Untergehen ist das Eine, unter der Oberfläche bleiben das Andere. ;-)
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Montag, 26. August 2013

Konzentrationsmeditation mit Bio-Apfel

Folgen sie dem Apfel, bis sich ihre Hirnhälften zu einer leeren Blase vereinigen. Gegebenenfalls müssen sie das Drücken des Startknopfes wiederholen.

Dienstag, 23. Oktober 2012

Seelenbaumschändung! Ich klage an!

Seit Freitag voriger Woche werde ich von einem unbestimmten aber deutlich negativen Gefühl geplagt. Erst habe ich mir nichts weiter dabei gedacht. Um diese Jahreszeit, wenn die Blätter von den Bäumen fallen und es einem erscheint, als würde alles um einem herum absterben und vergammeln, sind solche Verstimmungen normal. Aber heute früh, heute früh drosch es mich förmlich zu Boden. Kein Zweifel, eine Schwingung, eine äußerst negative Schwingung löste in meinem Gehirn eine Resonanz aus. Da ich nicht ganz, also paranormal veranlagt bin, wußte ich sofort, wer mich da rief und zu wem ich nun eilen muß.


Mein Kumpel sah auf den ersten Blick aus wie immer: Halbtot und vergammelt. Aber bei Seelenbäumen sollte man sich da nicht täuschen lassen. Tote Seelen leben länger. Das kann Satan persönlich bezeugen. Aber beim näheren hinschauen mußte ich entsetzt feststellen, daß mein Freund geschändet wurde.


An den Schleifchen hingen bei meinem letzten Besuch noch bunte Zettelchen mit Botschaften an die Welt oder an die GESOP. Zumindest hatte ich das vermutet. Gelesen habe ich sie ja nicht. Auch waren es bedeutend mehr bunte Plastebändchen.


Da liegen sie. Abgefetzt und weggeworfen. Ihre Message hat der Regen oder Schlimmeres in den Orkus, die Unterwelt gespült. Armes Bäumchen.


Auf dem Hinweisschild haben Schmierfinken einen, leider unleserlichen, Text hinterlassen. Oder ist das ein Hinweis auf die Täterschaft? Erst hatte ich die junge Frau (scheinbares Alter: 25 bis 35 Jahre, Brille, blondgefärbte strähnige Haare, blaue Hose, abgesteppte schwarze Kutte – Modell Lackritzrolle – mit kunstpelzbesetzter Kapuze, komischer Gang), die vor mir vor Ort war und dabei wild telefonierte, im Verdacht diese Schandtat begangen zu haben aber mit ihren ca. 1,65m wäre sie dazu kaum in der Lage gewesen. Außerdem wäre es doch etwas zu paranormal gewesen, wenn ich die oder den Täter auf frischer Tat ertappt hätte. Deswegen habe ich die Verfolgungsjagd gegen 12.30 Uhr in Höhe der Bienertmühle abgebrochen. Wir wollen es mal nicht übertreiben.

Vielleicht kamen die Schwingungen auch von der SZ-online. Heute Abend wurde ich von meinem Blogkamerad Octapolis vom channel666 auf diesen Artikel aufmerksam gemacht: http://www.sz-online.de/nachrichten/artikel.asp?id=3186853 Mehr oder weniger steht da drin, was ich auch schon vor Wochen berichtet habe. Allerdings wesentlich kürzer und knackiger.

Und der Unfug nimmt kein Ende ...

Freitag, 19. Oktober 2012

... und der Unfug nimmt kein Ende

mobiler Seelenbaum im Einsatz gegen böse Post

... oder: Der Seelenbaum, dein Freund und Helfer.

Letztens schoß eine Eilmeldung durch das Internet, welche zum Inhalt hatte, daß in Dresden ein neuer Seelenbaum seine Heimstatt gefunden hat. Daß der nicht einfach so eingebuddelt wurde, versteht sich von selbst. Zu so einem Festakt bedarf es eines besonderen Anlaß. Das ist immer ein meist willkürlich ausgewählter Tag im Jahr, der einem mehr oder weniger wichtigen Anliegen geweiht wurde oder an dem eine bestimmte Bevölkerungsgruppe gewürdigt werden soll. Solch schöne Tage sind, zum Beispiel, der Tag der deutschen Einheit, das Opferfest, der Tag der Sachsen, der Europäische Datenschutztag oder eben, wie in diesem Fall, der Welttag der Seelischen Gesundheit.

Nun hatte ich schon in einem früheren Artikel meine Ansicht über Sinn und Unsinn von Seelenbäumen, psychischen Erkrankungen; heidnischen, bildungsfernen Ritualen und den Glauben daran berichtet, aber diese Eilmeldung machte mich doch ein wenig nachdenklicher. Da gibt sich der Sozialbürgermeister Dresdens, Herr Martin Seidel, die Ehre bei der Pflanzung vor Ort persönlich anwesend zu sein. Der Mann ist eigentlich schwer beschäftigt und hat sicher einen 48h Tag um seine Aufgaben meistern zu können. Wenn er den Welttag zum Anlaß nimmt, um bei einer Baumpflanzung zugegen zu sein, muß diese zwangsläufig als wichtig eingestuft werden. Ich vergaß: Es ist ja kein normaler Baum, sondern ein Seelenbaum der im Erdreich versenkt wurde. Da verwundert es nicht, daß ihm Dr. Hans-Jochen Seidel, Geschäftsführer der Berufsbildungswerk Sachsen GmbH, zur Seite stand. Unterstützend mit am Werk war die Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft Dresden, die Berufsbildungswerk Sachsen GmbH, das Berufliche Trainingszentrum Dresden und ein nicht näher benannter Gartenmarkt.

Sinn des ganzen ist: »Der Baum als Symbol des Lebens soll zu einem offenen Dialog über Seelische Gesundheit in der Gesellschaft anregen. Psychische Erkrankungen müssen als ein Teil des Lebens wahr- und angenommen werden, ... Jeder sollte deshalb von Zeit zu Zeit inne halten und seine Seele sprichwörtlich baumeln lassen. Der Seelenbaum soll ein Ort zur Besinnung werden, und wird als solcher durch ein Hinweisschild erkennbar sein. (Quelle und vollständiger Text: http://www.dresden.de/de/02/035/01/2012/10/pm_032.php) Daß ich dem Anliegen, als solches, wohlwollend gegenüberstehe, hatte ich in meinem letzten Artikel zur Seelenbaumproblematik ausführlich bekundet, aber zu dem oben angeführten Text muß ich noch zwei marginale Anmerkungen einwerfen. An einem Seelenbaum kann man nicht »von Zeit zu Zeit« seine Seele baumeln lassen. Das funktioniert nur ein einziges Mal und auch nur dann, wenn der Baum gewachsen ist und die benötigte Tragkraft aufweist. Dem Vorhaben an, nein, vor dem Baum ein Hinweisschild anzubringen, kann ich nur uneingeschränkt zustimmen. Noch immer gibt es Passanten, die einen Seelenbaum nicht erkennen und unter einem falschen Baum zur Besinnung kommen. Des weiteren bietet so eine Tafel Platz, um keine falsche Bescheidenheit aufkommen zu lassen. Herausragende Leistungen müssen gewürdigt werden und die Pflanzung eines Baumes gehört nun mal dazu, besonders, wenn sie im öffentlichen Interesse geschieht. Es müssen also darauf alle Beteiligten vermerkt werden und, wenn noch Platz dafür sein sollte, wer welche Rede dazu gehalten hat.

Der Begriff Seelenbaum läßt allerdings Fragen und Interpretationsmöglichkeiten offen, wie ich nach einem nachhaltigen, kognitiven Denkprozeß feststellen mußte. Die Vorstellung, daß so ein Bäumchen zum Nachdenken anregen sollte, ist zwar meines Erachtens prinzipiell richtig aber daß er als bloßer Ort der Besinnung dienen soll, wird der Pflanze in ihrer Bedeutung nicht gerecht. Da kann ich auch in eine Kirche gehen. Für mich ist das Gehölz eher ein Kraftspender, der schützende Harnisch meiner Seele und ein treuer Gefährte im tristen Alltag.

Nun ist es doch nachteilig, wenn der Baum irgendwo herumsteht und mich durch meine Steifzüge durch die schnöde Gegenwart nicht begleiten kann. Aber wer sagt, wo steht es schwarz auf weiß, daß ein Seelenbaum in der Erdscholle fest verankert sein muß?


Ein Blumentopf macht es schließlich auch und so hat man ihn immer am Mann oder dabei.


Selbst im Auto kann man ihn so jederzeit mitführen. Man muß nur darauf achten, daß er ordnungsgemäß angeschnallt wird und über den erforderlichen, der Baumgröße angepaßten, Sitz verfügt.


Bei den hohen Spritpreisen hat sich Mitnahme des Baumes schon bewährt. Man wird beim Betanken des Wagens ruhiger und läßt einfach sein Auge im satten Grün verweilen, anstatt verzweifelt auf die Preisanzeige zu starren.



Beim unvermeidlichen Einkauf muß der Baum allerdings draußen vor der Tür warten. Anders, wie zum Beispiel in staatlichen oder staatlich geförderten Einrichtungen, stößt man da an die Grenzen der Toleranz des gesunden Volksempfindens. Um Irritationen zu vermeiden, sollte man sich hier von dem Baum kurz trennen. Dabei ist darauf zu achten, seinen treuen Gefährten entsprechend zu sichern, um dem Seelenbaumklau vorzubeugen. Bewährt hat sich dabei ein einfaches Fahrradschloß mit Nummernkombination. Das der Hund auf dem Photo scheinbar gelangweilt und desinteressiert ins imaginäre Nichts schaut, liegt daran, daß er so eben am Zahlenschloß gescheitert ist und ich ihn dabei erwischt habe, wie er an meinem Seelenbaum sein Wasser abschlagen wollte.


Wichtig zur Pflege des Baumes ist, ihn Ruhepausen zur Erholung zu gönnen. Ausreichend Wasser und ab und zu ein wenig Vogelkac... äh, Dünger tun dem Bäumchen gut.


Falls es doch einmal eingehen sollte: Ein paar Seelenbäume in Reserve beugt der damit verbundenen Seelenpein vor. Auf dem Bild gut zu sehen sind auch meine Versuche Seelenkakteen zu züchten. Wenn mich mal einer in die Wüste schickt, werden sie mir dort gute Dienste leisten. Dessen bin ich mir sicher.

Samstag, 22. September 2012

Wenn die Seele verdorrt, treibt sie seltsame Blüten


An einem Seelenbaum zum Beispiel. Man möchte es nicht glauben, aber das abgestorbene Mickerding soll tatsächlich einer sein, und die bunten Kärtchen an ihm seine Blüten. Aber, um diese geht es mir gar nicht. Ich habe ihre Botschaften an die Welt, den Wind und den Landschaftsgärtner nicht einmal gelesen. Was soll schon darauf stehen? Regelmäßig, mindestens zweimal pro Woche, gießen? Nein, es sind mit Sicherheit Verse aus einem Selbstfindungsbuch einer bürgernahen Betroffenheitsbibliothek. Das muß ich mir nicht antun.


Mir reicht schon die offizielle Beschilderung. In einem leidgeprüften Deutsch gehalten, informiert sie uns darüber, daß hier drei »Vereine« plus Werbeagentur am Werk waren, um einen Baum zu pflanzen. Da wurde augenscheinlich am falschen Ende gespart. Hätte man noch das Goethe-Institut für die ersten zwei Sätze, und ein Forstamt für das Pflanzen des Baumes bemüht, wäre aus dem Mahnmal vielleicht etwas geworden. Aber so sind die feierlich gemeinten Worte nur zum inhaltslosen Gestammel, und der Baum an sich, verkommen.

Warum zum Teufel, müssen im Grunde ehrenwerte Anliegen, wie diese, immer durch derart symbolhafte Rituale der Lächerlichkeit preisgegeben werden? Weil den Sozialpädagogen nichts Besseres einfällt? Weil die in ihrer Kindheit zu lange vor einem Altar gekniet haben? Weil sie womöglich von ihren Eltern dort ausgesetzt oder vergessen wurden? Und warum machen Therapeuten so einen Unfug mit? Weil sie den Glauben an den Chemiebaukasten verloren haben, und deshalb denken, auf die magischen Kräfte der Natur zurückgreifen zu müssen? Bei Sozialpädagogen? Da können sie auch gleich schamanische Schwitzhütten errichten, Misteln mit goldenen Sicheln schneiden, wie die keltischen Druiden es taten, und daraus bildungsferne Zaubertränke brauen. Helfen wird das genau so wenig, wie man verwirrten, manischen Helfern eben nicht helfen kann.

