Untergehen ist das Eine, unter der Oberfläche bleiben das Andere. ;-)

Donnerstag, 18. November 2010

Kasse Zwei


Für alles was man tut, bezahlt man irgendwann – an Kasse Zwei.

»Guten Tag.«

Was? Wie bitte? Wenn schon, dann: Guten Morgen.

»Haben sie noch einen Wunsch?«

Ja, klar. Aber das geht jetzt nicht mehr. Ich war schon duschen.

»Einssechzig!«

Ist sie groß und nicht mal einen Zementsack schwer. Ich mag solche Zwerge, weil man sie sich so schön unter den Arm klemmen kann.

»Zwei. Vierzig zurück. Zettel?«

Spinnt die Kirsche? Was denn für einen Zettel? So ein Entschuldigungsdings, weil ich diese Nacht nicht zu Hause war? Soll ich den meinem Wellensittich geben? Oder wird das eine Quittung über die von mir erbrachte Leistung? Da braucht sie aber einen A4-Schreibblock. Ein Zettel reicht da nicht.

»Waren sie zufrieden mit ihren Einkauf?«

Was? Meint sie den Kaffee, den ich jetzt am leeren Frühstückstisch trinke? Den habe ich doch schon diese Nacht an der Tanke holen müssen. Gott sei Dank hat sie mir, bevor wir uns hierher geknutscht haben, erzählt, daß sie keinen zu Hause hat. Morgens, nach dem Aufstehen, geht ohne Kaffee gar nichts. Davor schon. Das habe ich bewiesen.

»Danke. Schönen Tag noch.«

Bitte. Nichts zu danken. Es war mir ein Vergnügen. Das kann ich ehrlichen Herzens, ungeheuchelt und nicht vorgetäuscht feststellen. An einer Fortsetzung desselben wäre ich schon interessiert gewesen, auch wenn ich sie erst einmal darüber im Unklaren gelassen hätte – eine konkrete Terminabsprache würde sie jetzt nur verwirren – und mich, Eile vortäuschend, aus dem Staub gemacht hätte, mit dem vagen Hinweis, daß ich sie bei Gelegenheit anrufen werde. Alles andere würde ihrer Erwartungshaltung widersprechen und sie nur unnötig beunruhigen. Das wollen wir ja nicht. Außerdem sehe ich sie sowieso jeden Tag beim Einkauf. In meiner Kaufhalle nebenan. An Kasse Zwei. Meiner geliebten Stammkasse. Dort teilt sie sich mit einem anderen köstlich Schnurzi die Schicht. Was ich da schon für Kreise gezogen habe, eh meine Favoritin dort wieder einwechselte – stundenlang bin ich zwischen Kühltheke und Gemüsestand hin und her gependelt, nur um von ihr abkassiert zu werden. Gut, es hat sich gelohnt, aber nun von ihr mit einem lapidaren »Schönen Tag noch.« einfach rausgeschmissen zu werden, auch wenn eine dramatische Abschiedszene das Letzte ist, was ich erwartet und gebraucht hätte – das hat sich die letzten 800 Jahre keine getraut.

»Ach, du bist das!«

Ja, wer soll denn sonst hier sitzen und seinen mitgebrachten Kaffee trinken? Etwa der Prolet, der sich Punkt 17.00 Uhr jeden Tag bei ihr seinen Kasten Feierabendbier holt und sich dabei fast in die Hose sabbert? Denkt sie, ich merk das nicht? Oder der alte Sack, der immer dreimal hintereinander einkauft, weil er was vergessen hat? Angeblich? Das mache ich zwar auch, aber bei mir ist das eine ausgeklügelte Strategie und kein plumpes Gewese, also etwas anderes. Immerhin habe ich es so erreicht, daß sie mich voriges Jahr, genau zum Heilig Abend, zum ersten mal ansprach.

»’tschuldige. Ich bin noch total verpennt und mit den Gedanken schon wieder auf Arbeit.«

Mit ihren Gedanken sollte sie eigentlich immer noch bei mir sein. Aber ich will mal nicht so sein. Das klingt schon besser als ein »und nun troll dich«. Nur, wie komme ich jetzt unauffällig davon?

»Weißt du noch, wie ich dich das erstemal angesprochen habe? Da hast du so trollig geguckt! Da war mir klar, daß bei dir zu Hause keine Frau auf dich wartet.«

Na Klasse! Klar erinnere ich mich: »Aber sie wissen schon, daß wir heute schon 16.00 Uhr schließen?« Das war mir neu und ich hätte ihr eine scheuern können. Kurz vor vier hatte ich geplant, noch zweimal etwas zu vergessen. Das wurde extrem knapp. Hochrot bin ich gleich zurück in die Halle, um den Rest zu holen.

»Du warst total niedlich! Genau wie damals, als dir genau ein Euro zum Bezahlen gefehlt hat. Naja, da war eh nicht viel los.«

So wenig, daß sie den Kassenschieber offen lassen und auf mich warten konnte, bis ich mit dem Pfand-Euro vom Einkaufswagen wieder zurück war. Dazu mußte ich natürlich, voll mit dem Einkauf bepackt, nochmal quer durch die ganze Kaufhalle. Peinlich. Aber was heißt hier trollig und niedlich? Kerlchen sind niedlich, aber ich bin ein Mann! Der ist im Zweifelsfall immer noch interessant!

