Untergehen ist das Eine, unter der Oberfläche bleiben das Andere. ;-)

Mittwoch, 8. Februar 2012

Wenn du zum Berge gehst, vergiß die Fackel nicht!

Wald des Todes 1

Ein kurzer, wohlfeiler Abriss durch die Historie des Erzgebirges, mit dringlichem Rat dir zum Gebot.

Wenn du in Texas so einen Ulkbären von seiner Rodeo-Kuh – ich meine die mit 4 Beinen – schlägst, ihm eine Flasche Whisky an die Schläfe hältst und ihn fragst, was ihm spontan zu Old Germany einfällt, wird er, wie ein GI der alten Schule, dir in Stichpunkten folgendes herunterasseln; Oktoberfest, Bier, Weißwurst, Kraut; Hitler, der große Führer; Schnee, Winter, »Aaaarzgebarch«!
Bei letzteren Angeführtem werden sich sie seine Augen angsterfüllt verengen und er wird dir die Flasche wegnehmen und den Whisky in sich hereinschütten, als wäre es wohlfeiles Zyankali, welches verspricht ihn von allen Qualen zu erlösen.

Ein Fellache, bis zum Hals im Nilschlamm rudernd, wird dir Ähnliches berichten. Nur zählt er nach dem Oktoberfest den Rommel und die Pyramiden aus Holz – Holz haben die da unten keins – auf, bevor er mit spitzen Schreien beim »Aaarzgebarch« und im Nilschlamm endet.

Hang des Todes 1
Anfang der 70er Jahre bekam versehentlich ein Inuit ein Photo mit verschneiten Berghängen des Osterzgebirges zu sehen. Trotzdem Eskimos 20 verschiedene Arten von Schnee kennen, und für jedem seiner Zustände einen eigenen Begriff haben, verschlug es diesem armen Menschen die Sprache, und er fand keinen Ausdruck für das Grauen, was er auf dem Bild erblickte. Rückwärts taumelnd erlöste er sich beim Fall in ein großes Robbenloch, wobei er sich seine Harpune aus Walbein ins Gehirn stieß.

Wenn du in eine Gegend kommst, sei es beim Wandern oder auf der Flucht, und dein Auge nimmt nur noch drei Farben wahr: Dunkelgrün, schwarz und weiß, dann bist du im »Aarzgebarch« – im Erzgebirge angekommen. In dem Teil des Gebirges, was als passierbar gilt. Hier herrscht ganzjährig ein rauhes Klima. Frostfreie Tage sind selbst im Hochsommer selten, meist sind es nur zehn an der Zahl und an den Häusern findest du keine Thermometer. Die Temperatur hält sich um die 10°C, plus oder minus, da spart man sich diese Ausgabe.

Hier oben im Gebirge hat der Winter das Sagen und die anderen Jahreszeiten gibt es nur der Sage nach. Siehst du ein Buswartehäuschen, so kehre ein und warte bis die Rettung dich talwärts fährt. Versperre die Tür von innen – hier im Erzgebirge haben die Wartehäusel Türen, um den grimmigen Frost und die Wölfe abzuwehren – und verbleibe frohen Mutes. Hoffe nicht auf einen wärmenden Sonnenstrahl. Die Mutter des Lebens hat sich längst von den Tälern und Bergen hier abgewandt.

Wenn keine Rettung naht, das ist in den Monaten von August bis Juli wahrscheinlich, so mußt du dein Ränzlein schnüren und den Abstieg selbst wagen. Gehe dabei nie Wege deren Namen auf -steig wie; Briefträgersteig, Schmugglersteig, Mördersteig, Räubersteig oder Diebessteig, enden. Sie führen dich, wenn nicht gar ins Verderben, so doch in die unpassierbaren Gegenden des Gebirges, die weit in die Geschichte reichen.

Tal des Todes 1
Der Teufel selbst schuf diese Täler, in denen der Nebel nie weicht und es unaufhörlich regnet. Dort kühlt er seine Hölle und gewährt den hartgesottenen Seelen Hofgang. Hier hat die Welt keine Farbe mehr, so wie das Gesicht eines Flachländers der sich in diese düsteren Gefilde verirrt. Noch nie ist es einem gelungen, die Täler des Teufels wieder zu verlassen. Wenn man genau hinhört, kann man den Schreien der Unglücklichen lauschen, wenn der Leibhaftige mit ihren Gebeinen das Feuer schürt.

Verbleibe auf den Pfaden deren Namen auf -weg, wie Briefträgerweg, Schmugglerweg, Mörderweg, Räuberweg oder Diebesweg enden. Darauf bist du zwar nicht in Sicherheit aber in menschlichen Gefilden. Ihre Häuser säumen den Weg, wie Leichen die die Pest hinterließ. Dunkel liegen sie da und laß dich nicht täuschen, von dem Kerzenlicht im Fenster. Diese Kerzen beleuchten nur die ausschließlich dunklen Kapitel, die in diesen Häusern seit Jahrhunderten spuken.

Laß dich auch nicht vom fehlenden Hundegebell ermuntern näher zu treten, um ein Heim für die Nacht und ein Labsal zu erbitten. Bleib den Häusern fern und hübsch auf dem Weg. Achte darauf, daß deine Fackel nicht verlischt, nähre sie notfalls mit deinem Gewand, sie ist deine Lebensversicherung bei Tag und bei Nacht.

Denn die Hunde des Erzgebirges bellen nicht. Sie riechen dich bis zu 50km weit. Sie riechen alles an dir. Deine Kindheit, dein Umgang mit dem Weibe oder eine andere Neigung, deine Gebrechen die du hattest, die du hast und die du nicht mehr bekommen wirst, wenn sie deiner habhaft werden. Sie hören dich, schwarz wie der Tod in ihren Verstecken, wie du dich ihnen auf Sprungweite näherst und sie folgen dir, bis sich eine günstige Gelegenheit ergibt – du vielleicht die Fackel aus der Hand nimmst – um sich auf dich zu werfen und um dir die Kehle aus dem Halse zu reißen.
Das was sie beherrscht, ist deine Angst, wie sie dir aus allen Poren schießt, wenn dich ihr mächtiger Brustkorb zu Boden wirft und sie sich in deinen Eingeweiden verbeißen, um ihren Blutdurst zu stillen. Ihr Haß ist blind, wie ihre Augen es sind und richtet sich gegen alles menschliche, was in dir schlägt und er ist so grenzenlos, wie alles, was der Mensch hervorzubringen vermag. Jeder der oben im Berg oder unten im Tal eine Heimstatt vorgefunden hat, besitzt so ein Untier, entweder vor der Tür oder in sich selbst und er nährt es, um nicht von ihm gefressen zu werden.

Die blinden Hunde stammen von den Wölfen des Miriquidi, des germanischen Dunkelwaldes, wie man früher weite Teile Mitteleuropas und das Erzgebirge nannte, ab. Ob sie schon damals durch die Blitze aus Thors Hammer geblendet wurden, als sie sich gegen ihn auflehnten, wie die Sage es berichtet, oder ob sie erst später, nach dem ersten Berggeschrey als Zugtiere mißbraucht, im Stollen ihr Augenlicht verloren, ist unter den Gelehrten umstritten. Für die Blitze aus Thors Zorn spricht ihre Angst vor dem Feuer – hast du deine Fackel noch? – dagegen die Wahrscheinlichkeit, daß sie im Dunkelwald ihre Augen eh nicht gebrauchen konnten.
Ihre unbändige Wut auf alles, was lebt oder nur so tut, hat mehrere Väter. Einer davon ist die Evolution. Seit Jahrtausenden wütet sie im Erzgebirge und brachte allerlei Wunderlichkeiten hervor, wie den Bergmann in Einem und seine Frau im Besonderen oder drollige Eichhörnchen, sanfte Rehkitze oder glänzende Blutegel in den Hochmooren –  nur aus ihnen, den stolzen Wölfen wurden umnachtete Hunde.

Die Bergleute waren einer der anderen Gründe. Von welchen Völkern diese abstammen ist nicht mehr zu klären. Als das Erzgebirge noch Dunkelwald hieß, hatte es ungeheure Ausmaße. Vielen Stämmen diente es als Zuflucht und Heimstatt, vor allem denen, die das Licht scheuen mußten. Damals verbannte man alles, was sich ehrlicher Arbeit verweigerte, einfach in den Wald. Viehdiebe, Landstreicher, Fahrensleute, Räuber und Brandstifter wurden, soweit sie nicht gedungen waren und im Auftrag ihrer Herrscher handelten, mitsamt ihrer Sippe so in Acht und Bann geschlagen und für vogelfrei erklärt.
Sie siedelten sich im Herzen des heutigen Erzgebirges an und versuchten das Beste daraus zu machen. Das hieß Holzeinschlag und Nachkommen zeugen. Holz gab es genug, das Klima war damals bedeutend kälter als heute, und da die Steinkohle noch nicht gefunden worden war, wanderte alles Geschlagene in den Ofen. Bis auf die Nachkommen. Die brauchte man zum Holzfällen oder für die Kopfjagden. Letzteres ist ein ganz düsteres Kapitel in der Geschichte des Erzgebirges und es wurde von beherzten Geschichtsschreibern im späten Mittelalter durch herausreißen von Seiten aus den Kirchenbüchern getilgt. Was eigentlich eine bahnbrechende Lösung darstellte, gab es damals diese Chroniken doch noch gar nicht. Diese wurden erst Mitte des 18. Jhd. mit der Einführung von Friedhöfen angelegt. Aber dazu später mehr.

Hang des Todes 2
Die Not war groß im Gebirge. Die Rodungen gaben kein Ackerland her und Holz konnte man damals noch nicht essen. Was blieb, war der Verkauf des Holzes, Vieh- und Frauenraub oder einfache Plünderungen, bis hin zu kannibalen Kopfjagden. Am Anfang schlug man sich wirklich gegenseitig die Köpfe ab und aß das Fleisch der Anderen. Viele Rezepte der erzgebirgischen Küche haben hier ihren Ursprung und wurden später durch die Zugabe von Gewürzen verfeinert.
Nur eine Sage deutet auf diesen schönen Brauch hin. Der Volksmund mußte ganz schön dichten um die »Drei wunderlichen Köpfe« zu schönen. Angeblich laberte ein Berggnom drei Brüder auf einer Wiese voll. Sie hätten wunderliche Köpfe. Daraufhin fingen sie an zu buddeln und fanden reiche Zinnvorkommen, was zur Gründung der Stadt Zinnwald führte. Was völlig unlogisch und damit Quatsch ist. Die Köpfe lagen abgeschlagen auf dem Rasen und sollten vergraben werden. Dabei fand man dann das Zinn.

Später nahmen die Kopfjagden immer mehr touristische Züge an. Sie versprachen Amüsement, Entspannung und Erholung vom Holzeinschlag, so daß die Exkursionen sich immer weiter von den heimischen Gefilden entfernten und es zunehmend zu einem Kulturaustausch kam. Man schaute sich Land und Leute an, sah was sie aßen, wie sie sich kleideten und erzählte ihnen im Gegenzug vom Holz. Das war der entscheidende Wendepunkt in der Historie des Erzgebirges. Unter Kopfjagd verstand man nun fremde Meister aller Gewerke zu entführen und von ihnen Produktionsmethoden zu erlernen.
Die Viehzucht gelang, auf den ersten Holzkohlemeilern tanzten die Köhler, in den Schmieden die Funken und man fing an alles zu verhütten, was man im Wald fand. Aus einem böhmischen Mönch prügelte man die Glasmacherkunst heraus und gefangene venezianische Kundschafter folterte man so lange, bis sie ihre letztes Wissen über den Bergbau preisgaben. Ihre Schreie hallten lange durch das Gebirge und sie verstummten auch nicht, als sich das erste Berggeschrey erhob.

Wenn du genau in den Wald horchst, kannst du den Schreien lauschen.

Die ersten Erzfunde zogen eine Ansiedlungswelle nach sich, wie sie das Gebirge noch nicht gesehen hat. Entlang von Handelswegen und vereinzelten Gasthöfen entstanden Dörfer, Städte und Schutthalden. Wälder verschwanden und gaben den nackten Fels frei. Das Erz versprach mehr Brot als die Glashütten. Aber es hielt nicht, was man sich erhoffte. Die Bergleute, die später nach Daniel Knappe benannt wurden, schürften ihr Erz aber reich wurden nur die Bergherren und der König von Sachsen. Die Knappen fuhren als Kinder ein und verließen den Schacht als Greise. Die Lungen voller Staub, die Knochen kaputtgeschlagen, die Hände vom Gestein zerquetscht, starben sie mit oft nicht mal dreißig Jahren.

