Untergehen ist das Eine, unter der Oberfläche bleiben das Andere. ;-)

Freitag, 18. November 2011

Rattenkampf – zehn


Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloß und sie übereinander her.
Sie waren sich einig. Zumindest über das, was beide jetzt fest eingeplant hatten.
Sie waren ausgehungert. Ausgehungert nach Sex, Sex, Sex, und noch mal Sex. Ausgehungert nach Nähe, Zärtlichkeit und Liebe.
Sie waren gierig auf die Nähe eines Menschen, bei dem sie sich zu Hause fühlen konnten. Ihr Entzug davon währte schon viel zu lange. Viel zu lange, um alles sofort und auf einmal zulassen zu können.
Sie waren erst am Anfang eines langen Weges, an den beide nicht denken wollten.
Sie rieben sich aneinander, darauf bedacht, möglichst viel von dem anderen auf der eigenen Haut zu spüren.
Sie atmeten sich ein, hörten den anderen und ihre eigene Stimme, die zur Vorsicht mahnte, hörten weg oder doch zu und schafften es dabei nicht mal bis auf ihr Bett, wie es die Konvention forderte.
Sie implodierten noch halb angezogen auf dem roten Teppich im Flur.
Sie schleiften sich über Sessel, Tische und zerstörten die Blumenbank am Fenster, bis eine Flasche Rotwein zur Pause rief. Die Zigarette danach war die Zigarette davor und sie brachen nach drei weiteren Flaschen Wein über dem endlich erreichten Bett völlig ausgelaugt und ausgepumpt zusammen.
Sie sprachen kein Wort miteinander, aber sie erzählten sich viel und spürten ein kleines Fünkchen Glück im Zimmer. Hoch oben und für beide unerreichbar.
Als sie schlief, sah er, daß die Scheiben im Fenster von ihrer Hitze beschlagen waren und der Mond verschwommen auf sie schien, als hätte er sie zugedeckt.
Er beschloß, heute den Tresor in Ruhe zu lassen. Ihr Mann war tatsächlich tot. Er würde trotzdem noch ein paar Tage Zeit haben, ehe seine Mörder hier waren. Im Moment wußte er sowieso nicht, was  er machen sollte. Zu Frau M. überlaufen und ihr alles gestehen? Er war versucht, dies zu tun, aber das Risiko, daß sie ihn aus dem Rennen werfen würde, war zu groß. Nein, es mußte eine andere Lösung geben.
Die Flasche Wein neben dem Bett war leer und sein Schlafpegel noch nicht erreicht. In ihrer Küche entkorkte er sich einen neuen Beaujolais und musterte gedankenverloren deren Einrichtung. Gemütlich war sie. Nicht zu groß, aber groß genug für eine Sitzecke und einem Tisch, an welchem man zwanglos essen, reden und trinken konnte. Überall auf den Schränken standen Blumen und auf dem Herd ein paar Töpfe. Die Wände waren mit kleinen Bildern geschmückt. Darauf waren kitschige Blumen und kalligrafierte Sprüche.
Eines davon kannte er. Goethes Hexeneinmaleins. Ein Vers aus Faust mit dessen Hilfe das Hexlein einen Verjüngungstrunk braut. So gerechnet hatte womöglich der verstorbene Mann des Hauses seine Rechnungen geschrieben. Die Summe war immer gleich. Er mußte grinsen.
Die Flasche würde er noch austrinken, ein paar Zigaretten rauchen und dann an ihrer Seite wie ein Murmeltier schlafen, so tief und fest, wie schon lange nicht mehr. Morgen war ein neuer Tag und an dem sah die Welt vielleicht ganz anders aus. Er setzte sich an den Tisch, lehnte sich zurück und pustete den Rauch in kleinen Ringen durch die Luft.
An der Stirnseite des Tisches hing an der Wand eine große Pinnwand voll mit Ansichtskarten von jedem Ort der Welt, in denen schwerreiche Arschlöcher sich die Langeweile vertrieben. New York, St. Moritz, Dubai, St. Tropez und wie die Stätten des bunten Glitzers hießen.
Eine Karte errang seine Aufmerksamkeit. Sie war schwarz/weiß, auf alt gemacht und eigentlich eine Photographie. Sie zeigte eine lange Tafel und einem Mann, der gerade eine Rede zu halten schien. Am Tisch saßen dunkelgekleidete Männer und eine Frau. Den Mann kannte er gut und die Frau erkannte er wieder. Datiert wurde das Bild vor zwei Monaten und auf der Rückseite stand ein kurzer belangloser Text der mit den Worten endete: »Paß gut auf dich auf, mein Liebling.«
Er mußte sich wieder setzen. Sie waren schon hier. Hier in der Stadt. Die Killer, vor denen er die Dokumente schützen sollte.
Der Tresor war noch ungeöffnet. Die unberührte Staubschicht schimmerte matt im Licht seines Feuerzeugs und das Haar klemmte noch fest und an derselben Stelle.
Das hieß, daß sie den Tresor nicht öffnen konnten. Sie hatten die Zahlenkombination nicht, sonst wäre der Tresor jetzt leer. Ihren Ausflug heute Abend hätten sie genutzt, um ihn auszuräumen.
Das hieß aber auch, daß sein Kopf jetzt in der Schlinge hing. Der redehaltende Mann auf dem Photo war sein Klient, M.’s Mann. Die Frau neben ihm hatte ihn heute Mittag angefahren. Das war mit Sicherheit kein Zufall.
Sie war diejenige, die an die Dokumente wollte. Sie hatte man auf ihn angesetzt und sie wußte, wer er war und was er für eine Aufgabe hatte. Das hieß auch, daß sie wußte, daß nur noch er den Tresor öffnen konnte.
Beruhigend war diese Feststellung nicht gerade. Im Cafe nach dem Unfall kam sie ihm merkwürdig vertraut vor. Jetzt wußte er warum. Sie waren Kollegen. Er knipste das Licht aus und legte sich zu der M. Sie rückte dicht an ihn heran und begann wieder gleichmäßiger zu atmen.



