Untergehen ist das Eine, unter der Oberfläche bleiben das Andere. ;-)

Samstag, 18. September 2010

Keene Bang!


Von wegen Schatzinsel und olle Stevenson ... *g* Da wird der Gemüse-Migrant an der Ecke blaß. Nein, aber nun habe ich den Spaß in die Welt gesetzt – also muß ich auch irgendetwas damit anfangen. Vielleicht eine Postpunkpopspeedmaritimfolk Band gründen? Das würde gehen. Ich bin komplett unmusikalisch. Oder eine neue Partei gründen? Von mir kommt ja auch nie etwas vernünftiges. Eine Bio-Naturkost Handelskette? Das wäre perfekt, aber viel zu ehrlich. Nein, außerdem müßte ich dann Gemüse essen. Igitt! Oder ich taufe eine Kindergartengruppe über Nacht um, und kleide sie damit in schwarze T-Shirts neu ein. Die Eltern und die SMH werden mir sehr dankbar ein. Aber der Gedanke an die T-Shirts ist nicht schlecht. Als Arbeitsschutzkleidung für meine Donnerstagsfrauenkochrunde? Oder ich gründe einen Geheimbund, einen schwarzen bitterbösen Orden. Aber die brauchen kein Logo ... höchstens für Bekennerschreiben. Ach, egal – mir wird schon etwas einfallen.

Montag, 13. September 2010

Kochen mit »Connie« (1)

Gerade läuft auf 3sat ein Dokumentation über den Chaos Computer Club. Rechner, entschlüsselte Datencodes und ein toter Hacker. Das erinnert mich irgendwie an meine Küche. Zum letzten Seemannssonntag hatten wir so etwas ähnliches. Lasagne mit Hackfleischfüllung und Spinat nach einem Rezept aus dem Internet. Der Grundgedanke für dieses Menü ist wenig spektakulär aber so, wie der Autor sich das gedacht hat, ging das gar nicht.


Nach kurzer Rücksprache mit »Connie« (unternormalnull.blogspot.com berichtete am 28.10.2010) stuften wir es als ungenießbar ein und entwarfen einen schon bewährten Schlachtplan. Lasagne und Hackfleisch sollten bleiben – das Zeug war schließlich gekauft – aber der Rest anders zubereitet werden. Nur zur Kontrolle baute »Connie« trotzdem eine Verbindung zum Internet auf, um ihre eigene Bibliothek mit anderen Beständen zu vergleichen.


Wider Erwarten hakelte die Verbindung etwas, ihr Pufferspeicher schien überfüllt zu sein, so daß »Connie« nur stotternd Erklärungen geben konnte. Was aber nicht weiter tragisch war. Immerhin bin ich durch Tantchens Kochschule getrieben worden und kann damit jedes Rezept so decodieren, daß ich weiß, was gemeint ist und danach flexibel operieren.