»Ich geh fix duschen. Kaffee ist ja noch da. Aber die Haare werde ich mir nicht mehr waschen. Eh die trocken sind, ist meine Schicht zu Ende, und in dem Laden kann ich schlecht wie ein begossener Pudel auftauchen.«

Das würde aber zu ihr und dem Laden gut passen. Mehr als einen Appel und einem Ei verdient sie dort nicht und der Chef vom Ganzen könnte jeden Morgen, mit einem privaten Flugzeugträger der Nimitz-Klasse, auf die Bahamas zum Frühstück fahren.

»Ob ich die mir färbe? So ein Kastanienbraun mit helleren Strähnchen? Was sagst du?«

Von mir aus. Diese langen Loden kann sie sich sogar batiken. Aber wieso fragt sie mich? Und wieso bleibt mir langsam die Luft weg? Als erfahrener und mit allen trüben Wasserfällen weiblicher Inbesitznahme gefluteter Mann, müßte ich eigentlich wissen, wann sich die Schlinge um meinen Hals zuzieht.


»Du bleibst hier! Trink erstmal deinen Kaffee aus. Wir gehen dann zusammen los, und du bringst mich noch auf Arbeit.«

Warum lerne ich bei Frauen nie dazu? Wieso schaffe ich nie den Absprung? Warum muß ich immer im eigenem Revier wildern? Genau dort, wo ich nicht einfach unsichtbar werden kann?

»Heute Abend hast du keine Zeit. Morgen gehe ich zum Taekwon-Do, Samstag mit der Trulla von nebenan ein Bier trinken – ihr Alter nervt mal wieder ’rum –, bleibt der Sonntag. Da hast du Glück. Normalerweise bin ich da zum Bowling. Fällt aus. Mein Gott, jeden Tag knalle ich mir den Terminkalender voll, nur um nicht über mich nachdenken zu müssen. Egal. Ich mache etwas Schickes zum Abendbrot. Gegen Acht müßtest du dann hier sein. Wein habe ich noch da, du mußt also keinen mitbringen.«

Was muß ich? Wie? Ach du Sch... Und wieso habe ich heute keine Zeit?

»Weil heute Donnerstag ist. Da bekommst du Besuch von irgendwelchen Weibern. Denkst du, ich merke das nicht? Da gockelst du jede Woche mit einer Anderen durch die Kaufhalle, und ihr holt für mindestens 6 Leute was zu Essen. Letzte Woche gab es bei euch Fisch. Stimmts?«

Fischfrikadellen. Selbstgemacht. Mit Dillsoße.

»Aber Dill führen wir nicht. Deinem Gesicht nach, hattest du auch keine zu Hause, also mußtest du noch zur Konkurrenz traben.«

Stimmt auffallend. Ach du Sch... Was soll ich da jetzt bloß machen?

»Einkaufen gehen. Heute ist Donnerstag. Komm, wir müssen jetzt los, sonst komme ich zu spät.«

Game over – an Kasse ...

Vorerst. *g*

Kommentare:

  1. Mal blöd gefragt: Roman oder Realität???

    Ansonsten schepperten dazu gerade die Ärzte durch meine armseligen Gehirnwindungen.

    Sie trägt nen roten Minirock
    Und sie ist immer nett zum mir
    Manchmal bescheisst sie mit dem Wechselgeld
    Sie ist das Mädchen von Kasse vier.

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  2. Roman. Aber ich bin verpflichtet in meinem weiblichen Fanblock für Unruhe zu sorgen. Daher muß ich mir ab und zu was aus den Fingern saugen, damit die Mädels was zum quasseln haben und somit beschäftigt sind. Mit Kasse 4 liegst du übrigens goldrichtig. *g*

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  3. Kennst du das Schild bei Lidl über dem Ausgang? Da ist immer so eine sommersprossige Maid, die man anrufen soll, wenn einem was nicht passt. Das wäre auch noch ne Idee gewesen.

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  4. Stimmt. Ich nerv die dann jeden Tag mit dem, was mir alles nicht paßt, was aber mit der Lidlbude nichts zu tun hat. Oder ich rege mich über die anderen Kunden auf. *g* Das kann ich perfekt. Irgend so etwas. Die heißt Claudia Killian, wenn sie für Lidl abhebt und Anna Weber, wenn sie es für Aldi tut. Wie im realen Leben. Hast du einer Call-Center Agentin schon mal bei der Arbeit zugehört? Da lacht man sich scheckig. Das wäre aber schon die nächste Idee ... *g*

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  5. Joh, ne prima Geschichte. Sie belegt,dass - trotz der immer währenden Bemühungen der Handels-Mafia - die gesamtdeutsche Klitsche immer noch eine Service-Wüste ist ( und auch bleibt!). Die Frage nach dem Zettel ist allerdings regional spezifisch. Im "Goldenen " Westen wird entweder gar nicht oder nur nach dem so genannten Bon gefragt.Immerhin werden die chronisch unter bezahlten Damen an den Kassen in anerzogener Freundlichkeit damit auch nicht mehr im Geldbeutel haben, wenn sie keine Frage nach der Mitnahme des Altpapierstreifens stellen.
    Schöne, graue Woche noch!

    Jürgen

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  6. Den Kassenbon sollte man aber immer mitnehmen. Manchmal erwischen die Fachkräfte die falsche Taste und brummen einen statt 2 mal Multivitaminsaft 5 mal auf. Das kann man dann diskussionslos und mit einem netten Schwatz rückgängig machen. *g* Vielleicht ist letzterer auch Sinn und Zweck der Falschbuchung. Er macht graue Wochen bunter.

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