Untergehen ist das Eine, unter der Oberfläche bleiben das Andere. ;-)

Freitag, 19. Oktober 2012

... und der Unfug nimmt kein Ende

mobiler Seelenbaum im Einsatz gegen böse Post

... oder: Der Seelenbaum, dein Freund und Helfer.

Letztens schoß eine Eilmeldung durch das Internet, welche zum Inhalt hatte, daß in Dresden ein neuer Seelenbaum seine Heimstatt gefunden hat. Daß der nicht einfach so eingebuddelt wurde, versteht sich von selbst. Zu so einem Festakt bedarf es eines besonderen Anlaß. Das ist immer ein meist willkürlich ausgewählter Tag im Jahr, der einem mehr oder weniger wichtigen Anliegen geweiht wurde oder an dem eine bestimmte Bevölkerungsgruppe gewürdigt werden soll. Solch schöne Tage sind, zum Beispiel, der Tag der deutschen Einheit, das Opferfest, der Tag der Sachsen, der Europäische Datenschutztag oder eben, wie in diesem Fall, der Welttag der Seelischen Gesundheit.

Nun hatte ich schon in einem früheren Artikel meine Ansicht über Sinn und Unsinn von Seelenbäumen, psychischen Erkrankungen; heidnischen, bildungsfernen Ritualen und den Glauben daran berichtet, aber diese Eilmeldung machte mich doch ein wenig nachdenklicher. Da gibt sich der Sozialbürgermeister Dresdens, Herr Martin Seidel, die Ehre bei der Pflanzung vor Ort persönlich anwesend zu sein. Der Mann ist eigentlich schwer beschäftigt und hat sicher einen 48h Tag um seine Aufgaben meistern zu können. Wenn er den Welttag zum Anlaß nimmt, um bei einer Baumpflanzung zugegen zu sein, muß diese zwangsläufig als wichtig eingestuft werden. Ich vergaß: Es ist ja kein normaler Baum, sondern ein Seelenbaum der im Erdreich versenkt wurde. Da verwundert es nicht, daß ihm Dr. Hans-Jochen Seidel, Geschäftsführer der Berufsbildungswerk Sachsen GmbH, zur Seite stand. Unterstützend mit am Werk war die Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft Dresden, die Berufsbildungswerk Sachsen GmbH, das Berufliche Trainingszentrum Dresden und ein nicht näher benannter Gartenmarkt.

Sinn des ganzen ist: »Der Baum als Symbol des Lebens soll zu einem offenen Dialog über Seelische Gesundheit in der Gesellschaft anregen. Psychische Erkrankungen müssen als ein Teil des Lebens wahr- und angenommen werden, ... Jeder sollte deshalb von Zeit zu Zeit inne halten und seine Seele sprichwörtlich baumeln lassen. Der Seelenbaum soll ein Ort zur Besinnung werden, und wird als solcher durch ein Hinweisschild erkennbar sein. (Quelle und vollständiger Text: http://www.dresden.de/de/02/035/01/2012/10/pm_032.php) Daß ich dem Anliegen, als solches, wohlwollend gegenüberstehe, hatte ich in meinem letzten Artikel zur Seelenbaumproblematik ausführlich bekundet, aber zu dem oben angeführten Text muß ich noch zwei marginale Anmerkungen einwerfen. An einem Seelenbaum kann man nicht »von Zeit zu Zeit« seine Seele baumeln lassen. Das funktioniert nur ein einziges Mal und auch nur dann, wenn der Baum gewachsen ist und die benötigte Tragkraft aufweist. Dem Vorhaben an, nein, vor dem Baum ein Hinweisschild anzubringen, kann ich nur uneingeschränkt zustimmen. Noch immer gibt es Passanten, die einen Seelenbaum nicht erkennen und unter einem falschen Baum zur Besinnung kommen. Des weiteren bietet so eine Tafel Platz, um keine falsche Bescheidenheit aufkommen zu lassen. Herausragende Leistungen müssen gewürdigt werden und die Pflanzung eines Baumes gehört nun mal dazu, besonders, wenn sie im öffentlichen Interesse geschieht. Es müssen also darauf alle Beteiligten vermerkt werden und, wenn noch Platz dafür sein sollte, wer welche Rede dazu gehalten hat.

