgler stirbt unter Tage im Gestein, im Wald beim Bären oder vor seinem Haus beim Schneeschieben. Etwas anderes kommt für ihn nicht in Frage. Die ersten beiden Möglichkeiten scheiden inzwischen aus, wie wir wissen, so bleibt das Schneeschieben.
Aber du brauchst den Herrn im Hause lebend. Er ist dein Schutz und der Garant heil wieder davonzukommen. So leuchte mit deiner Fackel in die Schneewehen, ob er nicht gerade dort niedergekommen und verschieden ist. Liegt der Schnee hoch, so halte zuerst Ausschau, wo der Schneeschieber steckt. Meist liegen die Toten in seiner Nähe. Findest du ihn schon hart gefroren, so ziehe weiter und versuch dein Glück am nächsten Haus.
Widerstehe der Verlockung ein mannloses Haus aufzusuchen. Die hinterbliebenen Frauen mögen zwar den Anschein haben, seit ihrer Geburt an den Herd geschmiedet zu sein, aber sie sind es mitnichten und schneller bei der Mistgabel, als dir lieb sein kann. Versteh mich richtig: Sie wollen dich nicht meucheln, sondern aufgabeln, dich also ins Stroh oder Heu zwingen. Ihr Schoß ist fruchtbar noch und ihre Gene schreien nach Vermischung. Sie brauchen frisches Blut, um ihre Art gesund zu halten für die nächsten Generationen. Vielleicht haben sie Kunde davon erhalten, das der Zeugungsakt auch Freude bringen kann. Wer weiß schon, was in den Köpfen von Frauen rumspukt, die in ihrem ganzen Leben nur Entbehrungen erfahren haben? Sie würden dich aussagen bis deine Lebens- und Zeugungskraft in sie übergegangen ist. Dabei haben sie keine Angst vor Fackeln.

Der Mann jedoch wird dich beschützen. Sie wird sich hüten dir zu nahe zu kommen, denn sie will nicht vor ihrer Zeit neben dem Karnickelstall gesteinigt werden.
Er wird dir Brot, Zwiebeln und Speck auftafeln, von dem du auch bedenkenlos deinen Hunger stillen kannst. Ist er dir wohlgesonnen, so gibt’s selbst getrocknete Forelle aus dem Gebirgsbach nebenan dazu. Er tut dies nicht aus Nächstenliebe oder Gottesfurcht, sondern aus Notwendigkeit. Jeder Mensch braucht Geselligkeit und im hohen Gebirge ist diese so rar, daß man sich einsam und verlassen fühlt und in seiner Not schon in Versuchung gerät mit der Frau oder dem Hackklotz zu reden, als könnten diese einem zuhören.
Er wird dich also auf ein Pfeifchen auf die Ofenbank einladen und dir vom Holz, vom Stein und vom Schnee erzählen. In einer Mundart die so einzigartig ist, daß man auch lachen muß ohne sein Gegenüber zu verstehen. Stoße mit ihm an, beim Wein oder Bier aber hüte dich vor seinen Likören. Sie wurden von ihm selbst angesetzt und bestenfalls ist da ein Zauberkraut unter den Zutaten, welches dir die Sinne rauben wird. Gegen Gifte, die in Gebirgskräutlein schlummern, ist er und seinesgleichen seid Jahrhunderten immun. Diese Art von Unsterblichkeit haben sich seine Urahnen vor tausend Jahren angesoffen und bis ins Heute vererbt. Was einem vor Jahren verschütteten und jetzt geborgenen Bergmann wieder Leben einhaucht, kann für den Flachländer zum Abendbrot nicht gesund sein. Bedenke dies und behalte auch beim Bier oder Wein maß. Schlafe dort, wo dein Gastgeber umfällt und stör dich nicht an seinem lauten Schlaf. Lieber eine Nacht wach, als die mit seiner Frau verbracht!

Am Morgen breche beizeiten auf und laß den Hof schnell hinter dir. Aber versäume nicht, dir die Fackel frisch zu teeren und zu binden. Ihr Schein wird dich vor Unheil bewahren und dir heim leuchten, so wahr es Gott will und der Teufel erlaubt.

Glück auf!

Bildnachweis: Das Erzgebirge, © VEB F. A. Brockhaus Verlag Leipzig, DDR, 1976

Kommentare:

  1. Da isser wieder. Leider zu lang für meinem Morgenkaffee. Wenn ich das zu Ende lese komme ich so was von zu spät zur Produktion und dann verliere ich womöglich die Arbeitsstelle und acht Kinder, eine Frau und der Kater stünden ohne Essen da... Also hab ich mit Edding die Stelle im Text markiert! ;o)

    Spontan fallen mir zwei Sachen ein: Wenn´s Raachermannl wieder naablt... und, dass das Bild »Tal des Todes 1« die selbe Ausstrahlung hat, wie das »Belus«-Cover von Burzum. Spooky!

    So, nun muss ich aber los, so ne Menschenkette bastelt sich nicht von allein! ;o)

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  2. Nein, da ist Präzision gefragt. Zum ehrenden Gedenken bedarf es mehr als ein paar betroffen guckende Bürger.

    Und Für Elvis sähe es schlecht aus. Der müßte dann ins Heim. Womöglich ins Erzgebirge. *g*

    Der Text läuft ja nicht weg. Nur ich stehe womöglich für Rückfragen nicht mehr zur Verfügung. Wenn die Schergen aus dem Gebirge rausbekommen haben, wo ich wohne ...

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  3. Fertig. Bin extra ne halbe Stunde eher aufgestanden. Noch ne Viertel um den Rest zu lesen und eine weitere, um die Winterreifen ins Auto zu räumen (so sachte fährt sichs beschissen erzgebirgig in Dresdens Straßen).

    Das hat auf jeden Fall das Zeug verfilmt zu werden! Jan Josef Liefers ließt den Text, Antonio Banderas tanzt dazu als Räuchermann verkleidet und Jaecki Schwarz krault beide am Hinterkopf. Oder so.

    Regie: Dieter Wedel, Soundtrack: Puhdys

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  4. ... und Dieter Wedel kann auch gleich als Satan durchs Bild rauschen.

    Winterreifen sind bei dem Wetter erste Wahl. Nur ich räume sie nicht ins Auto, sondern montiere sie anstelle der Sommerräder unten dran. Das mag etwas altmodisch erscheinen, aber so fühle ich mich sicherer. *g

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