Komm, wir pflanzen ein Bäumchen, setzen ein Zeichen, und erfreuen uns daran. Blinder Aktionismus, wie er in manchen sozialen Berufen zur Hauptbeschäftigung mit sich selbst gehört – auch gute fachlich-qualifizierte Arbeit genannt – anstatt ergebnisorientierter Aufgabenstellung und deren Bewältigung. Ich weiß, daß die Initiatoren dieser Aktion es sich nicht so einfach machen. Mit ein wenig halbherziger Recherche erlangt jeder diese Erkenntnis. Aber ich kann nichts dafür, wenn das Bäumlepflanzen diesen Eindruck bei mir hinterläßt. Auch gebe ich gerne zu, daß ich selbst keine brauchbaren Vorschläge habe, um der Problematik des dramatischen Anstiegs seelischer Erkrankungen in unserem Land eine Öffentlichkeit zu geben. Mit mittelalterlich-magischen Ritualen funktioniert das sicher nicht. Vor allem, wenn man diese dann vergammeln läßt. Im Volksmund heißt es dann: Das waren die Bekloppten.

Das sogenannte klassische Eigentor. Ich wähle hier bewußt die Fußballsprache, weil ich weiß, daß die von der breiten Masse auch verstanden wird. Aber die Flanke zum volksnahen Sprachschatz eines Helmut Kohl oder zum Sprachgebrauch eines, der Müllhaufen der Geschichte habe ihn selig, Franz Josef Strauß will mir nicht gelingen. Das wäre notwendig, um mich partei- und intelligenzübergreifend zu diesem Thema nachhaltig äußern zu können.

Vielleicht hilft da wirklich das metaphern vom Seelenbaum? Der Appell an kindliche Urinstinkte und -ängste verklausuliert in faunische Wunsch- oder Alpträume? Die unerschütterliche Kraft eines uralten Baumes an seiner Seite zu wissen, ist doch eine feine Sache. Vor allem, wenn er die eigene Seele verkörpert. Da kann einem nichts passieren. Wenn man, zum Beispiel, den Freitod durch Erhängen in Erwägung zieht. Wer das schon mal probiert hat, weiß, daß dieses Unterfangen, oder Unterhangen, einen vor unlösbare Probleme stellen kann. Ist der Strick zu kurz, und damit die eigene Fallgeschwindigkeit zu gering, greift das Trägheitsgesetz nur halb und es knackt nicht wie erwartet im Genick, sondern man zappelt eine gefühlte Ewigkeit da herum, bis einem die Luft ausgeht. Andererseits kann es durchaus passieren, daß man nur den Ast abreißt, auf den man vorher gesessen hat und dieser einen dann, wenn nicht er-, nur krankenhausreif schlägt. Dort – wir ahnen es – muß man dann Bäumchen pflanzen oder nur still malen.

Quelle: larimarenergiebalance.blogspot.com

Dann, beim Malen oder »drüber Reden«, stellt sich einem unweigerlich die bohrende Frage, welcher Baum nun für einen zuständig ist, aus welcher Pflanze man seine Kraft schöpfen kann. Es gibt mehrere Möglichkeiten, um dies zu ermitteln, welche mich wegen ihrem Gehalt an konsequentem Schwachsinn faszinierten. Die eine sieht vor, so lange an seinem Geburtsdatum herumzurechnen, bis eine einstellige Zahl übrig bleibt, zu der ein Baum zugeordnet wurde. Witzig dabei ist, daß die Zahlen 10 bis 12 als einstellige Zahlen gelten. Nachdem ist ein mir bekannter, strauchartiger Baum meine Seelenhülle, und er steht des Weiteren für gefühlsbetonte, harmonische Naturen. Seit ich das weiß, bin ich so von Harmoniesucht durchdrungen, daß man mir die Räucherstäbchen gar nicht so schnell nachreichen kann, wie ich sie abfackele. Das kann auf Dauer nicht gesund für mich sein und in Anbetracht der Tatsache, daß man sich unmöglich an einem Strauch erhängen kann, vertiefte ich mich noch in das keltische Baumhoroskop.

Quelle: www.gaertnerei-prauser.at

Was daran keltisch sein soll, steht in den Sternen. Man muß nicht jeden Mist als gegeben hinnehmen, nur weil es der Psychopath von nebenan behauptet. Die alten Kelten mißtrauten der Schrift und gaben ihr Wissen nur mündlich weiter. Als die Römer ihre Gebiete eroberten, schlugen sie jeden Druiden, den Bewahrern des Wissens, den Kopf ab, ohne ihn vorher über seine Kultur großartig zu befragen und diese zu protokollieren. Damit wurde den keltischen Stämmen nicht nur ihre religiöse und politische Führung, sondern auch weitestgehend ihre Identität genommen. Aus der Zeit vor der Romanisierung gibt es keine schriftlichen Zeitzeugen von den Kelten selbst, allenfalls Bericht von anderen Völkern über sie.

Und da soll ausgerechnet der Baumkreis als urkeltisches Wissen überliefert worden sein? In dem weder eine Krüppelkiefer, noch eine Trauerweide verzeichnet ist? Wo die Seele schon bei der Namensgebung Pate stand? Wer es glaubt ... Aber, wer heilt hat recht, daß wußten schon die alten Schamanen. Ob uns purer Budenzauber oder eine uns unbekannte Physik dabei hilft, den Alltag zu bestehen und unseren Baum zu finden, ist letztendlich egal. Bei der Wahl der Mittel sollte man auch keine Grenze ziehen. Was spricht gegen eine probiotische Seelenmassage oder eine gehörige Tracht Prügel, wenn die gewünschte Heilsbringung eintritt? Deren Mißbrauch. Wenn eine Frau nach Hause kommt und erstmal ihren Mann – oder andersherum – zur Streßbewältigung vermöbelt, sollte man diesem ablehnend gegenüberstehen. Ein finsteres Kapitel – was ich hier ausblende, denn es führt zu nichts – ist auch der skrupellose Handel mit Seelenbäumen.

Dem Nummerologie-Zauber, was beide Verfahren zur Seelenbaumbestimmung zweifelsohne sind, sollte die Vernunft folgen. Diese weist an, daß man zuerst alle Bäume ausschließen soll, die sich zum Suizid durch Erhängen nur bedingt oder gar nicht eignen. Dazu zählen fast alle Nadelbaumarten, sowie solche vom Wuchs her unsichere Kandidaten, wie Birke, Pappel und alle niedrigwachsende Obstgehölze. Dann sollte man seine Seele baumeln lassen und sich einfach den Baum suchen, der zu einem paßt und sich dabei nicht von Eigenschaften irre leiten lassen, die einst Dichter ins hölzerne Gewirr projizierten. Das führt unweigerlich auf den verzweigten Holzweg in die baumlose Wüste des Seins. Dichter ließen sich ja von einem Baum der jeweiligen Art inspirieren. Aber jeder Baum, sagen wir mal jede Eiche, ist so individuell wie unsere Seele. Es nützt also nichts, uns eine Art zu suchen, nein, wir müssen uns genau »unseren« Baum suchen, ihm begegnen und seine Wirkung auf uns gleiten lassen.


Dieser Baum am Wegesrand gefiel mir schon ganz gut. Rauh, von Wind und Wetter zerrissen, bietet seine blättrige Schuppenborke (?) es geradezu an, meine Seele aufzusaugen und 1:1 widerzuspiegeln. Aber der Stamm ist viel zu dünn, um sie aufzunehmen und ich hatte das Gefühl, daß in ihm schon die Seele einer Frau Anfang Dreißig ihr Heim gefunden hat. »Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, die eine will sich von der andern trennen: die eine hält in derber Liebeslust sich an die Welt mit klammernden Organen; die andre hebt gewaltsam sich vom Dust zu den Gefilden hoher Ahnen.« (Goethe, Faust) Manchmal sind des Dichters Worte einem doch von Nutze. In meiner Brust wohnt zwar nur eine Seele, aber da diese möglicherweise eine dissoziative Identitätsstörung oder veraltet: multiple Persönlichkeitsstörung aufweist – multipel oder nicht, gestört muß sie sein: Würde ich mir sonst einen Baum suchen? – vertraute ich einen Teil von ihr diesem Geschöpf an, damit sie sich eventuell derber Liebeslust hingeben kann. Mal sehen, was dabei herauskommt – spüren kann ich noch nichts.


Dieser Baum war der Volltreffer. Mein ersehnter Lebensquell verbeißt sich hier in seine Grenzen. Oben und unten in seiner Pracht beschnitten und bekämpft, wird er nicht müde gegen die Übermacht der Gefilden meiner Ahnen anzukämpfen. Grimmig widersteht er dem schnöden Stahl der Umzäunung meiner Klinik, seiner Hoffnungslosigkeit bewußt. Paßt perfekt. Das er bei einem Freitod wenig hilfreich sein wird, stört kein bißchen, sondern fügt sich in mein Zerrbild.

Jetzt habe ich sozusagen eine Dreiecksbeziehung geschaffen. Das paßt auch wunderbar zu meiner zerrütteten Seele. Ich hoffe mal, daß es sich nicht als ein kleines Bermuda-Dreieck erweist. Das Wurmloch zur Hölle. Aber da gibt es sicher einen Ablaßhandel, der die Flugbahn meiner Seele umkehrt. »Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt!« Oder so ähnlich hieß es ja schon im Mittelalter. Vielleicht hat ja das Seelenbaum-Pflanzen denselben Hintergrund wie der Ablaßhandel. In welcher Zeit bin ich jetzt eigentlich?

Irgendwie habe ich den Überblick verloren. Das widerfährt einem schnell, wenn man über Dinge fabuliert, von denen man keine Ahnung hat. Ehrlich gesagt, habe ich auch nur eine unklare Vorstellung von dem, was man Seele nennt. Aber da stehe ich mit den Seelenbaumgärtnern nicht alleine da. Das ist kein Makel, sondern Grundvoraussetzung für den Glauben. An wen oder was auch immer. Wem nützt ein Wissen, wenn sich daraus nur neue Fragen ergeben und einzig der Glaube schnelle Linderung verspricht?

Was sagt die Weltliteratur zu diesem Thema?

»Den Glauben, daß man mit Initiativen und deren Unterschriftensammlungen irgend etwas gegen den steten Anstieg von Erkrankungen die das Denken, Fühlen und das Verhalten eines Menschen betreffen, ändern kann, vermag ich nicht zu teilen. Wir selbst sind die Propagandisten einer Welt, die nur dann funktioniert, wenn es Sieger und Besiegte, wenn es Verlierer und Verlorene gibt. Wie wollen wir etwas erfolgreich bekämpfen, wenn wir es täglich selbst generieren? Im Kleinem, wie im Großem? Die Ursache sind wir ja selbst. Unser Denken, unser Handeln und unser Verhalten führen uns selbst und andere in die seelische Belastung bis hin zur Krankheit. Aber das ist nicht änderbar, weil all das, nach dem wir streben, für uns nur erreichbar ist, wenn wir es unserem Nächsten streitig machen. Was wir haben wollen, müssen wir einem anderen wegnehmen und dabei aufpassen, daß uns nichts genommen wird. Auch auf die Gefahr des eigenen Untergangs. So funktioniert unser Miteinander, so funktioniert unser Wolfsgesetz und wir werden nur anerkannt, wenn wir selbst so funktionieren. Das ist unsere Welt. Das ist das, was uns ausmacht und auf was wir stolz sind. Die Verlierer sind ja immer nur die anderen. Die Schwachen, von denen wir uns nehmen können, was uns beliebt und denen wir ein Almosen zurückgeben, damit sie uns erhalten bleiben, weil wir sie brauchen. Sie sind genau so ein Bestandteil des Systems, wie wir selbst. Der Kranke braucht den Therapeuten und der Therapeut den Kranken. Jeder für sich allein ist nutzlos. Das ist unsere göttliche Ordnung.«
Zitat aus: Til van der Hasze, Predigt 2/8 März 2011

Gut, das war wenig hilfreich. Was meint die zeitgenössische Literatur?

»Gegen das gesunde Volksempfinden kommt man sowieso nicht an. Da kann man ganze Haine mit Seelenbäumen hinrotzen, Mahnmale aller Art errichten und in Seelen-Workshops allen möglich Unfug betreiben. Im Mittelalter galten die Kaputten als verhext, vom Teufel oder Dämonen besessen und ganze Heerscharen von Kirchendienern, Exorzisten, Henkern und Wunderheilern haben sich eine goldene Nase daran verdient, in dem sie die verirrten Seelen ins Diesseits oder ins Jenseits beförderten. Später nannten sich die Folterknechte Psychiater, aber ihr Tätigkeitsfeld blieb das gleiche. Außer das sie das Brandeisen gegen das Elektroschockgerät tauschten. Aber immerhin nahmen sie den Kranken ernst. Heutzutage gilt die landläufige Meinung, daß die geknickten Seelen selber Schuld an ihrem Elend sind, welches sowieso nur auf Einbildung beruht. Die hätten nur Zucker in den Arsch geblasen bekommen und nie gelernt sich durchzubeißen. Die sollten einfach zur harten Arbeit und zu Gott finden, dann kommen sie nicht auf so dumme Gedanken. Und wenn sie zur Arbeit nicht taugen, dann sollten sie eben Künstler oder Psychotherapeut werden und mit 27 Jahren dem Club der toten Dichter beitreten.«
Zitat aus: Til van der Hasze, Mit dem Ohr am Mob, 2009

Quelle: Amazon

Lassen wir das. Vielleicht sollten wir uns lieber Nasenbäume züchten. Mein Kobold hat ein Kinderbuch in dem so ein lustig Ding beschrieben und illustriert ist. Auf dem Baum wachsen Nasen aller Art und wenn uns die eigene nicht mehr gefällt, so pflückt man sich eben eine neue. Die Auswahl ist groß: Schweine-, Füller-, Staubsauger-, Kolibri-, Clowns-, Wasserhahn- oder sogar Regenschirmnasen hängen da parat. Man kann auch die des Nachbarn, die, die man gerade eingeschlagen hat, durch eine andere ersetzen. Mal sehen was mein Therapeut dazu sagt. Vielleicht erlaubt er mir, statt diesen ewig düsteren Seelenbäumen, mal ein Nasenbaum zu malen. Schaden kann es sicher nicht.

