Untergehen ist das Eine, unter der Oberfläche bleiben das Andere. ;-)

Freitag, 8. April 2011

Der Boden der Realität kann so etwas von hart sein ... Teil 7 (1. von 5)


geschrieben im Jahr des Herrn 2008

Großstadtdschungel, die selbe gemütliche Hinterhofküche wie immer, mit einem Küchentisch, darauf fünf brennende Kerzen, eine geleerte Flasche Rotwein, und ein halbvoller Aschenbecher.
Es wird wieder ein durchlachter und verlaberter, freundschaftlicher Abend werden.
Sie schaut aus dem Fenster, und er lehnt sich müde zurück.

»Ist das wieder ein Scheißwetter heute – Mensch, wo bleibt der Frühling? Erst gab es keinen Winter, nur Regen, dann schneit es zu Ostern und nun regnet es wieder! Was soll das? Die spinnen doch! Wie du mit deiner Suppe! Seit September kriege ich hier nur noch Kürbissuppe! Jede Woche dasselbe! Dazu kommt, daß sie so schmeckt, wie ich sie kenne! Logisch! Die Rezepte sind ja von mir! Den Zucchini kann ich auch nicht mehr sehen! Igitt!«

»Ach? Kürbissuppe wäre doch lecker? Wenn man sie richtig zubereitet? Nach deinen Rezepten? Hast du selbst gesagt! Und wer hat den Zucchini mit angeschleppt? Du! Also löffle die Suppe auch aus, die du dir eingeschnippelt hast!«

»War klar! Der Herr hat, damit er nicht verhungert, noch eine Sicherheitsbockwurst im Kühlschrank! Wenn ich weg bin, kommt die dran! Das alles erinnert mich komischerweise an die Aleksa. Suppe auslöffeln, immer dasselbe und die geheime Sicherheitsbockwurst!«

»Aleksa? Ewig nicht gesehen. Gibts da etwas Neues? Schwanger wird sie ja kaum sein. Da bleibt nicht viel …«

»Sie heiratet!«

»Ach du Scheiße! Wen denn?«

»Na wen wohl? Machst du Witze? Natürlich den, wegen dem sie ins Fitti gerannt ist! Sie ist über dreißig! Die hat nicht mehr viel Zeit! Was soll sie da noch lange rumsuchen?«

»So gesehen – hast du natürlich recht. Aber warum gleich heiraten? Muß sie etwa? Ist sie wirklich schwanger? Von ihm oder der Sicherheitsbockwurst? Wie heißt der denn? Was ist das für ein Kerl?«

»Blödmann! Warum sie heiratet, weiß ich auch nicht. Schwanger ist sie jedenfalls nicht. Wie auch? Von was? Ob sie sich nebenbei noch spaßeshalber einen Kerl hält, weiß ich auch nicht. Mensch, ich habe sie nur kurz im Erotic-Sh…, äh beim Frisör getroffen. Sie mußte da auch dringend weg, und hatte keine Zeit für einen längeren Plausch.«

»Beim Frisör? Wenn ich dich so ansehe, muß euer Treffen über ein Jahr her sein! Oder hat der jetzt vertierte HARTZ IV Frisuren im Angebot?«

»Du Arsch! Setz endlich deine Brille auf! Oder ich verpasse dir eine Kürbissuppengesichtsmaske auf Zucchinigrundlage!«

»Reg dich nicht auf! Die Tiefkühltruhe habe ich gestern leergemacht. Das Frostgemüse ist in der Mülltonne gelandet. Nächste Woche gibt es wieder etwas ordentliches zum Essen. Keine Bockwurst. Gut siehst du aus. Warst du beim Frisör?«

»Du Schleimkeim! Das gibts doch gar nicht! Immer tust du so, als wären wir schon zwanzig Jahre verheiratet! Ich werde nie heiraten! Dich schon gar nicht! Ich bin doch nicht so blöd, wie die Aleksa!«

»Die Aleksa ist nicht blöd. Deswegen heiratet sie ja nicht mich, sondern ihren Heini. Und warum sie das tut, ist mir jetzt auch klar.«

»Klar wie Kloßbrühe. Auf deine Erklärung bin ich jetzt gespannt. Hast du noch Wein da?«

»Ja, du weißt doch, wo er steht. Obwohl mir jetzt eher nach Wodka wäre. Oder Absinth. Ich fasse es nicht! Die Aleksa heiratet! Die spinnt! Wie immer! Wenn ich die zwischen die Finger bekomme! Da sollte sie sich warm anziehen!«

»Zwischen den Fingern hattest du sie schon. Hättest du mal ganze Arbeit geleistet, würde sie jetzt nicht heiraten. Gib mal dein Glas rüber!«

»Ach …, zwischen den Fingern ist gut. Das ist eine ganz alte Geschichte und diese ist schon lange verjährt. Wie die Aleksa. Über dreißig ist die Frau! Wie schnell die Zeit vergeht –. Wann heiratet sie denn? Gib mir gleich die ganze Flasche!«

»Alter Suffkopp! Das hilft auch nicht mehr! Am liebsten hätte sie im Frühling geheiratet. Da der eh nicht zu kommen scheint, wäre sie mit einem Termin im Sommer, am liebsten am 8.8.08, auch zufrieden gewesen. Nur ist auf dem Standesamt alles bis Ende Oktober ausgebucht. Also muß sie im November heiraten.«

»Zum Totensonntag womöglich? Der Spartag für schnell Entschlossene zum letzten Versuch? Soviel wie ich weiß, macht es da das Standesamt zum halben Preis und ein Termin ist immer zu bekommen. Wäre die Aleksa, oder ihr Macker, privat und nicht gesetzlich krankenversichert, würde sie nächste Woche einen Termin bekommen. Ich bin privat versichert! Warum bringst du immer nur eine Flasche Wein mit?«

»Ha-ha! Totensonntag! Du Spinner! Und wieso soll ich immer den Wein holen? Wir sind nicht verheiratet! Und jetzt gib mir die Flasche zurück. Die Kerzen sind auch runtergebrannt. Hast du noch welche da?«