Als erstes werden fix zwei Zwiebeln geschnippelt und in etwas Öl glasig gegart. Das Hackfleisch wird darin gebraten, bis es graubraune Krümel bildet. Von wem das Hackfleisch ist, ist dabei völlig egal. Ob Schwein, Rind, Elch oder Regenwurm – es wird eh in passierten Tomaten ertränkt, so daß es keinen Eigengeschmack mehr entwickeln kann. Es müssen nur ungefähr 1000g sein um eine Sättigungsgrundlage bilden zu können. Ich rechne im Schnitt mit: Einen Mann (ich), Connie, Frau Rot-Weiß-Erfurt, vier Frauen, eine Verdichteranlage (The Black Hole), zwei bis drei neunköpfigen Raupen und einen Mauf!. Das macht genau 6,5 Personen.
Das Krümelfleisch mit etwas Mehl bestäuben und weiter braten, bis alles knusprig braun ist. Jetzt kommt die Pappe mit den passierten Tomaten, etwas Tomaten- und Paprikamark sowie diverse Gewürze dazu. Unter diversen Gewürzen verstehe ich: Paprika (edelsüß und scharf), Oregano, Basilikum und was sonst noch irgendwie italienisch klingt, Vegeta, Salz, Pfeffer, Knoblauch, eine Prise Zucker und etwas Currypulver. Ein Schuß Zitrone und ein Spritzer Worcestersoße kann nicht schaden, und wer etwas Schlagsahne übrig hat, kann die auch mit reinwerfen. Diese mildert den Geschmack wieder und rundet ihn ab. Ansonsten gilt: Nur keine Scheu beim Würzen! Nichts ist schlimmer als fades Essen – es wegschmeißen und in die Dönerbude gehen kann man immer noch.
Womit wir beim Spinat wären. Es ist einfach Unfug diesen mit zu verwenden. Der Geschmack der Bolognese (aufkochen nicht vergessen) ist so intensiv, daß dieses Grünzeug einfach geschmacklich untergeht. Der schliert nur vor sich hin. Die paar Vitamine kann man sich getrost sparen, und daß er besonders viel Eisen enthält stimmt nicht. Da kann man auch an einer Feile lutschen – der Nutzeffekt ist derselbe. Rein optisch bringt er auch keine Punkte. Es sei denn, man steht darauf, daß sein Essen aussieht wie frisch verwest. Den Schmadder also auf kleiner Flamme aufkochen, mit Salz und Pfeffer abschmecken und dann, in einem unbeobachteten Moment, weg damit! Dieser kam aber nicht. Die Rezeptvorschlägerin war zwar kompromißbereit, was die Technologieänderungen betraf aber über den Spinat wachte sie unerschütterlich.


Selbst das Ablenkungsmanöver mit dem Servicetechniker hat nicht geklappt. »Connies« Pufferspeicher wurde zwar von ihm geleert, so daß sie wieder fließend sprechen kann, aber den Spinat konnten wir nicht entsorgen. Egal. Ach ja, die Lasagneplatten pflegen wir vorzukochen. Das muß man nicht tun, aber so ist alles im Ofen schneller gar.


Jetzt fehlt noch die Soße, mit der die Lasagne verfüllt werden soll. Dazu bereitet man eine einfache Mehlschwitze zu und rührt langsam etwas Milch darunter.


Immer schön rühren und aufkochen lassen, damit sich keine Klümpchen bilden. Ergeben sich doch welche, ist das auch kein Grund zur Panik. Immerhin könnten es Mehlwürmer sein. Diese garantieren ja, daß es sich um eine hochwertige Komponente handelt. Auch Würmer sind nur Gourmets – die fressen auch nicht alles. Früher wurden die Mehlsäcke je nach Anzahl des enthaltenen Gewürm mit Kreuzen von eins bis fünf gekennzeichnet. Ein Kreuz stand für fast keine Maden – also für schlechte Ware und fünf für besonders viele – also 1A Mehl. Überhaupt wurde damals alles mit Kreuzen beschmiert. Sogar mit verschiedenfarbigen um die jeweiligen Inhaltsstoffe zu unterscheiden. Aus den Kreuzen wurden später Kreuzel und daraus Sterne. Dieser Brauch hat sich bis heute im Gaststätten- und Hotelgewerbe gehalten.


Wen der Sud an Berliner Holzkaltleim erinnert, hat so unrecht nicht. Es ist ungefähr dasselbe. Nur das der Leim nicht mit Muskat, Salz und Pfeffer abgeschmeckt werden muß. Aber seinen Schuppen kann man damit auch reparieren.


Deshalb müssen gebrauchte Schüsseln, Töpfe und Frauen sofort abgewaschen werden. Nicht, daß die zusammenkleben! Womit wir bei der optimalen Küchenbesatzung wären. Als günstig hat sich das Verhältnis 1:1 erwiesen. Pro Quadratmeter Küche plane man eine Frau. Plus einen Mann, der den Überblick behält und sie pädagogisch behutsam anleitet. Dabei müssen die verschiedenen Aufgaben von ihm vorher klar verteilt werden. Bei mir gestaltet sich das folgendermaßen: »Connie« ist mein Stellvertreter. Mein erster Offizier sozusagen. Ihr unterstehen zwei operative Einsatzkräfte direkt in der Küche. Um »Connie« nicht zu überfordern, leite ich darüber hinaus den mobilen Rückwärtigen Dienst. Also die Frauen, die an die Tür stürmen, wenn es klingelt, die den Müll herunterschaffen, die Treppe kehren oder die noch schnell einkaufen gehen müssen, wenn etwas fehlen sollte. Dieses Konzept hat sich bewährt und ist sehr zur Nachahmung empfohlen.


