Untergehen ist das Eine, unter der Oberfläche bleiben das Andere. ;-)

Dienstag, 2. März 2010

Puzzlemusik

Der Boden schwankt unter meinen Füßen, aber er gibt mir dennoch den Halt, den ich so sehr brauche. Die Luft riecht nach sich flußabwärts zurückziehendem Brackwasser. Ich weiß nicht, wie lange ich schon hier bin.

Meine Kopfgeburt steht mir gegenüber. Ihre Augen glitzern mich über meiner Augenhöhe an und sie schaut dennoch zu mir auf. Meine linke Hand umkrampft den Waffenschein, den ich für sie brauche.

Ihr flüchtiger, wie aus Versehen mir gegebener Kuß, war von ihr lange geplant und er trifft mich so, daß meine Gefühle in dem Fluß, auf dem wir stehen, Delphin spielen. Sie wendet sich von mir ab, um mich an die Hand zu nehmen. Wir müssen schon unser ganzes Leben über diesem Holzweg schreiten, der sich über diese Wasseroberfläche schlängelt. Hoch und runter. Es ist kein Ende und kein Anfang zu sehen, und das, für mich, nähere Flußufer ist für einen Absprung zu weit entfernt.
Wir schlendern durch meine alte Stadt. Sie sieht jetzt anders aus. Sicherer.

Ihre Hand legt sie nur auf die meine, wenn ein Richtungswechsel von ihr geplant und durchgeführt wird, oder er einfach ansteht. Sonst kann sie alleine laufen. Ich drücke meine Knie durch, folge ihr und sie mir.

Ich kenne sie nicht, aber sie gehört zu mir.

Die alte verwitterte Betonbrücke, die wir unterwandern, erinnert mich an das Lehrerzimmer meiner Kindheit, totgeschriebenen Büchern und, heute, nach Geld stöhnenden Worthülsen, die mich verfolgen. Mein Traum dreht sich lächelnd zu mir um, nimmt meine Hand, der Beton bröckelt, aber die Brücke steht noch. Soll sie ohne uns einbrechen. Oder weiterbestehen.

Der Himmel ist mit Wolken verhangen, aber er ist nicht grau. Ein warmer Goldherbst schaut gefällig auf uns herab. Ein alter Meister hat ihn gemalt. Schwergewichtig, imposant, aber nicht bedrohlich. Des Verklärers Name fällt mir nicht ein. Es gab zuviele davon … Die Vögel, auf ihren Höhenflug, sind kaum noch zu erkennen. Wir schauen uns an und wissen, daß ihre Fallhöhe nicht bis in unsere Wolken reicht. Sie werden später metertief, im kulanten Klärschlamm, neben den Schiffen, einschlagen und enden. Ohne uns.

Die Schiffe, am anderen Flußufer, weiten sich über diese Stadt hinaus und überragen leichtgläubig unseren Horizont. Es sind zwei, die dort vor Anker gegangen sind oder verankert wurden. Sie ähneln großen runden Schwänen, die aus rotem und blauem Styropor geschnitzt wurden. Einfach und funktional sind sie, wie Träume eben sein sollten.

Meine Stadt scheint ein Fest zu feiern. Grünbuntblumige Lampions schwimmen den Fluß hinunter und es sind keine Menschen zu sehen. Als lebende Gespenster dienen Schaufensterpuppen. Als Ersatz des Ersatzes.

Sie dreht sich zu mir um und lächelt mich ungeschminkt an. Ich weiß, daß sie unersetzbar für mich ist. Sie nimmt meine Hand und schlägt eine Tür für uns auf. Sie führt in ein Zimmer, wo Heimatlose, auf ihrer Reise ins Irgendwo, gern Station machen um ihren Krempel loszuwerden. An die Wand gepinnte Enttäuschungen, zu Fußbänken gedemütigte Gefühle und verrottete Wünsche umspülen mich. Sie scheint sich hier gut auszukennen. Aber sie trägt keine eintätowierte Inventarnummer, so wie ich, am linken Unterarm.

Sie weiß genau, wo sie suchen muß. In diesem gut sortierten Müllbergregal hat sie ihren Schatz versteckt: Ein Karton mit einem mir unbekannten Puzzlespiel. Als Bildvorlage dient ein alter Topf mit einem passenden neuen Deckel in leichten hellbunten Farben. Aber sie spielt nicht, sondern stöpselt einen kleinen Kopfhörer in den Karton und hält ihn mir an das falsche Ohr. An jenes, auf dem mich nichts, und niemand, mehr erreicht.

»Das ist meine Musik. Kannst du mich hören?«

Ich kann sie sogar verstehen. Sommerwiesenmusik, die meine ungeliebte Tätowierung verblassen läßt. Wir schweigen und reden gleichzeitig miteinander. Sprache ist nicht wichtig. Blicke reichen. Und ihr Geruch …

Unser Bett fühlt sich wie handgewebt, uneben aber ausgeglichen an. Mein, nein unser Zuhause. Ich bin mit und bei ihr, bei mir angekommen.

Vorbei. Wie immer. Abschiedsschmerz steht in ihren und in meinen Augen. Sie löst sich, wie eine erkaltende Fata-Morgana ungewollt auf. Träume enden so.

Guten Morgen! Aufgewacht! Was war das für eine beschissene Nacht …

Wer zulange in seine Träume schaut, wird blind, heißt es. Aber es ist besser blind zu werden, als einen faulen Kompromiss einzugehen.

Der Himmel in meinem Fenster ist kalt, grau und in sich zerrissen.
Ich weiß, daß dieser kommende Tag kein guter Tag zum Sterben ist, aber auch, daß er kein guter Tag in meinem Leben wird.

Kommentare:

  1. Ein richtig schön verfasster Eintrag von dir!
    Lg Manu

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  2. Danke Manu. Der Text stammt noch aus meinem alten Blog. Es war schade drum. Also steht er jetzt hier. LG Tilo

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  3. Hallo til_o!

    So etwas schönes würde ich auch nicht einfach bei Freenet lassen.

    Dein Eintrag über die Weblogkrieger fand ich ganz witzig.

    Lg Manu

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  4. Einfach irre gut, der Text. Manu hat recht, wäre zu schade ihn nicht nochmal zu veröffentlichen. Hast du schon mal an einem Schreibwettbewerb teilgenommen? Darf ich mir den Text kopieren? Würde ihn gerne einer Freundin zum Lesen geben.
    Eine gute Woche, bzw. der Rest, der noch von dieser Woche bleibt. Soll ja morgen wieder schneien. Na was solls, da müssen wir wirklich durch. Zum glück kann man da mit Geld nix machen, das wäre echt zu schlimm. Gruß C.;-))

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  5. Kopier ihn dir. Schönen Gruß an die Freundin! *g*
    Nein, bei einen Wettbewerb oder ähnlichen war ich noch nicht. Ich wüßte auch gar nicht wo und bei wem. In der Hinsicht habe ich schlicht keinen Plan. Vielleicht wird das ja noch. :-)

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