Untergehen ist das Eine, unter der Oberfläche bleiben das Andere. ;-)

Montag, 31. Januar 2011

moderne Zeiten II


Was die moderne Frau mit der Aussage, sie sei in ihrer Umgebung fest verwurzelt, meint, habe ich herausgefunden. Aber was heißt, sie steht mit beiden Beinen fest im Leben? Sind ihre Füße da in einem Eimer einbetoniert? Zu vermuten ist es ja.

Donnerstag, 27. Januar 2011

Olé, olé, olé ...

»Olé, olé, olé, olé, die KSK – die kann mich mal! Olé, olé ...«

Wie kann man am frühen Morgen schon so breit sein?

»In dem man am Vorabend, auf der Neueröffnungsfeier seines eigenen Ateliers, sich konsequent die Kante gibt. Mein Gott, soviel Glück auf einmal erträgt ein echter Künstler nur durch Suizid! Olé, olé, olé, olé, die KSK – die kann mich mal! Olé, olé ... Mann, habe ich einen Hunger. Ich bin gar nicht erst ins Bett und hole mir erstmal einen Döner. Fressflash. Wenn die Bundeswehridioten wüßten, was in Afghanistan so für Kräutlein wachsen ...«

Dann müßte man sich um die Jungs da unten echt Sorgen machen. Peace – Make Love, Not War. Die Töchter von bitterbösen Taliban schwängern, ist eine äußerst ungesunde Angelegenheit. Da hat man schon verloren, bevor man überhaupt Vater wird. Und das auch, wenn man vorsorglich den Kontinent wechselt. Unter Globalisierung versteht der Mudschahedin etwas anderes. Der schwarze Afghane war also gestern Abend auch vor Ort. Egal. Von der Ateliereröffnung hatte ich gehört, aber war die nicht in der Volkshochschule?

»Auch. Teils, teils. Olé, olé, olé, olé, mein Vermieter – der kann mich mal! Olé, olé ... Mann, bin ich breit. Immer noch. Kein Wunder, den Wodka haben wir zum Schluß mit Absinth angereichert und ich war ja noch nicht mal im Bett. Doch war ich. Oh Gott! Ich erinnere mich. Bloß mit wem? Äh, mit wer? Hoffentlich war es nicht die Alte von der Volkshochschule. Jede andere, bloß nicht die! Egal, passiert ist passiert. Auf einen Besen mehr oder weniger kommt es auch nicht mehr an.«

Nein, kommt es mit Sicherheit nicht. Seine Frau führt über seine Eskapaden zum anderen Geschlecht Buch. Genauer seine Ex-Frau und es ist nicht ein Buch, sondern derer Drei. Die Schwarten liegen bei ihr zu Hause auf dem Nachttisch und ich habe rein zufällig darin geblättert. Mannomann! Das liest sich, wie das Who is Who aller interessanten und attraktiven Frauen dieser und angrenzender Städte, die man mit dem Guten-Nacht-Ticket des Verkehrsverbundes Oberelbe erreichen kann. Mal abgesehen von einigen diversen Ausrutschern, wie dem Handfeger aus der städtischen Tourist-Information oder der Amöbe vom Grünflächenamt. Peinlich. So denkt auch seine Ex. Immerhin ist das alles zu ihrer Zeit passiert. Aber sie will diese Trilogie eh unter Pseudonym verlegen lassen und ein paar Figuren vorher daraus tilgen. Vorausgesetzt, daß er als Künstler berühmt wird und beizeiten stirbt. Vorher lohnt sich eine hohe Auflage nicht. Obwohl – wenn jede seiner Bettgeschichte ein Exemplar kauft ...

»Hör auf mit grinsen! Die Alte, die bei mir Kurse in Farbenlehre halten wird, war es nicht! Ich bin mir ziemlich sicher. Der haben wir ein Taxi gerufen. Das war sogar ziemlich am Anfang. Die hat doch das schöne neue Klo eingesaut. Mit dem Nudelsalat. Vom künstlerischen Aspekt her war es eine gelungene Aktion – Riesaer Nudelstücke in Rotwein auf Edelstahlarmaturen, wie sie kraftlos aber stetig die unglasierten Fliesen in Siena runterrutschen. Das hatte schon was. Ihre Schülerinnen haben noch etwas Petersilie gestreut und Gurkenstückchen plaziert. Das passte nicht ganz, weil die frisch und unzersetzt waren, aber von der Farbe her – ich habe es sicherheitshalber erstmal auf Vidscho gebannt. Vielleicht ziehe ich mir daraus ein paar Bilder als Malvorlage. Der Alten ihren Kopf mit den Gurkenscheiben im Haar kann ich ja unkenntlich machen oder einfach weglassen.«

Tolle Party. Das kann man nicht anders sagen.

»Ja, eigentlich hast du noch gefehlt. Dir wäre dazu sicher auch was eingefallen. Komm einfach mal vorbei und schau dir das Video mal an.«

Das werde ich. Schon um das neue Klo und die Video-Anlage zu bewundern und um rauszubekommen, was das alles mit der Volkshochschule zu tun hat.

»Ja, du wirst staunen! Mein Atelier ist komplett renoviert, die Fenster sind neu, die Toiletten ...«

Mein Atelier? Sein Atelier? Stimmt. Seine Ex hat erzählt, das seine Künstlerkollegen und Mitbenutzer alle die Segel gestrichen hätten und ihr Künstlerdasein aufgegeben haben, weil sich niemand für ihre Werke interessiert, geschweige denn kauft. Ihren Lebensmittelpunkt haben sie nun in irgendwelche Kneipen verlagert, wo sie mit sich und der Welt hadern und ihr Leid jedem klagen, der sich ihnen auf 2m nähert. Deswegen hätte er eigentlich das Atelier aufgeben müssen, da er unmöglich allein die Miete dafür aufbringen konnte. Jetzt, wo er von seiner Frau verlassen wurde, erst recht nicht mehr.

»Eben. Soviel Elend kann ein echter Künstler nur im Suizid ertragen.«

Ein echter Künstler scheint immer selbstmordgefährdet zu sein.

»Ein Echter! Ein echter Künstler. Ich tue ja nur so als ob. Gut, ich male ab und zu ein Bild und meine Drucke verkauften sich sogar ab und zu. Voriges Jahr konnte ich zwei davon verklingeln. Zwar für das Büro des Blinden- und Sehschwachenverbandes, aber immerhin! Ein Anfang war gemacht! Olé, olé, olé, die können mich alle mal! Echt, ich war nahe dran alles hinzuschmeißen und mich dem Sozialamt hinzugeben. Es kamen nur noch böse Briefe.«

Den Stapel habe ich bei seiner Ex gesehen. Alles ungeöffnete Post. Von der Künstlersozialkasse, seinem Ateliervermieter, vom Telefonanbieter usw. Nur der von der Volkshochschule war aufgefetzt.

»Der war meine Rettung. Ich hatte dort vorgesprochen, um Kurse in irgendwas zu geben. Direkt in der Schule. Die besagte Alte war von mir und meinem Anliegen begeistert. Als Lehrkräfte haben die doch nur Hausfrauen, die sich mit Basteleien die Zeit vertreiben wollen und damit den Rest der Welt auf den Nerv gehen. Der Rest der Welt besteht aus Kursteilnehmerinnen, die genau dasselbe Ansinnen haben. Alles alte Schachteln, die ihren Frust in künstlerische Bahnen lenken müssen. Mehr als Zoff und sinkende Teilnehmerzahlen und damit Einnahmen kommt dabei nicht raus. Selbst meine Ex hat mich gewarnt, da überhaupt hinzugehen. Und das, obwohl die mich loswerden wollte. Das ist eigentlich eine tolle Frau. Brauchst du nicht eine? Die ist jung, lieb, verständnisvoll und sehr belastbar. Olé, olé ... Was wollte ich eigentlich hier?«

Was zu essen kaufen. Mein Gott, der ist so durch den Wind! Bei der Mutti von der Volkshochschule muß sich der Beschützerinstinkt über den Knaben geworfen haben.

»Richtig. Ich wollte mir einen Döner holen. Willst du auch einen? Mit Extra Käse? He Gerda! Ist dein Mann der Ibn Raschid Hamal Ben Saleikum, sprich der Manfred nicht da? Der ist wohl noch nicht von seiner Freundin heruntergekommen? Tja, Viagra macht auch vor Allah nicht halt! Mach uns mal zwei Döner mit Extra Käse!«

Der ca. 50jährigen Kopftuchmigrantin uns schräg gegenüber am Gemüsestand fällt der Kohlkopf aus der Hand und in den Einkaufswagen. Die Frau sieht aus, als würde sie gleich einen 2m langen Türkensäbel hervorwürgen.

»Ach? Wir sind hier in der Kaufhalle? Und nicht in der Dönerbude? Ich dachte schon der Abdul Hassan al Manfred hat sich verbessert und angebaut. Nun ja. Da habe ich eben keinen Hunger mehr und trinke erstmal ein Bier. Willste auch eins? Oder meine Ex? Wenn die jetzt so alleine ist. Da mache ich mir schon Sorgen.«

Der hat echt ein Ding an der Waffel. Um seine Frau muß er sich keine Sorgen machen. Ich betreue sie ja seit drei Jahren. Zwar ist sie schon knapp über 30, aber in meinem Alter muß man bei der Wahl seiner Gespielinnen flexibel sein. Außerdem ist sie wirklich Klasse. Sie ist nicht nur hübsch anzusehen, sondern man kann sich mit ihr sogar davor und danach gut unterhalten. Das hat echt Seltenheitswert. Wenn wir uns in der Kiste mal überdrüssig werden, bleibt sicher noch genug Platz für eine dicke Freundschaft. Das wir nicht nur zusammen Kaffee trinken, weiß inzwischen die ganze Stadt. Keinem ist entgangen, wie gut gelaunt, locker und entspannt die Frau ist, wenn sie nach dem »Kaffeekränzchen« unter Freunden meine Wohnung wieder verläßt. Nur er will davon nichts mitbekommen haben? Ob der mich verarscht?

»Na, nimm dir ruhig ein Bier! Du mußt es sowieso bezahlen. Ich habe gerade festgestellt, daß ich gar kein Geld dabei habe. Nimm ruhig! Es kommt von Herzen. Olé, olé, olé! Also die Volkshochschultante war begeistert. Nur hat sie keine geeignete Räume, um mit Farbe rumzupanschen. Da hab ich mir gedacht: Platz ist im kleinsten Atelier. Wo meine Kollegen eh geschlossen zum Sozialamt übergewechselt sind ... Also sind wir losgezogen, um meine Räumlichkeiten zu besichtigen. Vor der Tür wartete zufälligerweise mein nächster Glücksfall.«

Blond. Weiblich. Zwanzig Jahre. Attraktiv, zu allem bereit und neu in der Stadt oder mit dem Gute-Nacht-Ticket vorgefahren.

»Nein, über 50, männlich, im Anzug, mit Aktentasche und Gerichtsvollzieher. Denn hatte ich völlig vergessen oder besser verdrängt. Die KSK, die Künstlersozialkasse wollte meine ausstehenden Krankenkassenbeiträge durch ihn eintreiben. Ein halbes Jahr stand aus. Das war für mich völlig aussichtslos, die Kohle irgendwo aufzutreiben. Aber der Mann ist echt mein Glücksfall. Wenn es einen Schutzpatron für Scheinkünstler gibt, dann ist er das. Willste nicht doch ein Bier? Ich kann auch an der Kasse fragen, ob die ein Glas für dich haben!«

Es geht auch ohne Glas. Früh um 9.00 Uhr ist es egal, ob man sich das Bier mit oder ohne Glas reinschüttet.

»Die zwei sind also bei mir rein. Während ich in der Küche Kaffee gekocht habe, haben die sich umgeschaut. Die Alte war immer noch schwer begeistert. Vom Atelier. Der Alte war auch begeistert. Von meinem Lagerraum. Da stehen meine gesammelten Werke und mein Bett. Irgendwo muß ich ja schlafen. Der wühlte in meinem Zeug, sortierte und stapelte um, mit dem Ergebnis, das er mir das Bett läßt, aber den Rest mitnimmt. Bzw. abholen läßt. Der hat tatsächlich auf alle meine Drucke und fast auf alle Ölschinken einen Kuckuck geklebt! Der spinnt total, dachte ich!«

Der spinnt nicht. Der Gerichtsvollzieher. Der Kasper vor mir schon. Auch wenn er ständig erzählt, er wäre gar kein Künstler – Bilder malen kann der schon. Seine Drucke sind Klasse, auch wenn nichts spektakuläres darauf zu sehen ist. Sie zeigen Menschen in gewöhnlichen Alltagszenen. Auf dem ersten Blick. Auf dem zweiten bemerkt man, daß sie allesamt polnische Züge tragen. Keine slawischen, sondern speziell polnische. Man kann es aber an nichts konkreten festmachen. Es beschleicht einem nur das Gefühl, daß darauf Polen zu sehen sind und das der Maler ein Spitzbube sein muß. Selbst wenn der einen Weihnachtsmann malt – der grinst polnisch! Warum auch immer.