Ihre Waffe war ein kurzläufiger, großkalibriger Revolver des Typs Nagant. Seine Konstruktion unterschied sich wesentlich von dem anderer Revolver. Er wurde gasdicht gebaut und konnte so wirksam mit einem Schalldämpfer ausgerüstet werden. Das Korn war abgefeilt, es störte nur und verfing sich im Stoff, wenn man die Pistole schnell aus einer Jacken- oder Manteltasche ziehen mußte und den Schalldämpfer konnte man einfach aufstecken und wieder abziehen.
Den Revolver ziehen, Schalldämpfer aufstecken, schießen, Schalldämpfer abziehen und beides wieder verschwinden lassen dauerte nur Sekunden. Sie war geübt und schnell darin.
Der Revolver war bei Professionellen die erste Wahl, weil er einfacher gebaut und damit zuverlässiger war als jede Pistole. Die leeren Patronenhülsen werden nicht ausgeworfen, wie bei einer Pistole und verbleiben somit nicht am Tatort. Der kurze Lauf und das fehlende Visier machten zwar einen gezielten Schuß über größere Distanzen unmöglich, aber dieser war gar nicht notwendig. Geschossen wurde nur aus unmittelbarer Nähe oder die Waffe entlud sich durch einen aufgesetzten Schuß direkt in den Körper des Opfers.
Die sieben Schuß, die ihre Patronenkammer faßte, waren dafür mehr als ausreichend. Geladen war die Waffe mit 7,62 x 38 mm Nagant Patronen. Diese beschleunigten die Kugel nicht auf Überschallgeschwindigkeit, wie sonst üblich, sondern sie beließen es bei 270 bis 290 m/s. Das hatte den Vorteil, daß der Schuß sich besonders leise aus der Waffe lösen konnte.
Der Schalldämpfer kann nur den Knall eindämmen, den die Treibladung bei ihrer Explosion verursacht. Aber nicht den, den die Kugel hervorruft, wenn sie durch die Schallmauer rauscht, da das erst passiert, wenn sie die Waffe verläßt. Ist sie langsamer als der Schall, unterbleibt der Knall.
 Die fehlende kinetische Energie, die sich durch diese langsame Geschwindigkeit ergibt, gleicht die Kugel durch das große Kaliber aus. Ein aufgesetzter Schuß durch diese Waffe war nicht nur kaum hörbar, sondern er hinterließ auch viel Blut an der Wand hinter dem Opfer.
Sie steckte ihren Revolver wieder weg. Hier im Park wurde er nur naß und die sorgsam mit Öl gepflegte Brünierung würde braune Flecken bekommen.
Nur mühsam konnte sie ihre Ungeduld unterdrücken. Am liebsten wäre sie jetzt wieder in die Wohnung der M. eingedrungen und hätte die beiden im Schlaf überrascht. Unter vorgezogener Waffe wäre es vielleicht möglich, den Joker zu überreden, für sie den Tresor zu öffnen. Zwei gegen Einen und sie gegen den Joker. Nein, das Risiko zu unterliegen mußte sie jetzt noch nicht eingehen. Little Big Joe Black hatte ihn nicht umsonst ausgewählt, um seine Unterlagen zu schützen.
Der Mann war ihr sowieso unheimlich. Sie hatte den Nachmittag genutzt, um etwas mehr über ihn zu erfahren. Das was sie ermitteln konnte, paßte überhaupt nicht auf den Kerl da oben. Dr. Jekyll und Mr. Hyde oder Mr. Joker. Im Moment war er wohl Mr. Hyde. Ihre Nase lief und die Nässe und Kälte konnte sie nicht länger ignorieren. Sie mußte sich jetzt zurückziehen und wählte dabei den Weg durch den Park, auf dem die Bäume durch das helle Mondlicht einen Schatten warfen. So war sie durch zufällige Beobachter unsichtbar.
Morgen würde sie dem Joker über dem Weg laufen. Ganz wohl war ihr nicht bei dem Gedanken. Aber sie hatte keine Wahl. Den Schlüssel zu einer besseren Welt hatte er. Daß er von ihr nichts wußte, beruhigte sie etwas. So konnte sie sich unentdeckt zurückziehen, wenn sie annehmen mußte, daß dieser Weg zu nichts führte und sie es später, auf die harte Tour, durchziehen mußte.
Der Mensch war ein Gewohnheitstier und er war da sicher keine Ausnahme. Wo und wann sie ihn sehen würde, lag auf der Hand.