Der Begriff Seelenbaum läßt allerdings Fragen und Interpretationsmöglichkeiten offen, wie ich nach einem nachhaltigen, kognitiven Denkprozeß feststellen mußte. Die Vorstellung, daß so ein Bäumchen zum Nachdenken anregen sollte, ist zwar meines Erachtens prinzipiell richtig aber daß er als bloßer Ort der Besinnung dienen soll, wird der Pflanze in ihrer Bedeutung nicht gerecht. Da kann ich auch in eine Kirche gehen. Für mich ist das Gehölz eher ein Kraftspender, der schützende Harnisch meiner Seele und ein treuer Gefährte im tristen Alltag.

Nun ist es doch nachteilig, wenn der Baum irgendwo herumsteht und mich durch meine Steifzüge durch die schnöde Gegenwart nicht begleiten kann. Aber wer sagt, wo steht es schwarz auf weiß, daß ein Seelenbaum in der Erdscholle fest verankert sein muß?


Ein Blumentopf macht es schließlich auch und so hat man ihn immer am Mann oder dabei.


Selbst im Auto kann man ihn so jederzeit mitführen. Man muß nur darauf achten, daß er ordnungsgemäß angeschnallt wird und über den erforderlichen, der Baumgröße angepaßten, Sitz verfügt.


Bei den hohen Spritpreisen hat sich Mitnahme des Baumes schon bewährt. Man wird beim Betanken des Wagens ruhiger und läßt einfach sein Auge im satten Grün verweilen, anstatt verzweifelt auf die Preisanzeige zu starren.



Beim unvermeidlichen Einkauf muß der Baum allerdings draußen vor der Tür warten. Anders, wie zum Beispiel in staatlichen oder staatlich geförderten Einrichtungen, stößt man da an die Grenzen der Toleranz des gesunden Volksempfindens. Um Irritationen zu vermeiden, sollte man sich hier von dem Baum kurz trennen. Dabei ist darauf zu achten, seinen treuen Gefährten entsprechend zu sichern, um dem Seelenbaumklau vorzubeugen. Bewährt hat sich dabei ein einfaches Fahrradschloß mit Nummernkombination. Das der Hund auf dem Photo scheinbar gelangweilt und desinteressiert ins imaginäre Nichts schaut, liegt daran, daß er so eben am Zahlenschloß gescheitert ist und ich ihn dabei erwischt habe, wie er an meinem Seelenbaum sein Wasser abschlagen wollte.


Wichtig zur Pflege des Baumes ist, ihn Ruhepausen zur Erholung zu gönnen. Ausreichend Wasser und ab und zu ein wenig Vogelkac... äh, Dünger tun dem Bäumchen gut.


Falls es doch einmal eingehen sollte: Ein paar Seelenbäume in Reserve beugt der damit verbundenen Seelenpein vor. Auf dem Bild gut zu sehen sind auch meine Versuche Seelenkakteen zu züchten. Wenn mich mal einer in die Wüste schickt, werden sie mir dort gute Dienste leisten. Dessen bin ich mir sicher.

Kommentare:

  1. Wichtig ist auch darauf zu achten, dass der Hund nicht an den Seelenbaum pullert, was den Dialog zur Klärung der Getränkefrage und damit dein Einklang des eigenen Chi erheblich gefärden würde. Denk ich mir zumindest, denn ich hab keine Ahnung davon. Mehr von Wackelaugenkakteen, aber um die geht es ja nicht.

    Friede sei mit uns!