»Jedenfalls war hier plötzlich schwere Unruhe. So etwas habe ich all die Jahre vorher vermißt. Mein Gerichtsheini tippte wie wild in seinem Laptop rum und nuschelte in sein Telefon. Die Kirsche jonglierte auch mit ihren Handy. Die zwei waren völlig weg und nicht ansprechbar, so daß ich den Kaffee alleine trinken mußte. Zwischendurch tauchte mein Vermieter mit einem Zollstock in der Hand auf. Die Alte und er verschwanden auf der Toilette und als sie wiederkamen, hing mein Hausbesitzer auch am Telefon.«

Den Gerichtsvollzieher hätte er nicht anrufen brauchen, denn der saß ja schon im Atelier.

»Richtig, die Ateliermiete bin ich ihm ja auch noch für zwei Monate schuldig. Ich habe die zwei auch gleich miteinander bekannt gemacht. Wenn zwei Menschen sofort einen Draht zueinander haben, dann die Beiden. Sofort losgequasselt haben die und einen Spaß miteinander gehabt! Irrsinn, was die so für gemeinsame Bekannte haben! Gut, so groß ist diese Stadt nun auch wieder nicht. Willste noch ein Bier? Aber schütte dir das nicht wieder so rein! Es ist noch früh am Morgen.«

Egal. Ich muß dann zu seiner Ex. Seit dem der Künstler in seinem Atelier wohnt, gehe ich lieber zu ihr. Und wie meinte er? Sie ist verständnisvoll, lieb und sehr belastbar. Hugh!

»Ich stand also da, wie das fünfte Rad am Schell-Bube. Oder so. Was da vor sich geht, konnte ich nicht mehr erfassen. Spätestens als die Möbelpacker auftauchten, war es aus. Game over, dachte ich.«

Die was? Wollten sie sein Bett holen? Gut, der reine Materialwert ist gleich Null. Kulturhistorisch gesehen dürfte es auch unbezahlbar sein. Für den, der weiß, wer sich darin schon alles lustvoll gewälzt hat.

»Quatsch. Sauf nicht so viel! Meine Bilder haben sie geholt. Der Gerichtsfritze ist gleich mitgefahren. Eigentlich hätte ich heulen müssen. Die schönen Drucke. Alle weg! Dann standen plötzlich Handwerker im Flur. Erst laberten sie mit der Alten, dann mit dem Vermieter. Ganz großes Palaver! Dann schüttelten die sich die Hände und der Handwerksmeister persönlich fing an mein Klo rauszureißen. Das war es dann, dachte ich. Aber gleichzeitig sagte ich mir auch: Diese Mutti von der Volkshochschule will dir nichts böses. Die ist für dich da und alles wird gut. Und mein Gefühl hat mich ja nicht getäuscht.«

Wer hat hier eigentlich ein Ding an der Waffel? Ich stehe in meiner Kaufhalle, knalle mir am Gemüsestand am frühen Morgen ein Bier nach dem anderen rein, nicht nur umzingelt von einem halben Batallion muslimischer Klagefrauen, sondern auch von meiner halben Nachbarschaft. Vor mir steht ein abgewrackter, an einen verarmten französischen Landadeligen erinnernden Typ, der mir ein Bier nach dem nächsten ausgibt, was ich aber noch an meiner Lieblingskasse bezahlen muß und der mir Shanties aus seinem verkappten Künstlerleben erzählt. Und alle, die ihm zuhören, wissen auch, daß ich seit Jahren mit seiner Frau ins Bett steige. Also wer hat hier einen Sprung in der Schüssel?

»Das ist letztendlich egal. Das Glück klopft auch mal an deine Tür! So wie bei mir. Willste noch ein Bier? Ich würde noch ein Six-pack anreißen! Das würde ich für dich tun! Ach, das Leben ist so schön!«

Klar, jetzt muß ich auch noch pinkeln.

»Gehen wir gleich. Wenn du das Bier bezahlt hast. Aber das mußt du auch nicht. Ich kann hier anschreiben lassen. Der Rest ist auch schnell erzählt. Die Volkshochschule hat mir nicht nur alles neu gemacht, nein, sie übernimmt auch komplett die Miete für das Atelier. Mich hat sie als Honorarkraft unter Vertrag. Der war in dem Brief, den du bei meiner Ex gesehen hast. Gestern war die Eröffnung. Da waren auch Kirschen da! Da kommt noch einiges auf mich zu. Ja und gestern rief mich auch mein Gerichtsvollzieher an und fragte mich nach meiner Kontonummer. Er hat alles verkloppt und sogar Gewinn gemacht, den er mir überweisen will. Abzüglich seiner Provision. Eine vierstellige Summe! Und er braucht dringend Nachschub! Seine Kundschaft wäre ganz wild auf mein Zeug. Die würden zwar alles in Zloty bezahlen, die er in der Schweiz erst waschen muß, aber es würde sich dennoch lohnen. Eh ich habe Geld auf dem Konto! Ich! Geld! Und ich habe einen Galeristen! So ein Nachdruck ist auch fix gemacht! Und da soll ich nicht feiern und saufen? Wollen wir nicht einen Wodka trinken? Hast du soviel Geld mit oder soll ich anschreiben lassen?«

Olé, olé, olé ...

Freitag, 7. Januar 2011

Zukunft braucht ...

»Ich freue mich, dass Sie alle sitzen geblieben sind.« Wahrscheinlich hat Guido Westerwelle selbst nicht damit gerechnet, daß es jemanden bei seiner Rede auf dem Dreikönigstreffen vom Hocker haut. Aber letztendlich ist deren Inhalt auch völlig egal, sie dient einzig dem Zweck den Delegierten seine gut konditionierten Vitalfunktionen vorzuführen. Was ihm durchaus gelungen ist. Trotzdem bröckelt die Freiheitsstatue Deutschlands so vor sich hin. Tragisch ist dies nicht, bestand sie doch nur aus Phrasen. Interessant ist dabei nur, daß immer, wenn die Gegenwart zusammenbricht, die Zukunft bemüht wird. Das grenzt schon an einem Naturgesetz. Alle Religionen und Parteien verheißen einem den schweren Weg in eine glückliche Zukunft. Der Zielpunkt nennt sich auch bei allen Urne. Entweder man steht davor oder ist selbst darin. In beiden Fällen gibt man seine Stimme ab und verbleibt sprach-, stimm- und wunschlos glücklich. Selig ist, der ...
Egal. Zurück zur Zukunft. Wie es mit dem Hier und Jetzt in der FDP bestellt ist, konnte man an Guidos Mikrofonständer lesen. Der Slogan »Zukunft braucht Entschlossenheit« kommt nicht von ungefähr.

Die Zukunft ist schon ein heikles Thema. Neben Entschlossenheit braucht sie sicher noch andere wichtige Dinge. Neugierig wie ich bin, befragte ich dazu das Google-Orakel:

Zukunft braucht Erinnerung
www.shoa.de/

Zukunft braucht Werte
www.zukunft-braucht-werte.de/

Zukunft braucht Forschung
www.fraunhofer.de

Zukunft braucht Rasen
www.zukunft-braucht-rasen.de/

Zukunft braucht Konservative
www.amazon.de/Zukunft-braucht.../dp/3451302950

Zukunft braucht Vielfalt
www.vielfalt-in-goslar.de/

Zukunft braucht Vernunft
www.facebook.com/...Zukunft-braucht.../108400552532670

Zukunft braucht Erinnerungen
www.kas.de/wf/de/33.15531/

ZUKUNFT BRAUCHT ZUSAMMENHALT
https://www.buergerforum2011.de

Zukunft braucht Vergangenheit
www.br-online.de/...des-br/.../index.xml

Zukunft braucht Herkunft
www.spd-brandenburg.de/

Zukunft braucht Gestaltungskraft
www.perspektive-blau.de

Zukunft braucht Visionen
www.zukunft-braucht-visionen.de

Zukunft braucht Energie
www.erdoel-erdgas.de

Zukunft braucht Aussichten
www.wahlerpark.com/

Zukunft braucht Neurologen!
www.junge-neurologen.de

Und so weiter und so fort. Letzteres werden wir mit Sicherheit brauchen, wenn wir es bis in die Nähe der vielbemühten Zukunft schaffen wollen. Merkwürdigerweise steht dort nichts von einer FDP. Das ist sicher ein Versehen vom Orakel. Damit es die politische Meinungsvielfalt und die gehobene Streitkultur in die Zukunft schafft, habe ich dieses kleine Banner rechts entworfen. Mal ehrlich: Ohne Guido hat doch Deutschland nichts mehr zu lachen.

Mittwoch, 29. Dezember 2010

Happy Plätzchen Tantchen!


Als Jahresendtext folgt nun eine der »Tantchen« Geschichten. Etwas anderes fällt mir dieses Jahr eh nicht mehr ein.

»Ich bin jetzt da! Mach hinne mein Schunge! Ich komme nicht erst hoch! Beeile dich! Wir sind spät dran! Wir haben ...«

Weiter kommt Tantchen nicht, denn ich sitze schon auf dem Beifahrersitz neben ihr. Von wegen spät dran. Sie ist ausnahmsweise mal zu der vereinbarten Zeit bei mir und nicht eine halbe Stunde eher da.

»Wo kommst du denn so plötzlich her? Haste etwa schon unten auf mich gewartet? Du kannst es wohl nicht erwarten, zur Tina zu fahren?«

Naja, ob ich nun da oben oder hier unten warte ist eigentlich egal.

»Hast du ein Glück, daß ich noch zu der Friedel ins Krankenhaus mußte, die Grüße und ihr Weihnachtsgeschenk vom Kaffeekränzchen überbringen. Sonst hättest du mit der Bahn fahren müssen.«

Gut, da die Tina Tantchens Nachbarin ist, wäre ich jetzt schon mit dem Zug zu unserer kleinen Weihnachtsfeier unterwegs. Zurück komme ich auch nur mit der S-Bahn. Seltsamerweise habe ich darüber noch keinen Gedanken verschwendet und mir auch keine Bahnverbindung herausgesucht.

»Also die Friedel scheint gar nicht mehr nach Hause zu wollen. Die hat sich dort häuslich eingerichtet. Erst hatte sie es mit der Galle, dann mit dem Rücken und nun mit dem Ohren. Auf drei verschiedenen Stationen war die dort schon.«

Klar, zu Hause ist sie allein und schaut nur in die Röhre. Dort hat sie Abwechslung, kann mit anderen Rentnern quasseln und wird vielleicht sogar in die Röhre geschoben.

»Die hat dort ihren Spaß! Bei ihr auf dem Zimmer liegen noch zwei andere Patientinnen. Ein Hörsturz und eine fiebrig vereiterte Stirnhöhle. Zwei patente Frauen! Beide auch schon um die 70. Die haben sich viel zu erzählen. Einen Fernseher für die Quasselpause haben die auch. Wenn mal eine zur Untersuchung ist oder auf dem Klo.
Was haben die nicht alles bei der Friedel schon getestet und untersucht. Sogar in die Röhre haben sie die schon geschoben! Aber die finden einfach nichts! Das mußt du dir mal vorstellen: Erst haben sie ihre ...«

Ich rechne mit einem 20-minütigen Fachvortrag über moderne Untersuchungsmethoden, unfähige, übermüdete Ärzte, unfreundlichen Krankenschwestern und schalte auf Durchgang. Es gibt genügend Gründe, bei einer Einweisung in eine Krankenstation vorsichtshalber mit dem Leben abzuschließen.
Die Tina hat uns für heute zu sich eingeladen. Zum Kaffee trinken und Stollen essen. Wahrscheinlich hat sie mir gegenüber ein schlechtes Gewissen, weil sie es noch nicht geschafft hat, an einem Donnerstag bei mir und mit mir kulinarisch kreativ zu werden.

»Wie die das überlebt hat?«

Die Tina müßte eigentlich noch genug Soljankavorräte von mir haben.