Mittwoch, 16. November 2011

Rattenkampf – neun


Genau das hatte sie erwartet. Eine Luxuswohnung mit Geschmack, aber fehlendem Eigenleben. Die scheinbare Unordnung war wohldosiert und sollte Gemütlichkeit vortäuschen. Ihr zu Hause würde einmal anders aussehen, das schwor sie sich.
Sie haßte diesen Prunk. Aus jeder Ritze, aus jedem Möbelstück schien Geld zu quellen, das darauf aus war, den Gast zu erschlagen. Sie widerstand der Versuchung, sich in dieses Riesensofa zu setzen, sich dabei etwas auszuruhen und aufzuwärmen.
Deswegen war sie nicht hier. Sie hatte Glück. Die Concierge hatte ihre Loge verlassen, und durch die Haustür war sie ganz selbstverständlich mit einer älteren, halbblinden Dame, einer Hausbewohnerin, gekommen. Die Wohnungstür war ebenfalls kein Hindernis. Das Schloß war alt und ausgeleiert, was es schon beinahe wieder schwierig machte, ihren »Universalschlüssel« korrekt anzusetzen.
Nachdem sie gesehen hatte, wie beide das Haus verließen, hatte sie lange überlegt, ob sie das Risiko eingehen konnte, bei der M. einzubrechen. Aber sie mußte irgendetwas tun und konnte nicht länger warten.
Den »Blindsafe« hatte sie schnell gefunden. Der war hinter einem Bild in die Wand eingelassen -  und es soll Einbrecher geben, die auf so etwas hereinfallen. Besser versteckt war der richtige Tresor. Fest in ihrem massiven Schreibtisch verankert und unter einer Intarsientür verborgen, war er viel schwerer zu entdecken.
Das letzte Mal war er vor wenigstens einem halben Jahr geöffnet worden, denn der Staubfilm auf ihm war unberührt. Eine kaum zu sehende Haarsicherung war auch noch intakt. Ging die Tür auf, mußte das Haar unbemerkt nach unten fallen; und derjenige, der es angebracht hatte, wußte, daß der Tresor sein Geheimnis preisgegeben hatte.
Das war die Handschrift Joe Blacks. Den Tresorschlüssel fand sie in der Küche im Besteckkasten. Aber ohne die Zahlenkombination war er nutzlos, und einen Hinweis auf diese konnte sie nicht entdecken. Sie mußte hier irgendwo sein. Für jeden sichtbar, aber nicht auf den ersten Blick erkennbar. Nach einer halben Stunde gab sie auf.
Sie hatte keine Chance, das Rätsel ohne einen Ansatz oder Hinweis zu lösen und sie setzte jetzt ausschließlich auf den Joker. Als sie die Wohnung verließ, ahnte sie nicht, was sie übersehen und welchen Fehler sie damit begangen hatte.

Das Opernhaus war nicht gerade das, was man altehrwürdig nennen würde, aber dennoch stilvoll ausgestattet und von innen deutlich sehenswerter als von außen. Das befanden sie beide, als sie sich während einer Pause an einem der zahlreichen Stehtische im Gang hinter den oberen Rängen bei einem Glas Rotwein, für Außenstehende im Stile eines alten Ehepaares, unterhielten.
Ihr wäre ein standesgemäßer Drink willkommener gewesen, jedoch tranken sie aus irgendeinem fremdbestimmt wirkenden Grund wie alle Umstehenden Wein. Für den Moment mußte das also reichen, um nicht irgendwie aus der Reihe zu tanzen. Ihm war das eher recht denn wenn alles nach Plan verlaufen sollte, war das Letzte was er brauchte, die warme Decke eines ansonsten als barmherzig empfundenen Rauschzustands.
So standen sie und sprachen eine Weile gar nicht.
»Feuer?« antwortete er mehr, als er fragte und hielt ihr die Flamme vor die Zigarette. Sie sog den ersten Zug gierig ein, während er sich selbst eine aus seiner Packung fischte und anzündete. Er hatte sich seit längerem vorgenommen, endlich mal das Rauchen einzustellen, oder zumindest auf ein gesundes Maß zu reduzieren. Er mußte lächeln. »Gesundes Maß« schien nur eine Redewendung zu sein - nein, sie war es wirklich. Die glühenden Spitzen der Zigaretten näherten sich den Filtern, wie die wild glühenden Ausläufer eines tosenden Vulkans, denn die Pause währte nicht ewig und die Sucht, nach Nikotin, nach der rauschenden Befriedigung an sich, mußte gestillt werden; schließlich drückten sie die Stummel aus, leerten die Reste ihrer Gläser und kehrten schweigend, aber vertraut zweisam, zur Vorstellung zurück.
Gesprochen hatten sie nicht viel, aber manchmal bedarf es keiner umschweifenden Worte, um einander nah zu sein. Dachte sie zumindest, wenngleich der frivole Drang nach einem anständigen Drink ihre Kehle umgriff, wie ein Mörder in einer finsteren Gasse.
Der Vorhang, groß, schwer, aus blauem Samt, öffnete sich wieder, ein paar letzte Leute räusperten sich, flüsterten hier und dort; zeitgleich erklang ein schwerer Ton und die Vorstellung fand ihre Fortsetzung.