»Wenn du mir versprichst sie auch in die Kerzenhalter zu stecken – im rechten Schieber.«

»Wo sollte ich sie denn sonst …? So sexuell frustriert bin ich nun auch wieder nicht.«

»Hätte sexuelle Frustration ein eigenes Gewicht, wäre schon manches Wohnhaus unter dieser Last zusammengebrochen. Deines zum Beispiel. Halt die Kerze gerade! Du kleckerst mir doch alles voll.«

»Das hat sie wahrscheinlich auch. Deshalb steht mein Haus ja auch noch und deins ist voller Risse. Ach Kleckerkram! Warum heiratet die Aleksa deiner Meinung nach nun? Erklärung!«

»Weil sie eigentlich gar nicht heiraten will.«

»Hä? Was? Du machst mich alle! Jetzt rede endlich!«

»Es ist doch ganz einfach. So, wie ich die Aleksa kenne, hat die gar keine Lust auf Familie, Kind und Kegel und so einen Kram. Aber alle Welt erwartet von ihr, als Frau, eine Familiengründung. Die wird erdrückt von der Erwartungshaltung ihrer Verwandten. Eine Familie ist doch so etwas schönes und das normalste von der Welt! Das gehört sich einfach. Dabei gibt es nur Mord und Todschlag quer durch ihre standesamtlich verbandelte Verwandschaft. Aber die kennen nichts anderes und halten verschiedene Straftatsbestandteile für Liebe. Freiheitsberaubung, Nötigung, Betrug, Erpressung und Unzucht mit Abhängigen. Das nur bestenfalls.
Die sind alle so etwas von glücklich und möchten unbedingt, daß die Aleksa das auch wird. Schließlich gehört sie zur Familie. Da steht man für einander ein und denen ist dabei auch jedes Mittel recht. Allen voran stürmt ihre Keifschwester. Natürlich verheiratet. Und das natürlich glücklich. Mit liebevollen aufgeweckten Kindern. Das können dir alle bestätigen. Angefangen beim Dorfsheriff bis hin zu Ihrer Kinderpsychologin.
Diese Giftnudel – du, die putzt sich die Zähne mit Zyankali und sie nimmt gegen Verdauungsbeschwerden Strychnin – bohrt schon seit Jahren in der Aleksa rum. Warum sie noch nichts Festes hätte? So schlecht sähe sie doch gar nicht aus! Ob bei ihr alles normal ist? Ob sie schon mal beim Arzt war? Das sie langsam mal zu Potte kommen muß. Sie würde bald dreißig werden. Da wäre das brauchbare männliche Material schon vergeben. Glücklich natürlich! Und so weiter ... Du kennst ja die Litanei.«

»Ja, warte mal. Ich gehe Wein holen. Wieviel Flaschen? Hast du Absinth da? Oder Wodka?«

»Gut, beeile dich! Zwei Flaschen! Leider nein! Nimm bitte den Aschenbecher zum Ausleeren mit.«

»Dein Mülleimer ist voll! Hast du nicht noch einen anderen Ascher? Wo ist der Korkenzieher?«

»Dann nehmen wir die Vase hier. Die tut es auch und den Korkenzieher habe ich. Gib mir mal eine Pulle rüber!«

»Welche? Also jetzt ist sie dreißig ...«

»Über dreißig! Und noch nicht verheiratet! Gib mir einfach alle beide Flaschen, damit ich sie aufmachen kann.«

»Dann eben über dreißig! Mein Gott! Quatsch weiter!«

»Sie ist also über dreißig und nicht verheiratet. Das ganze Dorf zerfetzt sich das Maul über sie. Das sie dabei auch noch kinderlos geblieben ist, kommt erschwerend dazu.
Da kann doch etwas nicht stimmen!
Verheiratet zu sein, und keine Kinder zu haben, erregt nur Mitleid. Aber ledig, balglos und über dreißig? Gibt es nicht! Nicht auf dem Dorf. Wenn man mit über dreißig noch kinderlos ist, bedeutet das, im gesundem Volksempfinden, daß nicht mal der letzte Dorftrottel zum Zuge gekommen ist. Der Zug für sie also abgefahren ist. Das wirft kein gutes Licht auf die ganze Familie, sondern einen dunklen Schatten, den die Dorfgemeinschaft, bei allen sich bietenden Gelegenheiten, wie Kirmes, Arztbesuch, Plausch über den Gartenzaun usw. durch gezielte höhnische Fragen, erhellen möchte. Fragen, die eine Entschuldigung für Aleksas abartiges Verhalten fordern.
Das nervt! Dieser Demütigung kann ihre Familie nur entgehen, wenn sich Aleksa ergebnisorientiert paart oder zumindest heiratet.«

»Die Aleksa wohnt schon lange nicht mehr auf ihrem Dorf, und ihre Familie ist ihr ziemlich schnuppe.«

»Richtig. Aber selbst die Stadt besteht nur aus Dörfern, und Aleksa ist nunmal schon über dreißig!«

»Du machst mich alle, mit deinem ›über dreißig‹! Ich bin Anfang dreißig! Und? Wenn ich mal heirate, dann nicht weil mir meine Familie tierisch auf den Geist geht, sondern weil ich es als ein sehr romantisches Symbol sehe, zu zeigen, daß man zueinander gehört, und sich die ewige Treue verspricht.«

»Genau wie die Aleksa. Die ist sich wahrscheinlich auch nicht mehr sicher, ob der Knabe noch zu ihr gehört. Deshalb läßt sie sich sein Versprechen gleich mal amtlich beglaubigen. Versprochen hat er bestimmt schon viel …«

»Naja, sie meinte, daß langsam mal was passieren mußte …«

»Also hat sie, um ein wenig Schwung in ihre Beziehung zu bringen, die Hochzeit eingeleitet. Clever die Frau! Mit der Heirat gilt sie im Dorf und bei ihrer Familie wieder als geheilt, es ändert sich auch nichts, sie kann ihr Leben weiterverwuseln wie bisher und die Sicherheitsbockwurst ist ja auch noch am Start.«