Wenn dir ein Friedhof begegnet, so wundere dich nicht, sondern lauf so schnell du kannst.

Im 16. Jahrhundert kam der Hunt als Förderwagen auf. Vorher trugen die Bergleute das Erz und das taube Gestein in Körben aus dem Berg. Der Begriff Hunt geht wahrscheinlich auf das germanische Hyntow, der Wagen, zurück. Nur im Erzgebirge hat der Hunt auch etwas mit dem Hund zu tun. Die Bergleute brachen den Pakt, den sie mit ihren Hunden vor tausenden von Jahren geschlossen hatten und mißbrauchten sie als Zugtiere für ihre Förderwagen. Das ist eine Tatsache die noch heute von Historikern geleugnet wird, so wie sie die Existenz der blinden Hunde vehement bestreiten. Und das aus gutem Grund: Angst.
Die immerwährende Nacht im Stollen forderte ihren Tribut. Der Berg nahm den Hunden das Augenlicht. Nicht Thors Hammer und seine Blitze ließen sie erblinden, sondern die Schwärze des Todes. Ihre Angst vor Feuer ist dieselbe, wie die, die sie vor den Fackeln hatten die der Hauer brauchte, um das Erz zu brechen und um die angeschirrten Tiere anzutreiben. Ihre Glut schlug er ihnen ins Fell und der Schmerz kerbte sich tief in ihr Hirn. So wie sie ihre fehlende Sehkraft vererbten, so vererbt sich auch ihr Leid, ihr Schmerz in jede Generation weiter.

Dabei war der Hund dem Menschen im Vorteil. Er konnte den Berg fühlen. Er spürte jede Veränderung im Stein und wußte schon Tage vorher, wenn ein Schlagwetter oder ein Wassereinbruch bevorstand und stellte sich darauf ein. Im Berg sind nur Hunde geblieben, die von Bergleuten erschlagen wurden. Nie konnte der Berg einen Hund töten. So wie du keinen Hund der hier geboren wurde töten kannst. Aber er dich, so wie er jeden Bergmann und jeden Fremden in dir töten kann.

Siehst du den Friedhof? Er scheint neu zu sein. Keine 200 Jahre alt. Die Mauern sind hoch und die Tore fest verschlossen. Das haben die Geschichtsfälscher so verfügt, als sie ihn anlegten und merkten, was sie dort heraufbeschworen.

Die Bergleute merkten auch zu spät, was sie heraufbeschworen. Sie gruben zu tief und sie gruben zu gierig. Sie ahnten nicht, was sie im Berg außer Silber- und Zinnerz noch finden und wecken würden. Nach dem zweiten, dem großen Berggeschrey, dreihundert Jahre nach dem ersten, nahm das Unheil weiter Gestalt an. Ströme von Halsabschneidern, Vagabunden und Hungerleider aller Art wurden von den Silbererzfunden in Schneeberg und am Schreckenstein angezogen.
Sie schürften tief im Berg, mißachteten des Gebirges Gebote und Warnungen und starben zu Hunderten im Fels. So uralt, wie das Gebirge, sind auch dessen Geister, und um so stärker der Frevel, die der Mensch durch seinen Raubbau betrieb, um so begieriger waren sie, es dem Frevler heimzuzahlen. Das Gebirge wehrte sich und sandte als letzte Warnung seltsame Krankheiten, Spukgestalten, Hungersnöte und Klimakatastrophen.
Es gab Jahre, da erfror alles Vieh im Stall und selbst im April waren die Menschen durch Schneestürme von der Umwelt abgeschnitten. Die Bergleute verloren ihre Zähne, und starben über und über mit Geschwüren übersät, einen qualvollen Tod. Nach Typhus, Pest und Cholera fand der Ebola-Virus nichts mehr vor, was er vernichten konnte, ohne das Bergvolk auszurotten und er verzog sich schmollend mit den Zugvögeln nach Afrika in wärmere Gefilde.
Spukgestalten narrten einsame Wanderer, führten sie in die Irre und ins Verderben. Manch ehrliche Haut wurde auch von ihnen auf den rechten Weg zurückgeführt und fürstlich beschenkt. Der Berg war nicht nur böse. Das überließ er den Wölfen.

Ja, die Wölfe, die sich nach dem ersten Berggeschrei in tiefere Wälder verzogen, kamen zurück. Nahe dem Böhmischen bei Zinnwald tauchten sie auf, wie die todbringenden Geister aus dem Berg. Sie zogen eine mit nichts vergleichbare Blutspur über das Land. Das Vieh in den Ställen nährte sie und ihren Blutdurst stillten sie am Menschen. Erst überfielen sie nur einsam gelegene Gehöfte, später brachten sie den Tod in ganze Dörfer. Die Menschen flohen in Angst und Schrecken aus ihren Häusern, um im Schnee zu erfrieren. Verhungert wären sie sowieso.
Nur ein Herzog wagte sich den Wölfen in den Weg zu stellen. Sein Name verschweigt die Geschichte aus gutem Grund. Der Sage nach rief er seine Jägerschar zusammen und schwor sie auf sein Vorhaben ein. Sie sattelten die Pferde und stoben in die Richtung des Dorfes, was zuletzt den Wölfen zum Opfer gefallen war, um ihre Spuren aufzunehmen. Dort angekommen, sahen sie das Rudel sattgefressen und dösend am Waldesrand liegend. Es waren etwa zwei Dutzend Tiere – nichts was die erfahrene Jägerschar schrecken konnte.
 Ohne viel Federlesens stürmten sie los, um der Meute den Garaus zu machen. Nur der Herzog zögerte, schien ihm doch der Erfolg allzu leicht in den Schoß zu fallen. Gerade als er sich anschickte seinem Roß die Sporen zu geben, um den Seinen zu folgen, tat sich um ihn herum die Erde auf und hundert Wölfe glitten heraus um seiner Jägerschar lautlos in den Rücken zu fallen. Die Waidmänner wurden zerissen, bevor sie der Übermacht gewahr wurden und  ihre Waffen ziehen konnten.
Entsetzt und voller Angst riß der Herzog sein Roß herum und floh, als säße ihm der Teufel im Nacken. Wäre es nur der Leibhaftige gewesen! Seine Burg empfing ihn still und mit offenen Toren. Die Mauern waren voller Blut und in den Gassen lagen Leichen, deren Gedärme zerfetzt noch dampften, und deren Arme und Beine gar greulich zerstreut zu tanzen schienen.
Oben in seinen Gemächern zollten die Wölfe dem Adel Respekt. Seinen Töchtern hatten sie nur die Kehlen durchgebissen und seiner Frau das Leben gelassen. Dieses Geschenk vermochte sie nicht zu schätzen. Als sie seiner Angesicht wurde, stürzte sie sich in sein Schwert. Vor Gram gebeugt starb er in der Nacht darauf.
Seltsamerweise behauptet die Sage, daß er fortan als Reiter ohne Kopf mit einem Wolfspelz über den Schultern durch die Nächte galoppiert.
Von den Wölfen allerdings, ward nichts mehr gesehen. Nur noch einmal zogen sie durchs Land, ein Rudel von über tausend Tieren, mit hoch erhobenen Haupt ließen sie kein Zweifel daran, wer der wahre Herrscher im Gebirge war. Die Menschen verstanden diese Warnung und verbeugten ihr Haupt voller Demut. Dann verschwanden die Wölfe in den Bergen und noch heute erinnert der Wolfsgrund und der Wolfszug an diesen Schrecken.
Wenn du genau in den Wald horchst, kannst du sie noch heulen hören.

Götzen des Todes 1
In den Städten machte sich vor Angst der Wahnsinn breit. Er und der Hunger trieben seltsame Blüten. Die Männer saßen vor ihren Öfen und schnitzten kleine Götzenbilder, die sie in der Frühe und am Abend anbeteten. Als das nicht half, schnitzten sie böse Menschen, wie Gendarmen oder Soldaten und übergaben sie stellvertretend für Menschenopfer den Flammen. Als das auch zu keinem Ergebnis führte, resignierten sie und brachten den Holzklötzern kleine Kunststückchen bei, wie Nüsse knacken, Rauchen oder Kerzen halten. Allerdings waren diese Urformen in ihrer Funktion stark eingeschränkt bis unbrauchbar.
Die Nüsse, es handelt sich zweifelsfrei um Wal- (Welsch-) oder Haselnüsse, welche im Erzgebirge bis 800m über NN gedeihen, zu knacken stellte für jeden Experimentierfreudigen eine Herausforderung dar. Entweder die Nuß springt unzerstört aus dem Werkzeug oder sie zerbirst spritzend durch das ganze Zimmer.
Die »Rachermännel«, wie die Räuchermännchen genannt wurden, machten erst nach der Erfindung der Räucherkerze um 1750, also ca. 200 Jahre später, einen Sinn und den Kerzenhaltern fiel so manch Gehöft zum Opfer. Der Teufel selbst fand Gefallen an diesem Werk schlichter Gemüter und machte sich um deren Verbreitung verdient, wie ich es dir später noch berichten werde.

Bäumes des Todes 1
Die Not war also groß und das Erz rar. Aber dem nicht genug. Durch die starke Besiedelung nach dem 2. Berggeschrey häuften sich natürlich auch die Todesfälle, so daß eine herkömmliche Bestattung, aufgrund der Vielzahl der Leichen, nicht mehr in Frage kam. Bis dahin mußte man sich um die Toten keine Gedanken machen, fanden doch Bestattungen so nebenbei und ohne Gräber zu hinterlassen statt.
Wenn es ans Sterben ging, das kam bei Männern um die 40 Jahre in Betracht und bei Frauen ab 30, schickte man die Gebrechlichen und zur Arbeit untauglich gewordenen einfach in den Wald. Dort sollten sie Gehölz holen oder Pilze sammeln. Jeden Morgen vor der Dämmerung setzte man sie vor die Tür und die Siechenden machten sich auf ihr Tagewerk zu verrichten. Irgendwann, meist im Winter, blieben sie dann im Wald bei den Bären, Füchsen, Krähen, Würmern und Ameisen. Die Natur bekam zurück, was sie einst gab und alle waren zufrieden.
Die Totengräber unter den Christen entwarfen nun die ersten Friedhöfe. So in der Mitte des 18 Jhd. In der Übergangsphase von der Wald- zur Feuerbestattung behalf man sich mit Holzkohlemeilern und die Köhler waren über das kleine Zubrot sehr zufrieden.
Aber die Natur war schon zu sehr aus dem Gleichgewicht gebracht worden, um auch noch Gottesacker verkraften zu können. Früher fanden die Geister der Toten im Stein, im Moos oder in einer Ratte – je nach Gusto – ihre Heim- und Ruhestatt. Jetzt waren die Plätze zwar nicht rar geworden aber die Dichte der niedergelassenen Seelen brachte viel Streit und Zank und damit Wiedergänger hervor. Seelen die weder tot noch lebendig waren, haderten mit sich und der Welt und brachten viel Unheil über das Land.
Die meisten Sagen des Erzgebirges gehen auf solche Ungestalten zurück. Bis heute gibt es keine befriedigende Lösung für dieses Problem. Achte deshalb, wenn du auf einen Friedhof triffst, nicht auf die Gestalten die die Mauer zum Friedhof überwinden – das sind nur Grabräuber – sondern auf diese, die vom Friedhof her kommen. Eine helle Fackel hat da schon manchen das Leben gerettet.