»Mensch! Nicht die Tina! Die Friedel meine ich! Du sollst nicht nur von der Tina träumen, sondern auch mal richtig aktiv werden! Sonst wird das nichts! Hast du das Glas Quittenmarmelade für die Tina mit? Die braucht doch Nachschub! Das habe ich dir aber erzählt!«

Ja doch! Zwei Gläser sogar. Es ist zwar vereinbart, daß wir uns zu Weihnachten nichts schenken, aber Marmelade zählt da nicht.

»Über das Weihnachtsgeschenk vom Kaffeekränzchen hat die Friedel sich nicht gefreut. Das hätte sie dort zweimal am Tag.«

Geschenke? Mit dem Leben davon zu kommen ist ein Geschenk. Wahrscheinlich wird sie zweimal am Tag untersucht.

»Quatsch! Aber wir sind jetzt da. Mal sehen ob meine Parklücke noch frei ist.«

Die ist garantiert noch frei. Niemand ist so lebensmüde und macht Tantchen den Parkplatz streitig.

»… und rückwärts rein. Hier parke ich schon seit über dreißig Jahren mein Schunge!
Warte mal. Nicht so eilig! Ich muß nochmal in den Kofferraum.«

Tantchen knallt die Kofferraumklappe zu und hat einen Beutel in der Hand.

»Nein mein Schunge. Denn Beutel trage ich selber hoch. Paß lieber auf die Gläser mit der Marmelade auf. Wenn du die jetzt runterschmeißt, hat die Tina nichts davon.«

Dann eben nicht. Vielleicht hat die Friedel auch Quittenmarmelade bekommen.

»Da seit ihr ja! Schön!«

Mir rutschen fast die Gläser mit der Marmelade aus der Hand, als mich die Tina kurz umarmt und mir einen Kuß am Ohr vorbeihaucht. Das ist das erstemal, daß sie dies tut und ihre Pheromonkeule droht mich dabei knock out zu schlagen.

»Ist dir schlecht? Mensch! Laß die Marmelade nicht fallen! Gib her! Schön das du daran gedacht hast. Danke! Da wird die Fine sich freuen.«

Meine Hand umkrampft die Wohnungstürklinke von innen, mir drohen die Knie wegzuknicken und wie durch einen sich drehenden Schleier sehe ich die Fine, wie sie mißtrauisch, bereit ihre Kinderzimmertür sofort wieder zu zuschlagen, mich grußlos beäugt. Buff! Tür zu. Diese kalte Dusche rettet mich.

»Ich dachte schon du nippelst mir hier ab. Bist ja auch nicht mehr der Jüngste.«

Sie grinst mich rotzfrech an und ich bin sprachlos. Sie hat zwar recht aber …

»Das mit der Fine nimm bitte nicht persönlich. Ich weiß auch nicht was sie hat. Die verhält sich gegenüber jedem gutaussehenden, interessanten Mann, der mich besucht, so abweisend.«

Was soll das denn heißen? Ist mir heiß oder kalt? Keine Ahnung.

»Turtelt ruhig noch ein bißchen. Es ist schön mein Schunge, daß du jetzt mal ein bißchen aus der Hüfte kommst.«

Was? War das eine Ermahnung? Ich habe doch gar nichts gesagt! Die Tina schaut nun auch sprachlos auf Tantchen.

»Tina! Gib mir die Marmelade. Ich nehme sie mit in die Küche. Den Kaffee koche ich! So dick wie du die Brühe immer machst! Wenn ich so etwas öfter trinke, komme ich ja nie zu einem Herzschrittmacher. Der bei der Friedel im Krankenhaus war schon ein halber Herzkasper.«

Bis auf einen kleinen Kranz mit 4 roten Kerzen ist Tinas Stube wohltuend weihnachtsfrei.

»Der Weihnachtsbaum steht in der Küche. Ich habe doch keinen Platz hier. Dort kehre ich auch öfters.«

Mich beschleicht das Gefühl, heute mit Tantchen und Tina völlig überfordert zu sein.

»Na das Teil nadelt gewöhnlich bis Ostern fröhlich vor sich hin.«

Das kenne ich. Zu gut. Deshalb liegt der Verantwortungsbereich für unsere Weihnachtskrücke nicht bei mir. Das hatte ich dankend abgelehnt. Tantchen schwenkt um die Ecke:

»Schicker Baum! Die Plätzchen sind auch lecker. Ich habe schon mal eins probiert! Aber jetzt gibts erstmal Stollen! Den habe ich besorgt!«

Durch Tina geht ein Ruck.

»Ach du Scheiße! Die Plätzchen! Daran habe ich doch gar nicht gedacht! Da ist zwar nicht viel drin, aber wenn man es nicht gewohnt ist … Das kann ja heiter werden. In einer halben Stunde.«

Was? Was ist da »nicht viel« drin? Halbe Stunde? Was? Das ist definitiv nicht mein Tag.

»Naja, sie wohnt ja gleich gegenüber. Die bekommen wir zur Not schon rüber bugsiert.«

Ach du Scheiße! So unterbelichtet bin ich nun auch wieder nicht. Ich ahne, was für Plätzchen Tina gebacken hat und bin gespannt, wie das Zeug auf Tantchen wirkt.

»Setz dich mal hin mein Schunge! Der Kaffee ist durch. Jetzt gehts los mit dem Stollenmampf. Wo bleibt die Fine?«

Die Fine kommt, ignoriert mich komplett und ich täusche einen schnellen Toilettengang vor. Jetzt, wo sie alle am Tisch sitzen …

»Immer vor dem Essen muß der Schunge mal pullern. Das ist bei dem so drin. Da kannste nichts machen Tina. Damals in seinem Kindergarten …«

… kann ich meinen Plan ungestört durchziehen. Der Tina habe ich doch nicht nur die Marmelade mitgebracht, sondern auch eine Flasche Wodka. Die Sorte mit dem Büffelgrashalm. Aber da wir ausgemacht hatten, uns nichts zu schenken, kann ich sie ihr nicht offiziell in die Hand drücken und muß sie ihr irgendwie anders unterjubeln. So das sie die Flasche erst bemerkt, wenn ich wieder weg bin. Ich schmuggele die Flasche einfach in ihre schwarze Jacke. Die wird sie heute nicht mehr anziehen und die Pulle somit erst morgen entdecken.

»Also der Stollen ist Klasse mein Schunge. Greif zu, bevor der alle ist!«

Der Kaffee ist auch Klasse. Gekocht nach einem Vorkriegsrezept. Zwei Teelöffel Kaffee auf einen halben Liter Wasser.

»Na und? Nach dem Krieg wären wir froh gewesen, wenn wir wenigstens Kaffee gehabt hätten. Da waren Kartoffeln wichtiger! Der Herbert, der war doch manchmal hamstern. Also, der ist aufs Land zum Bauern gefahren um irgendwas gegen Kartoffeln zu verhökern. Beinahe hätte er dabei seine Laute verschachert! Der konnte doch nicht mehr auf ihr spielen, weil sein einer Arm im Krieg geblieben ist. Das habe ich ihm aber verboten! Herbert, habe ich gesagt, Herbert, das kannst du nicht machen. An ihr hängen zuviele Erinnerungen. Weißt du noch, habe ich gesagt, wie wir mit den Wandervögeln …«

Tantchen erzählt los, als würde Herbert mit am Tisch sitzen und Tinas und mein Blick kreuzen sich. Wir schalten auf Durchgang. Nur die Fine schaut belustigt und hört dem Tantchen zu.

»Dit-dit-dit-dah-dah-dah-dit-dit-dit, Dit-dit-dit-dah-dah-dah-dit-dit-dit, Dit-dit-dit-dah-dah-dah-dit-dit-dit,«

Gehupte Morsezeichen. SOS. Save our Souls. Rettet unsere Seelen. Das internationale Seenotrufzeichen. Tinas Telefon klingelt so.

»Was? Du bist mit deinem Chef? Hör auf mit flennen! Conny! Man wildert nicht im eigenen Revier! Ja! Man f… niemals seinen …«

Tina verschwindet wild gestikulierend, mit ihrem Telefon am Ohr in der Küche und Tantchen erzählt und erzählt:

»Du Fine, du mußt dir das so vorstellen: Damals haben wir Zischorienkaffee getrunken. Die Zischorie ist ein Korbblütler. Die Wurzel haben wir geröstet und gemahlen …«

Wenn es der Fine nützt … Wo bleibt die Tina?

»Mensch die Conny spinnt doch! Im Auto! Ihren Chef! Jetzt hat sie den Salat! Schönes Weihnachtsgeschenk! Ist noch Stollen da?«

Es ist noch genug da und Tantchen scheint mit ihren Ausführungen zu Ende zu sein.

» … das war schon eine schlimme Zeit! Der schwere Anfang nach dem Krieg.
So, jetzt machen wir erstmal schnell Bescherung.«

Was? Wie bitte? Wir hatten doch ausgemacht …

»… uns nicht zu beschenken. Ich weiß mein Schunge! Aber eure Gesundheit geht vor!«

Sie kramt den Beutel unter dem Tisch hervor und verteilt drei kleine identische Päckchen unter uns. Mir schwant nichts gutes. Das Päckchen ist leicht und beim Schütteln scheint der Inhalt ziemlich kompakt zu sein. Mein Bauchgefühl macht einen Kopfstand und ich spüre, wie mein Blutdruck steigt. Es hilft nichts. Ich reiße das Päckchen einfach auf.


»Richtig mein Schunge! Das ist ein Blutdruckmeßgerät! Guck mal Tina. Jetzt guckt der so, wie damals, als er noch ein ganz kleiner Junge war. Wenn du ihn da überraschend, so im vorbeigehen, den Schnuller aus dem Mund gezogen hast, da hat der genauso geguckt. So fassungslos und empört! Niedlich!«

Ich schaue auch, wie Fine und Tina, fassungslos auf ein Fieberthermometer.

»Die gab es kostenlos dazu. Mensch! Die Gelegenheit war günstig! 4 Meßgeräte zum Preis von Einem! Vom Apotheker selbst weihnachtlich verpackt. Wer kann denn da Nein sagen?«

Ich! Damit ist auch das Geheimnis um Friedels Weihnachtsgeschenk gelüftet. Mein Blutdruck springt vom 10 Meter Brett. Wohin weiß ich aber nicht.

»Der ist ganz wichtig! Der Blutdruck! Nicht, daß der zu hoch ist! Der ändert sich doch auch ständig. Da muß man immer auf dem Laufenden sein. Deshalb hat die Friedel auch einen bekommen. Das war höchste Eisenbahn! Jetzt, wo sie schon im Krankenhaus liegt. Nun kann sie täglich zweimal nachmessen. Sonst machen wir das doch bloß einmal die Woche.«

Einmal die Woche? Ich ahne es:

»Nu! Beim Kaffeekränzchen! Jeden Mittwoch! Das habe ich durchgedrückt! Blutdruck messen ist wichtig. Das mußten sie einsehen. Wenn es klingelt, gibt es erstmal keinen Kaffee und Kuchen sondern das Meßgerät. Dann wird der Wert zur Vorwoche verglichen. Natürlich führe ich genau Buch darüber. Der Gerda ihrer war schon immer zu hoch. Bei der Hilde schwankt das immer mächtig, je nachdem von welchem Mann sie gerade kommt. Aber normal ist der auch nie! Naja und die Friedel hat es ja nun erwischt. Einmal pro Woche messen ist eben zu wenig.«

Mein Blutdruck schwankt nicht, er wird einfach bunt.

»Kann der auch den Puls messen? So bis 180? Dort bin ich gerade angelangt! Tantchen! Ich bin 26! Was soll der Scheiß?«

Tina bebt. Der müssen sie auch oft den Schnuller geklaut haben, so wie die guckt.

»180 ist entschieden zu viel. Gut, daß du das jetzt immer schön überprüfen kannst. Ich demonstriere euch das mal. Fine! Gib mir mal dein linkes Handgelenk!«

Für Fine ist das alles Kino pur. Sie grinst in sich hinein und beschließt wahrscheinlich gerade nie erwachsen zu werden.

»Dit-dit-dit-dah-dah-dah-dit-dit-dit, Dit-dit-dit-dah-dah-dah-dit-dit-dit, Dit-dit-dit-dah-dah-dah-dit-dit-dit.«

Tina ist wieder wild gestikulierend in Richtung Küche unterwegs.

»Wie der kommt nicht vorbei? Obwohl er es versprochen hat? Mensch Trine! Hör auf mit heulen! Guck mal auf den Kalender! Heute ist Weihnachten! Der Mann hat eine Frau und drei Kinder! Wie soll der da bei dir …«

Bei Tantchen scheint nun auch einiges schiefzugehen.