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  2. Du sagst es. Ich konnte dem Hund ja noch rechtzeitig auf die Hinterpfote klopfen. Was so ein Seelenbaum trinkt, wenn er feiert oder sich einfach die Kante geben will, weiß ich nicht. Vermutlich Obstgeist.
    Deiner Ignoranz oder sagen wir: Unkenntnis über meine Seelenbäume können wir schnell abhelfen. Du nimmst das nächste mal einen mit nach Hause und auf Arbeit. Wenn es dann wieder heißt: Halle 6? Stand 666? Steht nicht auf der Liste! wirst du Trost und Beistand durch ihn finden. Der Frau RWE würde ich das nie anbieten. Die hobelt aus dem Bäumchen glatt einen Tisch. Oder einen Beichtstuhl.

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  3. Obstler ist immer eine gute Wahl! ;o)

    Ob man mich allerdings noch irgendwo reinlässt, wenn neben mir angeschnallt mein Freund, der Baum sitzt, würde ich bezweifeln. ;o)

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  4. Dann bekommt er einfach eine channel666-Sonnenbrille aufgesetzt. So erkennt ihn keiner und du hast weiterhin freie Fahrt.

    Leider komme ich nicht in die Verlegenheit in diesem Bildungswerk eine Ausbildung zu genießen. So werde ich auch nie von dem folgenden Dialog berichten können:
    »Ja, einen schönen Tag euch allen! Zu Beginn wollen wir uns mal gegenseitig vorstellen. Ich schlage vor, das der ältere Herr dahinten damit anfängt. Wie ist ihr Name?«
    »til_o.«
    »Was haben sie da unter dem Arm? Was wollen sie mit der Pflanze hier?«
    »Das ist mein Kumpel. Ohne dem sag ich gar nichts.«
    »Was? Was ist das?«
    »Mein Seelenbaum. Er gibt mir Kraft und Besinnung. Außerdem soll er an psychische Krankheiten erinnern.«
    »An was?«
    »Psychische Krankheiten. Depressionen, Ding an der Waffel oder gegen das Paddel geknallt.«
    »Paddel? Ja, haben sie denn psychische Probleme?«
    »Würde ich sonst an einen Seelenbaum glauben?«
    »Ach so, ja dann setzen sie sich mal. Neben ihnen ist noch ein Platz frei für ihr Bäumchen. Wie hieß das gleich?«

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    1. Und beim Schulsportfußball spielt der Baum Torwart. Dann wirds gruslig.

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  5. ich fasse es nicht, dass du extra für diesen artikel mit der pflanze durch die kante gefahren bist. das nenne ich einsatz!
    steht auf dem hinweis-schild wirklich, dass man seine seele am baum baumeln lassen soll? dein hinweis auf mögliche missverständnisse ist nicht von der hand zu weisen. der letzte sozialbürgermeister musste m.w. gehen, weil er christ in einer freikirchlichen gemeinde war. diesem könnte die pflanzung eines solchen baumes die karriere kosten.

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  6. Für meinen Blog tue ich alles. *g* Aber der Schein trügt. Der Lidl ist gleich nebenan und dort parkt auch mein Wagen. Nur das Bäumchen mußte ich schmücken.
    Nein, das Schild ist erst in Planung. Es war auch nie die Rede davon, »am Baum« die Seele baumeln zu lassen. Nur von sprichwörtlich »Seele baumeln lassen« war die Rede. Das sind Feinheiten die ich bewußt ausnutze. Es empfiehlt sich daher meine Texte sehr genau zu lesen.
    Die beteiligten Vereine machen auf mich einen gediegen christlichen Eindruck. Zwar nicht vordergründig aber das verwendete Vokabular lassen darauf schließen. Egal. Der Sozialbürgermeister muß also keine Angst um seinen Job machen. Im Gegenteil. Der taucht da nicht umsonst auf.
    Warum der frühere gehen mußte, weiß ich nicht. Allerdings, so lehrt es mich meine jahrhundertalte Lebenserfahrung, wohl kaum weil er Christ in einer freikirchlichen Gemeinde ist. Das riecht penetrant nach vorgeschoben.

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