Die Wende im Geschehen und den Lauf zum Besseren brachte dann der Leibhaftige höchst persönlich. Der Mensch tat schon immer gut daran, hier und da Gottes Ordnung in Frage zu stellen und sich Ratschlag beim Teufel zu holen. Guter Rat ist nicht teuer und sein Last-Minute-Angebot kostet einen gerade mal die Seele.
Der Sage zu Folge beschworen ein paar Dörfler mit Hilfe eines Geistlichen, der auch im Okkulten kundig war, den Teufel, um Ratschlag zu halten, wie es weitergehen sollte im geliebten Erzgebirge. Dafür lasen sie die ersten Kapitel aus dem 6. und 7. Buch Moses laut vor, bis der Satan mit einem klirrenden Sack voller Einfälle durch den Schornstein zu ihnen herabfuhr. Offiziell stieß ihnen der Schrecken so in die Knochen, daß sie die Kapitel schnell wieder rückwärts verlasen und der Spuk dorthin verschwand, wo er hergekommen war.
In Wahrheit wurde es ein lustiger Abend mit dem besten Wein den der Gast aus dem hiesigen Brunnenwasser bereiten konnte. Es wurde viel gelacht und Zukunftspläne geschmiedet, die der Pferdefuß geheimnisvoll lächelnd guthieß.

Früh am nächsten Morgen stoben sie voller Tatendrang in alle Himmelsrichtungen davon, um ihre Pläne in die Tat umzusetzen. Vom Bergbau hatte der Alte dringlichst abgeraten. Da unten gäbe es kein Erz mehr, für welches sie eine Verwendung haben könnten. Das, was da unten schlummert, würde ihnen nur den Tod bringen. Erst wenn das dritte Berggeschrey sich erheben würde, wäre die Zeit dafür gekommen und bis dahin solle es ruhen. Nur Kobalt und Kaolin wäre noch zu haben und zwei der abendlichen Gesellen machten sich, durch den Teufel genauestens unterrichtet, flugs ans Werk.

Den Anderen legte er aus Holz geschnitzte Figuren ans Herz. Sie sollten dem Öffnen von Nüssen dienen, sahen dem Leibhaftigen nicht unähnlich und taugten vermutlich nur als Brennholz. Aber der Alte versprach reißenden Absatz, wenn man sie bunt anmalt und in den Städten als Götzen feilbot. Überhaupt legte er Pläne vor, nach denen Holz bearbeitet werden sollte. So hörten die Versammelten daß erstemal von Schwibbögen, gedrechseltem Holzspielzeug und Pyramiden die sich auch drehen können.

Götzen des Todes 2
Erst dachten die Gesellen, der Teufel würde sie zum Narren halten, da ließ dieser die Katze aus dem Sack: Er plane etwas noch nie dagewesenes, eine Teufelei ersten Ranges und er würde sie als Spießgesellen gern teilhaben lassen, es würde ihr Schade nicht sein und als Lohn würde er sich mit ihren Seelen zufrieden geben. Sie willigten und schlugen leichtsinnig ein und lauschten seinen Plänen.
Ein Fest zu Ehren Gottes und seines Sohnes Geburt sollte es werden, um gleich jeden Verdacht von ihm abzulenken. Eine Weihnacht schwebe ihm vor, ein Fest der Liebe und der Familie, gleich zu Winteranfang, wenn die Nächte am längsten sind. Besinnlich sollte es zugehen, die Stuben hübsch geschmückt und es würden darin Tannenbäume aufgestellt werden, an die man Glaskugeln und Süßkram hängt, in den Fenstern leuchten dann die Schwibbögen und man möge sich zum Heiligen Abend beschenken müssen.
Alle im Raum wurden kreidebleich und stöhnten. Wahrlich! Was für eine Teufelei! Das ergäbe Mord und Totschlag. Ganze Familien würden so zerstört und ins Grab gezerrt. Aber es war zu spät zum Entrinnen. Der Pakt mit dem Teufel galt. So jammerten sie und wehklagten darob, auf was sie sich da eingelassen hatten. Aber der Teufel lachte nur. Reich würden sie werden, wenn sie seinen Rat befolgen. Reich, so reich wie die Pfeffersäcke in Hamburg und Bremen. Aber vorher müßten sie noch Mühlen bauen. Die Kraft des Wassers nutzen lernen, um die Produktivität des Handwerks zu erhöhen. Damit jeder Hungerleider Geld in die Taschen bekäme, um es zur Weihnacht voller Reue wieder verschleudern zu können.
Was der Teufel da sprach, verstanden die Burschen nicht, aber daß es Hand und Huf haben mußte, konnten sie sich denken. Lag der Gehörnte jemals fehl in seiner Ansicht? Niemals, seit Anbeginn der Zeit war auf ihn Verlaß. Und nicht Gott, der Hüter und Bewahrer, sondern der Teufel, als Zerstörer und Wegbereiter, hat die Fäden in der Hand. Wohl dem, dachten sich die Burschen nun, der ihm folgt und seinem Rat befolgt.

Modernes Rechenzentrum bei Bärenfels 1
Überall im Lande, an jedem Bach der des Sommers, wie des Winters, genug Wasser führte, schossen die Mühlen wie Pilze aus dem Boden. So neu waren diese ja nicht. Mit Wasserkraft wurden schon die Stollen entwässert, in Pochmühlen das Erz zerkleinert und in Hammerwerken der Stahl geformt. Abgesehen von den Sägewerken und den Mühlen für das täglich Brot. Nun besann man sich wieder auf diese Kunst und erfand neue Anwendungen dazu. Papier- und Pulvermühlen, Walk- und Schleifmühlen klapperten durch die Täler und die Weihnacht erwies sich als die schlimmste Pandemie die die Welt je gesehen hat.

Dann kam der Krieg ins Gebirge. Leise und unscheinbar. Steingraue und schwarze Uniformen zogen durch den Wald und LKWs fuhren Zement in den Berg. Gegen Kriegsende brüllten deren Motoren Tag und Nacht. Niemand weiß, wo und was sie dort versteckt haben. Der Berg hütet ihr Geheimnis unerbittlich. Kein Suchtrupp war erfolgreich. Sie blieben im Fels oder wurden vorher von geheimnisvollen Gestalten erschossen. Selbst heute noch peitschen Schüsse durch die Nacht und strecken allzu Wagemutige nieder.
Es heißt, das Wiedergänger dort einen Schatz bewachen. Lebende Tote. So ist es kein Wunder, daß die Amerikaner fast 500 GI’s im Erzgebirge verloren. Mit Geistern von gestern und heute ist schlecht Kirschen essen. Außerdem hat denen niemand erzählt, daß sie im Wald eine Fackel brauchen. Der Russe erwies sich als vertraut mit der Materie. Er verbot seinen Soldaten in den Wald zu gehen und zog bald wieder ab. Er hatte genug Menschenleben in diesem Krieg verloren, da wollte er seine letzten Armeen nicht noch dem Erzgebirge opfern.

Als das dritte Berggeschrey ausbrach, gab es die Mühlen schon lange nicht mehr. Die Dampfmaschinen und Elektromotoren zogen unerbittlich an ihnen vorbei. Die Hammerwerke verstummten, ihre Mauern brachen und gaben die Unglücklichen frei, die man aus altem Aberglauben dort lebendig begraben hatte. So wie die Deichgrafen im Friesland nur auf Staumauern vertrauten, in die etwas Lebendiges verbracht wurde, so trauten die Mühlenbesitzer nur auf Fundamente, in denen ihre eigene Familie ihre Seelen aufgaben. Manchmal barsten die Mauern schon zum Richtfest, weil sie die vielen Kadaver nicht in sich halten konnten.

Die Bergmänner kamen aus einem Krieg zurück, wie er grauenvoller nicht sein konnte und sie fuhren wieder in den Berg, um dieses Grauen nicht noch einmal erleben zu müssen. Zumindest glaubten sie daran, weil man es ihnen so sagte. Sie holten das aus dem Berg, wovon der Teufel in der guten Stube sprach. Das was Jahrtausende schlief und nun geweckt werden sollte. Sie verdienten prächtig daran, hatten ein paar gute Jahre und starben früh an dem, was sie schürften. Man konnte das Verderben nicht sehen, schmecken oder riechen. Trotzdem starben sie daran, wie die Fliegen auf einem vergifteten Kuhfladen.

Das Glück bleibt weiter unter Tage verborgen. Nie wird es da noch einer finden. Was Jahrhunderte nicht gelang, wird nun auch nimmermehr. Die Tage werden nicht heller und die Luft zum Atmen nicht leichter und wärmer. Der Dunkelwald mit seiner Trikolore – dunkelgrün, schwarz und weiß – ist allgegenwärtig und liegt schwer auf den Menschen. Die Lichter in den Hütten beleuchten zwar nur das Dunkel, aber sie sind auch das einzig Warme, was den Menschen hier bleiben wird.

Steine des Todes 1
Ein guter Rat noch ganz zum Schluß: Wenn du den Abstieg wagen mußt, um ins Leben zurückzukehren, deine Wegzehrung sich aber dem Ende neigt und du zu verhungern drohst, dann fasse dir ein Herz und deine Fackel und klopfe an den Häusern, vor dessen Tür der Schnee geschoben wurde, und sich ein sorgsam gestapelter Haufen mit Ofenholz im Garten findet. Der echte Erzgebirgler hackt kein Holz – er spaltet Stämme zu Brennholz so exakt, daß sich im Holzstapel kaum ein Spalt mit Luft befindet. So wie die Inkas Machu Picchu erbauten, so errichtet dieser sein Brennholzlager. Kein Sturm, kein Orkan ist stark genug, um so ein Kunstwerk zu vernichten.
Liegt das Brennholz lustlos hingeschüttet neben der Mauer, so wandere weiter. In diesem Haus lebt kein echter Bergmann und kein echter Erzgebirgler. Das sind Zugezogene aus dem Westen Deutschlands, die nirgendwo anders jemand dulden wollte. Hier haben sie sich nur eingekauft – spottbillig Haus und Grund erworben und sie meinen daraus auch das Recht an der Geschichte des Gebirges zu haben. Aber da irren sie. Eine eigene Geschichte kann man nicht mit Geld erwerben. Das Haus konnten sie sich ergaunern aber nicht, was bis dato da drin geschah.
Das harte Brot des Bergmanns haben sie nie gekostet und es verlangt ihnen auch nicht danach. Nicht mal den Schnee vor der eigenen Haustür, auf ihrem Grundstück, wollen sie selbst beräumen. Den ganzen Tag sinnen sie darüber nach, wie sie den Nachbarn übertölpeln könnten, damit er ihnen ohne Dank und Lohn diese Arbeit tut. Dort brauchst du nicht um Obdach bitten. Anstatt dir etwas aufzutischen werden sie nimmermüde sein dich über den Tisch zu ziehen und dir Bürden aufzuladen, um einen Vorteil zu erlangen. Nein, nimm deine Fackel, setze ihnen den roten Hahn, den Florian, aufs Dach – wenn du es nicht tust, wird es ein anderer sein – und ziehe weiter.

Ziehe weiter, bis zum nächsten sauber gefegten Haus. Aber halt! Klopf nicht einfach und verlang nach Einlaß. Da setzt du dein Leben ohne Not aufs Spiel.
Ein echter Erzgebirgler stirbt unter Tage im Gestein, im Wald beim Bären oder vor seinem Haus beim Schneeschieben. Etwas anderes kommt für ihn nicht in Frage. Die ersten beiden Möglichkeiten scheiden inzwischen aus, wie wir wissen, so bleibt das Schneeschieben.
Aber du brauchst den Herrn im Hause lebend. Er ist dein Schutz und der Garant heil wieder davonzukommen. So leuchte mit deiner Fackel in die Schneewehen, ob er nicht gerade dort niedergekommen und verschieden ist. Liegt der Schnee hoch, so halte zuerst Ausschau, wo der Schneeschieber steckt. Meist liegen die Toten in seiner Nähe. Findest du ihn schon hart gefroren, so ziehe weiter und versuch dein Glück am nächsten Haus.
Widerstehe der Verlockung ein mannloses Haus aufzusuchen. Die hinterbliebenen Frauen mögen zwar den Anschein haben, seit ihrer Geburt an den Herd geschmiedet zu sein, aber sie sind es mitnichten und schneller bei der Mistgabel, als dir lieb sein kann. Versteh mich richtig: Sie wollen dich nicht meucheln, sondern aufgabeln, dich also ins Stroh oder Heu zwingen. Ihr Schoß ist fruchtbar noch und ihre Gene schreien nach Vermischung. Sie brauchen frisches Blut, um ihre Art gesund zu halten für die nächsten Generationen. Vielleicht haben sie Kunde davon erhalten, das der Zeugungsakt auch Freude bringen kann. Wer weiß schon, was in den Köpfen von Frauen rumspukt, die in ihrem ganzen Leben nur Entbehrungen erfahren haben? Sie würden dich aussagen bis deine Lebens- und Zeugungskraft in sie übergegangen ist. Dabei haben sie keine Angst vor Fackeln.