Vierter Akt. Mélisande und Pelléas verabschieden sich voneinander. Getragen von sphärischen, eher beruhigend wirkenden Klängen. Diese Beruhigung nahmen beide wohlwollend in Empfang, die musikalische Stille des Moments könnte nach beider Empfinden ewig währen und sie wußten, daß der jeweils andere das Gleiche dachte.
Der Rest des vierten Aktes, ebenso der fünfte Akt samt Finale, welchem ein zwar verhaltener, aber lang anhaltender Applaus folgte, verflogen gefühlt schneller als die vorangegangenen Teile der Oper. Nur noch wenige Menschen befanden sich in der Nähe ihrer Sitze, als sie sich erhoben.
Im seltsam modern, pseudomodern, wie er es gern nannte, eingerichteten Foyer des Opernhauses fragte er dann kurz: »Geht es?«.
»Geht was?«, fragte sie in etwas schroffer Tonart, was ihn augenblicklich zu verunsichern schien.
»Ich meine ... dein Mann. Was weißt du darüber?«, erkundigte er sich eher aus automatischer Neugier als empfundenem Beileid und fügte beschwichtigend an: »Wenn du darüber sprechen möchtest...«.
Sie überlegte einen Moment lang, erwiderte dann: »Schon gut. Jetzt lieber nicht.«, was er mit einem Nicken quittierte. Sie würde ihre Gründe haben, da war er sich sicher, todsicher.
Er unterdrückte ein Schmunzeln und orderte ungefragt zwei weitere Gläser Wein. Nach dem mittlerweile überflüssig wirkenden Procedere – scheinbar verliebter Blick in die Augen, auf dein Wohl, nein auf deines, na gut, auf unseres, gefolgt von kindischem Kichern - näherten sich die Lippen, mehr der schnellen Flucht als dem Genuß verpflichtet, den Gläsern, um diese Minuten später geleert neben dem, sich scheinbar antiproportional füllenden, Aschenbecher abzustellen.
»War schön«, gab sie zu verstehen.
»Mélisande, Pelléas, oder der ganze Abend?«, witzelte er.
»Mélisande und Pelléas … der Abend ist ja noch nicht zu Ende und du weißt doch, daß man ihn nicht vorzeitig loben sollte. Ach nein, das war der Tag... egal, du weißt schon, was ich meine.« Sie lachten.
»Weiß ich das?«, fragte er spitzbübisch, und sie schritten die letzten Stufen zum Ausgang hinab. Draußen war es noch ungemütlicher geworden. Der Nieselregen war praktisch derselbe, jedoch hatte die anfängliche Kühle einer unbarmherzigen Kälte Platz gemacht.


Montag, 14. November 2011

Rattenkampf – acht


Schließlich half er ihr im Stile eines echten Gentleman in den Mantel; und kurz nach Verlassen des Lokals fuhr auch schon der von ihm an der Metro bestellte Wagen mit Chauffeur vor. Perfekt, denn ein leichter Nieselregen hatte eingesetzt und es begann unangenehm kühl zu werden – auf keinen Fall ein Wetter, bei dem man gern vor einem Restaurant auf irgendetwas wartet. Aber das hatte sich ja nun erledigt.
»Zur Oper!« ließ er den Fahrer, einen drahtigen, älteren Mann mit weißem Haar und Schnauzbart, kurz und bündig wissen. Sie nickte dem Chauffeur zu, der ihr die Wagentür aufhielt; und sie genoß es, daß er sich ihretwegen so sehr in Unkosten gestürzt hatte. Sie stieg schweigend ein und ließ sich, schweigend, von ihm entführen.
Nur einmal unterbrach sie die einvernehmliche Stille. »Mein Mann ist tot. Erschossen.« flüsterte sie fast und sah ihn dabei nicht an. Er zuckte nur kurz und kaum merklich zusammen, sagte nichts und sie konnte spüren, wie es in ihm arbeitete. Eine andere Reaktion hatte sie nicht erwartet, und sie wußte nicht, warum. Oder sie wollte es nicht wissen.