Montag, 16. April 2012

Dysplasie


Spätsommer. Der Tag war sehr warm und von der Elbe her zieht nun kühlere Luft über die Uferwiesen. Stumm und ziellos bummeln wir an der untergehenden Sonne vorbei, einen Trampelpfad entlang, der im Nichts zu enden scheint. Ab und zu bricht das rotgoldene Grün auf und spuckt uns merkwürdige Gestalten entgegen.

»Ist das ein Mädchen?«

Sieht man das nicht? Der Mann ist über Fünfzig. Da sollte man solch feine Unterschiede zwischen weiblich und männlich erkennen können. Gut, so wie der aussieht – klein, dick, ästhetisch benachteiligt und mäßig bis mittelmäßig intelligent – könnte es sich um einen Dorfpfarrer handeln. Die nehmen es mit den Geschlechtern wohl nicht so genau.

»Oh, da muß ich aufpassen!«

Auf was?

»Das ist ein Junge. Meiner Frau ihrer. Also, der ist schon unser. Aber der war so lange krank.«

Das sieht man. Nicht nur, daß es ein Junge ist, sondern auch, daß er halb tot zu seien scheint. Der kann sich kaum auf den Beinen halten, zittert wie ein Junkie auf Entzug und guckt auch völlig umnachtet.

»Nicht, daß der sich aufregt! Das wäre gar nicht gut für ihn. Jetzt, wo sein Heilungsprozeß sich in der kritischen Phase befindet. Der Arzt hat extra noch mal darauf hingewiesen, daß der Junge sich nicht aufregen darf.«

Warum soll der sich aufregen? Meine Madam ist vierzehn Jahre alt!

»Dreizehn ist der Charly. Also, der heißt Charly. Das war der Wunsch meiner Frau. Ich hätte ihn ja lieber Hagen, Baldur oder Ansgar genannt. Aber na ja. Ich konnte mich da nicht so durchsetzen.«

Der arme Kerl. Alle vier Namen sind so etwas von albern. Der Mann ist entweder ein Jung-Nazi und Himmlers Germanenkult verfallen oder sonst irgendwie gegen das Paddel geknallt, und seine Frau heißt Hedwig und war zu oft im Kino. Diese Dorflichtspiele hatten außer »Drei Engel für Charly« sicher nichts weiter zu bieten.

»Meine Frau ist doch so vernarrt in alte Filme. In denen der Rühmann oder der Hörbiger zu sehen sind. Da ist die hin und weg. Früher hat die sich jeden alten Film, der montags im DDR-Fernsehen kam, angeschaut. Ich konnte da nicht mithalten. Montags war doch immer Parteiversammlung. Aber den Willi Schwabe, in seiner Rumpelkammer, haben wir uns immer zusammen angeschaut. Bei einem Glas Wein – das war schon schön.«

Ach du Scheiße. Der arme Kerl.

» ›Charlys Tante‹, mit dem Heinz und dem Paul, war ein schöner Film, der oft wiederholt wurde. Was haben wir gelacht! Meine Frau und ich. Die heißt doch auch Carlotta, so wie die Tante vom Charly. Also, so attraktiv wie die Hertha Feiler, die Schauspielerin, war meine Frau auch früher nicht – wir kommen beide aus einfachen Verhältnissen – aber imponiert hat ihr das schon, den selben Namen wie die Hertha tragen zu dürfen. Also hat sie den Jungen Charly genannt«

Das war mir fast klar. Mannomann. Der Mann kommt ja richtig ins schwärmen. Die schöne alte Zeit! Und jetzt kommen wohl keine alten Filme mehr oder hat man Beiden den Fernseher geklaut?

»Im Moment können wir nicht fernsehen. Der Junge darf sich doch nicht aufregen, da lassen wir das Gerät lieber aus.«

Was? Also, bei aller Liebe, aber das ginge mir dann doch zu weit. Ab ins Bett und fertig! Wie bei Madam. Nach dem Sandmännchen vertreten wir uns draußen noch mal kurz die Beine, so wie heute, und dann ist Feierabend für sie. Da will ich nichts mehr hören! Da ist es mir egal, ob sie Schnupfen oder gerade gekotzt hat. Da kann man eh nichts machen.

»Er schläft doch jetzt in der Stube. Weil der so krank ist. In seinem Zimmer ist es noch zu kalt und da ist er auch so allein. Wobei der doch jetzt so viel Fürsorge braucht. Da liegt er auf dem Sofa und wir sitzen daneben – meine Frau im Sessel und ich auf dem Küchenstuhl – und lesen ein wenig. Mit der Taschenlampe geht das schon, das große Licht lassen wir aus, damit der Charly seine Ruhe findet.«

Der sitzt doch echt im Dunklen. Nicht nur abends. Die spinnen komplett.

»Nachts schlafe ich dann bei ihm. Vor dem Sofa auf einer Decke. Das geht schon. Damit gleich jemand bei ihm ist, falls etwas passiert. Klar, das ist Quatsch. Was soll schon passieren? Und wenn, kann ich eh nicht viel machen. Aber es beruhigt einen doch und man kann besser schlafen. Obwohl, so richtig geschlafen habe ich seit seiner Operation nicht mehr.
Wie auch? Die Decke ist viel zu dünn, und nach einer halben Stunde liegen, tut mir schon alles weh. Früh stehe ich wie frisch gerädert auf. Aber wir haben nur diese Decke. Wir kommen doch aus einfachen Verhältnissen.«

Ding an der Waffel!

»Es ist schon schwierig im Moment. Man weiß ja sowieso nicht, ob er es noch lange macht.«

Dreizehn ist doch noch kein Alter. Da hat der Charly eigentlich noch einiges vor sich – wenn er die Fürsorge der Beiden überlebt.

»Eben. Das haben wir uns auch gesagt und ihn operieren lassen. Für 4500 Euro. Obwohl der Arzt davon abgeraten hat. Aber warum soll der sich so quälen? Da bekam er eben sein neues Hüftgelenk. Klar, es hätte schief gehen können. Seine Knochen sind ja so sensibel und sein Blutdruck ist viel zu hoch. Aber das mußten wir eben riskieren. Ob der Charly das wollte – man weiß es nicht. Die Entscheidung konnten wir ihm nicht überlassen.«

Das wäre ja noch schöner. Vielleicht bitte ich Madame noch um ihre Meinung. Die tut sie auch so kund. Der Charly ist ihr völlig schnuppe. Die ignoriert ihn einfach und schaut den vorbeifahrenden Radlern zu.

»Wie heißt denn das Mädchen? Ach, egal. Der Charly muß jetzt nach Hause. Unsere Unterhaltung hat ihn schon zu sehr angestrengt.«

Unsere Unterhaltung? Habe ich dazu überhaupt beigetragen? Ich kann mich nicht erinnern. Auch egal. Der Charly droht gleich aus den Latschen zu kippen. Es ist höchste Zeit, daß der auf sein Sofa kommt.

»Dann wünsch ich ihnen noch einen schönen Abend! Wir müssen! Vielleicht sieht man sich mal wieder? Bestimmt, wenn der Charly wieder auf dem Damm ist.«


Was ist das für eine kaputte Welt? Früher, bei uns auf dem Dorf, hätte der Charlie die Handkante ins Genick bekommen oder der Förster hätte die Sache diskret im Wald erledigt. Da wäre niemand auf die Idee gekommen, eine Operation einzuleiten. Niemand hätte dafür einen Pfennig ausgegeben. Schon allein deshalb, weil man noch wußte, wie knapp das Geld sein konnte, was Hunger bedeutet und daß es Menschen gab, die es dringender nötig hatten. Wo anders verrecken heute noch Kinder an Mangelernährung, an vergammeltem Wasser oder an hoffnungslos überlagerten Medikamenten, und hier bekommt ein Charly ein sauteures Hüftgelenk verpaßt, von dem er in seinem Alter vielleicht nicht mehr viel haben wird.

Madam schnuppert dem abdackelnden Charly hinterher, zieht an der Leine, um auf der Wiese hier ihren allabendlichen Haufen zu hinterlassen. Damit wäre die Hunderunde beendet. Die alte Dame weiß das und zieht so resolut an der Leine, daß mir nichts anderes übrig bleibt, als ihr in Richtung meiner Wohnung zu folgen.

Samstag, 3. März 2012

Schach mit dem Führer


»Kunst mit dem Führer« ist eigentlich das Fachgebiet des Nachbarblogs und nicht meine Spielwiese. »Schach mit dem Führer« fällt, denke ich, nicht unter dieses Ressort, so daß ich meine eigene Forschungssparte eröffnen kann, und »runterfallen« ist ein gutes Stichwort, oder besser, der Einstieg zu diesem Eintrag.

Obwohl »zusammenbrechen« es besser treffen würde. Ich meine jetzt nicht das Dritte Reich, sondern mein über Eck gelagertes Bücherregal, welches zu meiner Erbauung einmal im Jahr pflegt unter seiner Last zusammenzubrechen und seinen Inhalt bis in den letzten Winkel meines Zimmers, unter Beachtung der Gaußschen Normalverteilung, zu verstreuen. Dazu muß man anmerken, daß sich darunter Werke befinden, die mir im Rahmen einer Erbschaft anvertraut wurden, und die von mir zwar ungelesen, aber schon auf Grund ihres zeitgenössisch fragwürdigen Titels jedem Giftschrank einer gut sortierten Bücherei zur Ehre gereichen würden.

Da der Bücherhaufen zwar gut zu mir und meinem Zimmer paßt, aber ein geregeltes Leben unmöglich erscheinen läßt – der Gang zum Kühlschrank gleicht einer Flucht durch einen schwankende, literarischen Irrgarten – sehe ich mich jedes Jahr auf das Neue gezwungen, dieses Regal wieder zu errichten und einzuräumen, wobei mir jedesmal eine Kostbarkeit in Buchform in die Hände fällt.


Dieses mal ist es »Der Weg zum Matt« der meine Aufmerksamkeit erregt und ursprünglich für das Oberkommando der Wehrmacht gedacht war. Erst vermutete ich eine detaillierte Reisebeschreibung von Berlin bis nach Stalingrad und zurück, aber soweit vorangekommen war die Streitmacht damals noch nicht. In der Hand halte ich statt dessen ein kleines Schachbüchlein, was mein reges Interesse hervorruft. Nicht das ich so ein Schachspieler wäre – ich kann nur die Figuren ziehen und hoffen, daß mir dabei nichts passiert – nur muß es den Herren Generalfeldmarschallen 1941 ähnlich ergangen sein, sonst hätte man diesen Leitfaden nicht in Auftrag gegeben.


Das Inhaltsverzeichnis gibt sich betont militärisch, was dem einen oder anderen vertrottelten Militär dazu bewogen haben mag, die eine oder andere Armee nach strengem Schachreglement zu opfern, in der Hoffnung, das Blatt noch wenden zu können und das Kriegsglück auf sich einzuschwören. Oder es war der Führer selbst, der jeden Abend vor dem Brett immer neue Winkelzüge erfand, dem imaginär mitspielenden Stalin ein Schnippchen nach dem anderen schlug – Schach ist ja das Spiel der Könige – und der dabei vergaß, das ein Handstreich übers Spielbrett nicht der Gleiche ist, wie der, der in einem Weltkrieg übers Schlachtfeld geführt, den Gegner hinwegwischt.

Und im Hinwegwischen war der Führer ja ein Meister und dabei nicht zimperlich. Was waren schon die Bedenken seiner Generäle gegen sein Genie? Nichts, also weg damit. »Läufer auf C5? Da steht schon eine Figur? Weg damit!« Es wird schon keine eigene gewesen sein. Der Blitzkrieg auf dem Schachbrett. Folge 5697. Keine Partie mit dem Führer dürfte länger als 30 Sekunden gedauert haben. »Bauer auf ... Was? Schach? Matt? Weg damit! Ich werde die jüdische Weltverschwörung ausmerzen! Mit Stumpf und Stiel! Nein! Mit Dame und König! Es wird nicht gelingen dem deutschem Volke ...« Blitzkrieg, Folge 5670. »Was? Schach? Matt? Weg damit!« Und so weiter bis zum Endsieg. Wahrscheinlichkeitsberechnungen haben ergeben, daß dieser vermutlich am 21.12.2012 in der 3.678.908.734 Partie Schach mit dem Führer eingetreten wäre.