»Jetzt stelle dich nicht so an Fine. Auch in deinem Alter hat man einen Blutdruck. Du willst bloß nicht! Deshalb zeigt der nichts an! Ach so, die Batterien muß ich ja erst reinfummeln.«

Tinas Wohnzimmerdecke müßte auch mal wieder neu gestrichen werden. Mein Puls und mein Blutdruck geben sich wieder die Hand und pegeln sich bei Normalnull ein. Dabei bemerke ich ein Päckchen Wunderkerzen, das mir Tantchen extra zugeteilt hat.

»Die gibts extra, weil du dir dein Weihnachtsgeschenk mit der Bibbi Blicknix teilen mußt. Hast du mal wieder was von ihr gehört?«

Ja klar. Sie wohnt ja unter mir. Ab und zu raschelt es mal oder es scheppert, wenn ihr was auf die Füße gefallen ist. Aber wozu die Wunderkerzen?

»Siehste! Das habe ich mir nämlich schon gedacht. Ab jetzt gehst du jeden Morgen runter zu der Blicknix, zum Kaffee trinken. Dabei könnt ihr schwatzen und euch den Blutdruck messen. Wenn das Gerät etwas anzeigt heißt das, daß ihr noch lebt. Dann brennt ihr euch eine Kerze an und könnt euch gemeinsam darüber wundern.«

Tinas Wohnzimmerdecke muß wirklich dringend renoviert werden. Ob ich das mache? Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muß der Berg eben zum Propheten kommen. Am Donnerstag?

»Die Trine hat wirklich ein Ding an der Waffel. Die hat wirklich geglaubt ... Ich glaube es nicht!«

Die Fine gibt der Tina wieder ein Rätsel auf. So wie sie sich quietschvergnügt den Blutdruck messen läßt. Die verarscht uns komplett.

»Tina, du kannst dich erleichtert zurücklehnen. Der Fine fehlt nichts, außer vielleicht ein Vater. Ihre Werte sind jedenfalls in Ordnung. Ein sauteures Handy will sie jedenfalls nicht haben. 120 zu 80 ist normal. Das läßt sich auch einfach merken: 120 Lichtjahre ist der Sternenebel im All lang, aber der Sprit im Raumschiff reicht nur für 80. Habt ihr das mal gesehen? Kam letztens im Fernsehen. Da gibt es so einen Nebel. Den kannste mit bloßen Augen von hier aus nicht sehen. Da brauchst du das Hubble dafür. Also ich möchte keine 120 Lichtjahre alt werden!«

Das wirst du aber Tantchen. Da gibt es kein Entkommen. Tinas Blick und meiner begegnen sich. Das Plätzchen fängt an zu wirken. Da sind wir uns sicher. Jetzt droht es heiter zu werden.

»Was sind denn das für Teelichter Tina? Erst brennen die rot, dann gelb und nun grün. Dabei hüpfen die und winken! Sind die noch aus der DDR? Aus dem Osten? Jetzt ärgern die sich schwarz. Komisch.«

Köstlich, Tantchens bewußtseinserweiterter Blick auf die jüngste deutsche Geschichte. Dabei steht hier nicht ein einziges Teelicht.

»Jetzt quasseln die noch alle durcheinander! Nein, das kommt von weiter unten. Dein Parkett quatscht! Jedes einzelne Brett für sich! Das gibt es nicht! Ich habe doch das gleiche! Bei mir ist aber Ruhe! Wenn ich die wenigstens verstehen könnte. Die sind so leise. Ob ich mein Hörgerät hole?«

Quatsch Hörgerät. Noch ein Plätzchen und das Parkett wird in einer halben Stunde deutlich. Für Tantchen. Aber das verrate ich ihr nicht.

»Mir ist so schwummrig. Der Kaffee war wohl zu stark. Ob ich mir mal den Blutdruck messe? Nein. Tina, hast du Selters da? Gut, ich gehe mal in die Küche, trinke ein Glas und schnappe am Fenster frische Luft. Das hilft bestimmt.«

Der Fine wird es nun zu bunt und sie verzieht sich in ihr Zimmer. Dabei hält sie, den immer noch um das Handgelenk gebundenen Blutdruckmesser der Tina so vor das Gesicht, als würde sie ihr den Stinkefinger zeigen. Ich bin mir sicher, daß sie dieses Teil ab jetzt als Armband tragen und nie wieder ablegen wird. Nur scheint das der Tina entgangen zu sein, denn sie rollt sich lautlos lachend unter dem Tisch hin und her.

»Hugh! Das Parkett hat gesprochen: Hol dir eine Selters Tantchen! Ich könnte mich wegwerfen! Was wirft die sich auch ein Plätzchen! Ein Blutdruckmesser! Rache kann so schön sein! Wie kommst du eigentlich heute noch nach Hause? Tantchen ist weg vom Fenster, ich fahre dich garantiert nicht und mit den Öffentlichen bist du mindestens 2 Stunden unterwegs bei der Kälte. Es ist Weihnachten! An Feiertagen fährt doch nichts weiter.«

Also gar nicht. So wie die Frau sich am Boden kichernd rumwälzt, kommt mir ein Gedanke. Er ist nicht neu, immer noch 80 Lichtjahre entfernt, aber er scheint so nah zu sein. Tina lugt unter dem Tisch hervor:

»Vorschlag: Die Fine läßt sich heute nicht mehr blicken. Erfahrungswert. Tantchen verzieht sich auch gleich. Das Zeug macht extrem müde, wenn man es nicht gewohnt ist. Auch ein Blutdruckwert. Ich könnte mich wegwerfen! Wir essen dann einfach Abendbrot – Soljanka ist noch genug da – und geben uns anschließend die Kante. Pennen kannst du hier auf dem Sofa.«

Wer kann da Nein sagen? Ich nicht.

»Und? Was denkst du? Läßt die Conny sich das Kind abtreiben oder nicht? Die hat doch schon eine Schwangerschaft von dem vorhergehenden Chef unterbrochen. Lernt die nie dazu? Wenn es ihr beim Sex auch nur noch weh tut? Die sollte sich mal dringend zum Frauenarzt scheren! Der Trine ihr Macker hat übrigens nicht nur drei Kinder, sondern vier. Den kenne ich. Eins ist unehelich.«

Tantchen ist zurück und die inzwischen wieder vertikale Tina fällt entsetzt rückwärts aufs Sofa. Sie zischt mich an:

»Woher weiß die das? Das die Conny schwanger war und wieder ist, das weiß doch keiner! Das habe ich vorhin als Erste von ihr am Telefon erfahren! Von dem unehelichen Kind weiß ich auch nichts! Das gibts nicht!«

Tantchen lehnt betont gelangweilt am Türpfosten.

»Feind hört mit! Du solltest etwas netter zu deinem Weihnachtsbaum sein. Der langweilt sich doch nur in der Küche. Patenter Kerl übrigens! Wenn du in deinem Gourmettempel telefonierst, ist der natürlich auf Aufnahme geschaltet. Der hat doch sonst nichts anderes. Vielleicht solltest du ihm deinen Fernseher geben. Neben dem Kühlschrank ist noch Platz. Er würde sich darüber bestimmt freuen. Mein Gott! Wir haben halt etwas geschwatzt! Wer ist übrigens Enrico? Laut Weihnachtsbaum ist das der einzige Kerl, der hier mal rein platonisch vorbeischaut.«

Weihnachtsbäume lügen nicht. Erleichtert klappt meine Kinnlade wieder hoch. Nichts ist es hier mit gutaussehenden Männern ohne Ende auf Besuch! Nur Tinas Ober- und Unterkiefer bilden noch einen korrekten rechten Winkel. 90° Fassungslosigkeit.

»Ach egal. Das darfst du mir später erzählen. Ich bin so etwas von müde! Die Biege werde ich jetzt machen. Tschüs ihr Turteldinger! Und mein Schunge: Action! Bis später!«

Tinas Kinnlade kracht nach oben. Kobraartig und mit einer Kraft, die gewöhnlich nur Hyänen zur Verfügung steht.

»Der fliegt raus! Sofort! Durch das Fenster! Vorher fackel ich ihn ab! Jetzt gleich!«

Ihre schlagartig freigesetzten Pheromone prasseln wie Katjuscha-Raketen auf mich ein. Aber ich lasse mich davon nicht beeindrucken. Nicht mehr. Die Zeit darüber nachzudenken, ob dieser Umstand gut oder schlecht für mich ist, habe ich nicht mehr, denn Tina ist drauf und dran dem Baum den Garaus zu machen. Da muß wohl noch mehr in ihrer Küche passiert sein, von dem ich nichts weiß. Ich drohe ihr einfach mit dem Blutdruckmesser und sie muß lachen.

»Gut, du hast gewonnen. Aber den Fernseher bekommt er nicht. Ich mache jetzt die Soljanka warm. Der Enrico ist übrigens der Zahnarzt aus dem Bunker. Das war zwischen uns beiden nichts. Der kommt nur zu mir, um sich auszuheulen.«

Kann ich jetzt noch beruhigter sein? Ich taxiere schon mal das Sofa. Das wird knapp vom Platz her. Ob man es ausziehen kann?

»Achtung Lebensgefahr! Achtung Lebensgefahr! Achtung Lebensgefahr!«

Die teilnahmslose Computerstimme aus dem Perry-Rhodan-Zeitalter warnt mich. Zeige mir deinen Klingelton und ich sage dir, wer du bist. Dieses mal hole ich mein Handy aus der Tasche.

»Wieso kommst du nicht runter und machst auf? Ich klingele bei dir wie blöde! Mir ist die Haustür zugefallen! Mein Schlüssel steckt an der Wohnungstür! Ich wollte nur mal kurz ans Auto! Mensch es ist arschkalt! Mach endlich auf!«

Ich setze die Bibbi Blicknix davon in Kenntnis, das ich nicht zu Hause, sondern bei der Tina bin und der Rest unserer Wohngemeinschaft auch ausgeflogen ist, so wie es sich zu Weihnachten gehört.

»Schwachsinn! Du bist doch immer zu Hause! Gut, ich hole dich ab! Dein Schlüsselbund wirst du ja dabei haben. Im Auto übernachte ich nicht! Bis gleich!«

In ca. 80 Lichtjahren Entfernung macht es sehr nahe: Buff, das war es. Schade, aber irgendwie bin ich auch erleichtert.

»Willst du auch einen Teller Soljanka Bibbi? Verfroren siehst du aus! Komm, die heizt durch!«

Tinas Blick trifft mich. Einer aus dem rätselhaften Sortiment.

»Siehste, so kommst du auch noch nach Hause und mußt nicht bei mir auf dem Sofa schlafen.«

Na Klasse! Zu Hause? Ich bin immer zu Hause. Ob hier bei der Tina oder im Haus der Blicknix. Zu Hause zu sein, ist mir sehr wichtig geworden. Aber ob zu Hause oder nicht: Dieser Abend ist vorbei.

»Da bist du der Tina gerade noch so durch die Lappen gegangen. Es gibt keine Zufälle. Das hat schon seinen Sinn, daß ich dich abholen muß. Wenn ich den Wohnungsschlüssel mit an das Auto genommen hätte, wärst du jetzt dran.«

Vielleicht, vielleicht auch nicht. Der Bibbi hinterher, Tinas Treppe hinunter, bemerke ich nicht nur, daß jeder seine persönliche Wahrheit für sich in Anspruch nehmen kann, sondern, daß auch meine Jacke, Modell linksautonomer Häuserkampf, sich auf der linken Seite ungewöhnlich bauchig und schwer anfühlt. Ich fördere eine Literflasche Finnlandia Wodka aus ihrer Innentasche. Die Tina ist schon goldig und wir schenken uns wahrscheinlich wirklich nichts. Der Abend ist gerettet.

»Aber nur, wenn du Gerhard Schöne auflegst! Alle Platten, die du von ihm hast!«

Die Blicknix lümmelt auf meinem Bett, ich entstaube meinen Plattenspieler und wir trinken den Wodka gleich aus der Flasche. So, wie wir es schon oft gemacht haben.
Die Bibbi lauscht dem Gerhard, schaut sehr betont emotionslos in das imaginäre Nichts, sie raucht eine nach der anderen und mir kommt ein Gedanke: Blutdruckmesser lügen nicht.

Diesen Zettel fand ich dann am nächsten Morgen in Bibbis Küche, beim Blutdruckmessen und Kaffee trinken, zusammengefaltet in der Geschenkverpackung:


In diesem Sinne: Guten Rutsch!