»Das ist doch Quatsch! Wenn sich eh nichts ändern soll, brauch sie ja nicht ihren Heini heiraten! Warum nimmt sie dann nicht gleich die Bockwurst? Falls es die, besser den, überhaupt gibt? Da gibts vielleicht später auch ein Kind?«

»Weißt du, ob der will? Vielleicht ist er ja selber schon verheiratet, hat massenhaft Kinder aber keinen Sex? Du hast selber gesagt, daß die Aleksa in ihrem Alter nicht mehr ewig Zeit hat, um nach Heiratskandidaten zu suchen. Also nimmt sie den, den sie schon ausprobieren konnte. Da weiß sie, was sie hat und was nicht.«

»Du bist krank. Total. Mach mal die nächste Pulle auf!«

»Wenn du noch eine holst?!«

»Gib mal schnell den Öffner! Aber du wirst sehen: Ich heirate aus Liebe!«

»Ach auf einmal? Ich denke, du heiratest nie?«

»In einem wunderschönen, cremefarben Kleid! Mit einem dezenten Schleier!«

»Das wirst du auch müssen! Das Bundesamt für Umweltschutz hat vor zehn Jahren erlassen, daß Frauen über dreißig einen Schleier bei der Trauung tragen müssen, und ihre Hochzeitkleider nicht weiß sein dürfen, weil sie ja selber nicht mehr so frisch sind. Der Verbraucherschutz steht wie ein Mann hinter der Verordnung, und es gibt verschärfte Kontrollen, mit hohen Bußgeldern bei Nichteinhaltung!«

»Du! Du! Du bist … ach egal. Und zum Standesamt fahren wir mit einem gemieteten Oldtimer. Ich habe im Internet schon mal nachgeschaut. Da gibts, ganz preisgünstig, so einen kleinen rundgelutschten Mercedes. Niedlich sag ich dir!«

»Eine Isetta? War die nicht von VW? Egal, wenn ihr dann rückzu die Döner-Allee mit 90 km/h runterbrettert, gibt es gleich preisgünstig die Hochzeitsbilder dazu. Der Blitzer dort arbeitet rund um die Uhr!«

»Hast du irgendwann in deinem Leben, ich betone: Einmal! Einen konstruktiven Beitrag abgegeben? Von dir kommt nur Gülle! Nichts als Knete! Null! Nichts! Zero!«

»Nö! Aber ich kann es ja einmal versuchen: Möchtest du noch Wein?«

»Ja, verdammt!«

»Wenn du welchen holst?«

»Ornee, du Arsch! Ich könnte dich ...«

»Rege dich ab. Ich habe noch eine Flasche hier. Eigentlich ist es schade, daß wir beide nicht verheiratet sind.«

»Rück die Pulle raus!«

»Dann würden uns alle dafür bewundern, wie offen, ehrlich, direkt und vor allem: Wie herzlich wir in unserer Ehe miteinander umgehen.«

»Wieviel Jahre an Lebenserwartung habe ich dank deiner Gegenwart eigentlich schon vergeigt?«

»Keine Ahnung. Aber ich tue, was ich kann und gebe mein Bestes! Das weißt du doch! Vertrau mir! Dein Telefon …«

»Klingelt nicht. Der Organizer erinnert mich nur daran die Pille zu nehmen.«

»Ja, ich habe es lange nicht gehört. War das nicht immer 21.30 Uhr? Wieso jetzt 22.00 Uhr? Ist das ein Kompromiß zwischen Sommer- und Winterzeit?
Und überhaupt! Was ist los mit euch Weibern? Du weißt genau, daß du nie heiraten wirst! Du hast aber deine Hochzeit schon minutiös geplant und durchrecherchiert. Beide wollt ihr unbedingt ein Kind! Aber du nimmst die Pille und die Aleksa heiratet gleich, um garantiert keines zu bekommen. Dabei habt ihr beide keinen Sex! Laß mich raten: Als du die Aleksa das letzte mal gesehen hast, wollte sie dringend weg! Hast du gesagt! Sie sah aus, wie ein Junkie auf Entzug, stimmts?«

»Naja, schon eher etwas gehetzt. Sie hatte ja gerade die frischen Brötchen eingepackt und wollte rechtzeitig zur Frühstückspause wieder auf Arbeit sein.«

»Ach? Seit wann gibts beim Frisör frische Brötchen? Bei der Porno-Gerda seit ihr euch über den Weg gelaufen! In ihrem Spielzeugladen! Nachschub ordern! Und das am frühen Morgen! Aber nun weiß ich, daß die Aleksa nicht mehr ins Fitti rennt.«

»Das ist gar nicht wahr! Kein Nachschub! Die Aleksa hat zu Weihnachten den selben Vibrator von ihrem Heini geschenkt bekommen, wie ich von meinem! Die Herstellerfirma hat eine Rückrufaktion gestartet! Also mußten wir da hin! Und es stimmt! Die Aleksa geht nicht mehr ins Fitti! Sie meint, daß dort irgendwie die Luft raus ist und es keinen Spaß mehr macht.«

»Dort ist nicht die Luft raus, sondern der letzte männliche Trainer ist in Rente gegangen. Unkomplizierter Sex mit Teilnehmerinnen gilt in jedem Fitti, was etwas auf sich hält, als Serviceleistung und ist in der Teilnehmergebühr mit inbegriffen. Was soll sie dann dort noch? Da muß sie eben auf den Vibrator und zur Rückrufaktion zurückgreifen.
Ist die Pulle schon alle?«

»Ja, ich hole gleich noch eine Flasche. Also gibt es auch keine Sicherheitsbockwurst für sie? So spaßeshalber?«

»Nein, die Aleksa ist da scheinbar sehr konservativ und nimmt doch den gutbürgerlichen Weg.«