Für die Füllung braucht man noch ein Päckchen Schafskäse. Schafskäse! Also keinen in Salzlake gereiften Kuhmilchkäse. Mit dem kann man vielleicht Allgäuer Kellerfenster kitten, wenn der Winter hart zu werden droht, aber essen kann man den nicht. Auch nicht in einer Spinatlasagne. Obwohl – wenn man da statt Nudelplatten gebrauchte Bierdeckel nimmt, schmeckt dazu auch Kuhmilchfeta. Den Schafskäse also einfach reiben.


Normalerweise ist so etwas eine Todsünde: Zwei verschiedene Geschmacksrichtungen einfach zusammenschichten. Das geht gar nicht. Korrekt wäre gewesen, erst den Tomatenpapps mit einer Schicht Lasagneplatten abzudecken und dann erst den Spinat draufzuschmieren. Aber da man den Spinat nicht schmecken kann und soll, ist es richtig, ihn gleich mit in die Bolognese zu mischen. Darauf etwas Schafskäse und die Muskatleimsoße.


Die vorgekochten Platten folgen, Schicht für Schicht den Rest auftragen, bis die Ressourcen erschöpft sind. Statt der Spinatfüllung hätte ich gern meine Pilzkäsesahnesoße genommen. Die geht ganz einfach: Etwas Butter in einen Topf und 2-3 Eßlöffel mit Mehl darin anschwitzen. Dazu kommen Champions aus der Dose, Milch, Salz, Pfeffer, Kümmel, Zitronenthymian und eine Handvoll getrocknete Pilze. Ausreichend Schmelzkäse dazu. Ausreichend sind pro kleine Dose Pilze ein Päckchen Schmelzkäse. Ich verzichte mit Absicht auf genaue Mengenangaben. Zum Kochen benötigt man Gefühl, Einfühlungsvermögen und Augenmaß. Wie man Gewürze abwiegt, lernt man in der Großküche.


Und wie man diese wieder saubermacht.


Abschließend wird das ganze vorerst mit einer Schicht saurer Sahne versiegelt - warum auch immer, keine Ahnung – und in den vorgeheizten Ofen (180°C) geschoben.


10 Minuten Raucherpause und kurze Manöverkritik. Alles in Allem hat alles gut geklappt, und ich kann zu Recht stolz auf meine Mädel sein – wie jeden Donnerstag. Aber etwas Bildung muß noch sein, und ich erzählte ihnen, daß man früher – auf hoher See – die Mehlmaden aus den Schiffszwieback bekam, indem man ihn auseinanderbrach und ihn einfach auf der Planke ausklopfte. Der Glückwunsch »Toi, toi, toi« und dem damit verbundenen dreimaligen Klopfen auf Holz stammt aus dieser Zeit und davon ab. Ich erntete wahre Begeisterung über diesen Shantie aus längst vergangener Fahrenszeit. Was tut man nicht alles für seine Frauen.


Zu guter Letzt muß noch der Reibekäse auf die Lasagne verbracht werden. Der Einfachheit halber kommt er diesmal gleich aus der Tüte. Ganz normaler Kuhmilchkäse reicht völlig. Der kann sonstwo gereift sein. Von mir aus auch unter Tage in einem Kalisalzbergwerk. Ideal ist da Tilsiter- oder auch Emmentaler Käse. Er muß nur im Ofen eine schöne braune Kruste bilden können und darf nicht nur verlaufen, Blasen schlagen und schwarz werden. Man kann schummeln, indem man etwas Kaffeesahne über den Käse tröpfelt. Diese simuliert aber nur den gewünschten Effekt.


So sah das Gemeinschaftskunstwerk dann aus. Vor dem Hitzschlag ...


... und so danach. Naja, ganz lecker war es schon. Trotz der grünen Pampe. Blattspinat wäre besser gewesen. Oder Löwenzahn. Aber den muß man anbraten bevor man ihn wegschmeißt.