Schach ist ja auch ein Denksport. Zumindest ging die Wissenschaft bis jetzt davon aus. Das müßte dem Führer imponiert haben. Immerhin hat er es als talentloser Kunstpostkartenmaler bis zum Dienstgrad eines Gefreiten und zur Dienststellung des Oberbefehlshabers des Heeres geschafft. Eine Karriere, so einzigartig in der Geschichte der Menschheit, wie jeder einzelne Schachzug. Inzwischen hat man herausgefunden, daß es mit dem Denken beim Schach eher schlecht bestellt ist. Wenn man zum Beispiel einem Kriminalfilm versucht zu folgen, werden mehr als das Doppelte an Hirnregionen gefordert, als wie beim Schachspiel benötigt werden. Je besser man das Spiel kennt, um so weniger muß das Hirn rechnen.

Je mehr ich darüber nachdenke, um so weniger meiner Hirnregionen scheinen sich für den Denkprozeß verantwortlich zu fühlen. Theoretisch wäre ich also jetzt ein exzellenter Schachspieler. Wenn man den Gedanken weiterführt – irgendeinen Zweck sollte das Büchlein ja im Oberkommando der Wehrmacht erfüllen – könnte man auch zu dem Schluß kommen, daß sich eine herabgesetzte Denkleistung auch vorzüglich zum führen eines Angriffskrieges eignet. Die Welt auf das Notwendigste zu beschränken, sie in aller Klarheit zu erkennen, schafft man nur durch Meditation, Schachspielen oder beim entfesseln eines Weltkrieges.

Was zu beweisen wäre.

Blöderweise sieht es mit Angriffskriegen im abendländischen Kulturkreis im Moment ziemlich mau aus. Da sind nur kriegsähnliche Zustände oder Friedensmissionen im Angebot. Nichts, was es rechtfertigen könnte, ein ganzes Land in Schutt und Asche zu legen. Dabei bräuchte Deutschland dringend so eine Konjunkturbelebung. Die fetten Brocken schnappt sich seit letztens immer der Ami weg. Erst schafft der Baufreiheit aus der Luft, dann schickt der Bodentruppen - äh, humanitäre Missionen zum »Klar Schiff« machen und zum Zeltaufbau und schwupps, zutscht der den Derwischen da unten das Öl unter dem Arsch aus dem Land. Clever.
Man könnte mal wieder Polen überfallen. Selbst regieren konnten die sich eigentlich noch nie, das lehrt uns ihre Geschichte. Baufreiheit aus der Luft schaffen, Bodentruppen hinterher und mit großen Reibach auf ihre Kosten alles wieder aufbauen. Am deutschen Wesen soll die Welt genesen. Aber die sind auch nicht doof und haben den Braten längst gerochen. Umsonst sind die nicht der NATO beigetreten.

Bleibt das Morgenland. Schach kommt ja aus der Ecke. Genauer aus Persien und ins Deutsche übersetzt, bedeutet Schach so viel wie König. Aber die haben sich schon auf ein Level herabgedacht, daß sie schon wieder beten müssen, um aufs Klo zu kommen. Den Koran auswendig zu können ist eine gute Sache, wenn man es bei einmal beläßt und ihn nicht doppelt und dreifach herunterleiern kann. Er wird davon nicht besser und die eigene Frau verprügelt sich davon auch nicht von selbst.
Aber Gebete sind auch eine Form der Meditation und als solche zu begrüßen. Wenn man jetzt mal von kriegerischen Invasionen absieht – ich sehe keine Möglichkeit zur Stützung meiner These einen kleinen Krieg vom Gartenzaun zu brechen oder wenigstens einen netten Pogrom durchzuführen, ohne die Gesetze des Humanismus, denen ich mich nach wie vor verpflichtet fühle, zu verletzen – bleibt neben Schach nur das gepflegte Gebet zur Herabsetzung der Rechenleistung des Gehirns und damit zu dessen Erleuchtung.

Eine Erleuchtung hätte der Neurochirurg auch gern gehabt, als er mehrere Gehirne in Scheiben schnitt, die nach medizinischem Ermessen schon seit 20 Jahren hätte klinisch tot sein müssen. Sie gehörten katholischen Nonnen vom Congregatio Pauperum Sororum Scholasticarum Dominae Nostrae und waren so mit Morbus Altzheimer verseucht, daß normale Gehirnstrukturen nur noch schwer erkennbar waren. Den Damen war die Demenz aber merkwürdiger Weise bis ins hohe Alter nicht anzumerken. Man kam zu dem Schluß, daß ihre eingeschränkte Lebensweise dies ermöglichte. Essen, Schlafen und Beten. Durch ihr bewußt auf ein Minimum herabgesetzten Hirnaktivitäten konnten sie der Demenz Paroli bieten.

Wenn man diesen Gedanken weiterführt – ich persönlich nähere mich gerade dem Blitzkriegs- nein, dem Blitzschachniveau – kann man froh sein, daß die Wehrmachtsführung aus degenerierten Adeligen bestand und nicht aus scheintoten katholischen Nonnen. Die hätten den Bolschewismus nicht nur bis hinter den Ural gejagt, sondern über den Pazifik bis nach Pearl Harbor oder gleich bis in die Staaten. Da gäbe es jetzt bei McDonalds Soljanka und Pelmenie und in Großdeutschland keine Gegendemos. Da wären wieder alle dafür und der Bau des Stuttgarter Hauptbahnhofs schon längst vollendet.

Wenn man dauerhaft Schach spielt, also weite Teile seines Gehirns brach liegen läßt, läuft man allerdings Gefahr, der Gesundheit desselben zu schaden. Wenn, ja wenn man denn über »weite Teile« verfügt. Forscher gehen davon aus, daß ein Drittel unseres Hirns auf Sparflamme, oder besser, in Rufbereitschaft leuchtet. Es wird nicht genutzt, springt aber sofort ein, wenn andere Regionen ihren Dienst versagen. Sprich: »Axt im Schädel.« Es dauert ein wenig, bis die Synapsen sich eingespielt haben aber dann flutscht es wie gewohnt. Bei noch mal »Axt im Schädel« wird es dann schon schwieriger. Wir erinnern uns: Ein Drittel futsch, ergibt zwei Drittel funktionierende Hirnmasse, die aber wiederum ein Drittel in Rufbereitschaft versetzen muß. Das macht schon weniger als die Hälfte der ursprünglich gesunden Masse. Bei dreimal »Axt im Schädel« wird es dann eng. Da ist die Lage schlecht, aber nicht hoffnungslos. Wir erinnern uns: Beten oder Schach spielen hält die Hirnfunktion am Laufen und läßt noch etwas Spielraum für sonstige Aktivitäten. Beim vierten Mal »Axt im Schädel« meldet das System beim Wiederhochfahren dann unweigerlich »Out of Memory«. Das Einzige, was dann noch funktioniert, ist das unkontrollierte Kinderzeugen. Diesen Modus hat Mutter Natur so abgesichert, daß er völlig autonom vom Nervenzentrum in einer Stapelverarbeitung ablaufen kann. Das Einzige, was der Körper dafür braucht sind zwei drei Liter atembare Luft.

Worauf wollte ich hinaus? Wir erinnern uns: Weite Teile der unmittelbar nutzbaren Hirnmasse dauerhaft brach liegen zu lassen ist nicht gesund. Es tritt dann unweigerlich der sogenannte Memory-Effekt auf, wie er früher in Handy-Akkus üblich war. Wir erinnern uns? Die Ladeleistung erreichte immer nur den zuletzt erreichten Pegel. Das Hirn bäumt sich immer nur noch bis zu der zuletzt erreichten Rechenleistung auf. Unter Beachtung des natürlichen Schwundes wird es irgendwann fatal. Beten, Schach spielen, Beten, Schach spielen – einmal das Beten vergessen und schon reicht es nur noch für Schach.
Sicher, als Intelligenzbestie oder Blitzschachgenie, wie ich eines bin – ich habe so eben den Führer geschlagen. In 12 Sekunden, und damit wurde ich um 18 Sekunden schneller als er von meinem Laptop und dem installierten »Chess for Dummies« Schachmatt gesetzt. – könnte ich den Memory-Effekt vernachlässigen und ich müßte noch 300 Jahre leben, bevor sich daraus eine Konsequenz ergäbe. Aber mit solcherart gigantischer Rechenleistung ist eben nicht jeder gesegnet. Wer eine einzige Hirnwindung sein Eigen nennt, kann eigentlich gleich zum Kinderzeugen übergehen und sich die Gebets- und Schachspielexperimente schenken.

Oder das Straßenbahnfahren. Wenn dieses Elend der Führer noch erlebt hätte ... Seine nächste Rede auf dem Reichsparteitag wäre etwas lauter ausgefallen aber auch deutlicher zu verstehen gewesen. Dabei ist die einfache Straßenbahnfahrt selbst für das pubertierende Vorstadtgesindel keine unüberwindbare Hürde: Einsteigen, Fahrschein entwerten, Klappe halten und wieder aussteigen. Aber nein, die lärmen, schmutzen, belästigen alles was nach einem IQ über Null ausschaut und atmen noch dazu meine Luft. Dummdreiste, unverschämte und verlogene Arschlochaustauschgesichter voller mit Schminke verschmierten Pickel und mit einem teflonbeschichteten Hirn bewaffnet, was genau eine halbe Windung enthält und in dem nichts klebenbleibt außer ausgekatschter Kaugummi. Aber ich halte jede Wette, daß, wenn die im zeugungsfähigen Alter sind, ganz genau wissen, wo und wohin sie ihr ungewaschenes Geschlechtsteil hängen müssen, um möglichst effektiv viele Kinder zu bekommen. Dabei ist letzteres nicht mal gewollt, sondern eher ein Abfallprodukt.

Gut, auch wenn ich diesen Gedanken noch gern vertiefen möchte, so gebietet mir die Vernunft doch Einhalt. Es sind schon wieder drei Seiten Text geschmierfinkt und ich weiß eigentlich nicht so recht warum.

Aber Gott weiß das. Oder der Geier. Oder Beide. Es bleibt die Frage zu klären, woher meine Ahnen das Büchlein hatten. Die in Frage kommenden Kriegsteilnehmer brachten es nur zu Mannschaftsdienstgraden und ihr Genie sie an der Ostfront in Gefangenschaft aber nicht in das Oberkommando der Wehrmacht. Beim Russen hieß die »Kraft durch Freude« auch nicht Schach spielen, sondern Zwangsarbeit mit Hacke und Schaufel. Das war eher ein Scheißspiel, rettete einem aber das Leben.

Gott wird sich schon etwas dabei gedacht haben, als er mir diesen Leitfaden empfahl. Vielleicht soll ich anfangen mit Schach spielen und mir nicht so viele Gedanken machen. Das führt ja zwangsläufig in die geistige Umnachtung, wie es Nietzsche uns vorlebte. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob das so viel schlimmer ist, als fünfmal am Tag beim Gebet den Herrn zu preisen. Dem muß das Gedudel doch auch langsam auf den Keks gehen. Oder soll ich mich fit für einen gediegenen Angriffskrieg machen? Als Feldherr? Mein Geburtshoroskop, der Radix spricht dafür. Nach dem bin ich mit Ares, dem Kriegsgott, eng verwandt. Eineiige Zwillinge sozusagen. Oder seine schwertführende rechte Hand. Aber gegen wen könnte ich meine Aggressionen richten? Gegen alle Gläubige dieser Welt? Das sind ein bißchen viel ...
Vielleicht will der alte Sack mir auch bloß den Rat geben, endlich mal mein Regal zu reparieren. Wie bei einem kriegerischen Akt muß man dabei seine Ressourcen sichten und dann, ohne viel Gelaber planvoll zur Tat schreiten. Das wird es wohl gewesen sein. Alles andere scheint mir doch etwas zu gewagt.

»Schraube auf B5! Da ist schon eine? Weg damit! Nie wird es eine Unterschraube schaffen sich dauerhaft in einem deutschen Eichenbrett festzusetzen! Die Urkraft des völkischen Zorns eines gesunden, arischen Schraubenziehers wird ihr den Garaus machen! So wie das deutsche Volk Luft zum atmen braucht, so braucht eine eherne, aus Kruppstahl geschmiedete Schraube, vom gesundem Volksempfinden geführt, Platz um ihre ...«

»Tatü-tata-tatü ...«

Dienstag, 2. August 2011

Der Boden der Realität kann so etwas von hart sein ... Teil 10 (4. von 5)


Großstadtdschungel, dieselbe gemütliche Hinterhofküche wie immer, mit einem Küchentisch, darauf sechs brennende Kerzen, eine geleerte Flasche Rotwein, 29 volle Flaschen und ein halbvoller Aschenbecher. Es wird wieder ein durchlachter und verlaberter freundschaftlicher Abend werden. Sie schaut aus dem Fenster und er lehnt sich müde zurück.