»Den was? Flaschenöffner?«

»Gib mir lieber die Flasche. Bei euch Frauen weiß ich ja nun, daß ihr alles unternehmt nur damit keine Änderung eintritt. In dieser Situation möchte ich aber eine Änderung herbeiführen. Sprich die Flasche öffnen. Also her damit!«

»Den was? Den gutbürgerlichen Weg?«

»Gib mir mal dein Glas rüber! Ja, den gutbürgerlichen Weg. Seine Tradition reicht bis in das Mittelalter zurück, und wird seit dem in jeder guten Familie auf das heftigste gepflegt. Das Prinzip ist ganz einfach: Erst kommt die Pflicht, also die Heirat, dann die Kür, das wäre die Affaire oder wie Realisten es gern bezeichnen: KGVMSWP.«

»KaaGeeWas?«

»Konspirativer Geschlechtsverkehr mit ständig wechselnden Partnern. Unter Pragmatisten wird er auch Seitensprung genannt. Warum nimmst du eigentlich die Pille, wenn du eh keinen Sex hast?«

»Die Hoffnung stirbt zuletzt! Manchmal ist er ja auch ganz willig. Wenn er bowlen war oder nach der Vertreterversammlung. Aber ich weiß nicht so recht – richtig geklappt hat es dann ja bei ihm auch nicht. Umsonst schenkt er mir ja nicht so ein teures Teil.
Manchmal ist er ja ganz einfühlsam.
Er ist aus unzerstörbaren High-Tech Kunststoff. Den Vibrator meine ich. Das Material benutzt angeblich die NASA bei ihren Space-Shuttle als Hitzeschild. Das Teil ist wasserdicht bis hundert Meter unter Normalnull! Mit Docking-Station! Und über das Laptop via USB-Schnittstelle programmierbar! Du gibst, je nach Anlaß, einen oder mehrere Musiktitel ein und die Software generiert dem Chip im Spaßteil ein Vibrationsmuster. Letztens habe ich die ›kleine Nachtmusik‹ mit der ›Nußknackersuite‹ und dem ›armenischen Säbeltanz‹ kombiniert. HALLELULJA! Aber die Erfüllung ist es auch nicht. Und ein Kind? Mit Ihm? Ich weiß nicht …«

»Da bleibt dir eigentlich auch nur eine Sicherheitsbockwurst.«

»Ach, ich lerne doch keinen kennen. Wo denn? Auf Arbeit? Vergiß es! Und sonst? Wenn ich mal weggehe, dann mit meinem Heini. Da gehen wir schick essen und das war es dann auch schon.«

»Bleibt das Fitti.«

»Da war ich doch schon. Vergiß es! Die ausgelaugten Heinis bringen es nicht mehr. Außerdem haben die alle den dreihundertersten Offenbarungseid am Hals. Das Jugendamt will schließlich seine Unterhaltsvorschußzahlungen für jedes von ihnen gezeugte Kind zurückhaben. Das geht den Jugendämtern inzwischen an die Existenz. Die sind pleite und müssen zu machen, wenn sie nicht die Berufsgruppe der Fitnesstrainer bald verbieten lassen. Die Fittfische haben auch unmögliche Arbeitszeiten, genau wie mein Heini. Wo ist da der Unterschied? Finanziell am Ende ist mein Heini noch nicht ganz – es besteht Hoffnung – und bei ihm weiß ich ja was ich habe, oder besser: was nicht. Ich bin über dreißig und was soll ich da noch groß rumsuchen. Also bleibt mir nur die Pille.«

»Und kein Kind.«

»Im Moment zumindest nicht. Mein Heini ist nie zu Hause und bei mir auf Arbeit sieht es auch mau aus. Ich habe keine Ahnung, ob der Laden noch lange läuft. Der Audi, für das geschaffte Abi von der Tochter des Chefs, hat ein Riesenloch in die Kasse gesprengt. Wenn der pleite geht, stehe ich ohne Arbeit da. Da können wir uns kein Kind leisten. Ein Kind braucht doch ordentliche Eltern, die Arbeit haben und immer für sie da sind!«

»Erzähl das mal den Stadtteilbonobos vom Kiosk gegenüber. Die leben nach dem dualen Prinzip. Da gibt es strenge Regeln, die nur zwei Verhaltensmuster zulassen: Saufen und Kinder zeugen. Was da manchmal los ist! Erst gestern hat mir in der Kaufhalle so ein halbverwahrlostes Kind auf die Hose gekotzt.«

»Kinder kotzen nun mal ab und zu.«

»Ja. Besonders wenn man sie verkehrt herum hält, und sie ihren Erzeugern beim Einkaufen zuschauen müssen. Willst du los?«

»Ja, es ist schon spät. Diese Katze in deinem Hof geht mir auch tierisch auf den Senkel. Ich bekomme Kopfschmerzen von dem Gejaule! Bei mir zu Hause läuft auch so ein Vieh rum. Seit über einem Monat habe ich keine ruhige Nacht mehr wegen ihr.«

»Das da unten ist dein Kater. Nicht kastriert und im Frühlingsfieber.«

»Quatsch, ich besitze keine Katze.«

»Kater, es ist ein Kater. Der ist nur hier wenn du mich besuchst. Er heißt Fox.«

»Ich besitze auch keinen Kater!«

»Aber er würde dich gern besitzen. Deine erzwungene sexuelle Enthaltsamkeit hat deinen Körper dazu veranlaßt, ein Breitbandpheromon auszuströmen, was sogar Katzen anspricht. Oder besser: In den Wahnsinn treibt. Und genau deshalb wirst du auch nie heiraten. Männer, die du kennenlernen kannst und die dich mögen müssen, kommen eh nicht gegen den Kater an.«