Freitag, 24. Dezember 2010

Männer, Frauen, Tankbetriebe – ein Weihnachts-Special


Der geneigte Leser möge auch »zuhören, entspannen, nachdenken« vom März/10 lesen um sich den Sachverhalt weiter zu verinnerlichen.

»Ja? Hallo? Was? Wer? Hör mir bloß auf! Ja, dir auch noch schöne Festtage. Tschüß!«

»***«

»Nein, ich versuche schon seit einer halben Stunde munter zu werden und ich bin definitiv kein bißchen genervt! Kein bißchen! Uaaaauaaahhhh!«

»***«

»Nix ist passiert! Wie auch! Doch! Weihnachten ist passiert! Gestern! Und ich versuche gerade aufzustehen! Uaauuahhh. Ach Scheiße! Mir tut alles weh. Ist ja kein Wunder. Ich bin ja schon 33.«

»***«


»Keine Ahnung. Spät oder früh. Hell war es jedenfalls noch nicht. Ich bin auch bloß auf die Couch gekrochen. Uaaauhhahhh! Ach, Scheiße! Mein Kopf! Das gibts nicht. Kannst du nicht mal fix vorbeikommen? Meine Zigaretten liegen auf dem Teppich. Bücken geht im Moment nicht.«

»***«

»Mann! Ich weiß, daß es ganz schön weit ist! 395km, um genau zu sein. Laß mal. Bleib dort. Dich kann ich jetzt hier auch nicht gebrauchen. Außer, du bringst dein Malerzeug mit. Hier hat nämlich immer noch keiner renoviert. Wer auch? Ach Fuck! Wenn ich mich nochmal hinlege, brauche ich mich nicht bücken. So komme ich an die Kippen ran. Uaaaahhhuahhh! Scheiße, mir tut alles weh! Aber so dreht sich wenigstens nichts mehr. Ob ich aufs Klo kotzen gehe? Was sagst du? Nein, bloß nicht wieder aufstehen. War der Brandfleck eigentlich schon immer im Teppich? Komisch, den sehe ich heute das erstemal. Weißt du, wo mein Feuerzeug ist?«

»***«

»Na, wo schon? Dort, wo alle alleinstehenden Frauen mit zwei Kindern auf diesem Planeten zum Heilig Abend sind: Bei ihren Eltern natürlich! Hör mir auf!«

»***«

»Nein, natürlich nicht! Dort habe ich nur Selters getrunken. Das war später, an dieser scheiß Tanke. Oh Gott, was ich mir da alles reingeschüttet habe! Mit diesem Scheißtypen! Zum Schickessengehen wollte er mich einladen! Ich könnte kotzen! Aber nicht hier. Ohne Kaffee geht früh gar nichts.«

»***«

»Nein, gar nichts. Nicht mal kotzen. Nichts. Ich knalle mir jeden früh eine Kanne Kaffee rein, damit ich halbwegs munter werde. Wie jetzt. Ich nehme dich mal mit in die Küche. Uaaaauahhhh! Meine Knochen. Mein Kopf. Meine ... Was hattest du gesagt? Wie spät ist es jetzt? Ach du Scheiße! Vor einer halben Stunde sollte ich bei meinen Eltern sein. Den Kleinen wieder abholen. Da war das Klingeln vorhin doch das Telefon. Mal schauen – zwei verpaßte Anrufe. Scheiße, so wie ich die kenne, sind die jetzt auf den Weg hierher. Aber eh die loskommen und fertig werden – da habe ich noch Zeit für einen Kaffee. Wo war die Küche? Was sagst du?«

»***«

»Ja, ich weiß, die Treppe runter und dann ... Wohnst du hier oder ich? Mann! Ach, der Franz wurde reich beschenkt. Keine Sorge. Dafür haben meine Eltern und sein Papa tief in die Tasche gegriffen. Mensch, was will der mit deinem alten Computer? Der kommt nächstes Jahr erst ... AAAAAAAAAAAAAAAHHHHHHHHHHHH!!!«

»***«

»Nein! Nicht die Knochen! Der Kopf! Mein Gesicht! Hier hängt ein Spiegel! Oh mein Gott! Ich sehe aus! Ich muß gleich kotzen! Was ist denn das für eine Schramme? Als hätte ich gestern mit dem Rauhputz im Bad gekuschelt! Aber einen Knutschfleck ...? Nein, wenigstens was. Kaffee! Intravenös! Dann kalt duschen und ... AAAAAAAAHHHHHHH!!!«

»Nein! Der Spiegel hängt noch. Die Küche! Was ist denn hier passiert? Hier siehts aus! Das kann unmöglich ich gewesen sein. Ich träume ja wohl! Kneif mich mal!«

»***«

»Ich bin munter! Munterer kann man nicht sein! Meine Eltern kommen gleich. Hier siehts aus wie Bombe! Das war meine Große. Melanie...e...e! Määäähhlaaniieeee!!! Was war hier los! Wieso liegst du noch im Bett? Um diese Zeit? Was? Was?«

»***«

»Nein, keine Ahnung. Woher soll ich das wissen? Oh mein Gott! Hier siehts ...«

»***«

»Natürlich weiß jede Mutter, wie alt ihre Tochter ist. Nur ich nicht! Ich habe keine Tochter! Im Moment zumindest nicht. Weißt du, wie es hier aussieht? Sie wollte, nachdem wir bei unseren Eltern schon gegessen hatten, sich hier noch ein paar Spaghetti machen. Aber hier siehts aus, als wenn eine Pizzabude explodiert wäre! Määähhhlanieeee! Du gehst nicht erst duschen! Die Oma kommt gleich! Doch du gehst duschen! Und du nimmst die Küche mit ins Bad!«

»***«

»Na deinen Humor möchte ich haben! Ich will gar nicht wissen, was es da zu lachen gibt. Mir ist zum Heulen zumute. Braucht man für Spaghetti Kaffee? Und wenn ja, wieviel? Im Kühlschrank steht keiner. Der ist leer.«

»***«

»Was gibt es da zu lachen? Neben der Mikrowelle steht nur das Katzenfutter – doch hier ist der Kaffee. Kennst du jemanden der für Lau Mikrowellen repariert? Oder den Abfluß? Der ist nämlich immer noch kaputt. War klar. Die Filtertüten sind alle. Die braucht auch kein Mensch, weil die Kaffeemaschine auch nicht mehr geht. Bleibt türkisch aufbrühen. Meellaaaaaniieeeeee! Kommst du endlich mal? Ich weiß nicht, wenn ich mich hier so umsehe ... Die wird mir auch immer ähnlicher. Oh Gott! Ich will nicht mehr ...«

»***«

»Ja doch. Sie ist 15. Zumindest habe ich das so in Erinnerung. Gestern habe ich ihr fast meine gesamten alten Klamotten geschenkt. Sonst hat sie nichts bekommen. Außer von ihrer Oma. Von der gabs ein paar Bettlaken für die Aussteuer.«

»***«

Sie hat ein Ding an der Waffel! Nicht wir! Was denkst du, wer meine Klamotten anhat? Sie! Immer wenn sie nichts mehr zum Anziehen hat, weil ihre Klamotten sich verdreckt in ihrem Zimmer stapeln, borgt, ja borgt sie sich welche von mir. Nur, das ich davon nie etwas weiß! Jetzt habe ich auch nichts zum Anziehen mehr, weil sich meine Klamotten auch bei ihr stapeln! Das sind inzwischen 6 Hosen, 4 T-Shirts – sogar der gute Wacken-Fetzen –, 5 Pullover, 2 Jacken, 3 BHs und die Schlüpfer habe ich gar nicht mitgezählt! Das kann sie jetzt alles behalten. Die hat ein Ding an der Waffel!«

»***«

»Nein! Ich werde mich hüten, ihr Zimmer zu betreten. Wer weiß, was mich da noch so alles erwartet. Sie muß ja darin schlafen und nicht ich. Es ist ihr Problem, wenn sie nie etwas zum Waschen rausgibt. Da kaufe ich mir eben ein paar neue schicke Sachen. Fertig! Määääääählanieeeeeeee! Bist du endlich fertig mit duschen? Dann entsorge endlich die Sauerei hier! Die Oma kommt gleich! Der Opa sicher auch! Mit dem Franz! Nein, ich weiß nicht, wo du mein Schminkzeug hingetan hast! Ist es denn die Möglichkeit ...«

»***«

»Nein! Das sehe ich gar nicht ein! Das ist meine Wohnung. Da schließe ich meine Schränke nicht zu. So weit kommt es noch! Nein, irgendwann in den nächsten Tagen ist ihre Bude restlos zugemüllt. Dann muß sie ihre Klamotten ins Bad verlagern. Da wasche ich die einfach mit und fertig! Bis dahin halte ich noch durch! Meeelanieee! Kommst du endlich? Ich fasse hier nichts an! Das ist dein Dreck! Uaaaahuhuhuaaa! Mein Kopf! Das Rumgeschreie! Wäre ich gestern bloß zu Hause geblieben!«

»***«

»Ach das Übliche. Wie jedes Jahr zu Weihnachten. Punkt 16.00 Uhr sollten wir bei meinen Eltern sein. Da waren wir auch. Allerdings zu spät. Wie immer. Da fingen die schon an rumzunerven. Der Kaffee wäre kalt geworden und so. Dabei war der noch nicht mal gekocht. Das übliche Hickhack eben. Seit 30 Jahren überlegen die sich, wann und wie sie sich scheiden lassen. Immer kommt was dazwischen. Erst mein Geburtstag, dann der meiner Tochter, Weihnachten usw. Immer sind alle anderen schuld, daß sie das Event noch nicht durchgezogen haben. Meistens natürlich ich. Die Tochter, wegen der man sich hat nicht scheiden lassen können. Melanie! Bist du noch im Bad?«

»***«

»Ja, natürlich ist das normal. Das geht jedem so. Aber müssen die dann zum Heilig Abend so penetrant auf Harmonie und glückliche Familie machen? Das ist doch ätzend! Und dann fangen sie gewöhnlich an, auf mir rumzuhacken. Wann ich endlich mal wieder einen Mann hätte, das wäre doch so schön, zu Weihnachten in Familie, ob denn etwas in Aussicht wäre, die Kinder bräuchten doch einen Vater und sie würden uns zu Weihnachten auch gern mal besuchen kommen. Diese ganze beschissene Palette hoch und runter. Aber dieses Mal: Nichts! Null, Zero, kein Wort davon haben sie fallengelassen.«

»***«

»Ich? Na, 33. Das weißt du doch! Was soll denn das heißen? Na klar. Erst dachte ich, die sind zu Vernunft gekommen und warten einfach ab, bis ich mit einem Mann so weit bin und ersparen sich einfach ihre Vorwürfe ...«

»***«

»... aber dann zur ... Was gibts da zu Lachen? Ich finde das nicht komisch! Dann zur Bescherung – das war der Hammer! Weißt du, was ich von ihnen bekommen habe? Weißt du das?«

»***«

»Woher weißt du das? Ja, als wäre ich eine alte vertrocknete Jungfer, die mit ihrem Leben und ihrer Sexualität schon abgeschlossen hat! Das gibts nicht! Ich war so etwas von geschockt! Ja! Diese Scheiß CDs von Unheilig und Ina Müller! Ich bin in die Küche gerannt und mußte erstmal flennen.«

»***«

»Korrekt! Der Toaster stand griffbereit. Ina Müller hat zu erst Feuer gefangen. Wie kommen die dazu, mir so einen Scheiß zu schenken? Fuck! Gut. Ich bin 33. Na und? Deswegen ist doch das Leben noch nicht vorbei! Die tun so, als wäre ich schon 30 Jahre verheiratet und nicht sie!«

»***«

»Nein, die haben nichts gemerkt. Die waren in ihrer Stube und haben den Franz beschenkt. Ich habe das Küchenfenster aufgerissen und wie eine Blöde den Mulm rausgewedelt. Dabei habe ich das Glas Letscho vom Küchentisch gerissen.«

»***«

»Nein, die essen den immer zum Nudelsalat und den schlesischen Weißwürsten. Eklig. Ich habe keine Ahnung, woher sie diese Unart haben. Aber das war nicht das Problem. Letscho haben die palettenweise im Schlafzimmer. Die Vorräte reichen bis zum Jüngsten Tag. Das ist der gute Spreewälder, weißt du?«

»***«

»Woher soll ich das wissen? Die kaufen den, glaube ich, immer ab Werk. Das kaputte Glas war, wie gesagt nicht das Problem. Aber wie ich da am Wischen war, fing es komisch an zu riechen.«

»***«

»Eben nicht! Laß mich doch mal ausreden! Es roch nach verbrannten Holz und nicht mehr nach Plaste. Der Qualm kam auch plötzlich nicht mehr vom Toaster, sondern aus dem Flur durch die Küchentür.«

