Untergehen ist das Eine, unter der Oberfläche bleiben das Andere. ;-)

Sonntag, 20. November 2011

Rattenkampf – elf


Als sie aufwachte, schlief der Mann neben ihr noch. An diesen Anblick könnte sie sich wieder gewöhnen, stellte sie leicht wehmütig fest.
In der Küche kochte sie Kaffee und räumte seine noch nachträglich geleerte Flasche Wein grinsend weg. Für ihn war es sicher auch nicht einfach, einen anderen Menschen wieder an sich heran zu lassen. Immerhin schien er sich hier schon etwas heimisch zu fühlen. Den Korkenzieher hatte er wieder in das Besteckfach gelegt, das Glas in die Spüle und sogar der Aschenbecher war geleert.
Das sah gut für sie aus. Auch war er noch da und hatte sich nicht in der Nacht getrollt, wie ein räudiger Hund. Im Kühlschrank gab es nichts Neues. Das hieß nichts, außer ein paar Flaschen Pernod. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann sie das letztemal auch etwas zum Frühstück gegessen hatte. Ihm ging es sicher ähnlich, da würde der Kaffee reichen.
Bevor sie duschen ging, nahm sie das Bild mit Goethes Hexeneinmaleins von der Wand und legte es umgedreht oben auf den Küchenschrank.




Als er aufwachte, fühlte er sich befreiter als gestern Nacht. Er hörte die Dusche rauschen und brannte sich eine Zigarette an. Kaffeeduft wehte aus der Küche zu ihm herüber. So viel Normalität fand er sonst abschreckend und er verzog sich schnell wieder.
Heute war das anders. Daran könnte er sich gewöhnen. Das erste Mal in seinem Leben. Der Gedanke beunruhigte ihn nicht. Aber das, was ihn heute erwartete.
Heute galt es einen Entschluß fassen. Morgen wollte sie in die Staaten fahren, um Joe Blacks und ihre Angelegenheiten zu klären. Ihn hatte sie gebeten mitzukommen. Spontan hatte er zugesagt, aber es sogleich wieder bereut. Das hieße für ihn, Stellung zu beziehen und aus dem Dunkel zu treten.
Er wußte noch nicht, ob er diesen harten Schnitt wollte. So wie jetzt, konnte er nicht weitermachen. Das war ihm diese Nacht in der Küche bewußt geworden. Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Und er war gerade dabei, dies zu tun.
Das Talent, bis ins hohe Alter seinen Job zu machen und dabei unentdeckt zu bleiben, wie es seinem Meister vergönnt war, hatte er wohl nicht. Sie hatten ihn entdeckt und sie hatte ihn gefunden.
Eine Frau, um die dreißig, also noch ein Frischling im Gewerbe.
Wie ihr das gelungen war, konnte er sich nicht erklären. Aber es gab nur zwei Möglichkeiten. Sie mußte sich entweder Joe Blacks Vertrauen erschlichen haben und Joe hatte ihn verraten – was sehr unwahrscheinlich war – oder nach Joes Tod hatten sie bei ihm etwas gefunden, was auf ihn hindeutete. Die Frau war ja nicht allein und nur ein Rädchen im Getriebe.
Wahrscheinlicher war, daß es der Konkurrenz – die zwei, drei Gegenspieler, die Joe Black noch hatte – gelungen war, außer ihr, noch einen Maulwurf in Joes Nähe zu plazieren.
Sicher hatten sie ein hohes Tier in seiner Firma einfach umgedreht. Die Bereitschaft die Seiten zu wechseln, erforderte nur eine gewisse Summe. Jeder Mensch hatte seinen Preis.
Joe Black hatte den seinen gekannt, so wie den von vielen anderen. Sei es, wie es sei.
Er mußte sich jetzt der jungen Frau widmen. Sie wollte etwas von ihm, also würde sie auf ihn zugehen. Er wußte auch, wo und wann sie geplant hatte, ihm rein zufällig über den Weg zu laufen – das lag auf der Hand – und er würde ihr den Gefallen tun und dort zu erscheinen.
Er mußte wissen, wieviel sie wußte. Von ihm, von den Dokumenten und seinem daraus resultierenden Marktwert. Sie würde mitspielen und versuchen, ihn zu kaufen.
Sie war allein hier – dessen war er sich sicher. Zu Zweit wären sie diese Nacht hier eingedrungen und hätten die Sache mit Waffengewalt geklärt, allein hätte sie kaum eine Chance gehabt, dies erfolgreich zu tun. Er selbst war immer unbewaffnet und ob die M. eine Waffe in der Wohnung verbarg, wußte er nicht. Aber er wußte, daß niemand so einen Überfall alleine wagen würde. Die, die es taten, gingen ein zu hohes Risiko ein.