»Sadist!«

Und schlagartig hört es auf mit regnen …

Donnerstag, 7. April 2011

Hausmitteilung – Bericht zur Testphase/E-Fall


Die geplante Testphase mußte gleich dem Ernstfall weichen. Nach der gestrigen, spielerischen Begegnung zwischen den beiden Fußballgiganten Dynamo Dresden und dem FC Rot-Weiß-Erfurt, der für die gastgebenden Kämpen der SGD etwas nachteilig verlief, wurde ich von Frau Rot-Weiß-Erfurt via ICQ darüber informiert, daß sie den Spielausgang und damit das Endergebnis begrüßt und dies zum Anlaß nimmt etwas zu feiern. Im Original las sich das in etwa so: »BAAAAAAARRRDDDIIEEEEE!«. Dann brach der Kontakt abrupt ab. Erfahrungsgemäß pflegt sie dann in einen Baumarkt ihrer Wahl zu fahren und auch dort zu nächtigen. Da muß man sich keine Sorgen weiter machen. Allerdings fällt mir am nächsten Morgen die Aufgabe zu, sie dort wieder herauszuholen. Sonst habe ich mir immer einen halben Wolf gesucht ehe ich der Frau wieder habhaft werden konnte. Aber heute: Kein Problem! Dank ihren schicken neuen Rucksack hatte ich sie sofort am Kanthaken. (siehe oben) Blöd nur, daß die Preistafeln auch in orange gehalten sind. Ohne Brille hätte ich mir beinahe so ein Teil unter den Arm geklemmt und die Frau wäre im Baumarkt verblieben. Aber zur Fehlerkorrektur sind ja Testphasen da und es ist ja alles gut gegangen. *g*

Montag, 4. April 2011

Hausmitteilung – zur allgemeinen Freude


Die B/A-Kammer gibt bekannt: Es ist vollbracht! Die Verteilung der guten Stücke erfolgt zu unserer Jahreshauptversammlung. Mein Dank gilt Mutti, der Spenderin des Stoffes (@Mali: Keine Panik! Deinen habe ich nicht zerschnippelt), der Nähmaschine und vor allem dem Schneider der Roten- bzw. der Sowjetarmee für die Inspiration.

Samstag, 2. April 2011

Hausmitteilung – zur Anteilnahme


Was sehen wir? Im Hintergrund dümpelt ein temporär blühender Busch vor sich hin. Er versinnbildlicht sehr authentisch die Kurzweiligkeit und Vergänglichkeit weiblicher Frische und deren anmutigen Liebreiz. Bald – morgen – werden seine Blüten bräunlich schrumpelnd fallen, und er wird nur noch wild wuchernd die Landschaft verdunkeln. Ergötzen wir uns heute an seinem Anblick, im Gedenken der Tatsache, wie kurz dieser sein wird.

Rechts dringt mahnend eine Mauer aus gebrannten Ziegeln ins Bild. Sie gehört zu einem Gebäude, welches seine Blütezeit schon längst hinter sich hat. Ein von der Sonne verblichenes und vom Regen verwaschenes Maklerschild ruft seit Jahren unerhört ins Land. Niemand wird sich seiner erbarmen. Irgendwann wird es unter dem Schutt begraben werden, den das Haus hinterläßt, wenn es endgültig zusammenbricht.

Tote Briefkästen schauen mit leeren Augen erwartungsvoll dem bunten, vor Lebensfreude sprühenden Treiben auf der Straße zu. Nebenan warten Klingeln vergebens auf eine zärtliche Berührung, auf das Gefühl, eine frohe Botschaft in das alte Haus übermitteln zu dürfen. Kraft- und stromlos bleichen sie im Wandel der Zeit.

Der Zaun, einst umfassende Zierde für den im Schein der Sonne des Lebens stehenden Neubaus, grenzt nichts mehr ab. Die Zeiten der goldenen Umfriedung liegt im Dunkel der Geschichte. Geschichte, die niemanden zur Ehre gereicht. Stumm und fahl zerbricht er an sich selbst. Nur Algen und Moos, vom Regen der Traurigkeit genährt, geben ihm noch etwas Farbe.

Hat Tschernobyl, hat Fukushima oder Biblis eine Hausnummer? Verdienen ausgebrannte Reaktoren mit überreagierenden Brennstäben eine? Wenn ja, dann ist es die Nummer 3, wie sie an dieser Ruine zu sehen ist. Die 3 steht für den GAU, den jede Frau erlebt, wenn sie früh aufwacht, und der kleine und große Zeiger des Lebens erst auf der 3 und im Quantensprung danach auf der 0, auf dem Nichts, unwiderruflich stehen bleibt. Festgefressen im Rost stagnierender Zellteilung quietscht das Uhrwerk und des Zeigers Schatten schreibt, nein, er fräst ein »Game Over« in ihr Antlitz. Nur radioaktive Stoffe erreichen ihre Halbwertszeit strahlend.

Was ich damit sagen will: Frau Rot-Weiß-Erfurt und CN »Connie« feiern heute ihren Geburtstag. Standes- und dem Anlaß gemäß in einer Wüstung, in der es keine Bäume mehr, aber dafür jetzt zu viel Wasser gibt. Möge Eure Feier gelingen und meine, unsere Glückwünsche hoch übers schattenlose Land Euch zufliegen. Kurz: Alles erdenklich Liebe und Gute!

Blümchen gibt es natürlich auch.

Mittwoch, 16. März 2011

Montag, 14. März 2011

Mottenkiste

In dieser Jahreszeit werden gewöhnlich Erinnerungen wach, an eine Zeit, in der man jung und ungestüm war. Passend dazu und zum Thema Frühling habe ich ein paar verstaubte Cartoons ausgegraben. Hach, waren das Zeiten ...





Samstag, 5. März 2011

iTantchen


Danke Mali! 73

»Huhu! Mein Schunge! Bist du am Hörer? Gut. Hast du deinen Computer an? Mir müssen mal was gucken! Die Ungarn kommen doch morgen.«

Aha. Tantchen am Telefon. Mit einer klaren Aussage.