Der Mann jedoch wird dich beschützen. Sie wird sich hüten dir zu nahe zu kommen, denn sie will nicht vor ihrer Zeit neben dem Karnickelstall gesteinigt werden.
Er wird dir Brot, Zwiebeln und Speck auftafeln, von dem du auch bedenkenlos deinen Hunger stillen kannst. Ist er dir wohlgesonnen, so gibt’s selbst getrocknete Forelle aus dem Gebirgsbach nebenan dazu. Er tut dies nicht aus Nächstenliebe oder Gottesfurcht, sondern aus Notwendigkeit. Jeder Mensch braucht Geselligkeit und im hohen Gebirge ist diese so rar, daß man sich einsam und verlassen fühlt und in seiner Not schon in Versuchung gerät mit der Frau oder dem Hackklotz zu reden, als könnten diese einem zuhören.
Er wird dich also auf ein Pfeifchen auf die Ofenbank einladen und dir vom Holz, vom Stein und vom Schnee erzählen. In einer Mundart die so einzigartig ist, daß man auch lachen muß ohne sein Gegenüber zu verstehen. Stoße mit ihm an, beim Wein oder Bier aber hüte dich vor seinen Likören. Sie wurden von ihm selbst angesetzt und bestenfalls ist da ein Zauberkraut unter den Zutaten, welches dir die Sinne rauben wird. Gegen Gifte, die in Gebirgskräutlein schlummern, ist er und seinesgleichen seid Jahrhunderten immun. Diese Art von Unsterblichkeit haben sich seine Urahnen vor tausend Jahren angesoffen und bis ins Heute vererbt. Was einem vor Jahren verschütteten und jetzt geborgenen Bergmann wieder Leben einhaucht, kann für den Flachländer zum Abendbrot nicht gesund sein. Bedenke dies und behalte auch beim Bier oder Wein maß. Schlafe dort, wo dein Gastgeber umfällt und stör dich nicht an seinem lauten Schlaf. Lieber eine Nacht wach, als die mit seiner Frau verbracht!

Am Morgen breche beizeiten auf und laß den Hof schnell hinter dir. Aber versäume nicht, dir die Fackel frisch zu teeren und zu binden. Ihr Schein wird dich vor Unheil bewahren und dir heim leuchten, so wahr es Gott will und der Teufel erlaubt.

Glück auf!

Bildnachweis: Das Erzgebirge, © VEB F. A. Brockhaus Verlag Leipzig, DDR, 1976

Dienstag, 6. Dezember 2011

Rattenkampf – sechzehn, Showdown

Echtes Multimedia gibt es heute im Nachbarblog beim Projektpartner Octapolis zu bestaunen. Bei mir langt es nur für ein erhöhtes Videoaufkommen. Das muß reichen. Abschließend gilt mein Dank für das überkreuzte Schrauben am Manuskript Lizzard, Lisa und Frau Rot-Weiß-Erfurt. Seid gewiß: Ihr durftet an großer Weltliteratur schnuppern!
Auf gehts! Dem Ende entgegen:



Sie schoß sofort. Den Wagen, der genau vor der Haustür parkte, konnte sie durch das Treppenhaus sehen. Er gehörte nicht hierher und paßte auch nicht in das vornehme Viertel. Die Seitenscheibe war heruntergekurbelt. Das gab ihrer Ahnung Gewißheit, und sie zog ihren Revolver und steckte den Schalldämpfer auf.
Mitten zwischen die Augen getroffen, sackte er auf dem Beifahrersitz zusammen. Dort hatte er Stellung bezogen, um näher an der Haustür zu sein.
Sie setzte sich hinter das Lenkrad, drehte den Zündschlüssel um und fuhr langsam aus der Parklücke.
Im Radio hatte er einen Klassikkanal gewählt; sie brachten irgendetwas von Claude Debussy. Sie drehte die Musik lauter, bog um die Ecke und fuhr stadtauswärts. Ein zufälliger Beobachter mußte annehmen, daß der Wagen auf sie gewartet hätte, um sie abzuholen.




Ihre Kokainvorräte hätte er beinahe vergessen. Er schloß den Tresor noch einmal auf, und legte sie neben seinen Revolver. Hier drin waren sie vor der Polizei sicher.
Die Bullen würden den Safe hinter dem Bild an der Wand für bare Münze nehmen und so tun, als würden sie sich die Zähne daran ausbeißen. Den richtigen Tresor im Schreibtisch würden sie für nicht existent erklären.
Sie hatten kein Interesse daran, im Schmutz stinkreicher Wirtschaftsbosse zu wühlen. Sollten sie sich doch gegenseitig umbringen, ihnen war es recht. Direkt nachweisen konnte man ihnen in den meisten Fällen ohnehin nichts. Weder ihre Wirtschaftsverbrechen, noch einen Mord. Das Einzige, was die Bullen  bedauerten, war die Tatsache, daß man sie nicht einfach mal so zusammenschlagen konnte, wie den Kleindealer von nebenan.
So ein wohlgefüllter geheimer Schrank ist der Fluch, der auf allen Staatsanwälten lastet. Ist er einmal offen, müssen sie ermitteln, und das jahrelang mit einem Personalaufwand, der jedes Gericht finanziell in die Knie zwingt, und mit dem Ergebnis, den Tresorbesitzern nur eine Steuerhinterziehung im vierstelligen Bereich nachweisen zukönnen. Wider besseren Wissens gingen sie ansonsten straffrei aus. Die Blamierte war die Justiz, die mit einem Millionenaufwand nur einen Strafzettel ausstellen durfte.
Der Tresor würde geschlossen bleiben. Wer ihn aus dem Nachlaß erwerben erwerben würde, wußte er nicht. Aber daß dieser nicht zu den Ärmsten gehörte, verstand sich von selbst. Der Schreibtisch besteht (bestand) aus verschiedenen Harthölzern, war kunstvoll gearbeitet und allein schon ein Vermögen wert.
Um den Tresor zerstörungsfrei öffnen zu können, bedurfte es eines Spezialisten, eines Haufens moderner Technik und damit wieder Unsummen an Geld) Wer viel Geld hat, hat aber auch viele Sorgen.
Er würde den Schreibtisch bald wiedersehen.

Draußen vor der Stadt bog sie rechts auf einen Feldweg, der mitten durch ein Maisfeld führte, ab. Von der Straße aus war der Wagen kaum zu sehen. Neben ihr lag zusammengesunken ein Greenhorn Ende 20. Sein Paß gab nicht viel her. Wie sie vermutet hatte, kam er aus den Staaten. Für seine Pistole hatte sie nur ein Kopfschütteln übrig.
Ein Schießprügel vom neuesten Modell. War der zweimal in den Dreck gefallen, gab es bei jedem zweiten Schuß eine Ladehemmung. Hochgeschwindigkeitspatronen und der Schalldämpfer waren schön blankpolierter Schrott. So klein und schmal, daß er nach dem vierten Schuß so heiß war, das man ihn nicht mehr anfassen konnte.
Die gesamte Waffe glitzerte wie ein Kronleuchter. Auffälliger ging es fast nicht mehr. Das war kein Professioneller. Vielleicht ein Kopfgeldjäger, aber kein Killer. Er konnte ihr im Prinzip dankbar sein. Mit dieser Kanone hätte er sich früher oder später selbst ins Knie geschossen.
Geld hatte er auch keines weiter bei sich. Die Kreditkarten und seinen Paß behielt sie erst einmal für sich. Ihn kippte sie einfach aus dem Wagen und zog ihn ins Feld. Seine Knarre nahm sie auseinander, und die Einzelteile flogen bei der Weiterfahrt nacheinander aus dem Fenster. Später im Hotel würde sie seinen Paß prüfen und abwägen, ob sie damit als Mann durch eine Kontrolle käme. Wenn nicht, würde sie sich einen anderen, passenden besorgen. Mit etwas Wehmut dachte sie an den Joker. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben und man sieht sich im Leben immer zweimal.




Die Bullen ließen sich Zeit und als sie endlich da waren, benahmen sie sich wie erwartet. Sie stellten ein völliges Desinteresse zur Schau. M.s liebevoll gekochtes Essen wurde von ihnen mehr beachtet als ihre Leiche. Von einer Tatortsicherung gab es keine Spur. Ihr Leichnam wurde fotografiert, das war alles.
Niemand fragte ihn, was er hier zu tun hatte. Sie grinsten ihn nur an. Die Wohnung durchsuchten sie gar nicht und seine Aussage mußte er ihnen förmlich aufzwingen.
Für sie war die Sache völlig klar. Es gab ein Exemplar von diesem stinkreichen und nichtstuenden Dreckzeug weniger auf der Welt. Für sie war das eher ein Grund zum Feiern, als zum Ermitteln.
Eine Stunde später stand er wieder unten auf der Straße. Daß die M. tot war und er sie nicht mehr sehen konnte, wurde ihm erst jetzt richtig bewußt. Er hatte sich geschworen, alles zu tun, um nie in so eine Situation zu kommen. Jetzt steckte er trotzdem in dieser Herzscheiße fest.
Dagegen war er machtlos, wie jeder Mensch und jede Ratte es war. Er bog ab und ging in den Park. Er suchte die Stelle, von der aus man ungesehen das Haus der M. beobachten konnte. Hier mußte sie gestanden haben, die Frau um die dreißig. Als er da oben auf ihr lag, hätte er sie beinahe nach ihrem Namen gefragt, so kaputt war er inzwischen.
Als er mit ihr schlief, wollte er sich nur gegen die Gefühle wehren, die er für die M. empfand. Es gelang ihm nicht. Er mußte dabei an sie denken und bereute schließlich, daß er die Ausweglosigkeit seiner Laborratte ausnutzte und sich an ihr verging. Diese anschließend noch zu demütigen, sie zu zwingen, daß sie sich bettelnd vor ihm erniedrigt, war nicht seine Absicht gewesen. Das ergab sich so und ihm war es recht, daß sie es annahm. So war der Abzweig zu ihr auf dem Weg zu sich selbst versperrt und der Wegweiser sollte eindeutig zur M. weisen. Jetzt, nach dem die  M. tot war, stand er hier im Park, an »ihrer« Stelle, als würde er sich bei ihr für das Geschehene entschuldigen wollen. Sie selbst war nicht sein Feind – nur ihr Auftrag. Diesen nicht als gegen sich persönlich zu sehen, war professioneller Rattenalltag.
Zu spät. Sie war inzwischen hoffentlich weit weg. Aber vielleicht könnte er sich bei ihr später reinwaschen. Er und sie hatten genug gemeinsam. So wie ein Unheil anderes Unheil anzieht, würden sie beide früher oder später wieder voreinander stehen.

Der Ukrainer hatte noch auf. »Wie immer?«, fragte Dimitri »Nein, für immer.«, antwortete er. Dimitri lachte und packte ihm zu den Zigaretten, deren Anzahl er verdoppelte, noch zwei große Flaschen Wodka in seinen Beutel. »Brauchst du mein Zimmer?« Der Joker nickte. »Für drei Tage, wenn es geht.« Es ging.
Dimitris Zimmer lag in der Nachbarschaft unterm Dach eines ruhigen Hauses. Er hatte es angemietet, um sich von seiner Frau unentdeckt seinen amourösen Abenteuern widmen zu können.
»Sie ist schön? Nicht wahr?« Wenn er mal einen Seelenklempner brauchen würde, wäre der Ukrainer die erste Wahl.