»Ist das wieder ein Scheißwetter heute – Mensch, der November macht mich schon wieder alle. Kein Licht. Früh, wenn man auf Arbeit geht ist es dunkel und abends, wenn es wieder nach Hause geht auch. Zwischendurch ist es nur grau. Der Sommer war viel zu kurz! Hast du heute noch etwas vor? Ich meine: Hier stehen jede Menge volle Flaschen rum …«

»Ach, die sind vom Baumarkt. Die Frau Rot-Weiß-Erfurt rief mich gestern an. Ich würde doch so gerne billige Tafelweinplörre trinken. Sie wäre gerade im Heimwerkermarkt auf der Goethe-Allee. Da gäbe es eine Sonderaktion zum Weinfest im Markt. Die Literflasche für einen Euro. Die Abgabe wäre nur in haushaltsüblichen Mengen möglich. Also bin ich heute dahin gefahren und habe mir 60 Flaschen geholt. Die Kassiererin hat erst bei den vielen Kartons gestutzt, dann gegrinst und mir zugezwinkert. Mit meinem Charme habe ich bis jetzt jede Frau herumgekriegt. 10 Kartons sind ja nicht haushaltsüblich!«

»Bei dir schon! Das hat die sofort erkannt! So schlecht schmeckt der gar nicht. Aber das du gern Billig-Plörre trinkst, hat sich also schon bis zu der Frau Rot-Weiß-Erfurt herumgesprochen. Manchmal hasse ich diese Stadt!«

»Wieso sollte ich diese Plörre gerne trinken? Ich muß einfach!«

»Wieso mußt du? Kauf dir doch einfach vernünftigen Wein!«

»Ach, was weiß ich. Vielleicht bin ich auf einem Selbstbestrafungstrip. Für was auch immer. Keine Ahnung. Ich muß mal wieder zum Psycho ›klar Schiff‹ machen. Irgendein Ding haben wir doch alle ab ü.-dreißig an der Waffel.«

»Geh doch! Solange der dir nicht das Kochen abgewöhnt – es war wieder lecker! Bin ich vollgefuttert! Die Plinsen! Ein Bißchen dünn aber dadurch kann man auch mehr davon essen, und die Marmelade verteilt sich durch das rollen besser. Der Kesselgulasch vorher, war auch eine Wucht! Obwohl es kein richtiger Kesselgulasch ist.«

»Das sind Palatschinken! Die müssen so dünn sein! Und wieso soll der Kesselgulasch kein echter gewesen sein?«

»Na, der wird doch über einem offenen Feuer gemacht! Wo sind eigentlich die übrigen Flaschen?«

»Der schmeckt schon, wie ein richtiger Kesselgulasch. Auch wenn es nicht so aussieht, weiß ich schon immer ganz genau, was ich mache. Ich bin heute früh runter an den Grill und habe mir etwas Holzkohle und Asche abgefüllt. Deswegen schmeckt dieser hier so schön rauchig. Ohne den geht es doch gar nicht! Die restlichen Pullen liegen noch im Auto. Die hole ich erst hoch, wenn die hier alle sind. So wie du guckst, wird das morgen sein.«

»Nein, vergiß es. Ich will heute beizeiten zu Hause sein. Da kommt eine Dokumentationsreihe über Serienkiller im Fernseher. Auf Pro Ableben. Heute ist Jack the Ripper dran! Ich interessiere mich doch wieder für etwas! Du, der soll 5 Frauen in 3 Monaten ermordet haben!«

»Fünf Frauen in drei Monaten zu ermorden, ist für einen Serienkiller wenig effektiv. Alles Legende! Der hat sie auch nicht aufgeschlitzt, sondern als Sozialpädagoge der ersten Stunde totgeredet. So etwas dauert länger. Aber es stimmt. Du scheinst wieder interessant zu werden. Du erinnerst mich wieder an die, die ich damals kennengelernt habe. Leicht bis mittelschwer depressiv aber für die schönen Dinge im Leben aufgeschlossen.«

»Blödmann! Ich war nur beim Friseur! Mal was neues ausprobieren.«

»Lasse mich raten: Neue Frisur ist gleich ein neues Leben?«

»So in etwa. Mensch, mir ging es doch nur noch Scheiße. Meine Arbeit macht mir sonst Spaß und sie füllt mich auch aus. Aber dort ging gar nichts mehr. Ich habe nur noch aufgepaßt, daß ich bloß keine Fehler mehr mache. Und genau deswegen ist mir immer mehr passiert. Mein Chef war nur noch stinkig. Ich dachte schon, ich fliege da bald raus.«

»Das wird er nie tun. Du schmeißt ihm ja den Laden. Das wißt ihr Beide.«

»Aber zu Hause ging auch nichts mehr. Nach der Arbeit habe ich mir nur noch etwas zu essen gemacht. Dann bin ich auf das Sofa gekrochen oder gleich ins Bett. Weißt du, wie es bei mir aussieht? In deinem Sperrmüllcontainer hier fühle ich mich eher zu Hause, als in meiner Wohnung. Dort verwahre ich mich nur aber lebe nicht.
Dann frage ich mich immer, was ich bloß falsch mache. Keine meiner Wünsche ist bis jetzt in Erfüllung gegangen. Kein Kind, kein Mann und keine kleine Familie. Mit wem auch? Ich könnte heulen! Was ich sowieso bei jedem kleinsten Anlaß getan habe.«

»Aber du kannst doch nichts erzwingen Schnecke. Wenn nicht jetzt, dann passiert es im nächsten Leben.«

»Das weiß ich auch! Dann frage ich mich, was passiert, wenn ich mich unglücklich verlieben sollte. Das es mir vielleicht so ergeht wie dir! Davor habe ich mehr Angst, als vor dem Alleinsein.«

»Wie ist es mir denn ergangen? In der Liebe gibt es nun mal keine Garantieurkunde oder Rückfahrkarte. Entweder man läßt sich darauf ein oder man läßt es eben bleiben! Außerdem bist du nicht allein. Es gibt schließlich jemanden, der mit dir redet und dir ab und zu ein leckeres Essen kocht. Das muß reichen!«

»Es reicht mir aber nicht! Und, wenn der Herr sich noch daran erinnern kann: Als er sich das letztemal dazu herabließ sich zu verlieben, wurde er von der Dame völlig zerrieben. Davon hast du dich doch bis heute nicht erholt!«

»Aber ich werde es! Irgendwann werde ich mit der Sache abschließen können. Dann gibt es auch wieder Platz für etwas Neues. Alles andere wäre nicht nur Selbstbetrug.«

»Ja, ja, ich weiß: Wenn nicht in diesem Leben glücklich werden, dann eben im Nächsten.«

»Na und? Bis dahin halte ich mich an Fischefrauen. Die können mir nicht gefährlich werden und ich ihnen auch nicht. Und zerrieben … Na, nicht ganz. Sie konnte doch auch nichts dafür. Ein Skorpion mit dem Aszendenten Zwilling ist der Giftcocktail für jeden Widder! Nur wußte ich das damals nicht.«

»Hör auf mit dieser Astroentschuldigungsnummer! Das macht ihr Verhalten auch nicht besser. Kurze Zwischenfrage: Was macht das Fischlein? Spanngurte kaufen?«

»Kurze Zwischenantwort: Nein. Sie ist in den Abwasserkanal der Geschichte eingetaucht.«

»Wie geplant also.«

»Sie konnte wirklich nichts dafür. Schau doch mal: Die wußte doch gar nicht, daß ich mich in sie verliebt hatte. Als sie merkte, daß sie mich zerstört, hat sie die Notbremse gezogen, weil sie das nicht zulassen konnte. Ich weiß doch selber, daß ich nicht in ihr Leben passe.«

»Die hat dich so gerne gehabt, daß sie dir zum Abschluß noch so richtig eine reingewürgt hat. Sie mußte unbedingt diese völlig idiotische Nummer durchziehen. Daß ihr nicht wirklich zusammen wart, macht mir besonders Angst. Und klar hat die gewußt, daß du sie geliebt hast. Das merkt doch jede Frau! Wenn sie schon mal geliebt wird.«

»Was hätte sie denn tun sollen? Ich sollte richtig Wut auf sie bekommen, damit ich sie schneller vergesse. Außerdem brauchte sie etwas, damit sie vor sich selber gut da steht. Das sie nicht das Gefühl hat, schuldig zu sein. Gleichzeitig hat sie sich damit den Rückweg zu mir verbaut. So kann sie mir nicht mehr weh tun.«

»Das ist deine Version. Wie es wirklich war, weißt du doch gar nicht!«

»Das ist mir auch völlig egal, weil es nicht wichtig ist! Mit dieser Version kann ich nämlich ganz gut leben! Jeder von uns braucht eine ihm genehme Version vom Leben, um überleben zu können! Und diese Version ist mir wesentlich lieber, als die der anderen in die Tonne gekloppten Männer. Diese Litanei von dem ›Verarscht-worden-sein‹ kotzt mich nur noch an. Man verarscht sich immer nur selbst, in dem man in den anderen Erwartungen setzt, die dieser gar nicht erfüllen kann. Außerdem ist die Schuldfrage beim Scheitern einer Beziehung völliger Unsinn. Keiner von beiden hat Schuld! Es hat halt nicht gepaßt. Fertig! Nur weil wir das nicht in unseren Kopf bekommen, brauchen wir diese verschiedenen Versionen. Vielleicht haben wir auch zu gut zueinander gepaßt? Unsere Schwingungen hatten haargenau dieselbe Wellenlänge? In der Physik nennt man das Resonanzkatastrophe! Das Stärkere zerstört dabei das Schwächere!«

»Ach, jetzt wird schon die Physik bemüht? Für deine persönliche Lebenslüge? Es ist aber schön, daß mal ein Mann zugibt, einer Frau unterlegen gewesen zu sein.
Ach egal. Jedenfalls stieg dann mein Magen aus. Die Ärzte konnten nichts finden. Kein Geschwür, keine Entzündung, nichts. Trotzdem blieb nichts drin. Es wäre wohl eine psychosomatische Störung.«

»Trenne dich einfach von deinen zwei niedlichen und putzigen Idioten, und nehme dein Leben wieder in die eigene Hand! Schaue einfach, was dir gut tut und mach das auch. Fang wieder an zu leben! Schaffe dir kleine Erfolgserlebnisse, die dein Selbstbewußtsein stärken. Einfach mal aufwaschen! Oder Fenster putzen! Lerne irgendwas. Am besten eine Sprache! Plane Abenteuerurlaube! Knalle dir den Terminkalender voll, dann kommst du nicht auf dumme Gedanken. Lebe wild und gefährlich! Habe Sex! Egal mit wem! Du mußt einfach wieder lernen Spaß am Leben zu haben. Dann kommt der Partner von alleine. Du weißt doch: Was man selbst ausstrahlt, zieht man auch an. Im Moment hast du dich auf Null geschaltet. Also ziehst du auch nur Nullnummern an.«

»Komisch, das hat der Psycho auch gesagt. Das der Partner nicht das wichtigste im Leben ist. Und das es manchmal besser ist, keinen zu haben. Wenn der einem nicht gut tut, ist es besser allein zu sein. Aber wenn ich nun gar keinen mehr bekomme? Alleinsein ist doch Scheiße. Und du? Kannst du dir vorstellen immer ohne Partnerin zu sein? Deine Meßlatte liegt doch so hoch, daß keine Frau mehr darüber springen kann.«

»Quatsch Meßlatte. Sie muß mich nur ausreichend faszinieren. Das ist alles. Wenn ich keine Partnerin mehr finden kann, ist das auch nicht so schlimm. Ich hatte ja das Glück eine zu haben. Auch wenn es nur eine Beziehung gewesen ist, die als Freundschaft getarnt war. Dieses Glück haben nur die wenigsten Menschen. Ich bin da wesentlich besser dran, als die meisten anderen.
Du warst beim Psycho? Daß du einen dringend nötig hast, weiß ich. Sonst würdest du nicht hier regelmäßig aufschlagen. Aber meine Magie hält nur zwei, drei Tage an. Ich kann den Fachmann nicht ersetzen.«

»Eben. Du zählst nicht. Du hast eine andere Funktion in meinem Leben. Und richtig: Ich war beim Psycho. Als die Einladung zum Klassentreffen kam, war ich am Ende. Was sollte ich denen denn erzählen? Das ich es in meinem Leben zu nichts gebracht habe? Das ich keine superglückliche Familie mit zwei Kindern habe? Das mich keiner will?«

»Quatsch. Bei den Niedlichen und Putzigen ist dein Marktwert durch die Wolken geknallt.«

»Aber die nützen mir doch nichts!«

»Schön, daß du es endlich einsiehst! Und überhaupt: Du bist gesund! Zumindest körperlich. Du hast das Abitur und einen Beruf der dir gefällt. Zumindest hast du auch einen Freund. Der ist mehr wert als ein Partner. Einen richtigen Freund hast du dein ganzes Leben lang. Einen Partner vielleicht nur ein paar Jahre. Was beschwerst du dich denn da? Weißt du überhaupt, ob die wirklich so superglücklich in ihren Familien sind? Mir fällt da spontan die Aleksa ein.«