Samstag, 28. August 2010

Regenwetter – Zeit für Unfug


Welcher sorgfältige Heimwerker kennt das nicht? Da verweilt man gerade erst 3h vor dem Schraubenregal, wägt ab, prüft, kombiniert und komponiert immer neue Variationen der auserlesenen Kleinteile, um das heimige Projekt abschließend krönen zu können, da verliert die eigene Schrecksch... äh Frau die Nerven und verlangt kreischend nach dem Heimweg. So massiv gestört, kann sich kein Mann mehr konzentriert seinem Lebenswerk widmen. Das geht selbst mit jahrzehntelanger Erfahrung im autogenen Training dritten Grades nicht. Welch' geniale Regalkonstruktionspläne sind so wie bunte Blasen an der Realität, sprich Eheweib, zerplatzt, zerschellt und pulverisiert worden. Aus der Traum von der durchdachten Blumenbank, die, bei optimalen Lichteinfall, die Nachbarn grün vor Neid erblassen läßt, oder von dem massiven Raumteiler, der sich bei Bedarf auf Knopfdruck langsam gleitend, fast unsichtbar aber unüberwindlich, zwischen das Ehebett schiebt. Alles ungeschraubt bleibende Dinge nach denen die Welt giert, ihr aber vorenthalten werden, weil es den Frauen am Verständnis für metrische Gewinde fehlt.
Diese Problematik ist zwar jeder Baumarktleitung seit der Einführung der Langhausbauweise bekannt, aber erst jetzt wurde eine gut alte, aber unorthodoxe Lösung dafür wiederentdeckt. Am »Komm-gut-nach-Hause!«-Servicepunkt (Bild oben) kann jede Frau ein Shuttle nicht nur kostenlos nutzen, sondern auch der netten Vettel von Nebenan als Werbegeschenk vor die Haustür stellen.


Ein Gedanke, den andere Einkaufsmärkte dankbar aufgenommen haben. Hier läßt man sich das Utensil allerdings etwas kosten. Eine kleine Summe, die der vorausschauende Mann für seine Frau unbedingt investierend sollte. Auf den ersten Blick bekommt man scheinbar das gleiche Shuttle wie im Baumarkt. Den Mehrwert stellt das integrierte Navigationssystem dar. Für die Benutzerin nicht erkennbar, ist als feste Zieladresse »Wüste – da wo der Pfeffer wächst.« vorgegeben.


Da, wo es nur Pfeffer gibt, ist die moderne Küche nicht weit. Oder deren Helfer. Ich gebe zu, daß ich ohne eine Küchenhilfe ziemlich aufgeschmissen wäre. Aber für 1,99 Euro? Was ist denn das für ein Billigpfusch? Oder ist das die Leasingrate? Bei sekundengenauer Abrechnung? So ein Pfeffer! Eine Küchenhilfe muß so sein, wie meine eigene: Unbezahlbar! Die Frau die nach dem RG 28 kam. Codename »Connie«. Sie wurde von Haus aus multifunktional mit verschiedenen Adaptern ausgestattet, die miteinander kombinierbar sind aber trotzdem autonom arbeiten.


Stellvertretend dafür sieht man hier den Einsatz des Teigknet- und -formzubehörs im Außeneinsatz. Dieser ist problemlos möglich, weil sie nicht nur spritzwassergeschützt, sondern auch bis in eine Tiefe von 20m wasserdicht ist. Was dem Entwicklerteam als unnötiger Pfeffer angekreidet wurde. Denn, wer will schon mit seinem Küchengerät baden gehen? Erwähnenswert ist noch ihre sehr umfangreiche Rezeptdatenbank die bei Bedarf, falls doch die eine oder andere Lücke klaffen sollte, automatisch eine Verbindung zum Internet aufbaut und ihre Datensätze in bestehenden Bibliotheken ergänzt. Dabei nutzt sie ausgeklügelte Suchalgorithmen so, daß bestehende Ressourcen entsprechend abgewandelt neu kombiniert werden können. Überhaupt handelt ihr System intelligent nach Grundrichtlinien. Eine davon ist, zur Pflege und Wartung ihre eigene Wohnung aufzusuchen. Wie gesagt, ich bin sehr zufrieden.