Das Zimmer war eine kleine Wohnung, mit allem was man braucht. Er stellte die eine Flasche Wodka in den Kühlschrank, die andere warf er auf das Bett. Sein Körper dampfte noch von der heißen Dusche, als er sich neben sie legte.
Hier bei Dimitri fühlte er sich fast geborgen. Das Zimmer beruhigte ihn. Der Fernseher warf ein buntschattiges Flimmern an die Wände und dudelte ungehört vor sich hin. Die kleine Leselampe beschien mit ihrem dämmrigen, warmen Licht beinahe alltägliche Normalität. Als wäre er jetzt gerade von einer Arbeit beim Gleisbau gekommen und nicht von einer Leiche. Nicht von der toten M. sondern von einer anonymen Leiche, wie man sie im Herbst, bei Regenwetter im Stadtpark findet. Er war bereits dabei alles zu verdrängen, und Dimitris Zimmer, die ungewohnte Umgebung, die vermeintliche Normalität und der Wodka würden ihm dabei helfen. Wenigstens für die nächsten 2 Tage. Dann war das Schlimmste überstanden und er würde ein paar fast überfällige Lektoratsarbeiten beenden können.
Eine halbe Flasche Wodka hatte er bereits getrunken. Wie ein Spiegeltrinker, der schnell wieder auf seinen Wohlfühlpegel kommen will. Schluck für Schluck, um möglichst viel Alkohol schon über die Mundschleimhaut aufnehmen zu können, den Geschmack des unverhofft doch recht guten Wodkas genießend. Der Alkohol tat seine erwünschte Wirkung. Ihm wurde warm, sein Körper entkrampfte und eine wohltuende Ruhe deckte ihn zu. Jetzt konnte er M’s Vermächtnis ertragen, auch wenn es gar nicht an ihn gerichtet war.

»An meinen lieben Little Big Joe Black.« Er mußte grinsen, der Wodka machte es ihm leicht. Was wäre wohl dem armen Joe alles durch den Kopf geschossen, hätte er jetzt diesen Brief in der Hand. Nichts Gutes vermutlich. »Wie bin ich gestorben? An einer Überdosis Schlaftabletten in einem Schweizer Sanatorium? An einer Alkoholvergiftung? Oder bei einem Verkehrsunfall? Ich denke, du hast mich mit einem standesgemäßen und schnellen Tod bedacht, der nicht viel Staub aufgewirbelt hat. Warum auch immer.
Sicher hattest Du gute Gründe dafür, obwohl ich mir nur einen Grund, eine jüngere, mittellose Frau, für die Du mein Vermögen vorgesehen hast, vorstellen kann. Du wirst sicher verstehen, daß ich das nicht hinnehmen kann. Wenn ich schon meinen Tod nicht verhindern konnte, oder ihn nun nicht mehr verhindern kann – vielleicht lebe ich ja noch, wer weiß das schon? – so möchte ich Dir zumindest ein Abschiedsgeschenk, eine kleine Freude bereiten.
Was um alles in der Welt hat Dich bewogen, dieses Dossier anzulegen? Und es noch dazu mit allen Akten zu untermauern? So eine Art Lebensbeichte? Oder wolltest du dir damit beweisen, was für ein toller Hecht du bist? Die Unterlagen alleine wären schon ein gefundenes Fressen für deine Konkurrenz gewesen – ich kenne da ein, zwei Adressaten, die Schaum vor dem Mund bekämen, wenn sie das läsen. So bekommt der Staatsanwalt noch von Dir höchstpersönlich Amtshilfe.
Gut, er wird dich für allerhöchstens 5 Jahre hinter Gitter bekommen und der Schadenersatz, den Du bezahlen mußt, ist geradezu lächerlich. Aber hast Du schon mal daran gedacht, was passiert, wenn Du im Gefängnis sitzt?
Bestimmt. Deine Geschäfte gehen weiter und Du hast genug Vasallen, die den Laden, von Dir gesteuert, am Laufen halten. Soweit hast Du Recht. Aber, was ich die ganze Zeit andeuten wollte, ist, daß jetzt nicht nur das Gericht einen Teil der Akten bekommt, sondern auch Deine Dich liebenden Geschäftspartner und solche, die es werden, wenn sie Deine Unterlagen in den Händen halten.
Erst werden sie eine feindliche Übernahme nach der anderen starten und Dich aus allen Geschäften drängen. Sie werden Dir überall das Wasser abgraben, Deine Verbündeten unter Druck setzen usw... Sie werden deine gesamte Palette an schmutzigen Tricks bedienen und auf Deiner Klaviatur Dein Requiem spielen.
Sollen sie nur, wirst Du jetzt sagen. Das Geld, was Du auf der hohen Kante hast, reicht locker für einen Neuanfang. Sicher, aber der wird Dir nicht vergönnt sein. Drinnen im Knast bist du schutzlos. Dein Hochmut gewissen Kreisen gegenüber rächt sich da gewaltig. Die haben auch ihre Ehre im Leib. Du bist tot, mein Liebling.

Bleibt die Frage zu klären, wie ich in Deinen Safe gekommen bin. Goethes Hexeneinmaleis: ›Du mußt versteh’n! – Aus Eins mach Zehn, – Und Zwei laß geh’n, – Und Drei mach gleich, – So bist Du reich. – Verlier die Vier! Aus Fünf und Sechs, – So sagt die Hex’, – Mach Sieben und Acht, – So ist's vollbracht: – Und Neun ist Eins, Und Zehn ist keins. – Das ist das Hexen-Einmaleins!‹
Es paßt zu Dir, mir das Bild vor die Nase zu hängen. Ein magisches Quadrat, dessen Summen  immer 15 sind. Die Quersumme von 15 ist 6. Das ergibt 666 666 oder zweimal die Zahl des Teufels,  der Du gern selbst gewesen wärst. Vielleicht war es als Notöffner gedacht, bevor Du das Dossier angelegt hast. Wie dem auch sei – ich mußte nicht lange überlegen, um zu wissen, was Du mir da schenktest.
Ich hoffe, Du bist mir nicht böse? Nein, sicher kannst Du mich verstehen. Mein Erbe kannst Du nun genießen. Bis auf diverse Kleinigkeiten, wie die Wohnung hier. Aber Näheres erfährst du zur Testamenteröffnung. Bis dahin, alles Gute!
Ach ja, die Unterlagen, außer die von meinem Vater, werden im Falle meines Todes oder auf meine Anweisung hin per Kurier verteilt. Die Rechnung dafür ist bereits bezahlt.
Abschließend möchte ich bemerken: Falls du jetzt eine Stärkung nötig hast, der Pernod steht im Kühlschrank.«




Danke M. Damit war er aus dem Schneider. Bei der wilden Hatz, die nun beginnen würde, spielte er keine Rolle mehr. Die Könige der Ratten würden sich jetzt gegenseitig an die Gurgel gehen und dabei die Karten neu mischen. Ihm konnte es egal sein. Als die leere Flasche auf den Boden rollte, schlief er bereits.




Drei Monate später.

Die Adresse, die als Absender der E-Mail angegeben war, kannte er. Es war dieselbe Wohngegend, in der auch die M. wohnte. Es war nur ein Haus weiter, näher am Park. Er sollte da vorbeischauen, man hätte eine interessante Entdeckung gemacht.

Ein älterer, dickbäuchiger, aber sehr beweglicher Mann öffnete ihm. Er nickte kurz und bat ihn herein. Ohne eine Erklärung führte er ihn in ein kleines Hinterzimmer. Dort stand der Schreibtisch der M., der Safe stand offen und auf ihm lag sein Revolver, M’s Kokain und seine Visitenkarte.
»Nun, mein Herr, ich wurde von Frau M. in ihrem Testament mit diesem Schmuckstück von einem Schreibtisch bedacht. Fragen sie nicht warum, ich werde es ihnen nicht erklären.« Er ging um den Schreibtisch herum, stützte sich auf und sah ihn fest an. »Gehe ich recht in der Annahme, daß sich der Originalschlüssel zu diesem Safe in ihrem Besitz befindet?«
Der Joker griff in seine Tasche und legte ihn neben seinen Revolver, aber der Mann winkte ab. »Nein, behalten sie ihn. Ich sehe, daß sie mein Mann sind. Wissen sie, ich habe natürlich keine Kosten gescheut und mir den Tresor öffnen lassen. Irgendwie ahnte ich, daß es sich für mich lohnen würde. Die M. war, sagen wir, eine Freundin des Hauses und wer sie auch erschossen haben mag, Sie waren es nicht. Aus diesem Revolver wurde die letzten Jahre kein Schuß abgefeuert. Das ist doch ihre Waffe?« Er streckte sie dem Joker entgegen, der nahm sie und steckte sie ein.
»Sie werden verstehen, daß ich mir wegen Ihrer Karte so meine Gedanken gemacht habe. Sie werden auch verstehen, daß ich Sie in meine Überlegungen und Recherchen nicht einbeziehe. Aber ich weiß, daß diese nicht falsch sind und Sie erfreut über mein Angebot sein werden.« Er spreizt die aneinandergelegten Fingerkuppen vor seiner Brust und schaut scheinbar gedankenverloren in den Raum. »Wie sie vielleicht wissen, bin ich ein Mann, den man als vermögend bezeichnen kann. Dies ist an sich ein erfreulicher Umstand, aber wer Geld hat, hat auch Sorgen. Ich brauche jemanden, der diskret meine ...«

Freitag, 2. Dezember 2011

Rattenkampf – fünfzehn


Zurück ging es genauso. Sie dirigierte und er gehorchte. Aber er hatte eine kleine Änderung eingeführt.
Sie hatte Angst vor ihm. Angst, in seine Nähe zu kommen. Das nutzte er geschickt aus. Er schob sie sich zurecht. Wie mit einem Gummiseil verbunden, zogen sie aneinander. Sie mehr, er weniger.
Seine vermutlich letzte Chance war das Parkett und ein uralter Trick, den anzuwenden er sich fast schämte. An beiden Längsseiten des Esstisches lagen Läufer, die quer durch den ganzen Raum reichten und auf denen jeweils zwei Stühle aufgereiht waren.
Er stand neben dem linken Läufer, zwischen dem Tresor und den Stühlen. Wenn er jetzt einen Schritt zurücktrat, mußte sie einen nach vorn tun. Vorausgesetzt, sie durchschaute ihn nicht. Sie tat ihm diesen Gefallen. Erster Fehler.
Er schaute zur Seite in Richtung des Tisches, um sie abzulenken. Sie folgte seinem Blick. Zweiter Fehler.
Er ließ sich in die Hocke fallen, schnellte anschließend nach oben und riß dabei den Läufer mit hoch. Die Stühle krachten aneinander und ihr zog es die Beine weg. Sie ruderte mit beiden  Armen, mit beiden Waffen in der Luft herum, um ihr Gleichgewicht wieder zu erlangen, anstatt sich fallen zu lassen und auf ihn zu schießen. Kein Fehler.
Wenn er tot war, blieb der Tresor zu.

Er lag auf ihr und sie gab sofort auf. Sie hätte keine Chance gehabt. Die Revolver lagen irgendwo im Zimmer. Er blieb auf ihr liegen und er hielt sie fest. Aber nicht so, wie man ein Opfer in Schach hält. Nach langem Zögern legte sie eine Hand um ihn. Er bemerkte es und lockerte seinen Griff. Eine halbe Ewigkeit später stand er auf und half ihr auf die Beine.
Es hatte keinen Sinn mehr. M. war tot und es war seine Schuld. Sie mußte das Risiko verringern und einen von beiden ausschalten, als sie hier eindrang. M. war für sie nutzlos, also mußte sie sterben.
Er hatte nicht vor, sie zu rächen. Sie hier ebenfalls umzubringen wäre sinnlos. Im Gegenteil, er brauchte sie jetzt, da die M. nicht mehr zur Verfügung stand, um den Inhalt des Tresors schnell zu Geld zu machen. Sie brauchte ihn, um unterzutauchen. Sie war fremd hier und er kannte jedes Rattenloch in dieser Stadt.
Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Ratten waren intelligente Tiere und ihr Überlebenswillen versetzte Berge. Wenn es die Menschen schon lange nicht mehr gab, würden die Ratten an ihre Stelle treten. Sie taten es auch jetzt schon.

666 666. Sechs mal die Sechs konnte man sich einfach merken. Der Safe war leer. Nein, nicht ganz. Ein Brief lag darin. »An meinen lieben Little Big Joe Black« las er tonlos vor. Sie ließ sich auf einen Stuhl fallen und stierte ins Leere.
Er hätte sie heute Nachmittag erschießen sollen. Wie eine Ratte. Jetzt war es dafür zu spät. Es machte keinen Sinn mehr. Den Brief steckte er ein. Er würde ihn später lesen.
Er hätte sie erschießen sollen. Aber es war aus seiner Sicht nicht notwendig gewesen. Er war kein Killer. Die paar Ratten, die er hatte abknallen müssen, zählten nicht.
Die Wohnung war clean. Hier gab es nichts mehr zu holen, nur in der Anrichte lag etwas Geld. Den großen Schein ließ er liegen, den Rest gab er ihr. Es würde für ein Ticket rund um den Globus reichen. Mit dem Rest konnte sie ein paar Monate auskommen.