Ihr Angetrauter entpuppte sich als eiskalter Rechner und skrupelloser Geschäftsmann, dem weder ihr Vater noch ihr Onkel gewachsen waren, was er aber perfekt zu verbergen verstand.
 Seiner Umwelt präsentierte er sich als Gönner, Sunnyboy und guter Onkel von nebenan. In dieser Rolle ging er auf; und die Welt schätzte ihn als großzügigen Mäzen und hilfsbereiten Menschen, der für eine gute Sache all seine Beziehungen spielen ließ und der bereit zu sein schien, sein letztes Hemd dafür herzugeben, wenn es die Umstände erforderten.
Aber wehe dem Geschäftspartner, der auf ihn hereinfiel und glaubte, ihn über den Tisch ziehen zu können. Nichts haßte er so sehr, als wenn man seine Intelligenz unterschätzte und annahm, leichtes Spiel mit ihm zu haben. Dann konnte man von Glück reden, völlig mittellos in der Gosse, aber am Leben, aufzuwachen.
In einschlägigen Kreisen nannte man ihn bald »Little Big Joe Black«. Es waren einfach zu viele Menschen ums Leben gekommen, nachdem sie seinen Weg gekreuzt hatten, um noch an einen Zufall glauben zu können. Offiziell verdächtigt wurde er nie. Nur sie ahnte langsam, wer ihre Familie auf dem Gewissen hatte, wenn man in seinem Fall überhaupt von so etwas wie einem Gewissen sprechen konnte.
Überraschend erkrankte auch ihr Onkel nach ihrer Hochzeit mit Joe sehr schwer und hauchte sein Leben in einem Schweizer Sanatorium aus. Humor hatte ihr Mann, das konnte sie ihm nicht absprechen.
Die Erkenntnis, daß er dahinter stecken mußte, kam zu der Zeit, als sie schon tief in die bis heute andauernde Lethargie gefallen war. Erst war sie zutiefst gedemütigt, weil er sie nur als Spielball gesehen hatte und sie mit fliegenden Fahnen in seine Falle getappt war, dann gewöhnte sie sich an den Gedanken und fand sich damit ab.
Das Einzige, wozu sie sich noch aufraffen konnte, war, ihm eine böse Überraschung zu bereiten – für den Fall, daß sie ebenfalls nicht an Altersschwäche sterben, sondern plötzlich und unerwartet mit den Füßen voran aus einem Schweizer Sanatorium getragen werden würde. Für mehr reichte ihre Kraft nicht.
Vielleicht hoffte sie, daß die heilige Gerechtigkeit für Ordnung sorgen würde und er eine gerechte Strafe bekäme. Aber die ließ auf sich warten und ihrem Mann gelang scheinbar alles.
Unbeschadet überstand er verschiedene Bestechungsskandale, Subventionsbetrugsvorwürfe; und selbst der Makel, in der dritten Welt fleißige Kinderhände für sich arbeiten zu lassen, glitt von ihm ab, wie die Wasserperlen eines warmen Regens von einem Lotusblatt.