Im Moment fliegt sie gerade für 2 Monate zur Jahresüberholung in den Urlaub. Das ist zwar für mich bitter, aber ich hoffe, daß sie im Spreewald beim Paddeln ausreichend Gelegenheit findet um mal richtig auszuspannen.


Die heutige Grillparty werde ich also alleine schmeißen. »Connie« hat mir noch fix dazu einen Einkaufszettel geschmiert. Genau so ein Machwerk, wie es nur eine Frau verzapfen kann, die momentan keine Freude an ihrer Arbeit empfindet und mit ihren Gedanken schon in den Ferien ist. Was soll ich damit anfangen? Gut, er ist übersichtlich gegliedert und enthält nicht mehr Stichpunkte als ein Mann gleichzeitig erfassen und abarbeiten kann. Das erspart mir das Zerschneiden des Zettels in mehrere Teile. Aber er enthält keinerlei Mengen- und Herstellerangaben. Somit ist er für mich unbrauchbar. Außerdem: Was soll ich mit Cornflakes und Knoppers? Die Gäste damit bewerfen?


Die erwarten sowieso nichts Umwerfendes von mir. Auch nicht, daß ich wegen ihnen grille. Es sind mir die liebsten, weil pflegeleichtesten Besucher. Sie sind immer pünktlich, genügsam, lassen nichts mehr anbrennen oder umkommen und halten ansonsten die Klappe. Man kann sich mit ihnen beschäftigen, muß es aber nicht. Die liebe Verwandschaft eben. Unsterblichkeit kann für die Hinterbliebenen auch angenehme Seiten haben.


Was haben wir noch? Die Draufsicht auf den Knusperkopf des nun 4jährigen Stadtkoboldes. Was will uns der Künstler (ich!) mit diesem Schnappschuß abschließend sagen? Das die Struktur des Gedankenumrühr eines, sich in der Entwicklung befindlichen kindlichen Gehirns und die Verwirbelung eines Tornados nahezu identisch ist.

So ein Tipptourettesyndrom, wohldosiert, ist eine brauchbare Sache Octa. ;-)

Sonntag, 8. August 2010

Hausmitteilung – zur Beachtung

zeitlose

Aus aktuellem Anlaß folgt ein Text von Anno 2008. Den aktuellen Anlaß selbst werde ich wohl erst später aufarbeiten können. *g*


Herbstzeitlose spätnachmittägliche Schönwetterverstimmung am Rande eines Hochwaldes. Die Luft atmet feuchten Moos-, Moder- und Pilzgeruch. In der Hand halte ich die Zigarette danach und auf der Kühlerhaube liegt die spärliche Beute meines kleinen Ausfluges.

»Waren sie in den Pilzen? Und? Haben sie viele gefunden?«

Neben mir hält ein Fahrrad, mit einer mir seltsam vertrauten, aber völlig unbekannten Frau um die Sechzig. Sie lehnt sich über den Lenker und belächelt den Inhalt meines Pilzkorbes. Ihr männlicher Begleiter, in ihrer entsprechenden Altersklasse, radelt hochrot schwitzend, ohne mich eines Blickes zu würdigen, von der Straße in den Wald weiter.

»Naja, so üppig sieht das ja nicht aus. Wir haben zwar zunehmenden Mond aber es hat schon drei Tage nicht geregnet. Da dürften die meisten schon vergammelt sein. Da geht man eigentlich nicht mehr Pilze suchen junger Mann!«

Ich habe Mühe ein Augenverleiern zu unterdrücken und schaue einfach in den Himmel. Aber es stimmt: Die meisten Pilze die ich gefunden habe, waren vertrocknet oder verschimmelt.