Sie nahm das Geld wortlos, ohne hinzuschauen und steckte es ein. Das hieß, daß sie nun verschwinden und untertauchen sollte. Ihre Partnerschaft hat also ganze 5 Minuten gehalten. Es war besser so. Für ihn. Sie war die heiße Kartoffel, die jeder fallen ließ.
Gut, solange der Joker noch rein nach seiner Vernunft handelte, sollte sie sein Angebot annehmen und gehen. Laufen, so weit weg wie möglich. Egal, wo die Unterlagen nun waren. Ihre Zeit, sie zu besorgen, war abgelaufen.
Der tote Joe war ein Kolateralschaden, den ihre Auftraggeber billigend in Kauf genommen hätten, wenn sie in der Lage gewesen wäre, die Dokumente zu liefern. Die tote M. war, ohne die Unterlagen zu besitzen, eine Tote zu viel. Jetzt mußten sie annehmen, gelinkt worden zu sein. Glauben würde ihr keiner.
Ihr Blick ruhte auf dem Rücken des Jokers. So lange er lebte, würde er vielleicht das Feuer auf sich ziehen. Wenn sie nicht zu finden war, würden sie sich an ihn halten. Vielleicht hat er Glück und überlebt. Vorausgesetzt, die Dokumente tauchen nirgendwo auf. Dann würde vielleicht Gras über die Sache wachsen.
Es war auch gut möglich, daß sie auf seine Dienste zurückgreifen mußte. Zeit heilt alle Wunden, und Ratten erholten sich schnell.
Sie zog die Tür hinter sich zu und ließ ihn mit der M. allein.



In ihrer Stirn war nur ein kleines Loch. Ihr Kinn ragte unnatürlich nach oben und ihr Gesicht fiel steil nach hinten ab. So lag man auf den Rücken, wenn man keinen Hinterkopf mehr besaß.
7,62 x 38 mm Nagant, made in Belgium
Sie war trotzdem noch schön. Das, was er da sah, war nicht die tote M., sondern ihr Gesicht von gestern Abend, als sie schlief. Das Einzige, was er noch für sie tun konnte, war sie mit der Decke zu verhüllen, unter der sie gemeinsam die Nacht verbracht hatten. Dann wandte er sich von ihr ab. Seine Pistole legte er in den Safe und einer Eingebung folgend, warf er etwas hinterher, bevor er ihn verschloß. Den Schlüssel steckte er ein.
Das war kein Risiko. Dann beseitigte er die Spuren des Kampfes. Er rückte den Läufer wieder gerade und stellte die Stühle wieder auf. Ihren Zweitschlüssel für die Wohnung legte er neben ihre Leiche. Dann nahm er das Telefon und wählte den Notruf der Polizei.



Nix da mit Feierabend: Das ultimativ letzte Kapitel steht noch aus. *Spannendmach* Nur so viel kann ich verraten: Der rote Faden der Ariadne führt ins Nichts, verwurstelt sich zum gordischen Knoten, der irgendwann platzt, dabei das Damaklosschwert der Schwerkraft überläßt, welches die Büchse der Pandora spaltet. Trivialliteratur vom Feinsten also. Bleiben sie dran!

Dienstag, 29. November 2011

Rattenkampf – vierzehn


In seiner Pension duschte er und zog sich um. Jetzt war er wieder der gutaussehende Mann, der Eindruck hinterließ, und nicht der angepißte, stinkende Straßenköter, der sich durch sein Leben biß.
Er packte ein paar Sachen zusammen und legte sie neben seinen Laptop griffbereit auf die Bettcouch.
Wenn sein Plan schiefging, mußte er verschwinden. Nicht gänzlich, aber hier würde er nicht mehr ruhig schlafen können. Er muß jetzt zu der M. gehen und ihr reinen Wein einschenken. Wenn sie es schluckte, hatte er die ganze Nacht Zeit, mit ihr zu reden. Er hatte keine Angst davor. Nicht vor ihr. Er hatte nur Angst, daß sie ihn rausschmiß, ohne daß er sich erklären konnte.

Die Kerzen standen bereit und das Essen noch in der Küche. Sie hatte schon seit Ewigkeiten nicht mehr gekocht und erstaunt festgestellt, daß es ihr Spaß machte. Wahrscheinlich kam es darauf an, für wen man in der Küche stand.
Morgen waren sie in den Staaten. Joe Blacks Leiche war von der Polizei freigegeben worden und eine Unterschrift von ihr genügte, um sie in die Schweiz überführen zu können. Auf dem Seeweg natürlich. Joe haßte das Meer und nun hatte er alle Zeit dieser Welt, seine Heimfahrt zu genießen.

Sie war guter Dinge, wie schon lange nicht mehr, und sie freute sich auf alles – auf ihn, auf das Essen mit ihm, die Nacht mit ihm und auf die Reise mit ihm.
Als er in der Tür stand, war sie glücklich. Er nicht. Er schien etwas bedrückt und niedergeschlagen zu sein. Aber sie beschloß, dies zu ignorieren. Nach dem Essen sieht die Welt für gewöhnlich anders aus; und sie hatten ja genug Zeit, darüber zu reden.

Die attraktive Frau um die 30 stand plötzlich im Zimmer, erschien unvermittelt, wie ein böser Geist. Als der Joker sie bemerkte, war es bereits zu spät. Er hätte sowieso nichts mehr tun können. Sie schoß sofort und das Hirn der M. spritzte gegen die Wand, noch bevor es zu Ende überlegen konnte, wo diese Frau plötzlich hergekommen war. So war der Fairness Genüge getan. Es gab nur noch sie und ihn.
Sein Hirn hatte keine Lust, zermatscht an der Wand zu enden und schaltete alle Regionen ab, die etwas mit Gefühl zu tun hatten. Er war eiskalt und in den Überlebensmodus geschaltet.
Er hätte sie erschießen sollen. Kein Hahn hätte mehr nach ihr gekräht. Die Polizei nicht, ihr Auftraggeber nicht und der Killer, der ihr auf den Fersen sein mußte, auch nicht.
Unaufgefordert ging er rückwärts zum Tresor, die Arme leicht nach außen gebogen und die Handflächen ihr zugewandt. Sie bedeutete ihm stehenzubleiben.
Seine Augen taxierten sie. Ihre Miene war angespannt, aber sonst ausdruckslos, und sie sah aus, wie aus dem Ei gepellt. Als hätte es den Nachmittag und das Stundenhotel nicht gegeben. Sie ging um ihn herum und durchsuchte mit einer Hand die Fächer des Schreibtisches rund um den Tresor.
Sie tat gut daran, denn sie fand seine Waffe. Sie lag schon seit gestern Abend dort. Sie glich ihrer eigenen aufs Haar. Derselbe kurzläufige Revolver mit einer 7 Schuß Kammer und einem abgesägten Korn. Sogar die Patronen waren identisch. Sie ging den Weg zurück, ihre Waffe auf ihn gerichtet und darauf bedacht, ihm nicht zu nahe zu kommen.
Dann ging es weiter in die Küche. Sie dirigierte ihn mit dem Lauf der Pistole. Er mußte ihr folgen. Am Besteckkasten angelangt, griff sie sich den Tresorschlüssel und warf ihm diesen zu.



Die Handschellen waren ein Witz. Das waren Billigteile aus dem BDSM-Zubehörhandel. Aber auch höherwertige, selbst solche, die die Polizei nutzte, waren schnell aufzubekommen.
Sie funktionieren alle nach demselben Prinzip. An einem Bügel ist ein Zahnkranz eingefräst. Schließt man die Schelle, ratscht eine bewegliche Sperre über den Zahnkreis, die sofort in ihn einklinkt, wenn man den Bügel wieder in die andere Richtung ziehen will, also die Fessel wieder lösen möchte. Der Schlüssel ist im Prinzip nur ein Haken, der die Sperre wieder nach oben drückt, damit diese den Zahnkranz freigibt.
Es gibt zwei Möglichkeiten, die Sperre auch ohne Schlüssel aufzuhebeln. Entweder man bastelt sich aus einem festen Stück Draht – beliebt sind dafür Haar- oder Büroklemmen – einen Haken, den man direkt an der Schelle zurechtbiegen kann und benutzt ihn als Schlüssel. Oder man nimmt einen schmalen, leicht elastischen Plastikstreifen, führt ihn einfach seitlich in die Schelle ein und drückt ihn zwischen Sperre und Zahnkranz - das ist die schnellere und elegantere Lösung, wenn man über ein geeignetes Stück Plastik verfügt.
Sie hatte sogar zwei davon. Ihre Vorliebe für klassisch geschnittene Blusen, mit hochaufstehenden Kragen half ihr, sich aus dieser mißlichen Lage zu befreien. Vorne im Kragen, rechts und links, waren zwei passende Streifen eingearbeitet, die diesen nach oben versteiften. Früher benutzte man statt Plastik- Pappstreifen, die man vor dem Waschen einfach herausziehen konnte, wie bei ihrer Bluse.
Der Joker hatte ihr die Hände nach vorn um das Bettgestell gefesselt, so daß sie problemlos an die Streifen kam. Sie war schon frei, als er sich draußen anschickte, daß Zimmer für drei weitere Tage zu bezahlen.

Sie war also schon mal in dieser Wohnung gewesen und hatte diese durchsucht. Das konnte nur während ihres Opernbesuches gewesen sein. Die hier verbauten Schlösser waren keine große Hürde. Den Tresorschlüssel hatte sie gefunden, aber ihr Photo mit Joe Black übersehen.
Sie machte viel zu viele Fehler, um in diesem Gewerbe alt werden zu können. Mit dem Rücken zur Sitzecke stehend, warf sie ihm den Tresorschlüssel zu.
Über ihre Schulter sah er, daß dieses Schwarz/Weiß Photo fehlte. Warum? Was wußte die M.? Er ahnte, daß es noch eine böse Überraschung geben würde. Das Bild war nicht zufällig verschwunden. Die M. hatte es abgenommen, damit er oder jemand anders es nicht zu sehen bekam. Nein, eher jemand anders. Die Bullen vielleicht. Das Kitschbild mit Goethes Hexeneinmaleins fehlte auch. In der Komposition der Bilder an der Wand klaffte ein Loch.
Darauf konnte er sich gar keinen Reim machen, aber seine dunklen Vorahnungen verdichteten sich.

Sie ging duschen, als er das Hotel verließ. Ihr Schlachtplan war klar. Sie würde im Park auf ihn warten. Dort im Gebüsch, wo sie schon einen halben Abend verbracht hatte. Er mußte noch einmal in die Pension zurückkommen, um sich umzuziehen. So in Jeans und Kapuzenshirt konnte er der M. nicht unter die Augen treten, das verschaffte ihr einen Zeitvorteil.
Fertig angezogen, nahm sie ihren Revolver aus dem Nachttisch. Die Patronen waren noch drin. Eine zog sie prüfend heraus. Er hatte sie nicht ausgetauscht. Warum sollte er auch? Er konnte nicht ahnen, daß sie sich so schnell befreien würde und ließ ihr die Chance, sich später eventuell ihren Weg freischießen zu können.
Seine Demütigungen waren nicht vergessen. Gerade in diesem Milieu, in dieser lausigen Gegend und diesem heruntergekommenen Hotel, schmerzten sie doppelt. Das hier kannte sie alles und sie haßte es. Sie haßte es, wie ihre versoffenen Eltern, die sie in so einem Umfeld haben groß werden lassen. Immer war dort einer stärker als sie und die Ratten kannten nichts anderes, als sich gegenseitig fertig zu machen.
Mit 15 Jahren gewann sie das erste Mal. Nicht gegen Gleichaltrige - darin war sie geübt - nein, gegen einen, der schon Mitte Zwanzig war. Sie war dabei, sie war gezwungen zu zusehen, was seine Freunde mit ihrer älteren Schwester machten. Die Brutalität war es nicht, die sie stark machte, die kannte sie, aber die Hilflosigkeit ihrer Schwester, dem ausgeliefert zu sein, schon. Zu oft hatte sie Ähnliches gesehen und war selbst, wie durch ein Wunder, bis jetzt davon verschont geblieben. Sie hätte es nicht ertragen und sie biß, sie riß ihm den Schwanz ab, als er es seinen Freunden gleich tun wollte.
Es stimmte schon. Täter suchten sich ihre Opfer nicht aus. Die Opfer boten sich an. Sie war keines, sie würde niemals eines sein.
Seine Pistole nahm sie mit. Es war ihr Startkapital in eine bessere Welt.
Madam M. mußte sterben. Das war sie dem Joker schuldig.