In der Küche tranken sie ihren Kaffee schweigend und rauchten zu viel. Sie fühlten sich wohl. So, still, einander genügend.
Ihm fiel es schwer, jetzt zu gehen. Es war fast Mittag und die Kleine wartete auf ihn. Er hätte hier bleiben und auf seine innere Stimme hören sollen. Setz alles was du hast auf die M., schrie sie. So eine Chance bekommst du nie wieder!
Aber so schnell konnte er nicht aus seiner Haut heraus und er handelte nach seinen fest eingebrannten Verhaltensmustern. Diese ließen ihm keine Wahl.
Er verabschiedete sich mit dem Hinweis auf seinen normalen Job. Von irgendwas mußte er ja offiziell leben. Sie war sich sicher, daß er wieder kommen würde, ließ den Pernod im Kühlschrank und griff zum Telefon. Sie brauchte dringend Verbündete.



Der McDonald’s neben seinem Schnapsladen war weit unter ihrer Würde. Sie kam sich darin wie ein Fremdkörper vor. Diese Unterschicht an Schulschwänzern, Trinkern und sich langweilenden Hausfrauen war ihr zuwider.
Zu allem Überfluß mußte sie einen von diesen pappigen Hamburgern essen, die hier angeboten wurden, um nicht aufzufallen. Es war unglaublich, was sich manche Menschen antaten, nur um nicht zu Hause alleine Essen zu müssen.
Als ihr Streetworker wie vermutet eintrat, mußte sie beinahe laut lachen. Nichts von dieser mit Jeans, Kapuzenshirt und Laptop bewaffneten Person ließ einen Rückschluß auf den attraktiven, mit Schlips und Anzug gut gekleideten Mann zu, den sie Joker nannte und den sie gestern angefahren hatte. Es war frappierend, wie er die Rollen wechseln konnte.
Offiziell arbeitete er für eine Stiftung, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, kriminelle Jugendliche und solche die es werden wollten, zu betreuen. Das Gehalt war so erbärmlich, das er nebenbei freiberuflich als Lektor für einen Fachbuchverlag arbeiten mußte. Das war clever eingefädelt.
Tagsüber konnte er sich frei bewegen und Auskünfte einholen, ohne daß dies auffiel. So getarnt konnte er sich überall sehen lassen. Abends zog er in Schlips und Kragen als Verlagsmitarbeiter seine Kreise enger. Dort traf er die Leute, die ihn tagsüber übersahen.
Sie hatte Glück. Der einzige Tisch, der nicht vom Geschmeiß vollständig eingenommen war, war ihrer, so daß er sich zu ihr setzen mußte.

Nach dem zweiten Telefonat klingelte es überraschend an ihrer Tür. Sie ließ die beiden Bullen von gestern ein.
»Kennen sie diese Frau?« Die zwei Polizisten kamen ohne Umschweife zur Sache und hielten ihr ein Photo entgegen. Aufgenommen wurde es von einer Überwachungskamera in einer Tiefgarage. Die Aufnahme war gestochen scharf, wie man es kaum von einer gewöhnlichen Videokamera erwarten konnte. Aber die Tiefgarage war auch nicht gewöhnlich. Es mußte Joe Blacks Garage sein, da wurde nur die teuerste und beste Technik installiert.
»Nein, sollte ich ...?«
Der eine Beamte verstaute das Bild wieder und der andere schüttelte leicht den Kopf. »Nein, aber es hätte ja sein können.«
Sie wanden sich zum Gehen. »Danke, das war es schon.« Der Polizist mit dem Bild hielt kurz inne.
»Hatte ihr Mann Feinde?« Diese Frage erheiterte sie dermaßen, daß sie sich ein Lächeln nicht verkneifen konnte. Der andere Polizist winkte ab und beide wünschten ihr noch einen guten Tag.
Sie brannte sich eine Zigarette an und ihre Schritte führten sie in die Küche vor den Kühlschrank. Davor bremste sie sich ab, und ihr Blick suchte das einzige Schwarz/weiß Bild an ihrer Pinnwand. Sie nahm es ab und legte es hoch, auf den Küchenschrank zu Goethes Hexeneinmaleins.

Kommentare:

  1. Wennalle Spirituosenläden genauso große Leuchtreklame wie McD hätten, wäre die Welt um einiges weniger schwer!

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  2. Ja, denn die Kinderchen würden sich nach der Schule anders ernähren. *g*

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  3. Das letzte Bild mit der Leuchtreklame sieht einfach nur genial aus und da kann man einmal wieder sehen das Werbung nicht bunt sein muss.

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  4. Danke! Schwarz/weiß kann eben auch bunt sein. *g*

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