»Kein Wölkchen am Himmel. Der Wetterbericht hat gesagt, daß es erst Ende der Woche wieder regnen soll. Da müssen sie es noch einmal versuchen. Da haben wir auch noch keinen Vollmond. Früher, zu meiner Zeit, waren wir – mein Mann und ich – öfters hier. Dort drüben haben wir immer viel gefunden. Da müssen sie mal hingehen, wenn es wieder geregnet hat!«

Sie zeigt die Straße hinauf, auf ein etwas entfernteres Wäldchen. Dabei fällt mir ein, warum diese Frau mir so vertraut vorkommt. Ihre Einheitsfrisur ist die einer alternden HO-Verkäuferin, wie sie zu DDR-Zeiten üblich war. Diese weiße Bluse und ihr hellbrauner Rock stammen wahrscheinlich aus dem Exquisit. Der Einheitsschick der späten siebziger Jahre für die etwas ältere Werktätige. Ihr Miniklapprad erinnert mich an mein eigenes, welches ich als Kind hatte. Auf dem Gepäckträger klemmt ein Henkelkorb, wie man ihn damals im Dorfkonsum zum einkaufen bekam.
Ihre Gestalt, ihr Klappfahrrad, der Geruch des Waldes und mein aufsteigendes Hungergefühl lassen meine Gedanken in eine längst vergangene und vermeintlich vergessene Zeit zurückschießen.
Ich stehe in der Schlange zur Essenausgabe in der Baracke meines Kinderferienlagers und meine Gegenüber haut mir, in einer bunten Dederonkittelschürze, eine Portion Kochfisch mit Soße auf den Plasteteller, die ich gleich wieder in der Essensrestesatte entsorge. Das Fahrrad lehnt an der Baracke, ich schaue hungrig-wütend in den damals sommerlichen Wald und wünsche mich wieder nach Hause.

»Dort haben wir immer viele Pilze gefunden! Mein Mann und ich! Da gibts ein paar Stellen ... Körbeweise haben wir sie dort rausgetragen! Wenn man früh genug da ist, findet man auch welche! So spät wie jetzt geht man nicht mehr sammeln junger Mann!«

Ich schaue in den Himmel und wünsche mich nach Hause.

»Obwohl ... Wir waren zwar eine Weile nicht hier, aber die Pilze wachsen dort bestimmt immer noch. Als wir das letzte mal hier waren, gab es diese Straße noch nicht. Das war nur ein Schotterweg der die Nachbardörfer verbunden hat. Da sind sie eigentlich nur zur Erntezeit mit den Traktoren von der LPG durch. Sonst ist hier kaum einer langgefahren. Wozu auch? Es sei denn, man wollte in die Pilze.«

Eine Weile? Diese Straße gibt es seit über zwanzig Jahren!

»Ich sag ja: Wir waren eine Weile nicht hier. Erst wurde mein Mann krank und dann gab es Streit mit meiner Schwester wegen dem Erbe. Sie hätte, von mir aus, ja alles bekommen können! Aber so raffgierig wie die ist, konnte ich auch nicht anders! Da gings ums Prinzip! Jetzt ist sie selber tot. Krebs. Geschieht ihr Recht! Nun kloppen sich meine Nichten um alles! Eine Schande ist das!
Wissen sie: Was ihre Geschwisterliebe wert ist, erfahren sie erst, wenn ihre Eltern tot sind!
Aber schön ist sie geworden die Straße. Auch wenn sie keiner mehr braucht.«

Im Ferienlager mußte ich bleiben, heute kann ich in mein Auto steigen und nach Hause fahren.

»Ja, ich muß dann auch weiter! Mein Mann und ich wollen mal schauen, ob es da unten den Stausee noch gibt. Der ist schon vorgefahren. Ob der einmal auf mich warten kann? Egal bei was? Ich glaube es nicht mehr. Na dann: Gute Heimfahrt! Und vergessen sie nicht, die Pilze heute noch zu putzen und zu braten. Sonst vergammeln die!«

Zeitreisende und ich haben eines gemeinsam: Man sollte sie nicht aufhalten.

Sonntag, 25. Juli 2010

Hausmitteilung – zur Kenntnisnahme




Der Spruch wurde geschwafelt, die Formel getanzt, die Messe gelesen und das Ritual zelebriert. Die Suppe aller Suppen ist vollendet. Die ersten drei Gewinner sind dieses mal:

– die Einsatzkräfte der Operation »Umzug Oma« (Termin Montag, Gott sei ihrer armen Seelen gnädig.)
– der Schiffsrat des Seeleutevereins der DSR (Ahoi!)
– die Geburtstagsgäste meiner Schwester

Um die zu erwarteten kümmerlichen Reste darf sich wie gewohnt beworben werden. Viel Glück!