Dafür gab es viele Gründe. Er handelte immer sehr besonnen, schmierte selbst Gott und den Teufel, und hatte somit die öffentliche Meinung stets hinter sich. Desweiteren beschäftigte er sich nicht mit Belangen, für die die Mafia zuständig war. Dazu gehörten Prostitution, Drogen, Glücksspiel, Schutzgelderpressungen und das Baugewerbe. Mit Waffen handelte er auch nicht. Er verschenkte sie, wenn er einen Posten günstig angeboten bekam, an rivalisierende afrikanische Warlords, die IRA, die ETA oder die Mafia selbst.
Dieser offensichtlich kriminelle Geschäftsbereich war unter seinem Niveau und er belächelte die, die ihn bedienten, als wären sie geistig zurückgebliebene Kinder, die an der Errichtung einer Sandburg scheiterten.
Um eine andere Spezies, die der ehrlichen Unternehmer, die es hier und da noch gab, machte er einen großen Bogen. Vermutlich, weil er sie nicht verstand, nicht einzuschätzen vermochte und sie ihm daher suspekt erschienen.
Seine weiße Weste bekam nie ihre verdienten schwarzen Flecken. Sie würde seinen Namen rein halten, ihn in Ehren beerdigen, auf einem Schweizer Friedhof, und sich nach etwas anderem Geschäftsführenden umsehen oder den ganzen Laden meistbietend verkaufen. Das käme zwar einem Totalverlust gleich, aber dessen ungeachtet reichte ihr persönliches Barvermögen locker für drei sorgenfreie Leben.
Nein, ein Rückzug kam nicht in Frage. Schließlich war es ihr Geld, ihr Einfluß, den sie nicht der Konkurrenz in den Rachen werfen konnte. Sie brauchte dringend Verbündete, die sich mit der Materie auskannten und denen sie vertrauen konnte. Nur, wo bekam sie die jetzt her?
Es mußte schnell gehen. Den Tod ihres Mannes würde alle Welt dazu nutzen, wie die Piranhas – die Ratten der Flüsse – über seine Hinterlassenschaft herzufallen. Um Verluste würde sie nicht herumkommen, aber diese waren zu verschmerzen.
Langsam erwachte sie aus ihrer Lethargie und fühlte, wie ihre neue Aufgabe anfing, Spaß zu machen. Jetzt war sie gefordert und ihr Lebensinhalt würde zukünftig darin liegen, dem Rest der Geschäftswelt auf die habgierigen Finger zu klopfen.
Hierfür würde sie morgen ein paar Anrufe tätigen und übermorgen in die Staaten fliegen, um vor Ort zu sehen, was sie tun konnte. Eine männliche Begleitung, eine, die etwas hermachte und Eindruck hinterließ, konnte ihr dabei sehr hilfreich sein. Sie wußte auch schon, wen sie mitnehmen würde. Lächelnd glitt ihr Blick auf ihren abwesend aus dem Fenster sehenden Begleiter.
Kaum einen Gedanken widmete sie seinem Mörder. Es mußte eine Kurzschlußreaktion gewesen sein – nichts von langer Hand Geplantes. In einer Tiefgarage schoß man nicht. Der Schuß war weiter zu hören als in einem Flur oder Zimmer, die Gefahr, unverhofft mit Zeugen konfrontiert zu werden, war viel zu groß, es gab kaum einen Fluchtweg und außerdem hingen überall Überwachungskameras – ungesehen kam man da unten nicht davon.