»Du hast ja recht. Ich habe nur Schiß vor ihren blöden Witzen. Diese Vollidioten schleppen doch immer noch Konflikte aus der Schulzeit mit sich herum. Anstatt menschliche Größe zu zeigen und darüber zu stehen, sticheln die immer noch. Beim letzten Treffen hat die Gustl geprahlt, daß sie einen Dorfgasthof übernommen hat und demnächst heiraten wird. Sofort kam die Frage, ob sie den Bauern in ihrer Kneipe kennengelernt hat. Ich habe keinen Bock auf diesen Scheiß! Der Aleksa geht es genau so. Die war auch völlig fertig, als sie die Einladung bekommen hat. Wir haben doch das Abitur zusammen gemacht. Aber die kann wenigstens eine Hochzeit vorweisen!«

»Dein ›eine Hochzeit vorweisen‹ läßt auch tief blicken. Eine ›Ehe vorweisen‹ wäre wohl treffender. Aber das kann sie nicht. So ehrlich, wie sie meistens ist. Wie geht es ihr? Was gibt es Neues? Wart ihr zusammen beim Psycho?«

»Ja, wir haben uns dort rein zufällig getroffen. Ihr ging es genau so wie mir. Kein Kind, keine Familie, obwohl sie verheiratet ist. Ihr Kerl würde nur Geschichten erzählen aber nichts tun. Sie stagnierte genau wie ich. Sie hatte auch nichts, auf was sie hinarbeiten könnte und auf das sie sich freuen kann. Sie hat inzwischen – wie ihr Mann – auch nur noch in der einen Hand die Zigarette und in der anderen die Tasse Kaffee, damit sie keine Hand mehr frei für etwas Nützliches hat. Ansonsten würden sie sich nur noch auf den Keks gehen. Was aber beide nicht zugeben können, weil sie erst ein paar Monate verheiratet sind. Da gilt man schließlich als noch glücklich.
Dann kam die endgültige Bedrohung durch die Einladung. Genau wie ich wußte sie sofort, daß sie jetzt professionelle Hilfe braucht, um nicht abzudriften. Also waren wir zeitgleich beim Psycho.«

»Bei dem Selben? Das ist doch höchst unwahrscheinlich. Psychos gibt es wie Sand am Meer und man braucht im Schnitt 10 Jahre, um den zu finden, der zu einem selber paßt.«


»Das war sogar sehr wahrscheinlich. Das ist doch die einzige Praxis in der Stadt, die nach modernen Methoden arbeitet. Außerdem haben die sich auf Frauen ab Mitte 20 bis Mitte 30 spezialisiert. Bei jüngeren Frauen würde der Hausarzt reichen und die Älteren wären sowieso therapieresistent. Da würde nur regelmäßige harte Chemie helfen.«

»Was sind denn moderne Methoden? Auspeitschen? Das gibt es schon seit über 6000 Jahren. Geholfen hat das nie.«

»Du Arsch! Nein, das ist etwas völlig Neues und wurde von amerikanischen Wissenschaftlern entwickelt. Das nennt sich Turbo-Therapie und eine Sitzung würde für den Rest des Lebens reichen. Also paß auf: Du gehst dort hin. Ohne Termin. Egal ob du gesetzlich oder privat versichert bist – keine Krankenkasse bezahlt das ja – kommst du innerhalb von 2 Stunden dran. Das funktioniert, weil die gleich mehrere Patienten gleichzeitig abfertigen. Du mußt nur der Sprechstundenhilfe einen groben Abriß deiner Probleme erzählen.«

»Ich erzähle der gar nichts! Ist dir schon mal aufgefallen, daß du heute noch gar keinen Wein holen warst?«

»Weil der schon hier auf dem Tisch steht! Mensch! Laß mich doch mal ausreden!«

»Das sind moderne Methoden! Gut, sprich dich aus.«

»Also die Sprechstundenhilfe faßt die Problemlagen zusammen. Da es mir genau so wie der Aleksa ging, saßen wir beide im Behandlungszimmer. Dort erwarteten uns zwei Psychos. Am Anfang tun die ganz harmlos. Sie bieten dir Kaffee an und fragen dich nach scheinbar Nebensächlichen. Was die da aus mir herausgeholt haben! Unglaublich, was ich denen alles erzählt habe, obwohl die Aleksa neben mir saß. Das ist mir erst hinterher bewußt geworden. Egal, jedenfalls fühlte ich mich bei denen auf der sicheren Seite.«

»Bei Psychos kannst du dir nie sicher sein. Die haben doch selber ein Ding an der Waffel. Sonst würden die dich ja nicht so gut verstehen.«

»Würdest du deine blödsinnigen Kommentare mal lassen? Danke! Aber dann legten die Beiden los! Wie bei einem Kreuzverhör! Das Prinzip ist das gleiche: Böser Bulle, guter Bulle. Der eine macht dich fertig und der andere baut dich auf. Irrsinn! Nach einer halben Stunde sind wir beide da am Boden zerstört und heulend herausgerannt. Ich gehe da nie wieder hin! Mir hat es ja geholfen. Der Aleksa erstmal auch. Ich bin so motiviert der Welt zu beweisen, daß ich keine unnütze, unattraktive Schlampe bin! Das ich mein Leben alleine in den Griff bekomme! Das ich mir selbst auch etwas Gutes tun kann. Am selben Tag habe ich mich von meinen zwei Heinis getrennt und mir die erste Fernsehstaffel von den Serienkillern reingezogen. Hochinteressant sage ich dir! Seitdem geht es mir wieder etwas besser. Und es wird mir immer besser gehen! Im Fitti habe ich mich auch schon wieder angemeldet.«

»Und Aleksa? Wie geht es der jetzt?«

»Da gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht. Welche …?«

»Die gute!«

»Ihr Mann liegt im Krankenhaus.«

»Die schlechte?«

»Die Aleksa auch. Aber nicht auf derselben Station. Ich fange mal von vorne an. Also die Aleksa ist doch blind wie ein Maulwurf. Die sieht doch nichts weiter. Ihr Auto fuhr sie doch auch nur noch nach Gefühl. Über die Jahre ist das immer schlimmer geworden. Nach unserer Psycho-Sitzung hat sie beschlossen nun endlich mal etwas für sich zu tun. Also ist sie zum Optiker und hat sich ein Brillengestell herausgesucht. Sie ist auch sofort fündig geworden. Walpurgisnacht heißt das Modell und es steht ihr wirklich gut. Dann haben sie ihre Sehstärke bestimmt und ein paar Tage später hat sie das Teil abgeholt. Das ist jetzt ungefähr 14 Tage her.
Egal. Unterwegs nach Hause beschlich sie schon so ein komisches Gefühl, ob das wirklich so eine gute Idee mit der Brille wäre. Sie mußte doch noch mit der Straßenbahn fahren, weil ihr Auto mangels Kapital immer noch kaputt ist. Das Novemberwetter, die Fahrgäste – das ganze Elend sah sie nun auch noch haarscharf! Ich meine: Die hatte einen Scheißmonat hinter sich. Eine Scheißwoche! Der Tag ist alles andere als gut gelaufen. Sie macht die Vorgartentür auf und sie sieht die natürlich immer noch kaputten Gehwegplatten überdeutlich. Die Frau war sowieso schon wieder am Ende, da hört sie auch noch lautstarkes Gezeter im Garten!

Sie bog völlig entnervt um die Ecke und sah, wie ein Mann im Apfelbaum rumturnt. So ein alter häßlicher Vogel, der mindestens eine Flasche Wodka intus hat, so wie der rumlallt. Der schreit, er hätte eine Perverse geheiratet. die ihn im Keller einsperren und foltern will. Die Aleksa war schlichtweg völlig überfordert und sie sah nur noch Rot. Anstatt die Polizei, hat sie über Funk nur den Notarzt angefordert und den Nachbarn gerufen. Der war gerade den Müll runterschaffen. Was jetzt kommt, wäre alles nicht passiert, wenn der seine Brille aufgehabt hätte. Mit dem Apfelpflücker haben sie den Typen vom Baum geholt. Dabei brach er sich ein Bein, was ihm aber nicht davon abhielt, wild auf die Beiden einzuschlagen. Bei dem Gerangel ist ihr die Brille von der Nase gerutscht und sie hat, in dem völlig Besoffenen, das wiedererkannt, was sie ehelichte.

Sie hat sich ihre Brille wieder aufgesetzt, ist sofort in Ohnmacht und dem Notarzt in die Arme gefallen. Der kennt die Aleksa von früher. Die hatten doch mal was miteinander. Also trug er sie ins Haus, legte sie auf das Sofa und genoß ihre Ohnmacht. Dabei entdeckte er ihre Spielzeugkiste und bestaunte deren Inhalt. Aleksas Unterbewußtsein hatte ihr selbst einen Streich gespielt. Die war so frustriert, daß sie dringend eine Änderung in ihrem Leben herbeiführen wollte. Offen hat sie sich das nicht getraut, also hat ihr Unterbewußtsein eine Initialzündung herbeigeführt. Sie hat die Kiste einfach offen stehen gelassen. Ihr Mann mußte ja völlig austicken bei dem Inhalt.«

»Blödsinn, den Vibrator hat er ihr doch selber geschenkt. Da tickt der doch nicht aus.«

»Mensch! Der hat ihre richtige Spielzeugkiste gefunden! Nicht die ganz kleine! Der hat doch keine Ahnung von dem, was der Aleksa wirklich Spaß macht. Der Typ kommt doch aus dem Allgäu! Dort haben die nur zur Fortpflanzung Sex und das auch erst nach Rücksprache mit dem Dorfpfarrer. Das er ihr das Spaßteil schenken konnte, ohne den Bannstrahl Gottes zu fürchten, liegt einfach daran, daß er seit über 40 Jahren hier in der zivilisierten Welt wohnt.
Das meiste Zeug ist ja relativ harmlos. Handschellen, Stachelhalsband, ein paar Baumwollseile, pinkfarbene Spanngurte – frisch gebügelt usw. Der übliche Kram eben. Aber ihr Mann hat, genau wie der Notarzt auch ihre Deko für bare Münze genommen!«

»Ihre was? Deko…«

»Dekoration. Die Aleksa steht doch auf Mittelalterzeug. Also hat die noch so einen Kram den sie sich, um ordentlich in Demut fallen zu können, nur in die Bude stellt aber nicht benutzt. So einen Morgenstern, einen zusammenklappbaren Mini-Pranger, Daumenschrauben, Keuschheitsgürtel, Brandmarken und all so ein Zeug.«

»Aua, wie peinlich!«

»Das hat der Notarzt auch gesagt, als sie wieder munter wurde. Und das er schon immer geahnt hat, wie sie so veranlagt ist. Und das es ganz gut wäre, daß sie sich damals getrennt haben. So etwas hätte er ihr nie machen können. Das wäre mit seinem abgelegten Eid des Hippokrates unvereinbar.«

»Blödmann.«

»Das hat die Aleksa auch gesagt. Dann ist sie ganz weiß geworden. Sie hat ihn, trotz Brille, wiedererkannt. Den Notarzt-Typen mit dem sie früher auch in der Kiste war. Da mußte sie sich übergeben und ihr kam ein schlimmer Verdacht. Der Arzt ist in den Garten geschlichen, das Schmetterbruchbein schienen und sie ist in die Straßenbahn gerannt, um zum Fotografen zu fahren. Der von ihrer Hochzeit. Mit dem sie auch mal was hatte. Als der die Tür aufmachte, bekam sie einen Schreikrampf. Kotzen konnte sie ja nicht mehr. Weil der Magen schon leer war. Dann ist sie zum Barden. Mit dem sie in der Hochzeitnacht … Der war nicht zu Hause. Dann ist sie weiter zum nächsten Verblichenen. Überall dasselbe: Schreikrampf. Ich habe keine Ahnung, bei wem die noch überall war.«

»Bei mir nicht.«

»Das wollte sie sich bestimmt nicht auch noch antun oder du hast einfach Glück gehabt. Gestoppt wurde sie im Baumarkt von der Frau Rot-Weiß-Erfurt. Die sagte sich, daß ein Einkaufswagen mit 20 Äxten, eine am ganzen Körper bebende und hysterisch schluchzende Aleksa nicht gesund sein kann und alarmierte den Notarzt. Dieser hatte gerade ihren Mann im Krankenhaus abgeliefert und er verpaßte der Aleksa eine doppelte K.-O. Spritze, wobei er sich Vorwürfe machte. In diesem Zustand hätte er sie schon vorher aus dem Verkehr ziehen müssen.
Übrigens: Ist dir schon mal aufgefallen, daß sich die Frau Rot-Weiß-Erfurt den ganzen Tag in Baumärkten rumtreibt aber nie etwas kauft?«

»Na und? Die Aleksa war doch auch auf dem Trödel-Markt zu Hause und sie hat nie etwas gekauft.«

»Weil sie mit Trödel immer in einer Beziehung lebte. Den brauchte sie ja nicht mehr kaufen.«

»Ha, ha! Ach, was weiß ich, was die Frau zu verarbeiten hat. Ich sagte doch: Mit über dreißig haben wir alle ein Ding an der Waffel.«