»Du hast doch deinen Rechner immer an! Warst du heute schon mal draußen? Bei dem Wetter! Guck mal aus dem Fenster. Siehst du überhaupt etwas durch die Scheiben? Wann hast du die das letzte Mal geputzt?«

Voriges Jahr. Denk ich mal. Was soll da draußen schon sein? Die Sonne scheint eben. Das ist nun mal so im Frühling. Deswegen muß ich nicht gleich die Fenster putzen. Einfach aufmachen reicht.

»Gestern? Richtig mit klaren Wasser und Zeitungspapier? Da staune ich aber. Sollte aus dir doch noch was werden? Der Herbert sagte immer ...«

Der Herbert muß zu Lebzeiten ständig gequasselt haben. Tantchen ist schon die Härte. Wenn die Quasselstrippe immer noch mit Tantchen unterwegs wäre, würde meine Lebenserwartung in den sozialverträglichen Bereich abrutschen. Mein Gott!

»Der hilft dir jetzt auch nicht mehr. Der hat genug mit seinen Christen zu tun. Wann ist dieses Jahr eigentlich Ostern? Hast du da schon was vor? Wollen wir wieder bei der Tina im Garten grillen? Ist das ein Wetterchen! Es wird Frühling! Hast du eigentlich inzwischen eine Freundin? Du hast doch schon ganz schön lange keine! Wie hieß die Letzte? Das war doch die kleine Pummelige!«

Die hieß auch irgendwie. Die kleine Speckige hatte ich vor ca. 25 Jahren, für genau eine Woche! Seitdem gab es da noch einige, deren Namen ich mir unmöglich merken konnte und wollte. Aber Tantchen reitet immer noch auf dieser längst verjährten Geschichte herum. Warum auch immer. Diese Trulla ist garantiert schon dreimal geschieden, hat fünf schwer adipöse Kinder und ihr Hausarzt schickt sie zur Gewichtskontrolle auf die Schwerlastwaage des ortsansässigen Altmetallhandels.

»Die Tina wäre eigentlich auch was für dich. Aber die steht eher auf Männer. Du, bei der mußt du mal nach dem Rechten sehen. Der ihr Computer spinnt. Immer wenn ich bei der klingele, hat die kein Internet mehr. Das ist doch nicht normal, daß bei der fünfmal am Tag das Netz zusammenbricht.«

Kein Problem. Ich lege der Tina die Wohnungsklingel tot und schon ist ein stabiler Internetzugang gewährleistet.

»Du spinnst, mein Schunge! Da ruf ich die eben an. So, wie dich jetzt! Hast du deinen Computer nun mal an? Das dauert wieder! Mein Schunge, ich habe keine Zeit! Die Ungarn kommen doch morgen. Können wir nun endlich mal gucken?«

Ja, klar. Die Möhre läuft seit heute früh ununterbrochen. Der Frühling ist auch in den sozialen Netzwerken ausgebrochen. Eine zarte, frische Knospe an meinem Kerbholz würde mir ganz gut tun. Aber die heiße Phase ist dort noch nicht in Sicht. Da kann ich nebenbei auch ein bißchen für Tantchen fahnden. Aber nach was oder wem soll ich nun gucken?

»Na, ob das bei mir unten an der Ecke ein normaler Arzt ist!«

Was? Wie bitte? Wer spinnt hier? Außerdem: Wer in diesem Land noch eine Arztpraxis führt, kann nicht normal sein.

»Mein Schunge! Denk doch mal ein bißchen mit! Bis vor kurzen war dort ein Orthopäde. Der ist verstorben. Das war eine schöne Beerdigung. Seine Kinder und Enkel waren da und sogar seine Geschiedene. Die hatte herrliche Blumen dabei. Ich möchte mal wissen, wo sie die her hat. Da müssen wir dann mal gucken.«

Bloß nicht. Da leite ich Tantchen direkt zu meiner vietnamesischen Lotusblüte in ihren Blumenladen unten an der Kreuzung. Diese Knospe wäre etwas für mich. Probehalber zumindest. Nur ist ihr Kulturkreis ein wenig zu unflexibel bei solchen Experimenten.

»Eben, keine Experimente. Ist das nun ein normaler Arzt? Ein Hausarzt? Also der, der die Praxis übernommen hat? Das mit den Ungarn erzähl ich dir gleich. Willst du nicht mitkommen? Morgen Nachmittag? Zur Beerdigung von der Tante Erna? Da müssen wir dann auch nochmal gucken!«

Ich gehe in die Asche ...

»Nein, nicht du! Die Erna bringen wir morgen unter die Erde. Willst du wirklich nicht mitkommen? Sonst hat es dir doch auch immer gefallen. Du verpaßt was! Wir trauern morgen in internationaler Besetzung! Die Ungarn kommen doch morgen extra deswegen her. Das lassen die sich nicht nehmen! Ich habe mir schon überlegt, ob ich hinterher gleich meinen diesjährigen Geburtstag feiere. Wenn wir schon mal alle so hübsch beisammen sind ...«

Tantchens berühmter Geburtstag. Keiner weiß, wann der wirklich ist und sie feiert ihn, wann es ihr gerade mal paßt.

»... aber dann habe ich mir überlegt, daß ich ihn wieder bei dir im Garten begehe. Du kannst doch so schön Rouladen und Rotkraut kochen. So wie voriges Jahr. War das eine schöne Feier!«

Broken Arrow! Seit dem muß ich kotzen, wenn ich nur eine rote Johannisbeere sehe. Und duschen, und ..., und ...

»Wegen des Termins sage ich dir noch Bescheid. Jetzt gucken wir erstmal nach dem Arzt. Ob das nun ein normaler Doktor ist oder nicht.«

Unter der Adresse steht im Online-Ärzteverzeichnis Dresdens noch der Orthopäde. Das ist ja kein Wunder. Ehe der sich da neu eingetragen hat, vergeht eine Weile.

»Du und dein Internet! Nichts weiß das! Das habe ich mir schon gedacht. Was mache ich denn nun?«

Die Treppe runtergehen? 20m laufen und dort auf das neue Praxisschild gucken?