Sie betraten das Opernhaus auf roten, wie endlose ausgestreckte Zungen wirkenden Teppichen und glitten in ihre Sitze. Gute Sicht, Balkon, gehobene Preisklasse.
Er erzählte ihr, was er an Informationen über Debussy gesammelt hatte. Er war sich nicht ganz sicher, vermutete jedoch, nein, er wußte, daß ihr Wissen über den französischen Komponisten praktisch bei Null lag, was ihm zu der Möglichkeit verhalf, den kulturbewanderten Mann von Welt heraushängen zu lassen.
»Habe ich dir schon erzählt, daß er niemals eine Schule besucht hat?« versuchte er ihr zu erklären. Sie schüttelte stumm ihren, wie er fand, sehr gut frisierten Kopf. Er schwadronierte noch etwas über die künstlerische Beziehung zwischen Ravel und Debussy, als sich der Vorhang endlich öffnete – so langsam ging ihm das Halbwissen aus.
Während des zweiten Akts bemerkte er ein leichtes Zittern der Hand, welche er seit Beginn der Vorstellung hielt. »Tut mir leid, die Sache mit deinem Mann. Sei stark!« flüsterte er ihr zu und versuchte ihre Hand zu streicheln, welche sich daraufhin verkrampfte. Eine Antwort blieb aus, sie atmete jedoch tief ein und scheinbar noch tiefer wieder aus, was er als dankbare Geste empfand.