»Die ist noch keine 30!«

»Man ist so alt, wie man sich fühlt! Wie geht es der Aleksa jetzt? Warst du sie besuchen?«

»Ja, gestern. Es geht ihr wieder besser. Ihr plötzlich aufgetretener Waschzwang verschwindet langsam wieder. Sie muß nicht mehr gleich unter die Dusche, wenn sie einen Mann sieht.«

»Das hätte sie mal früher machen sollen! Die hat manchmal gemuffelt. Das reine Vergnügen war das oft nicht.«

»Du bist so ein Arsch! Ich könnte dich!«

»Das geht jetzt nicht. Scheidung eingereicht?«

»Was geht jetzt nicht? Nein, ich frage lieber nicht. Da kommt eh nur Gülle. Ja klar, die Scheidung hat sie beantragt und sie hofft, daß sie aus der Nummer schnell wieder rauskommt, weil die Ehe nie vollzogen wurde.«

»Ich dachte nicht, daß die sich mal im Krankenhaus wiederfinden und sich scheiden lassen.«

»Wieso? Das war doch abzusehen. Du kennst doch die Aleksa besser als ich!«

»Eben! Ich habe eher auf ein Krematorium getippt. Das die sich mal gegenseitig erschlagen.«

»Nein. Dafür ist sie zu jung und er zu alt.«

»Und, wie lange will sie da drin bleiben?«

»Bis das Buch fertig ist. Ihre Krankenkasse hat grünes Licht gegeben, weil die fertig gedruckte Schwarte, wenn sie in genügend Frauenhände gelangt, ein Millionen-Kosten-Ersparnis wäre und diese klinisch tote Umgebung würde sie bestens zum Schreiben inspirieren.«

»Was für ein Buch?«

»Na ihre Ärztin hat gemeint, daß sie ihre Ehe am besten verarbeitet, wenn sie sich alles von der Seele schreibt. Da hat die Aleksa angefangen zu tippen. Wie eine Blöde. Zwanzig Seiten am Tag. Das hat die Frau Doktor gelesen und sie ist vor Lachen unter den Tisch gerutscht. Sie meint, daß sie noch nie von solchen Strategien gehört hat, wie man eine Frau so unter Druck setzen kann, daß sie letztendlich glaubt selbst Schuld an ihrer Ehe-Misere zu sein. Damit sie nicht aufbegehrt und alles hinnimmt. Und das ihr Mann schon oft verheiratet gewesen sein muß.«

»War er ja auch. Tja, Lebenserfahrung kann manchmal Gold wert sein.«

»Das hat sich die Ärztin auch gesagt und den Anfang vom Manuskript, mit Aleksas Einverständnis, an verschiedene Verlage geschickt. Ein Ratgeberbuch soll es werden. Titel: ›Wie man eine Frau hin- und bei Laune hält.‹ Als Antwort kam dann, daß sie solch einen Dreck schon zu oft verlegt haben. Da es aber immer noch genug Idioten gibt, die so etwas kaufen werden, würden sie es mal lesen. Jetzt stehen die Telefone nicht mehr still, weil die sich um das Manuskript kloppen. 365 Seiten sollen es nun werden. Jede Seite ein Tipp für jeden Tag im Jahr. Ein Astrologe soll dann noch sortieren und die Reihenfolge festlegen.«

»Die Aleksa wird also berühmt. Für irgendwas muß ihre Ehe ja gut gewesen sein.«

»Sie wird nicht berühmt. Das Buch erscheint unter dem Pseudonym B. B. Keine Ahnung was das soll. Ich habe sie danach gefragt aber sie hat mich nur blöde angegrinst. Das wird wohl ewig ihr Geheimnis bleiben.«

»So, genug geschwatzt. Das Ripperchen fängt bald an. Da wolltest du zu Hause sein.«

»Ist das ein Rausschmiß? Das ist ja ganz was Neues! Ich kann noch gar nicht gehen! Ich habe nämlich noch nicht ›Sadist‹ brüllen können, damit es aufhört mit regnen. Soll ich nun naß werden oder was?«

»Hm, du ich habe vorhin etwas geflunkert. Das Fischlein ist doch noch nicht Geschichte. Ich kann doch so schlecht nein sagen … Dann habe ich irgendwie die Termine vermischt. Ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Jedenfalls war sie eine halbe Stunde vor dir hier und sie ist jetzt im Arbeitszimmer.«

»Ach? Und warum ist sie nicht mit in die Küche gekommen? Was essen und schwatzen? Ist Madame etwas Besseres?«

»Sie kann nicht: Spanngurte.«

»SADIST!«

Und schlagartig hört es auf mit regnen.

Totgeschriebene leben länger ...

Freitag, 24. Dezember 2010

Männer, Frauen, Tankbetriebe – ein Weihnachts-Special


Der geneigte Leser möge auch »zuhören, entspannen, nachdenken« vom März/10 lesen um sich den Sachverhalt weiter zu verinnerlichen.

»Ja? Hallo? Was? Wer? Hör mir bloß auf! Ja, dir auch noch schöne Festtage. Tschüß!«

»***«

»Nein, ich versuche schon seit einer halben Stunde munter zu werden und ich bin definitiv kein bißchen genervt! Kein bißchen! Uaaaauaaahhhh!«

»***«

»Nix ist passiert! Wie auch! Doch! Weihnachten ist passiert! Gestern! Und ich versuche gerade aufzustehen! Uaauuahhh. Ach Scheiße! Mir tut alles weh. Ist ja kein Wunder. Ich bin ja schon 33.«

»***«


»Keine Ahnung. Spät oder früh. Hell war es jedenfalls noch nicht. Ich bin auch bloß auf die Couch gekrochen. Uaaauhhahhh! Ach, Scheiße! Mein Kopf! Das gibts nicht. Kannst du nicht mal fix vorbeikommen? Meine Zigaretten liegen auf dem Teppich. Bücken geht im Moment nicht.«

»***«

»Mann! Ich weiß, daß es ganz schön weit ist! 395km, um genau zu sein. Laß mal. Bleib dort. Dich kann ich jetzt hier auch nicht gebrauchen. Außer, du bringst dein Malerzeug mit. Hier hat nämlich immer noch keiner renoviert. Wer auch? Ach Fuck! Wenn ich mich nochmal hinlege, brauche ich mich nicht bücken. So komme ich an die Kippen ran. Uaaaahhhuahhh! Scheiße, mir tut alles weh! Aber so dreht sich wenigstens nichts mehr. Ob ich aufs Klo kotzen gehe? Was sagst du? Nein, bloß nicht wieder aufstehen. War der Brandfleck eigentlich schon immer im Teppich? Komisch, den sehe ich heute das erstemal. Weißt du, wo mein Feuerzeug ist?«

»***«

»Na, wo schon? Dort, wo alle alleinstehenden Frauen mit zwei Kindern auf diesem Planeten zum Heilig Abend sind: Bei ihren Eltern natürlich! Hör mir auf!«

»***«

»Nein, natürlich nicht! Dort habe ich nur Selters getrunken. Das war später, an dieser scheiß Tanke. Oh Gott, was ich mir da alles reingeschüttet habe! Mit diesem Scheißtypen! Zum Schickessengehen wollte er mich einladen! Ich könnte kotzen! Aber nicht hier. Ohne Kaffee geht früh gar nichts.«

»***«

»Nein, gar nichts. Nicht mal kotzen. Nichts. Ich knalle mir jeden früh eine Kanne Kaffee rein, damit ich halbwegs munter werde. Wie jetzt. Ich nehme dich mal mit in die Küche. Uaaaauahhhh! Meine Knochen. Mein Kopf. Meine ... Was hattest du gesagt? Wie spät ist es jetzt? Ach du Scheiße! Vor einer halben Stunde sollte ich bei meinen Eltern sein. Den Kleinen wieder abholen. Da war das Klingeln vorhin doch das Telefon. Mal schauen – zwei verpaßte Anrufe. Scheiße, so wie ich die kenne, sind die jetzt auf den Weg hierher. Aber eh die loskommen und fertig werden – da habe ich noch Zeit für einen Kaffee. Wo war die Küche? Was sagst du?«

»***«

»Ja, ich weiß, die Treppe runter und dann ... Wohnst du hier oder ich? Mann! Ach, der Franz wurde reich beschenkt. Keine Sorge. Dafür haben meine Eltern und sein Papa tief in die Tasche gegriffen. Mensch, was will der mit deinem alten Computer? Der kommt nächstes Jahr erst ... AAAAAAAAAAAAAAAHHHHHHHHHHHH!!!«

»***«

»Nein! Nicht die Knochen! Der Kopf! Mein Gesicht! Hier hängt ein Spiegel! Oh mein Gott! Ich sehe aus! Ich muß gleich kotzen! Was ist denn das für eine Schramme? Als hätte ich gestern mit dem Rauhputz im Bad gekuschelt! Aber einen Knutschfleck ...? Nein, wenigstens was. Kaffee! Intravenös! Dann kalt duschen und ... AAAAAAAAHHHHHHH!!!«

»Nein! Der Spiegel hängt noch. Die Küche! Was ist denn hier passiert? Hier siehts aus! Das kann unmöglich ich gewesen sein. Ich träume ja wohl! Kneif mich mal!«

»***«

»Ich bin munter! Munterer kann man nicht sein! Meine Eltern kommen gleich. Hier siehts aus wie Bombe! Das war meine Große. Melanie...e...e! Määäähhlaaniieeee!!! Was war hier los! Wieso liegst du noch im Bett? Um diese Zeit? Was? Was?«

»***«

»Nein, keine Ahnung. Woher soll ich das wissen? Oh mein Gott! Hier siehts ...«

»***«

»Natürlich weiß jede Mutter, wie alt ihre Tochter ist. Nur ich nicht! Ich habe keine Tochter! Im Moment zumindest nicht. Weißt du, wie es hier aussieht? Sie wollte, nachdem wir bei unseren Eltern schon gegessen hatten, sich hier noch ein paar Spaghetti machen. Aber hier siehts aus, als wenn eine Pizzabude explodiert wäre! Määähhhlanieeee! Du gehst nicht erst duschen! Die Oma kommt gleich! Doch du gehst duschen! Und du nimmst die Küche mit ins Bad!«

»***«

»Na deinen Humor möchte ich haben! Ich will gar nicht wissen, was es da zu lachen gibt. Mir ist zum Heulen zumute. Braucht man für Spaghetti Kaffee? Und wenn ja, wieviel? Im Kühlschrank steht keiner. Der ist leer.«

»***«

»Was gibt es da zu lachen? Neben der Mikrowelle steht nur das Katzenfutter – doch hier ist der Kaffee. Kennst du jemanden der für Lau Mikrowellen repariert? Oder den Abfluß? Der ist nämlich immer noch kaputt. War klar. Die Filtertüten sind alle. Die braucht auch kein Mensch, weil die Kaffeemaschine auch nicht mehr geht. Bleibt türkisch aufbrühen. Meellaaaaaniieeeeee! Kommst du endlich mal? Ich weiß nicht, wenn ich mich hier so umsehe ... Die wird mir auch immer ähnlicher. Oh Gott! Ich will nicht mehr ...«

»***«

»Ja doch. Sie ist 15. Zumindest habe ich das so in Erinnerung. Gestern habe ich ihr fast meine gesamten alten Klamotten geschenkt. Sonst hat sie nichts bekommen. Außer von ihrer Oma. Von der gabs ein paar Bettlaken für die Aussteuer.«

»***«

Sie hat ein Ding an der Waffel! Nicht wir! Was denkst du, wer meine Klamotten anhat? Sie! Immer wenn sie nichts mehr zum Anziehen hat, weil ihre Klamotten sich verdreckt in ihrem Zimmer stapeln, borgt, ja borgt sie sich welche von mir. Nur, das ich davon nie etwas weiß! Jetzt habe ich auch nichts zum Anziehen mehr, weil sich meine Klamotten auch bei ihr stapeln! Das sind inzwischen 6 Hosen, 4 T-Shirts – sogar der gute Wacken-Fetzen –, 5 Pullover, 2 Jacken, 3 BHs und die Schlüpfer habe ich gar nicht mitgezählt! Das kann sie jetzt alles behalten. Die hat ein Ding an der Waffel!«

»***«

»Nein! Ich werde mich hüten, ihr Zimmer zu betreten. Wer weiß, was mich da noch so alles erwartet. Sie muß ja darin schlafen und nicht ich. Es ist ihr Problem, wenn sie nie etwas zum Waschen rausgibt. Da kaufe ich mir eben ein paar neue schicke Sachen. Fertig! Määääääählanieeeeeeee! Bist du endlich fertig mit duschen? Dann entsorge endlich die Sauerei hier! Die Oma kommt gleich! Der Opa sicher auch! Mit dem Franz! Nein, ich weiß nicht, wo du mein Schminkzeug hingetan hast! Ist es denn die Möglichkeit ...«