»***«

»Richtig. Der Herr Prophet hat wahr geraten. Warum erzähl ich dir das alles, wenn du sowieso alles ahnst? Vielleicht kann er auch weissagen, wann mein Tochterherz hier erscheint? Melaaaaaaaaanieeeeeee! Was? Dann nimmst du meine Wrangler aus meinem Schrank! Das fällt auch nicht mehr auf.«

»***«

»Ich kann einfach nicht mehr. Das hat mit Inkonsequenz nichts zu tun. Ich reiße mir hier den Arsch auf und ich weiß eigentlich nicht warum. Wo soll das bloß hinführen? Ich könnte schlafen, schlafen, schlafen. Melaaaaniee! Die Oma ... Ach, egal. Der Baum brannte also. Die mit ihren Scheiß-Wachskerzen! Jedes Jahr brennt das Ding! Jedes Jahr habe ich dieses Theater. Aber die sind so etwas von therapieresistent. Irgendwie werden die mir auch immer ähnlicher. Oh Gott, ich könnte kotzen.«

»***«

»Ja, später. Wenn der Kaffee alle ist und meine Mutter hier auf der Matte steht. Dann kotze ich mir das ganze vergangene Jahr aus dem Hals. Versprochen. Aber jetzt erstmal das Gestern, also Weihnachten. Ich habe das Teil also gelöscht. Mit einem Schwung war der Baum aus und mein Wischeimer leer.«

»***«

»Ja, wo soll der Letscho jetzt wohl sein? Na, wo denn? Im Baum, an der Gardine, auf dem Teppich und in der Schrankwand. Aber der Baum war aus. Gelöscht. Von mir. Du, das sah total ulkig aus, wie die Paprikastreifen neben den Baumkugeln hingen oder langsam die Tapete runterrutschten. Der Franz hat sich bald weggeschmissen vor Lachen. Die Story glaubt ihm im Kindergarten keiner.«

»***«

»So in etwa. Mein Vater hat geflucht und dabei das Wort Scheidung, das erstemal zu Weihnachten gebraucht. Etwas besseres konnte meiner Mutter gar nicht passieren. Flugs ist sie in die Opferrolle geschlüpft und zum Mahnmal erstarrt. Naja, dann haben sie kurz durcheinandergeschrien, keiner hat – wie gewohnt – dem anderen dabei zugehört und schließlich sind sie – wie gewohnt – wieder zur Tagungsordnung übergegangen. Das heißt: Papa ist auf den Knien rumgerutscht, um die gemeinsame Basis, also den Teppich zu retten, und Mutti hat aufgetafelt. Meeelanieee! Was? Du siehst doch, daß ich jetzt telefoniere! Du mußt jetzt niemanden anrufen! Du sollst dir meine Wrangler ... Ach Scheiße!«

»***«


»Na, klar. So wie die fertig waren mit Spachteln, sind ich und Melanie verschwunden. Wir sind nach Hause gelatscht. Endlos. Dann bin ich unter die Dusche gehuscht und habe mir schnell die Zähne geputzt.«

»***«

»Genau. Das war völlig sinnlos. Aber egal. Ich muß wenigstens noch die Etikette wahren. Wäre ich bloß zu Hause geblieben! Aber was soll ich alleine Weihnachten zu Hause? Ein Buch lesen? Oder gleich mit bei meinen Eltern bleiben und fernsehen? Nein. Aber damit hat der Kerl gerechnet. Der hat eiskalt meine Notlage ausgenutzt. So ein Arsch! Lecker Essen! Zu Weihnachten! Ich hätte mir denken können, daß das nichts wird.«

»***«

»Keine Ahnung. Irgendwo im Internet. Den Überblick, wo bzw. in welchen Singlebörsen ich überall angemeldet bin, habe ich schon lange verloren. Klar, zu Weihnachten hat maximal eine Fidschi-Kneipe auf. Abholen wollte er mich. Haha! Das hat er auch! Mit seinem Müllauto. Drinnen ist das genauso verdreckt wie meins. Das hätten wir nehmen sollen! Da wären wir wenigstens noch bis in eine Schenke gekommen und nicht nur bis an die Tankstelle! Sprit alle! In seinem Auto und in der Tanke auch. Die hatten nur noch Diesel. Der Tankwagen wäre auf der Autobahn verschütt gegangen. Also sind wir dort geblieben.«


»***«

»Ja, na klar! Was sonst? Der Typ hinterm Tresen hat gute Musik aufgelegt und sogar zwei private Gläser für unser Büchsenbier rausgerückt. Ein ganz Netter! Und schnuckelig war der. Den sollte ich mir krallen! Wenn der zu Weihnachten Dienst schiebt ... Da weiß ich doch auch alles!«

»***«

»Erst ja. Dann kamen noch ein paar Penner. Aber die waren ganz nett. Mit dem Heini aus dem Internet hatten sie gleich einen guten Draht. Über Männerkram haben die geredet. Computer, Stoßdämpfer und ihre begangenen Heldentaten auf Arbeit. Egal, ich habe kaum hingehört und mich an den Tankwart rangeschmissen. Verhalten natürlich. Nicht so aufdringlich. Auf der Toilette waren wir ...«

»***«

»... um zu rauchen, du Blödmann! Nicht, was du denkst!«

»***«

»Ja früher! Früher sah die Welt ganz anders aus. Da konnte ich mir meine legendäre Kurzentschlossenheit noch leisten! Aber heute? Du ich bin 33! Weißt du, was das für eine Frau heißt? Früher ja! Da habe ich mir zu Weihnachten und zum Geburtstag was geschenkt! Meine aktuellen Kerle nämlich. Oder einen von ihnen. Die konnte ich mir ja wirklich schenken! Da habe ich mir etwas Gutes getan und mich getrennt. Heute ist das genau andersherum! Und nicht mal das. Ich könnte heulen! Und kotzen natürlich.«

»***«

»Nein, umbringen könnte ich andere. Da gibts genug Kandidaten, die ich meucheln würde. Egal. Jedenfalls gaben die Penner eine Runde nach der nächsten aus. Bier, Feigling, Bier und so weiter. Herrlich. Wie früher, als ich noch jung war.«

»***«

»Arschloch. Das war nach Christi Geburt. Egal. Plötzlich geht die Tür auf – und weißt du wer da reinkam? Meine Nachbarin!«

»***«

»Ja! Ja! Die alte Schreckschraube von gegenüber. Mich hat es ja fast umgehauen! Die Alte, die immer so eine vorbildliche Familienmutti raushängen läßt. 3 Kinder, einen Mann und die Bude immer Picobello. Die rammelt zum Heilig Abend rotzbesoffen in die Tanke! Aber nicht nur das! Die hatte einen Yeti im Schlepptau! Einen Mann! Ach, was sage ich! Ein Tier! Mirko heißt der und die würden sich schon länger kennen. Die ist bald in den reingekrochen! Wie kommt dieses Weib an so etwas? War die zum Familienausflug im Zoo und hat den in der Tierparktombola gewonnen? Ich begreife es nicht!«

»***«

»Wahrscheinlich. Die braucht einen Ausgleichssport für ihre stinklangweilige Familie. Das, was ich mir so wünsche! Eine ganz normale Familie! Und diese ..., diese ..., hat die so satt und bekommt als alternatives Schmeckerchen so einen Grizzly ab? Ich könnte ...!«

»***«


»Nein, es war ganz entspannt. Wir haben schön geschwatzt und der Yeti hat einen nach dem anderen ausgegeben. Bier, Wein, Whisky, Korn, Bier, Wein usw. Das wurde richtig lustig. Mein Typ aus dem Internet ist dann in sein Auto schlafen gegangen. Meine Nachbarin war auch irgendwie verschwunden. Aber das hat der Stimmung keinen Abbruch getan. Die Musik war herrlich! Der Grizzly und die Penner haben mitgesungen, die kannten sich wohl auch von früher und ich habe getanzt! Völlig losgelöst, von der Erde ...«

»***«

»Na klar auf dem Tisch! Wo sonst?«

»***«

»Klar haben die nur Stehtische! Na und? Das war egal! Ich weiß ja auch nicht mehr, wie ich da hoch gekommen bin! Aber wie wieder herunter, fällt mir gerade ein. Ach du Scheiße! Daher auch die Schramme! Orr, neee! Gut, das gehört eben dazu. Egal. Bei: ›Er gehört zu mir! Wie mein Name an der Tür.‹ Habe ich das Kühlregal Cross genommen und bin in die Backwaren geknallt.«

»***«

»Keine Ahnung. Von da ab, weiß ich nichts mehr. Das nächste war, daß du mich angerufen hast. Das ist jetzt auch egal. Meeeelanieeee! Gehst du mal an die Tür? Weißt du, was jetzt passiert ist? Mutti vor Ort. Ach du Scheiße und hier siehts immer noch aus ... Sag mal: Muß man seine Eltern rein lassen?«

Frohes Fest!

Donnerstag, 16. Dezember 2010

Der Winter unter ... – eine Rückblende


Endlich mal ein normaler Winter. Ein richtig schöner DDR-Winter, wie er früher Brauch war und wie ich ihn als Kind auf dem Dorf jedes Jahr hatte. Den gab es hier seit der feindlichen Übernahme durch Westdeutschland nicht mehr. Das hatte bis jetzt nur Wintereinbrüche zu bieten. Miese, kleine, grau-matschige Kaltfronten ohne Sinn, Dauer und Tiefgang. Ein Unterschichten-Winter im Land der tausend Unterschichten. Jetzt ist draußen vor der Tür alles in ein gemütlich lauschiges Weiß gehüllt. Friedlich tanzen die Schneeflocken auf den Pappnasen und dieser Bananenrepublik schlittern sofort die freiheitlich-demokratischen Grundwerte vom Glatteis in die Schneewehe. Auf der Autobahn drehen die Lastkraftwagen Pirouetten, es staut sich tausend Werst durch das Märchenland, Turn- und Kaufhallendächer drohen unter der Schneelast zusammenzubrechen und der Minister, der für sich in Anspruch nehmen kann, seit Luther, eine Reform nicht völlig vergeigt und in den deutschen Sand gesetzt zu haben, verpisst sich mit seinem angetrauten kriegsähnlichen Zustand an den Hindukusch, um den unermüdlich unerschrockenen für unsere Freiheit kämpfenden Staatsbürge(r)n in Uniform auf den Nerv zu fallen und ihnen ihr christliches Weihnachtsfest unter ungläubiger Feindeinwirkung gleich doppelt zu vermiesen, anstatt sich als oberster Dienstherr aller Schneeräumkommandos um sein historisches Erbe – die stets einsatzfähigen Straßen und vor allem Autobahnen – zu kümmern.

Im »Osten« wäre dieses Chaos nicht passiert. Wie auch. Damit sich ein DDR-LKW vom Typ W50 auf der Autobahn hätte drehen können, müßte er erstmal auf diese kommen. Dafür gab es schlicht keinen Grund. Die Transportwege waren kurz – niemand z. B. wäre auf die Idee gekommen Rostocker Hafenbräu ins, mit guten Bier verwöhnte Vogtland zu Kutschen, um es dort Mangels Absatz wegschütten zu müssen – und alle wichtigen Grundnahrungsmittel wurden vor Ort hergestellt. In jeder Kreisstadt gab es ein Backwaren- oder Fleischkombinat und eine Fuselbude, die alles halbwegs pflanzliche vergärte und destillierte, was die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften nach der Ernte übrig hatten, und was als Viehfutter nichts taugte. Das bißchen Zeug konnte man auch breit fahren, ohne die Autobahn nutzen zu müssen. Mit Schneeketten und Proviant für 14 Tage konnte man so auch das entlegenste Dorf versorgen. Alles andere mußte eben auf den Frühling warten. Auf welchen, den kommenden, den darauf folgenden oder den in drei Jahren war dabei sowieso nicht vorhersehbar.