»Dafür habe ich jetzt keine Zeit! Und morgen früh muß ich in die andere Richtung. Zum Hauptbahnhof. Die Ungarn abholen. Das kann dauern. Nachmittags ist gleich die Beerdigung. Da habe ich keine Zeit, um mir großartig einen Doktor zu suchen! Mein Schunge! Denk doch mal ein bißchen mit!«

Wie wäre es mit anrufen? Der neue Arzt wird ja den Telefonanschluß mit übernommen haben.

»Meinst du, daß geht? Ob der, wenn das ein richtiger Arzt ist, einen Termin für mich hat? Mir fehlt ja eigentlich nichts. Aber ich muß den Doktor ja erst einmal ausprobieren, bevor ich mich ernsthaft an ihn wende. Meine Hausärztin ist doch gestorben. Da war ich nicht bei der Beerdigung. Das werde ich mir nie verzeihen. Aber ich war krank. Grippe oder so etwas. Habe ich mich schlapp gefühlt. Wie nach dem Krieg. Als es nichts zu essen gab. Seit dem kannten wir uns. Eine ganz Lustige war das. Was hatten wir für einen Spaß all die Jahre! Nun ist sie tot. Naja, das kann man nicht ändern. Da werde ich den Heini dann mal anrufen.«

Mach das Tantchen. Der nimmt dich sofort dran, wenn es der richtige Doktor ist. Du legst dich bei ihm auf die Couch, erzählst ein bißchen was, er hört dir zu und alles wird gut.

»Hoffentlich ist das nicht wieder so ein Orthopäde! Das könnte der Gustl so passen. Die mit ihren Stützstrümpfen oder den orthopädischen Schuhen. Jedes Jahr braucht die ein neues Paar Latschen. Dabei geht die doch gar nicht mehr aus dem Haus. Die sieht doch nichts mehr!«

Die Ungarn? Tante Erna? Ich habe auch keine Zeit. Die Kaufhalle macht heute Abend irgendwann zu.

»Oder so ein Pfuscher, wie der Hilde ihr Hausarzt? Die schwört auf den. Dort sollte ich hingehen! Da war ich auch! Jetzt ist mir klar, warum die Hilde sich standhaft weigert krank zu werden. Das ist so ein junger, sportlicher Typ. Gutaussehend und noch keine siebzig. Der hält sich eine Arzthelferin, die mindestens dreißig Jahre jünger ist als er. Was sagt man dazu? Also, nein, ich weiß nicht. Ich habe dort angerufen ...«

Ach?

»... und sofort einen Termin bekommen. Ganz nett ist es da schon. Ein paar schöne Grünpflanzen – so Palmenzeug – dekorieren das Wartezimmer und sogar frische Schnittblumen – Freesien – standen auf dem Tisch. Die Apothekenrundschau lag griffbereit daneben. So weit war alles in Ordnung. Aber dann ruft der Doktor den nächsten Patienten zu sich. Der Mann sah total verschnupft aus. Und gehustet hat der! Die Augen glänzten fiebrig – ganz glasig waren die. Mindestens 40°C Fieber haben den Kerl geschüttelt. Das war eindeutig eine Bronchitis! Und was soll ich dir sagen? Keine 15min war der drin! So schnell kann man doch keinen Patienten richtig untersuchen. Der hätte doch zumindest mal die Lunge abhören müssen. Also nein, dachte ich mir. So einen Schludrian lasse ich nicht an meine Gesundheit und bin wieder gegangen.«

Das ist jetzt alles nicht wahr ...

»Siehste! Das darf ich morgen, zu Tante Ernas Beerdigung, nicht vergessen zu erzählen. Da ist die Hilde ja auch vor Ort. Ich weiß gar nicht, ob ich die abholen muß. Also die Ungarn, die Erzsi und die Marika sitzen hinten. Da paßt die Hilde nicht mehr rein. Die müßte mit vorne sitzen. Falls du doch noch mitkommen möchtest: Sag Bescheid! Da borge ich mir wieder von der Gustl das Auto. Das ist größer, da paßt du hinten mit rein.«

Mit Sicherheit nicht.

»Aber da wir gerade bei der Erna sind: Kannst du mal gucken, wer morgen noch so alles kommt?«

Wie bitte? Gibt es irgendwo eine Web-Seite, wo man sich in eine Gästeliste eintragen kann? Damit die Friedhofsverwaltung weiß, mit wem sie rechnen muß? Ob sich ein Catering und ein Alleinunterhalter lohnt?

»Quatschkopf! Bei Facebook sollst du gucken! In ihre Freundesliste. Dort mal durchzählen. Alles, was über Sechzig ist, kommt morgen auch zu ihrer Beerdigung!«

Tantchen muß irgendwann mal gegen einen Grabstein geknallt sein.

»Nein, jetzt, wo du es sagst ... Die war doch x-mal verheiratet. Probier mal Müller, Meier und Lehmann. Einer von den drei Namen müßte es sein. Aber mach hin! Ich habe nicht ewig Zeit für so einen Firlefanz!«

Du sagst es Tantchen. Selbst wenn ich jetzt nach einer Erna Müller, Meier oder was weiß ich noch suchen würde: Wer sagt mir, daß diese alte Schachtel überhaupt bei Facebook ist? Und wenn ja: Wer sagt mir, bei schätzungsweise 300.000 Treffern, um welche es sich dabei handelt? Ich habe doch keine Ahnung, wie die aussieht!