»***«

»Nein! Das sehe ich gar nicht ein! Das ist meine Wohnung. Da schließe ich meine Schränke nicht zu. So weit kommt es noch! Nein, irgendwann in den nächsten Tagen ist ihre Bude restlos zugemüllt. Dann muß sie ihre Klamotten ins Bad verlagern. Da wasche ich die einfach mit und fertig! Bis dahin halte ich noch durch! Meeelanieee! Kommst du endlich? Ich fasse hier nichts an! Das ist dein Dreck! Uaaaahuhuhuaaa! Mein Kopf! Das Rumgeschreie! Wäre ich gestern bloß zu Hause geblieben!«

»***«

»Ach das Übliche. Wie jedes Jahr zu Weihnachten. Punkt 16.00 Uhr sollten wir bei meinen Eltern sein. Da waren wir auch. Allerdings zu spät. Wie immer. Da fingen die schon an rumzunerven. Der Kaffee wäre kalt geworden und so. Dabei war der noch nicht mal gekocht. Das übliche Hickhack eben. Seit 30 Jahren überlegen die sich, wann und wie sie sich scheiden lassen. Immer kommt was dazwischen. Erst mein Geburtstag, dann der meiner Tochter, Weihnachten usw. Immer sind alle anderen schuld, daß sie das Event noch nicht durchgezogen haben. Meistens natürlich ich. Die Tochter, wegen der man sich hat nicht scheiden lassen können. Melanie! Bist du noch im Bad?«

»***«

»Ja, natürlich ist das normal. Das geht jedem so. Aber müssen die dann zum Heilig Abend so penetrant auf Harmonie und glückliche Familie machen? Das ist doch ätzend! Und dann fangen sie gewöhnlich an, auf mir rumzuhacken. Wann ich endlich mal wieder einen Mann hätte, das wäre doch so schön, zu Weihnachten in Familie, ob denn etwas in Aussicht wäre, die Kinder bräuchten doch einen Vater und sie würden uns zu Weihnachten auch gern mal besuchen kommen. Diese ganze beschissene Palette hoch und runter. Aber dieses Mal: Nichts! Null, Zero, kein Wort davon haben sie fallengelassen.«

»***«

»Ich? Na, 33. Das weißt du doch! Was soll denn das heißen? Na klar. Erst dachte ich, die sind zu Vernunft gekommen und warten einfach ab, bis ich mit einem Mann so weit bin und ersparen sich einfach ihre Vorwürfe ...«

»***«

»... aber dann zur ... Was gibts da zu Lachen? Ich finde das nicht komisch! Dann zur Bescherung – das war der Hammer! Weißt du, was ich von ihnen bekommen habe? Weißt du das?«

»***«

»Woher weißt du das? Ja, als wäre ich eine alte vertrocknete Jungfer, die mit ihrem Leben und ihrer Sexualität schon abgeschlossen hat! Das gibts nicht! Ich war so etwas von geschockt! Ja! Diese Scheiß CDs von Unheilig und Ina Müller! Ich bin in die Küche gerannt und mußte erstmal flennen.«

»***«

»Korrekt! Der Toaster stand griffbereit. Ina Müller hat zu erst Feuer gefangen. Wie kommen die dazu, mir so einen Scheiß zu schenken? Fuck! Gut. Ich bin 33. Na und? Deswegen ist doch das Leben noch nicht vorbei! Die tun so, als wäre ich schon 30 Jahre verheiratet und nicht sie!«

»***«

»Nein, die haben nichts gemerkt. Die waren in ihrer Stube und haben den Franz beschenkt. Ich habe das Küchenfenster aufgerissen und wie eine Blöde den Mulm rausgewedelt. Dabei habe ich das Glas Letscho vom Küchentisch gerissen.«

»***«

»Nein, die essen den immer zum Nudelsalat und den schlesischen Weißwürsten. Eklig. Ich habe keine Ahnung, woher sie diese Unart haben. Aber das war nicht das Problem. Letscho haben die palettenweise im Schlafzimmer. Die Vorräte reichen bis zum Jüngsten Tag. Das ist der gute Spreewälder, weißt du?«

»***«

»Woher soll ich das wissen? Die kaufen den, glaube ich, immer ab Werk. Das kaputte Glas war, wie gesagt nicht das Problem. Aber wie ich da am Wischen war, fing es komisch an zu riechen.«

»***«

»Eben nicht! Laß mich doch mal ausreden! Es roch nach verbrannten Holz und nicht mehr nach Plaste. Der Qualm kam auch plötzlich nicht mehr vom Toaster, sondern aus dem Flur durch die Küchentür.«

»***«

»Richtig. Der Herr Prophet hat wahr geraten. Warum erzähl ich dir das alles, wenn du sowieso alles ahnst? Vielleicht kann er auch weissagen, wann mein Tochterherz hier erscheint? Melaaaaaaaaanieeeeeee! Was? Dann nimmst du meine Wrangler aus meinem Schrank! Das fällt auch nicht mehr auf.«

»***«

»Ich kann einfach nicht mehr. Das hat mit Inkonsequenz nichts zu tun. Ich reiße mir hier den Arsch auf und ich weiß eigentlich nicht warum. Wo soll das bloß hinführen? Ich könnte schlafen, schlafen, schlafen. Melaaaaniee! Die Oma ... Ach, egal. Der Baum brannte also. Die mit ihren Scheiß-Wachskerzen! Jedes Jahr brennt das Ding! Jedes Jahr habe ich dieses Theater. Aber die sind so etwas von therapieresistent. Irgendwie werden die mir auch immer ähnlicher. Oh Gott, ich könnte kotzen.«

»***«

»Ja, später. Wenn der Kaffee alle ist und meine Mutter hier auf der Matte steht. Dann kotze ich mir das ganze vergangene Jahr aus dem Hals. Versprochen. Aber jetzt erstmal das Gestern, also Weihnachten. Ich habe das Teil also gelöscht. Mit einem Schwung war der Baum aus und mein Wischeimer leer.«

»***«

»Ja, wo soll der Letscho jetzt wohl sein? Na, wo denn? Im Baum, an der Gardine, auf dem Teppich und in der Schrankwand. Aber der Baum war aus. Gelöscht. Von mir. Du, das sah total ulkig aus, wie die Paprikastreifen neben den Baumkugeln hingen oder langsam die Tapete runterrutschten. Der Franz hat sich bald weggeschmissen vor Lachen. Die Story glaubt ihm im Kindergarten keiner.«

»***«

»So in etwa. Mein Vater hat geflucht und dabei das Wort Scheidung, das erstemal zu Weihnachten gebraucht. Etwas besseres konnte meiner Mutter gar nicht passieren. Flugs ist sie in die Opferrolle geschlüpft und zum Mahnmal erstarrt. Naja, dann haben sie kurz durcheinandergeschrien, keiner hat – wie gewohnt – dem anderen dabei zugehört und schließlich sind sie – wie gewohnt – wieder zur Tagungsordnung übergegangen. Das heißt: Papa ist auf den Knien rumgerutscht, um die gemeinsame Basis, also den Teppich zu retten, und Mutti hat aufgetafelt. Meeelanieee! Was? Du siehst doch, daß ich jetzt telefoniere! Du mußt jetzt niemanden anrufen! Du sollst dir meine Wrangler ... Ach Scheiße!«

»***«


»Na, klar. So wie die fertig waren mit Spachteln, sind ich und Melanie verschwunden. Wir sind nach Hause gelatscht. Endlos. Dann bin ich unter die Dusche gehuscht und habe mir schnell die Zähne geputzt.«

»***«

»Genau. Das war völlig sinnlos. Aber egal. Ich muß wenigstens noch die Etikette wahren. Wäre ich bloß zu Hause geblieben! Aber was soll ich alleine Weihnachten zu Hause? Ein Buch lesen? Oder gleich mit bei meinen Eltern bleiben und fernsehen? Nein. Aber damit hat der Kerl gerechnet. Der hat eiskalt meine Notlage ausgenutzt. So ein Arsch! Lecker Essen! Zu Weihnachten! Ich hätte mir denken können, daß das nichts wird.«

»***«

»Keine Ahnung. Irgendwo im Internet. Den Überblick, wo bzw. in welchen Singlebörsen ich überall angemeldet bin, habe ich schon lange verloren. Klar, zu Weihnachten hat maximal eine Fidschi-Kneipe auf. Abholen wollte er mich. Haha! Das hat er auch! Mit seinem Müllauto. Drinnen ist das genauso verdreckt wie meins. Das hätten wir nehmen sollen! Da wären wir wenigstens noch bis in eine Schenke gekommen und nicht nur bis an die Tankstelle! Sprit alle! In seinem Auto und in der Tanke auch. Die hatten nur noch Diesel. Der Tankwagen wäre auf der Autobahn verschütt gegangen. Also sind wir dort geblieben.«


»***«

»Ja, na klar! Was sonst? Der Typ hinterm Tresen hat gute Musik aufgelegt und sogar zwei private Gläser für unser Büchsenbier rausgerückt. Ein ganz Netter! Und schnuckelig war der. Den sollte ich mir krallen! Wenn der zu Weihnachten Dienst schiebt ... Da weiß ich doch auch alles!«

»***«

»Erst ja. Dann kamen noch ein paar Penner. Aber die waren ganz nett. Mit dem Heini aus dem Internet hatten sie gleich einen guten Draht. Über Männerkram haben die geredet. Computer, Stoßdämpfer und ihre begangenen Heldentaten auf Arbeit. Egal, ich habe kaum hingehört und mich an den Tankwart rangeschmissen. Verhalten natürlich. Nicht so aufdringlich. Auf der Toilette waren wir ...«

»***«

»... um zu rauchen, du Blödmann! Nicht, was du denkst!«

»***«

»Ja früher! Früher sah die Welt ganz anders aus. Da konnte ich mir meine legendäre Kurzentschlossenheit noch leisten! Aber heute? Du ich bin 33! Weißt du, was das für eine Frau heißt? Früher ja! Da habe ich mir zu Weihnachten und zum Geburtstag was geschenkt! Meine aktuellen Kerle nämlich. Oder einen von ihnen. Die konnte ich mir ja wirklich schenken! Da habe ich mir etwas Gutes getan und mich getrennt. Heute ist das genau andersherum! Und nicht mal das. Ich könnte heulen! Und kotzen natürlich.«

»***«

»Nein, umbringen könnte ich andere. Da gibts genug Kandidaten, die ich meucheln würde. Egal. Jedenfalls gaben die Penner eine Runde nach der nächsten aus. Bier, Feigling, Bier und so weiter. Herrlich. Wie früher, als ich noch jung war.«

»***«

»Arschloch. Das war nach Christi Geburt. Egal. Plötzlich geht die Tür auf – und weißt du wer da reinkam? Meine Nachbarin!«

»***«

»Ja! Ja! Die alte Schreckschraube von gegenüber. Mich hat es ja fast umgehauen! Die Alte, die immer so eine vorbildliche Familienmutti raushängen läßt. 3 Kinder, einen Mann und die Bude immer Picobello. Die rammelt zum Heilig Abend rotzbesoffen in die Tanke! Aber nicht nur das! Die hatte einen Yeti im Schlepptau! Einen Mann! Ach, was sage ich! Ein Tier! Mirko heißt der und die würden sich schon länger kennen. Die ist bald in den reingekrochen! Wie kommt dieses Weib an so etwas? War die zum Familienausflug im Zoo und hat den in der Tierparktombola gewonnen? Ich begreife es nicht!«

»***«

»Wahrscheinlich. Die braucht einen Ausgleichssport für ihre stinklangweilige Familie. Das, was ich mir so wünsche! Eine ganz normale Familie! Und diese ..., diese ..., hat die so satt und bekommt als alternatives Schmeckerchen so einen Grizzly ab? Ich könnte ...!«

»***«


»Nein, es war ganz entspannt. Wir haben schön geschwatzt und der Yeti hat einen nach dem anderen ausgegeben. Bier, Wein, Whisky, Korn, Bier, Wein usw. Das wurde richtig lustig. Mein Typ aus dem Internet ist dann in sein Auto schlafen gegangen. Meine Nachbarin war auch irgendwie verschwunden. Aber das hat der Stimmung keinen Abbruch getan. Die Musik war herrlich! Der Grizzly und die Penner haben mitgesungen, die kannten sich wohl auch von früher und ich habe getanzt! Völlig losgelöst, von der Erde ...«

»***«

»Na klar auf dem Tisch! Wo sonst?«

»***«

»Klar haben die nur Stehtische! Na und? Das war egal! Ich weiß ja auch nicht mehr, wie ich da hoch gekommen bin! Aber wie wieder herunter, fällt mir gerade ein. Ach du Scheiße! Daher auch die Schramme! Orr, neee! Gut, das gehört eben dazu. Egal. Bei: ›Er gehört zu mir! Wie mein Name an der Tür.‹ Habe ich das Kühlregal Cross genommen und bin in die Backwaren geknallt.«

»***«

»Keine Ahnung. Von da ab, weiß ich nichts mehr. Das nächste war, daß du mich angerufen hast. Das ist jetzt auch egal. Meeeelanieeee! Gehst du mal an die Tür? Weißt du, was jetzt passiert ist? Mutti vor Ort. Ach du Scheiße und hier siehts immer noch aus ... Sag mal: Muß man seine Eltern rein lassen?«

Frohes Fest!