Vorhersehbar aber war, daß es auf der Autobahn nie zu einem Stau kommen konnte. Wie auch? Was sollte ein PKW im Winter auf der Autobahn? In den Urlaub fahren? Wohin denn? Nach Zakopane in den Ski-Urlaub? Talfahrten und Schnee gab es genug zu Hause und kein Auto mehr haben, war kein erstrebenswertes Erholungsziel. Gearbeitet wurde ja auch vor Ort. Im Backwaren- oder Fleischkombinat, in der Fuselbude oder in der LPG auf dem Dorf. Kein normaler sozialistischer Bürger hat die Autobahn gebraucht, um auf Arbeit zu kommen. Auch weil kaum einer ein Auto sein Eigen nennen konnte. Um einen Stau im kapitalistischen oder im marktwirtschaftlichen Ausmaß fabrizieren zu können, hätte man alle Wagenbesitzer der Bezirke Karl-Marx-Stadt und Dresden nach Feierabend auf die Autobahn beordern müssen. Ein geordneter und diszipliniert abgehaltener Stau, von ca. 20km Länge, in Höhe der Abfahrt Siebenlehn, hätte dem Klassenfeind jenseits der sozialistischen Schneefallgrenze vor Neid über die Schlagkraft der hiesigen Automobilindustrie grün werden lassen. Die Direktübertragung des DDR-Rundfunks über das Geschehen – eine Megaphonstimme ordnet ruhig den Rückzug: »Bürger der Deutschen Demokratischen Republik! Bitte lösen sie sich auf! Fahren sie rechts und links an den Fahrbahnrand und bilden sie eine Gasse! Die PKW-Trabant und Shigulie mit dem Baujahr vor 1960 und dem polizeilichen Kennzeichen, beginnend mit den Buchstaben XT für den Bezirk Karl-Marx–Stadt, verlassen zu erst durch die zu bildende Gasse die Autobahn an der Abfahrt Siebenlehn, in Richtung der Bezirksstadt Karl-Marx-Stadt unserer Deutschen Demokratischen Republik. Ich wiederhole: Bürger der Deutschen Demokratischen Republik! Bitte lösen sie sich auf! Fahren sie ...« hätte ihnen, angesichts ihres eigenen postfaschistischen und antiautoritären Chaoses den Rest gegeben, wenn, ja wenn das Politbüro der Deutschen Demokratischen Republik nicht nur aus Betonköpfen bestanden hätte, die zu unflexibel für den modernen Klassenkampf waren.

Tja, und Turnhallen die unter der Schneelast hätten zusammenbrechen können, gabs auch nicht. Zumindest nicht auf dem Dorf. Die Schweinemastanlagen und der Dorfkonsum waren solide nach sowjetischen Vorbild gebaut und trotzten allen Wetterunbilden. Und die gab es auf dem Dorf jeden Tag.


Der Winter – ich erinnere mich genau – kam bei uns völlig überraschend, pünktlich am 1. Dezember, jedes Jahr des Nachts. Abendbrot gab es immer um 18.30 Uhr. So wurde sichergestellt, daß man mit geputzten Zähnen 10min vor 19.00 Uhr an der Flimmerkiste saß, um den Abendgruß des DDR-Fernsehens mit dem Sandmännchen zu sehen. Das hatte man zwar als Jungpionier nicht mehr nötig, um einschlafen zu können, aber so signalisierte man seinen Eltern die Bereitschaft, ohne viel Gewese in sein Bett gehen zu wollen. Das war wichtig, um sie gnädig zu stimmen, damit man sich den Serienscheiß reinziehen konnte, der darauf folgte. Unglaublich, auf was für einen Mist man damals abgefahren ist. »Der Hengst Karino«, »Kantor auf der Spur«, »Janosik, Held der Berge« usw. Aber gegen den Dreck der heutzutage gesendet wird, war das moralisch-ethisches Bildungsfernsehen auf höchstem Niveau. Danach kam die Katastrophensendung an sich: Der Wetterbericht. 19.25 Uhr, noch vor der Hauptausgabe der Aktuellen Kamera, vermeldete der Wetterfrosch mit sorgenvollen Gesicht die neuesten Bedrohungen für die sozialistische Landwirtschaft. Und die hieß nunmal, in den Worten meines Vaters, an jedem 1. Dezember: »Ach du Scheiße! Die Nacht schneit es! Da muß ich noch einmal ins Büro.« Dorthin mußte er jeden Abend nach dem Wetterbericht. Jeden Abend kam da ja eine Unwetterwarnung, der er als Produktionsleiter seiner LPG die Stirn bieten mußte. Mal drohte es zu regnen, dann war arger Sonnenschein angesagt oder die Temperaturen kletterten in einen der Produktion abträglichen Bereich. Für einen akademisch gebildeten Landwirt war jedes Wetter zu jeder Jahreszeit die blanke Katastrophe. Dem normalen Bauern war dies alles egal. Der hatte seine Regeln und wußte ansonsten stur sowieso alles besser. In Papas LPG, die ausschließlich Tierhaltung betrieb, war das Wetter beim Melken und Stall ausmisten auch eher Nebensache. Für den gewöhnlichen Bauern. Für einen Rinder- und Schweinezüchter aber nicht. Also stürmte mein Vater jeden Abend in den Zentralrat der LPG und ich ins Bett.

Der erste Wintermorgen verlief auch immer gleich. Draußen war alles komplett weiß und eingeschneit. Vom Fenster aus konnte ich beobachten, wie die Bauern den Kampf gegen den Winter aufnahmen. Seit früh um 3.00 Uhr schippten sie die Wege zu den Ställen und zur LPG-eigenen Sandgrube frei. Dann wurde gestreut, was diese hergab. Ausrutschen konnte man auf diesen Wegen kaum, aber im Sand versinken. Der Winterdienst wurde vorbildlich und exakt nach den hausinternen Richtlinien der Produktionsgenossenschaft, Tierproduktion Schönberg umgesetzt. Genau bis zur Dorfgrenze. Dann war Ebbe oder besser Schnee. Hüfthoch. Mindestens. Bis zur Bushaltestelle mußten wir den Schnee fast suchen, um die ersten Schneebälle werfen zu können. Und wie jedes Jahr hofften wir, daß der Schulbus im Schnee stecken blieb und wir von Rotgardisten in ihrem sagenhaften LKW vom Typ URAL abgeholt und in die Schule gefahren würden. Und wie in jedem Jahr, erfüllte sich diese Hoffnung nicht. Mit einem lauten »Buff!« durchbrach der IKARUS zur gewohnten Zeit, um genau 6.32 Uhr die Schneemauer, um uns einzusammeln.

Am Steuer saß derselbe Omnibusfahrer – Charon genannt, warum weiß ich nicht – in seinem hemdsärmeligen Buskostüm, wie zu jeder Jahreszeit. Drinnen waren die Fenster schmutzig-schwarz angelaufen und es herrschte eine brütende Hitze. Der Dieselmotor im Heck röhrte auf, eine schwarze Rauchwolke zog durch die hinteren Sitzplätze – damals gab es noch keinen Feinstaub, nur Grobstaub, der dafür verantwortlich ist, daß ich noch heute nach jeder Busfahrt zwanghaft duschen gehen muß – und ab gings durch die Schneewehen gen Nachbarort zur Schule. Wir trösteten uns dann immer über die entgangene URAL-Fahrt mit den heldenhaften Rotgardisten und ihren Kalaschnikows vor der Brust hinweg, in dem wir feststellten, daß so ein sowjetischer LKW ja für richtige Winter ausgelegt ist, und bei einer lumpigen Schneehöhe von gerade mal einen Meter nur wegzurutschen droht, weil sein Reifenprofil da noch gar nicht richtig greifen konnte. Das stimmte uns versöhnlich und wir schossen, an der Schule angekommen, unsere Schnee-Sandbälle nur gegen die Eiszapfen, die an der Dachrinne hingen und nicht gleich in die geöffneten Fenster. Dann ging es zum Heimat- und Sportunterricht, und wie schon beschrieben, in die schönsten Schweineställe der Umgebung.

Das wichtigste am Winter war, daß es endlich kein Bebbeln, wie wir das Fußballspielen nannten, mehr gab. Dafür mußten wir Eishockey spielen. Darauf freuten wir uns schon das ganze Jahr, so daß wir natürlich am Tag Eins des beginnenden Winters mit Puck, Schlägern und Schlittschuhen loszogen um – wie bei allem, was wir in unserer Freizeit taten – gehörig einzubrechen. In unserem Dorf gab es zwei dafür geeignete Teiche. Der eine war der rechteckig angelegte Pfarrteich. Früher, als der Pfarrer in der Gemeinde noch etwas zu sagen hatte und nicht nur während der Christenlehre DEFA-Indianerfilme als DIA-Vortrag zeigen durfte, wurden dort von den Bauern, auf sein Geheiß, Karpfen gezüchtet. Da der Teich nur 30cm tief ist, wurden daraus auch nur Schlammkarpfen, die nicht mal die Katze des Seelenhirten fraß und so die Fischzucht mit der Bodenreform eingestellt wurde.

Natürlich war das Eis noch viel zu dünn, um uns tragen zu können. Folgerichtig endete unser Ausflug mit nassen und verschlammten Klamotten in der mütterlichen Küche, bei gehöriger Schelte und viel heißem Pfefferminztee. Aber da gab es doch noch den LPG-Teich. Dieser war rund, etwas kleiner und da er 20cm tiefer war als der Pfarrteich, diente er als illegale Müllhalde für all das Gerät, was die Bauern nicht mehr brauchten. Dorthin zogen wir am Tag Zwo des beginnenden Winters, um natürlich wieder einzubrechen. Dies gestaltete sich allerdings riskanter und verlustreicher. Mancher Schlittschuh verhakelte sich unlösbar mit dem Schrott unter der Wasseroberfläche, so daß für manchen die Eislaufsaison beendet war, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Die einzige Chance, die man hatte, um an neue Schlittschuhe zu kommen, war tränenüberströmt, klatschnaß und von oben bis unten besudelt nach Hause zu laufen, der Mutter kreischend sein Leid zu klagen und auf Weihnachten zu hoffen.

Aber bis dahin galt es noch knapp 20 Tage zu überbrücken. Eine Möglichkeit war Cowboy und Eskimo zu spielen. Das war nichts anderes als eine wüste Schießerei mit Pfeil und Bogen oder den handgefertigten Katapulten. Letztere waren in unseren Händen eine tödliche Waffe. Deshalb verzichteten wir, wenn wir uns damit beschossen, auf die aus Traktorenkugellagern gewonnenen Stahlmurmeln, die wir auf dem Schrottplatz - also im LPG-Teich - fanden, und beschränkten uns auf die im Sommer gesammelten Quarzsteinchen aus der LPG-Sandgrube. Aber zwischen Schweine- und Rinderställen war das Schußfeld selten übersichtlich und nach 12 geschrotteten Milchglasfenstern, zwei geborstenen LKW-Frontscheiben und diversen abgefallenen Rückspiegeln, mußten wir die Waffen erstmal ruhen lassen und warten, bis Schnee über die Sache gefallen war.

So wurden wir Kundschafter für den Frieden und entdeckten eine Ölquelle, die wir natürlich sofort erschlossen. Etwas stutzig hätte ich dabei werden sollen. Das Öl färbte zwar den Schnee bräunlich-gelb, aber es dampfte an der kalten Winterluft. Seit wann ist Erdöl warm, wenn es an die Erdoberfläche kommt? Oder besser: Seit wann kommt es aus einem Rohr, was direkt in den Schweinestall führt? Meine Mutter war schwer begeistert, als ich ihr, so als frischgekrönter Ölprinz und bis auf die Haut vom wertvollen Rohstoff durchtränkt, von unserer Entdeckung berichtete. Der Kochtopf mit dem Sonntagsbraten ist ihr vor Freude aus der Hand gefallen. Dann meinte sie, als sie die Jauchespur, die ich gezogen hatte, quer durchs Haus, an der LPG-Küche vorbei und über die Treppe zu uns hinauf in den ersten Stock ausgiebig bewundert hatte, daß sie sich keinen Kopf mehr darüber machen müßte, über das, was aus mir mal werden würde.

Komischerweise waren alle LPG-Mitglieder derselben Meinung, was meine Zukunft betraf. Wahrscheinlich deshalb, weil ich schon damals den Forscher- und Entdeckerdrang in mir verspürte. Alles mußte ich erkunden. Auf dem Hof vor unserem Haus gab es nichts, auf das ich nicht klettern konnte. Ob Traktor, Feuerwehr, Anhänger, LKW, oder Viehtransporter, auf allem mußte ich herumturnen, diverse Schalter und Hebelchen ausprobieren und das unabhängig vom Wetter und der Jahreszeit. Nur einen Mähdrescher konnte ich nicht erforschen, weil die Bauern in weiser Vorraussicht ein Wache davor postiert hatten. Diese Erfahrungswelt hat mich für mein späteres Leben sehr geprägt, denn ich entdeckte dabei verschiedene Gesetzmäßigkeiten. Unter anderen das Gesetz der Schwerkraft. Jedes Fahrzeug, was ich erklomm, schüttelte mich wieder ab. Es gab nichts, von dem ich nicht wieder heruntergefallen bin, und es gab nichts, an dem ich mir nicht die Kopfhaut aufgeschlagen habe.