Sonntag, 27. November 2011

Rattenkampf – dreizehn


Sie goß sich nun doch einen Pernod ein. Ihre Telefonate waren überwiegend zufriedenstellend verlaufen. Die Nachricht vom Tod ihres Mannes hatte sich schon wie ein Lauffeuer verbreitet und niemand machte einen Hehl daraus, mit welcher Freude die Nachricht aufgenommen wurde und man ging ganz selbstverständlich davon aus, daß sein Tod in ihr ebenfalls kein Herzdrücken hinterließ, was ja auch zutraf.
Alle Angerufenen sicherten ihr tatkräftige Hilfe bei der Unternehmensrettung zu. Uneigennützig war das keinesfalls. Jetzt, wo ihr Mann nicht mehr da war, drohte der Kessel zu explodieren, den er all die Jahre im Zaum halten konnte. Wenn sie ihr halfen, Licht in das Dickicht seiner Geschäfte zu bringen, retteten sie sich nicht nur selbst, sondern beabsichtigten auch, näher an seinen Futtertrog heranzurücken.
Die Karten wurden gerade neu gemischt und sie, die M., würde sie verteilen. Daß sie dabei Zugeständnisse machen mußte, war ihr klar.
Teile und herrsche! Das würde ihr Credo sein. Damit würde sie besser fahren als ihr egozentrischer Mann. Sein Absolutismus hatte ihn ins Grab gebracht. Sie schenkte sich nach und rief in der Schweiz an. Sie kannte dort einen netten kleinen Friedhof …



Der Joker wußte, wer sie war. Er hat es vielleicht nicht von Anfang an gewußt, aber spätestens, als er zu ihr in das Lokal kam. Er war nicht Macht seiner Gewohnheit dorthin gekommen, wie sie gehofft hatte; nein, er hat ihr eine Audienz gewährt.
Ohnmächtige Wut stieg in ihr hoch, aber sie war eine zu gute Schauspielerin, um es ihn merken zu lassen. Sie hatte ihm sowieso schon zu viel erzählt. Niemand ist vollkommen. Auch der Joker nicht. Er konnte ihr entweder zu hören und auf ihr Geplapper eingehen oder den Lügendetektor spielen. Beides zusammen ging nicht.
Er verhielt sich nicht so, als hätte er die Chance, eine attraktive junge Frau kennenzulernen. Er betrachtete sie nicht wie eine Frau, die ihm ihre Zuneigung antrug, sondern er beobachtete eine Laborratte. Sie war seine Ratte. Woher wußte er es? Egal, auch Ratten haben Zähne. Er war also im Bilde.
Warum war er dann hier? Weil er nicht wußte, was er tun sollte. Er konnte die Brisanz der Dokumente nicht einschätzen und mußte sie unbedingt zu Geld machen. Gut, sie hatte auch nur eine vage Vorstellung, um was für Unterlagen es sich handelte, aber sie kannte ihren Preis und hatte einen Abnehmer dafür.
Das Geld, was er ihr dafür geboten hatte, war nur ein Bruchteil von dem, was sie wirklich wert waren, aber es würde ausreichen, um die nächsten Jahre sorgenfrei leben zu können.
Daß sie untertauchen mußte, war ihr völlig klar. Sie hatte Joe erschießen müssen. Einen Mann, den sie verehrte und für den sie so etwas wie Zuneigung empfand. Auch er war ihr gegenüber nicht frei von Gefühlsregungen gewesen. Ein Umstand, der ihn erschreckte, den er aber zuließ.
Vorbei, er war tot und sie eine heiße Kartoffel, an der man sich die Finger verbrennen konnte. Daß der Joker zu ihr gekommen war, ließ sie hoffen, das Blatt noch wenden zu können. Sie spielte sein Spiel mit, hakte sich bei ihm unter und plapperte weiter auf ihn ein.

Für die beiden Polizisten war der Besuch bei Mac Donalds Besuch auch wenig erfreulich. Die Pommes waren matschig und fad, und bevor sie sich darüber beschweren konnten, lief ihnen dieser Kleindealer in die Hände, nach dem die Fahndung seit Monaten lief und die sie seit Monaten ignorierten. Er war noch ein halbes Kind, aber eben ein Dealer.
Sie schleiften ihn in ihren Dienstwagen, um ihn in einer Seitengasse wieder laufen, besser kriechen, zu lassen, denn sie schlugen ihn vorher krankenhausreif. Das war ihre Auffassung von Pädagogik und Strafvollzug.
Wenn sie ihn festnahmen, wäre er eine Stunde später wieder frei. Verurteilt werden würde er, wenn überhaupt, in drei bis vier Jahren und erst dann, wenn seine Straflatte so hoch war, daß sich ein Verfahren gegen ihn lohnte. Wer weiß, was er bis dahin noch alles anstellen würde. So bekam er eben regelmäßig Prügel.
Das machte ihn zwar nicht besser, aber die beiden hatten wenigstens das gute Gefühl, etwas getan zu haben. Als er sich an einer Hauswand blutig erbrach und in das Erbrochene zusammenrutschte, befanden sie, daß eben jeder so seine Probleme hatte und für heute der Gerechtigkeit Genüge getan war, und sie beschlossen, bis zum Dienstschluß im Revier Kaffee zu trinken.

Er war dabei, den größten Fehler seines Lebens zu begehen. Sein Übermut forderte seinen Tribut. Sie lag vor ihm. Nackt, und er hatte sie gevögelt. Hier in einem Stundenhotel, wo ihn keiner kannte. Es war nicht seine Idee. Sie hatte ihn hierher gelotst, in das Bett gezerrt und versucht, mit ihm Klartext zu reden. Er hat es geschehen lassen, weil er wissen wollte, wie weit sie gehen würde, um an die Unterlagen zu kommen. Dabei war ihm dies völlig klar.
Er wußte genau, wie es in seiner Laborratte aussah und hat ihre Verzweifelung genutzt, um sie noch zu demütigen. Sie hat ihn angebettelt und sie hat sich vor ihm erniedrigt – tiefer kann eine Frau nicht sinken.
Er war nur ein Verlierer, so erfolgreich er auch war, und letztendlich war er auch nur eine Ratte. Aber die Ratte, die gewonnen hatte. Das war der Unterschied.
Sie zu fesseln, war der größte Fehler seines Lebens. Ach, hätte er sie doch einfach erschossen. Gut, er war kein Killer. Ihr die Knie zu brechen, wäre ausreichend gewesen.

Die Handschellen fand er in der Schublade des Nachttisches – eine kleine Aufmerksamkeit des Hauses. Sie wehrte sich nicht, als er sie ihr anlegte und sie damit an das Bett fesselte. Ihren Revolver legte er in die Nachttischschublade und das Zimmer bezahlte er noch für die nächsten drei Tage. Ehe man sie finden würde, wäre er schon über alle Berge, so hoffte er. In den Staaten, unerreichbar für sie.



Mittwoch, 23. November 2011

Rattenkampf – zwölf


Er sah sie sofort hinten in der Ecke sitzen. Von dort aus hatte sie den Überblick und saß gleichzeitig wie auf dem Präsentierteller. Nicht nur räumlich, auch durch ihre geschmackvolle Kleidung hob sich von ihrer Umgebung ab. An ihren Tisch würde sich kein Stadtteiltrinker verirren. Sie spielte in einer anderen Liga, das sah man ihr an und das wurde gewöhnlich von ihnen respektiert.
Nur er, als Mittler zwischen den Welten, konnte sich zu ihr setzen, ohne daß ein Raunen durch den Raum ging.
»Und? Heute schon jemanden über den Haufen gefahren?« Seinen Cheeseburger mit Pommes frites stellte er direkt vor ihr ab, als wollte er zu ihr sagen: Friß oder stirb. Den Laptop plazierte er so, daß vor ihm noch Platz für seine Cola war. Die Hälfte davon schüttete er in den Blumentopf am Fenster und füllte das Glas ungeniert mit dem frisch erworbenen Wodka vom Ukrainer wieder auf.
Er durfte sich nicht nur so benehmen, er mußte es. Seine Klientel erwartete dies von ihm.
 Sie wußte nicht so recht, was sie von seinem Auftritt halten sollte. Sie fühlte sich etwas überfahren und ihrer Führung beraubt. Das hatte er beabsichtigt.
Nachdem er die Wohnung der M. verlassen hatte, war er in seine Pension gelaufen, um sich umzuziehen. Den Laptop nahm er als Requisite mit. Darauf war nichts, was für andere interessant gewesen wäre. Nur fertige und halbfertige Lektoratsarbeiten wissenschaftlicher Natur und ein paar belanglose Mails.
Er wollte sie verunsichern und in die Ecke drängen, so daß sie anfing, Fehler zu machen. Fehler, die Rückschlüsse über das zuließen, was er von ihr wissen wollte.
Aber sie tat ihm den Gefallen nicht. Sie zeigte sich äußerlich unbeeindruckt, plauderte brav über ihr Mißgeschick vom Vortag, ließ Komplimente an ihn einfließen und fragte ihn sogar nach Nebensächlichkeiten. Kurz, sie plapperte wie ein Wasserfall und wie mit einem alten Bekannten, und er hörte gar nicht hin.
Nein, er hörte schon auf das, was sie erzählte, aber er achtete mehr darauf, wie sie etwas sagte. Er analysierte ihren wechselnden Tonfall, die Tonfarbe, wie sie ihre Stimme hob und senkte, und verglich alles mit ihrer Körpersprache. Gerade diese sagte ihm mehr, als ihr lieb sein konnte.
Auf diese Dinge zu achten, sie bewußt wahrzunehmen, lehrte ihn sein Meister, und geübt hatte er es hier auf der Straße. Diese verzieh keine Fehler, aber sie beließ es bei einer gebrochenen Nase oder einer geklauten Brieftasche.
Was er aus ihr herauszulesen vermochte, war wenig amüsant. Er hatte Recht, die Frau hatte keine Zeit und sie war allein. Sie versuchte mit aller Macht, ihn für sich einzunehmen. Er ging darauf ein. Sie war ein ganz leckerer Käfer, hochintelligent, überaus charmant, und ihre laszive Ausstrahlung beeindruckte ihn.
Er konnte Joe Black gut verstehen. Sie verstand es, einem Mann um den Finger zu wickeln. Dabei blieb sie eiskalt und skrupellos.
Er mußte sich eingestehen, daß sie ihm gefiel. Sogar sehr gefiel. Sie würde niemandem gestatten, ihr persönlich näher zu kommen. Partnerschaften, welcher Art auch immer, ging sie völlig gefühllos ein. Sie würde besser in sein Leben passen als die M. An der konnte er sich verlieren, an der, die ihm gegenüber saß, nicht.
Wenn sie, gesetzt dem Fall, sie wären ein Paar, morgen verschwunden wäre, würde er es bedauern aber mehr auch nicht. Seine Gefühle würden apnoetauchen und nur gelegentlich die Wasseroberfläche erreichen.
 Aber der Fall würde nicht eintreffen, denn die Frau war so gut wie tot. Sie hatte Joe Black erschossen, da war er sich jetzt sicher. Das konnte nur im Affekt passiert sein. Vermutlich war er ihr auf die Schliche gekommen. Daß gegen ihn etwas lief, wußte er ja, sonst hätte er ihn schließlich nicht zu seiner Frau geschickt.
War es eine Kurzschlußreaktion, saß ihr die Polizei bereits im Nacken. Nach Joes Tod war sie in den Staaten von der Bildfläche verschwunden. Was lag also näher als sie zu verdächtigen?
Ob sie ihr den Mord nachweisen konnten, war fraglich, aber auch nicht wichtig. Sie war mit seinem Tod »verbrannt«, also für ihre Auftraggeber nutzlos geworden. Mit Sicherheit saß schon jemand im Flugzeug, der dafür sorgen sollte, daß sie dauerhaft die Klappe hielt, bevor die Polizei sie erwischte. Denn wer wußte schon, was sie sonst noch auf dem Kerbholz hatte und mit welchen Pfunden sie vor Gericht und mit der Polizei zu dealen gedachte, um sich selbst zu retten.
Ihre letzte Chance war es, die Dokumente herbeizuschaffen und an ihre Auftraggeber zu übergeben. Diese, davon konnte er ausgehen, würden sie benutzen, um mit Joes Imperium Tabula Rasa zu spielen, wenn sie es nicht sowieso schon taten. Aber sie würde sie nicht bekommen. Nicht von ihm. Das war ihm jetzt endlich klar.