»Die ist bei Facebook! Die war allen technischen Neuerungen stets aufgeschlossen. Die Erna war von uns die Erste, die sich in die Elektrische getraut hat. In die Straßenbahn. Elektrisches Licht hatte die auch mit als Erste auf ihrem Dorf. Da haben die Bauern gestaunt, sage ich dir! Die haben zwar auch schon mit Dampf das Stroh gedroschen, aber die Erna war denen immer eine Nase lang voraus. Zu erkennen ist sie ganz einfach: Die hatte wunderschöne lange, gelockte Haare. Braun glaube ich. Das ging so mehr ins rötliche. Also Kastanienbraun. Wegen ihrer Haarpracht haben die Dörfler sie auch Medusa genannt. Aber nur, wenn die weggeguckt und nicht zugehört hat. Naja, von denen lebt auch keiner mehr.«

Wen wundert das? Medusa. Köstlich. Wieviel mal war die verheiratet? Und wer soll da noch zur Beerdigung kommen? Castor und Pollux?

»Guckst du nun endlich mal mein Schunge, oder muß ich erst vorbei kommen?«

Nein, du hast keine Zeit Tantchen. Und ich auch nicht.

»Also ca. 30 Leute. Gut, das ist eine überschaubare Größe. Die schaffe ich schon. Und du bist dir sicher, daß es die richtige Tante Erna ist?«

Oh, ja. Das ist so sicher, wie das Ahoi in der Kirche. Da das Internet mich bei Tantchen nicht weiterbringt, habe ich den Rechner schon heruntergefahren und verlasse mich nun ausschließlich auf meine mentalen Kräfte.

»Das ist sie! Etwas faltig um die Augen – das paßt. Das sind ihre Lachfalten. Auf dem Dorf ist es um die Männer nicht sonderlich gut bestellt. Die brauchbaren sind ja im Krieg geblieben. Sie hats mit Humor getragen. Das war so eine Lustige, wie meine Ärztin.«

Lustig. Stimmt. Wenn eine Frau über Neunzig keine Falten im Gesicht hat, wird es weniger lustig. Dann handelt es sich um eine Untote aus Siebenbürgen oder Linda de Mol.

»So mein Schunge. Wir haben es gleich geschafft. Guck mal, ob der Horvath Istvan noch in Budapest wohnt.«

Horvath Istvan? So heißt jeder zweite Ungar. Jeder dritte hat einen Schnauzbart und jeder vierte eine Glatze. Bei Google gibt es dazu mindestens 25.000 Einträge, bei Facebook 2500 Profile aber bei meiner mental optimierten Suchmaschine nur einen Volltreffer.

»Ja, genau! Das ist er! Sein schütteres Haupthaar hat er immer unter einem Pusztahut versteckt. Ist das schon wieder lange her. Das der noch lebt – Sachen gibts, die gibt es gar nicht. Und auf welcher Straße wohnt der da?«

Das ist eine gute Frage. Aber mein Astral-Körper wälzt gerade im Budapester Einwohnermeldeamt die Bücher. In der Sàndor-Petöfi-Straße wird er fündig. Klar, wo sonst könnte der Horvath Istvan wohnen, wenn nicht in der Straße, die nach dem ungarischen Nationaldichter Nummer 1 benannt ist?

»In der Petöfi-Utca? Ich dachte in der Biro-Lajos-Utca. Die ist ja in der Nähe vom Busbahnhof. Aber die Petöfi? Kann man von dort bis zur Népliget-Autobus-Station laufen? Geht das?«

Nein. Mein drittes Auge studiert gerade die Meßtischblätter Budapests. Die gehen nicht. Besser nicht. Oder sicherheitshalber nicht.

»Schade. Sonst hätte ich die Marika und die Erzsi noch mal angerufen. Bevor die in den Bus steigen – der fährt von dort 22.15 Uhr los – hätten die ja beim Istvan noch Abendbrot essen können. Die haben sich ja auch schon lange nicht mehr gesehen und so wären die frisch gestärkt morgen früh, gegen 9.00 Uhr, hier am Hauptbahnhof angekommen.«

Was? Die wollen mit dem Bus kommen? Das sind elf Stunden Fahrt!

»Nein, die wollten nicht. An den Flieger hatten sie gedacht. Das habe ich denen aber ausgeredet. Am Flughafen bekomme ich doch keinen Parkplatz – ich weiß auch gar nicht, wo der Flughafen ist – aber am Bahnhof schon. Und mit dem Fernbus reist man auch billiger als mit dem Zug. Das haben sie eingesehen und sich die Busfahrkarte bestellt. So kommen die morgen früh, hier an der Bayrischen Straße an und ich hole die dort ab. Da schmiere ich denen eben ein paar Bemmen. So, nun muß ich aber mal Schluß machen, mein Schunge. Jetzt werde ich zusehen, daß ich in die Federn komme. Morgen früh muß ich ja fit sein. Ich bin heute schon viel zu zeitig aufgestanden. Die Ungarn hatten ja gesagt, daß sie am Donnerstag herkommen. Aber ich habe nicht bedacht, daß sie da erst am Freitag hier sind. Also war ich heute früh umsonst am Bahnhof.«

Das war gestern. Eigentlich hätte ich wissen müssen, daß ich nicht so einfach davonkomme.

»Huhu! Mein Schunge! Hörst du mich? Ich kann jetzt nicht so laut reden. Die Ungarn schlafen doch noch. Die sind heute früh, wie geplant 9.00 Uhr am Bahnhof eingetroffen. Du meine Güte, sahen die geschafft aus! Die haben doch die ganze Nacht im Bus gesessen und kein Auge zugetan. Meine Bemmen haben die gar nicht angeguckt, sondern sind gleich bei mir auf die Couch gefallen. Jetzt schlafen die wie tot! Und ich bin schuld! Mit dem Flieger wären die doch gestern Abend schon hier gewesen. Aber das ging nicht, wegen meinem Parkplatz. Die ratzen was weg, sag ich dir. Nur, wir müssen langsam los. Es ist schon spät! Aber jetzt traue ich mich nicht, die Beiden zu wecken. Verstehst du mich? Was ich damit sagen will: Kannst du mich nicht gleich mal zurückrufen? Vielleicht macht das Telefonklingeln sie wach? Da bin ich das wenigstens nicht, der sie jetzt weckt. Oder wir lassen sie schlafen und du kommst dafür mit?«

QWERTZ.