Doch, etwas gab es. Die LPG-Toilette. Das war ein kleiner Anbau, gleich hinter der LPG-Küche. Darin gab es nur zwei kleine Zellen, nach Geschlecht getrennt und ein extra installiertes Gemeinschaftswaschbecken. Zwei Kloschüsseln für über hundert Bauern? Das war mir nicht geheuer und ich ging der Frage nach, wo der gemeine Bauer sonst seine Notdurft zu verrichten pflegte. Dafür mußte ich erstmal das Klo totlegen. Das ging für mich kleines, wendiges Kerlchen ganz fix. Ich bin durch den Normaleingang rein in die Herrentoilette gehuscht und habe sie von innen verriegelt. Unter der Trennwand durch gerollt, befand ich mich im Weiberklo, welches von mir auch ordnungsgemäß von innen verschlossen wurde. Von dort entwischte ich durch das kleine Fenster nach außen und am Blitzableiter nach unten. Bis dahin war es eine leichte Übung. Seelenruhig konnte ich nun vom angrenzenden Spielplatz aus beobachten, was passieren würde. Erstmal passierte gar nichts. Klar, die Schlange die sich vor dem Klo im Haus bildete, konnte ich ja von draußen nicht sehen. Der wurde ich erst gewahr, als sie um das Haus herum reichte. Dann gab es einen fürchterlichen Tumult, der darin gipfelte, das man von außen durch das kleine Fenster versuchte, mit Hilfe eines Besenstils die Verriegelung von innen zu lösen. Dies gelang auch kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Was ein Glücksfall für die Bauern war, da ich auch vorsichtshalber die Glühbirnen lockergedreht hatte. Soweit so gut. Abschließend konnte ich feststellen, daß der gewöhnliche Bauer sehr unwirsch reagiert, wenn man ihm sein Klo zuschließt, aber die eigentliche Frage konnte ich so nicht beantworten. Ich führte die selbe Versuchsreihe fort, bis es zu gefährlich für mich wurde und ich erstmal warten mußte, bis Schnee über die Sache gefallen war. Dieses Warten, bis alles wieder vergessen war, zog sich sowieso quer durch meine Kindheit und ich habe mir diese erfolgreiche Strategie bis heute bewahrt.

Zurück zum Schnee. Was im Winter noch blieb, um sich nach der Schule die Zeit zu vertreiben, war rodeln gehen. Zum Skifahren waren wir noch zu klein und entschieden zu faul. Einfacher als dieses stumpfsinnige herumrutschen auf Skiern war es, mit dem Schlitten den Hang herunterzujagen. Das machte mehr Spaß. Ich hatte einen modernen roten High-Tech Plasteschlitten, der sich wie ein Panzer lenken ließ. Links und rechts gab es eine Bremse, und damit konnte ich herrlich im Slalom an den Bauernkindern vorbeizischen, die mit ihren Uralt-Holzhobeln unterwegs waren. Aber Bauernkinder konnte man nur begrenzt ärgern, sonst fährt man schnell mit sich selbst Schlitten. Also mußte ich ihnen etwas bieten, bei dem sie mir beweisen konnten, was für Helden sie waren und so rief ich die Vier-Schanzen Tournee ins Leben. Das war genau, während des letzten Winter, den ich in meinem schönen Dorf verbrachte, bevor wir umziehen mußten.

Die erste Schanze war ein kleiner Schneehaufen direkt am Hang. Dort hoben die Schlitten kurz ab, um zwei Meter durch die Luft zu fliegen und um noch vor dem Bach an der Straße zum Stehen zu kommen. Die Bauernkinder waren begeistert und wollten gar nicht wieder aufhören mit Rodeln. Erst am dritten Tag war selbst bei denen die Luft raus und ihnen wurde langweilig. Ihren Vorschlag, Eishockey spielen zu gehen und dabei wieder schön einzubrechen, konnte ich mit dem Verweis auf meine zweite Schanze abwehren. Die war gewaltig und beim Anblick derer, ersparte sich jeder die Überlegung nach einer Dritten und Vierten. Genau neben unserer eigentlichen Rodelbahn war im Gebüsch ein Kartoffelkeller im Hang versteckt. Tief in den Berg gegraben, um ihn frostsicher zu machen, lugte nur senkrecht seine 2m große Tür heraus. Darüber schloß die Decke nach ca. 1,50m mit dem Hang ab. Das war unser Schanzentisch. Erst waren die Bauernkinder etwas sprachlos über meine hochfliegenden Pläne, aber ich konnte sie schnell von meinem Anliegen überzeugen. Mit solchen Kleinigkeiten, wie den Schanzentisch vom Gebüsch zu befreien, hielten wir uns gar nicht erst auf und wuchteten unsere Schlitten auf den Kamm. Dann verließ sie doch der Mut und wir losten aus, wer als Erster da runter und über den »Tisch« gleiten durfte. Normalerweise wurde so etwas mit einem Abzählreim bestimmt, aber in dieser Hinsicht mißtrauten sie mir zutiefst. Die Tölpel hatten nie begriffen, das man mit etwas Mathematik im Hirn, den Reim so herunterbeten konnte, daß das Ergebnis immer seinen eigenen Interessen entsprach. Für sie war ich der Hexer, der mit schwarzer Magie dieses immer erreichte. Also vertrauten sie mehr den Streichhölzern, die ich munter manipuliert für sie zum Loseziehen bereit hielt. Diese Deppen! Kurzum: Wir waren zu viert und die drei anderen mußten vor mir den Hang herunter und über die Schanze. Was allen Dreien auch gelungen ist. Nur ich bin nicht gleich mit dem Schlitten hinterher gefahren, sondern war erstmal nachsehen, weil die drei Probanden nicht wieder zurück kamen. Das konnten sie auch nicht. Der erste und leichteste hatte es bis über den Bach und die Straße geschafft, bevor ihm die Bruchsteinmauer zum Verhängnis wurde. Die anderen beiden Weicheier sind nur bis in den Bach gekommen. Bis zu den Hüften steckten sie im Schlamm fest und bis ich jemanden gefunden hatte, der mir die Story geglaubt hat, die Beiden aus dem Wasser zog und den ersten Teilnehmer unter der zusammengestürzten Bruchsteinmauer barg, gingen 2 Stunden ins Land, oder eben in den Schnee.

Das Ergebnis meiner Vier-Schanzentournee konnte sich unter sportlichen Gesichtspunkten sehen lassen. Von vier Beteiligten hatten zwei eine Lungenentzündung und einer trug eine gediegene Gehirnerschütterung davon. Damit trug ich unverletzt den Gesamtsieg davon. Allerdings mußte ich dann bis Weihnachten zu Hause warten, bis Schnee über die Sache gefallen war, und die Eisdecke in den Teichen dick genug gefroren war, um ein zünftiges Eishockeymatch der Extraklasse abhalten zu können. Aber da sind wir, glaube ich, auch irgendwie eingebrochen.

Nun ja, mein nächster Winter fand dann in der Stadt statt. Wir mußten ja umziehen, weil mein Vater überraschend zu Höherem berufen wurde und damit einen richtigen Job an einer Hochschule erhielt. Was allerdings an der Tatsache, daß er nach dem Wetterbericht nochmal in sein Büro mußte, nichts änderte.

Dienstag, 7. Dezember 2010

Der Boden der Realität kann so etwas von hart sein ... (Teil 3, 12/2006)


Weihnachtszeit, fröhliche Zeit ...

Großstadtdschungel, die selbe gemütliche Hinterhofküche mit einem Küchentisch, darauf zwei dampfende Töppe Kaffee und ein Aschenbecher. Sie schaut aus dem Fenster und er lehnt sich müde zurück.

»Ist das wieder ein Scheißwetter heute – Mensch, es regnet und regnet, der schöne Schnee taut weg und nächste Woche ist Heilig Abend. Da werden wir wohl wieder eine ›grüne‹ Weihnacht haben – schöne Scheiße!«

»Na und? Meine Tochter z.B. kennt die Feiertage eh nicht anders. Wieso saust du eigentlich nicht deine, sondern meine Küche ein? Paß doch auf, du kippst das ganze Mehl daneben.«

»Ach, das bißchen ist nichts gegen die Sauerei, die dein Enkel anrichten wird, wenn du mit ihm das erste mal Plätzchen bäckst. Im übrigen weißt du ganz genau, daß mein Backofen immer noch kaputt ist. Seit wieviel Monaten verspricht der Herr schon, da mal nachzugucken? Das bißchen Kleckerei ist nur ausgleichende Gerechtigkeit.«

»Beschreie es nicht! Meine Tochter ist erst Zwanzig. Die kann sich noch viel Zeit mit dem Kinderkriegen lassen. Wann bekommst du denn endlich mal ein Kind? Die Bio-Bombe tickt!«

»Geht jetzt nicht. Schwanger werden kann ich frühestens nächsten Sommer.«

»Wieso? Hat dein Kerl da noch einen Termin frei? Oder hat er sich dann von der letzten Session erholt? Wenn ich mich recht erinnere, war die im September.«

»Du Arsch! Nein, es geht nicht wegen der Arbeit. Da brennt die Luft. Mein Chef dreht völlig am Rad. Läuft wohl nicht so. Der hat uns schon das Weihnachtsgeld gestrichen, weil er mit den Raten für seinen Nobelhobel im Rückstand ist und sein Hausbau auch stockt. Blöderweise macht seine Tochter im Mai ihr Abi. Da muß er einen Audi rüberschieben. Irgendeiner muß ja die Kohle dafür verdienen. Also frühestens im Sommer.«

»Hm, ich weiß nicht, ob meine Schwester den Kinderwagen so lange für dich aufhebt. Der steht nur im Weg herum und verstaubt. Die Aleksa ist doch auch scharf auf ihn. Du weißt doch, wie schweineteuer die Dinger sind. Dein Chef wird dir keinen sponsern, auch wenn du ihm den Laden schmeißt. Die scheint auch schwanger zu sein.«

»Wer? Die Aleksa? Quatsch!«

»Keine Ahnung. Zumindest ist sie in letzter Zeit komisch unterwegs. Keine Spur von Erotik mehr bei ihr, dafür Schmuddelklamotten, ungewaschene Haare und irgendwie riecht die auch komisch. Schminken tut sie sich auch nicht mehr, setzt sich nur noch ein Kotzgesicht auf und meckert alle an – die kann nur schwanger sein.«

»Quatsch, die ist jetzt mit ihrem Kerl schon ein halbes Jahr zusammen. Da benimmt eine Frau sich so. Das ist normal, da muß sie nicht gleich schwanger sein. Dreh dich mal um und gehe in das hintere Fach, in dem du das Mehl hast und ...«

»Du, ich passe da nicht rein!«


»Blödmann! Klar, bei den ganzen Müll den du da drin hast! Kram doch einfach eine Tüte Mehl raus. Meins reicht für die Brezeln nicht mehr. Ich hab zu viel davon verkleckert. Bei denen muß ich ganz schmale Rollen machen, und zum rollen brauche ich Mehl. Danke wie gütig!«

»Irgendwie kommen mir die Dinger, die du hier fabrizierst, bekannt vor.«

»Klar, sind halt Brezeln. Was sonst?«

»Eher von der Machart her. Du, ich habe doch vorige Woche die Aleksa in den St. Debilius Stift zur Kloppidisko gefahren. Sie mimt dort jedes Jahr zur Weihnachtsfeier das Christkind. Spaß mit Behinderten oder so was. Die Probanden dort müssen sich ihre Brezeln ja auch selber basteln, und die sahen genauso zerknautscht aus wie deine hier.«

»WEIßT DU, WAS DU BIST?! Weißt du das?! Ach, egal. Außerdem kannst du das eh nicht beurteilen. Du siehst doch nichts, du Blindfisch!«

»Auf die Entfernung schon, und nächste Woche bekomme ich meine Brille!«

»Du mit Brille? Wie soll denn das aussehen? Na, ich weiß nicht.«

»Mußt du auch nicht. Ich setze sie mir bei dir eh nicht auf.«

»WIE JETZT?«

»Nein, nicht was du denkst. Kennengelernt habe ich dich vor zehn Jahren. Damals waren meine Augen noch in Ordnung. So schlimm war es nicht, und so sehr kannst du dich nicht verändert haben.«

»AAABBEERR?!«

»Na, wenn man mit Brille in DEINE Küche kommt ... mannohmann!«

»SADIST!«

Und schlagartig hörte es auf mit regnen.