»Ob wir das Haus beobachten lassen sollen?« Die beiden Polizisten standen unschlüssig unten auf der Straße.
»Was haben wir in der Hand, um das rechtfertigen zu können? Nichts!« Beide zündeten sich eine Zigarette an und beim Feuergeben verbrannte sich einer von ihnen die Finger.
»Nichts haben wir in der Hand. Gar nichts. Nur dieses Bild von seiner neuen Sekretärin, die wohl auch seine Geliebte war.« Beide schauten hilflos zu M.s Wohnung.
»Aber sie ist seitdem verschwunden«, warf der eine ein.
»Na und? Sie wird ja kaum seiner Ehefrau die Aufwartung machen«, gab der andere zu bedenken. Er klopfte ihm sacht mit der flachen Hand auf die Schulter und drängte ihn zum Gehen.
»Die Frau geht uns schon nicht durch die Lappen. Die Fahndung nach ihr ist über Interpol in Gange. Auch wenn wir nicht wissen, wie sie wirklich heißt, so ein hübscher Käfer prägt sich bei jedem Polizisten, der einmal das Bild hier gesehen hat, ein. Und wenn nicht, ist das auch nicht schlimm. Genau genommen hat sie uns nur einen Gefallen getan. Ein Verbrecher weniger, an den wir nicht herangekommen wären. Komm, wir gehen Mittag essen. Heute ist Donnerstag. Da geht’s zu Mac Donalds.« Beide lachten, stiegen in ihren Dienstwagen und fuhren davon.

Die Polizisten sah er nur aus den Augenwinkeln. Sie stiegen in dem Moment aus ihrem Auto, als er mit ihr das Lokal verließ. Er konnte nicht wissen, wie nahe sie beide eben am Supergau vorbeigeschrammt waren. Nein, nur sie. Er hatte sie gerade erst kennengelernt, nachdem sie ihn gestern angefahren hatte. Damit war er aus dem Schneider.
 Aber sie säße bis zur Halskrause im Schlamassel. In ihrer Manteltasche verbarg sie ihre Kanone. Das war ein Fehler, der dem Joker nie unterlaufen wäre. Der war sauber, was nicht hieß, das er keine Waffe besaß.
Er hatte sogar mehrere davon und er kam schnell an eine heran, egal, wo er sich gerade befand. Wie er das anstellte, war sein bestgehütetes Geheimnis. Aber im Grunde bestand es nur daraus, weit vorauszudenken, genug Leute zu kennen, die keinen Verdacht schöpften, wenn er überraschend auftauchte, und seine Begabung zu nutzen, Offensichtliches unsichtbar machen zu können.
Jetzt galt es, die Frau neben ihm verschwinden zu lassen. Zumindest für die nächsten zwei Tage. Dann war sie Geschichte und nicht mehr sein Problem.




Sonntag, 20. November 2011

Rattenkampf – elf


Als sie aufwachte, schlief der Mann neben ihr noch. An diesen Anblick könnte sie sich wieder gewöhnen, stellte sie leicht wehmütig fest.
In der Küche kochte sie Kaffee und räumte seine noch nachträglich geleerte Flasche Wein grinsend weg. Für ihn war es sicher auch nicht einfach, einen anderen Menschen wieder an sich heran zu lassen. Immerhin schien er sich hier schon etwas heimisch zu fühlen. Den Korkenzieher hatte er wieder in das Besteckfach gelegt, das Glas in die Spüle und sogar der Aschenbecher war geleert.
Das sah gut für sie aus. Auch war er noch da und hatte sich nicht in der Nacht getrollt, wie ein räudiger Hund. Im Kühlschrank gab es nichts Neues. Das hieß nichts, außer ein paar Flaschen Pernod. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann sie das letztemal auch etwas zum Frühstück gegessen hatte. Ihm ging es sicher ähnlich, da würde der Kaffee reichen.
Bevor sie duschen ging, nahm sie das Bild mit Goethes Hexeneinmaleins von der Wand und legte es umgedreht oben auf den Küchenschrank.




Als er aufwachte, fühlte er sich befreiter als gestern Nacht. Er hörte die Dusche rauschen und brannte sich eine Zigarette an. Kaffeeduft wehte aus der Küche zu ihm herüber. So viel Normalität fand er sonst abschreckend und er verzog sich schnell wieder.
Heute war das anders. Daran könnte er sich gewöhnen. Das erste Mal in seinem Leben. Der Gedanke beunruhigte ihn nicht. Aber das, was ihn heute erwartete.
Heute galt es einen Entschluß fassen. Morgen wollte sie in die Staaten fahren, um Joe Blacks und ihre Angelegenheiten zu klären. Ihn hatte sie gebeten mitzukommen. Spontan hatte er zugesagt, aber es sogleich wieder bereut. Das hieße für ihn, Stellung zu beziehen und aus dem Dunkel zu treten.
Er wußte noch nicht, ob er diesen harten Schnitt wollte. So wie jetzt, konnte er nicht weitermachen. Das war ihm diese Nacht in der Küche bewußt geworden. Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Und er war gerade dabei, dies zu tun.
Das Talent, bis ins hohe Alter seinen Job zu machen und dabei unentdeckt zu bleiben, wie es seinem Meister vergönnt war, hatte er wohl nicht. Sie hatten ihn entdeckt und sie hatte ihn gefunden.
Eine Frau, um die dreißig, also noch ein Frischling im Gewerbe.
Wie ihr das gelungen war, konnte er sich nicht erklären. Aber es gab nur zwei Möglichkeiten. Sie mußte sich entweder Joe Blacks Vertrauen erschlichen haben und Joe hatte ihn verraten – was sehr unwahrscheinlich war – oder nach Joes Tod hatten sie bei ihm etwas gefunden, was auf ihn hindeutete. Die Frau war ja nicht allein und nur ein Rädchen im Getriebe.
Wahrscheinlicher war, daß es der Konkurrenz – die zwei, drei Gegenspieler, die Joe Black noch hatte – gelungen war, außer ihr, noch einen Maulwurf in Joes Nähe zu plazieren.
Sicher hatten sie ein hohes Tier in seiner Firma einfach umgedreht. Die Bereitschaft die Seiten zu wechseln, erforderte nur eine gewisse Summe. Jeder Mensch hatte seinen Preis.
Joe Black hatte den seinen gekannt, so wie den von vielen anderen. Sei es, wie es sei.
Er mußte sich jetzt der jungen Frau widmen. Sie wollte etwas von ihm, also würde sie auf ihn zugehen. Er wußte auch, wo und wann sie geplant hatte, ihm rein zufällig über den Weg zu laufen – das lag auf der Hand – und er würde ihr den Gefallen tun und dort zu erscheinen.
Er mußte wissen, wieviel sie wußte. Von ihm, von den Dokumenten und seinem daraus resultierenden Marktwert. Sie würde mitspielen und versuchen, ihn zu kaufen.
Sie war allein hier – dessen war er sich sicher. Zu Zweit wären sie diese Nacht hier eingedrungen und hätten die Sache mit Waffengewalt geklärt, allein hätte sie kaum eine Chance gehabt, dies erfolgreich zu tun. Er selbst war immer unbewaffnet und ob die M. eine Waffe in der Wohnung verbarg, wußte er nicht. Aber er wußte, daß niemand so einen Überfall alleine wagen würde. Die, die es taten, gingen ein zu hohes Risiko ein.



In der Küche tranken sie ihren Kaffee schweigend und rauchten zu viel. Sie fühlten sich wohl. So, still, einander genügend.
Ihm fiel es schwer, jetzt zu gehen. Es war fast Mittag und die Kleine wartete auf ihn. Er hätte hier bleiben und auf seine innere Stimme hören sollen. Setz alles was du hast auf die M., schrie sie. So eine Chance bekommst du nie wieder!
Aber so schnell konnte er nicht aus seiner Haut heraus und er handelte nach seinen fest eingebrannten Verhaltensmustern. Diese ließen ihm keine Wahl.
Er verabschiedete sich mit dem Hinweis auf seinen normalen Job. Von irgendwas mußte er ja offiziell leben. Sie war sich sicher, daß er wieder kommen würde, ließ den Pernod im Kühlschrank und griff zum Telefon. Sie brauchte dringend Verbündete.



Der McDonald’s neben seinem Schnapsladen war weit unter ihrer Würde. Sie kam sich darin wie ein Fremdkörper vor. Diese Unterschicht an Schulschwänzern, Trinkern und sich langweilenden Hausfrauen war ihr zuwider.
Zu allem Überfluß mußte sie einen von diesen pappigen Hamburgern essen, die hier angeboten wurden, um nicht aufzufallen. Es war unglaublich, was sich manche Menschen antaten, nur um nicht zu Hause alleine Essen zu müssen.
Als ihr Streetworker wie vermutet eintrat, mußte sie beinahe laut lachen. Nichts von dieser mit Jeans, Kapuzenshirt und Laptop bewaffneten Person ließ einen Rückschluß auf den attraktiven, mit Schlips und Anzug gut gekleideten Mann zu, den sie Joker nannte und den sie gestern angefahren hatte. Es war frappierend, wie er die Rollen wechseln konnte.
Offiziell arbeitete er für eine Stiftung, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, kriminelle Jugendliche und solche die es werden wollten, zu betreuen. Das Gehalt war so erbärmlich, das er nebenbei freiberuflich als Lektor für einen Fachbuchverlag arbeiten mußte. Das war clever eingefädelt.
Tagsüber konnte er sich frei bewegen und Auskünfte einholen, ohne daß dies auffiel. So getarnt konnte er sich überall sehen lassen. Abends zog er in Schlips und Kragen als Verlagsmitarbeiter seine Kreise enger. Dort traf er die Leute, die ihn tagsüber übersahen.
Sie hatte Glück. Der einzige Tisch, der nicht vom Geschmeiß vollständig eingenommen war, war ihrer, so daß er sich zu ihr setzen mußte.

Nach dem zweiten Telefonat klingelte es überraschend an ihrer Tür. Sie ließ die beiden Bullen von gestern ein.
»Kennen sie diese Frau?« Die zwei Polizisten kamen ohne Umschweife zur Sache und hielten ihr ein Photo entgegen. Aufgenommen wurde es von einer Überwachungskamera in einer Tiefgarage. Die Aufnahme war gestochen scharf, wie man es kaum von einer gewöhnlichen Videokamera erwarten konnte. Aber die Tiefgarage war auch nicht gewöhnlich. Es mußte Joe Blacks Garage sein, da wurde nur die teuerste und beste Technik installiert.
»Nein, sollte ich ...?«
Der eine Beamte verstaute das Bild wieder und der andere schüttelte leicht den Kopf. »Nein, aber es hätte ja sein können.«
Sie wanden sich zum Gehen. »Danke, das war es schon.« Der Polizist mit dem Bild hielt kurz inne.
»Hatte ihr Mann Feinde?« Diese Frage erheiterte sie dermaßen, daß sie sich ein Lächeln nicht verkneifen konnte. Der andere Polizist winkte ab und beide wünschten ihr noch einen guten Tag.
Sie brannte sich eine Zigarette an und ihre Schritte führten sie in die Küche vor den Kühlschrank. Davor bremste sie sich ab, und ihr Blick suchte das einzige Schwarz/weiß Bild an ihrer Pinnwand. Sie nahm es ab und legte es hoch, auf den Küchenschrank zu Goethes Hexeneinmaleins.