Samstag, 12. November 2011

Rattenkampf - sieben


Das Erbe war rasch verteilt. Ihr gehörten zwei Drittel und ihr Onkel bekam den Rest. Hocherfreut übernahm er auch die Geschäfte ihres Vaters. Aber so sehr er sich auch bemühte, an dessen Erfolge anzuknüpfen – es gelang ihm nicht. Auch er wurde immer lichtscheuer, und man bekam ihn nur noch selten zu sehen.
Als eine große Hilfe erwies sich der Privatsekretär des Verblichenen. Ohne ihn wäre er in dem Dschungel der Firmengeflechte und Teilhaberschaften hoffnungslos untergegangen. Es gab keine Unterlagen mehr und die, die er sichten konnte, brachten kein Licht in das Dunkel der Geschäftsgebaren ihres Vaters.
Eines Abends stand er dann völlig unerwartet und aufgelöst vor ihrer Tür, um mit ihr über die gemeinsamen Unternehmen reden zu wollen. Er war nervös und schlug ihr einen seltsamen Handel vor. Er hatte die Absicht, sich aus den Geschäften zurückzuziehen und die ihm gehörenden Anteile auf sie zu übertragen. Sie wäre dann die Alleinbesitzerin von Allem, was ihr Vater besaß. Im Gegenzug wäre er mit einer monatlich zu zahlenden Summe, die 30% der Zinserträge des Barvermögens betragen sollte, auf Lebenszeit zufrieden.
Sie war damals von seinem Ansinnen sehr überrascht und bat sich eine Bedenkzeit aus, worauf er sofort einging und ihr außerdem vorschlug, den Sekretär ihres Vaters als Teilhaber zu übernehmen und ihm die Geschäfte zu übertragen.
Damals hatte sie sich von ihrem Zusammenbruch halbwegs erholt und ihr Leben in geordnete Bahnen zu bringen. Selbst leiten konnte sie die Firma nicht, daß war ihr völlig klar. Das überstieg bei weitem ihre Möglichkeiten. Einem Mann als Teilhaber, der noch dazu ihre Geschäfte führen sollte, konnte sie allerdings nicht vertrauen.
Eine andere Lösung mußte her, mit der sie alle Fliegen mit einer Klappe schlagen konnte. Sie stimmte den Vorschlag ihres Onkels, was die Leibrente betraf, zu, auch wenn ihr die Höhe der Summe den Atem nahm. Daß er damit auf einen Großteil der ihm zustehenden Einnahmen verzichtete, war ihr klar – aber warum er dies tat, war ihr ein Rätsel.
Den gepriesenen Sekretär heiratete sie kurzerhand. Damit stand ihrem geordneten Leben und ihrer gesellschaftlichen Reputation – ihre Jugendsünden waren mit der Hochzeit weitestgehend verjährt und verziehen – nichts mehr im Weg, und ihrem frischgebackenen Mann eröffnete sich der Weg in Kreise zu denen ihm sonst der Zugang verwehrt geblieben wäre.
Natürlich mußte er einen Ehevertrag schlucken, den sie aber als fair betrachtete. Im Falle einer Scheidung blieb ihm ein bißchen vom Zugewinn und sonst nichts.
Wie sie später erfahren mußte, war der Vertrag eine Farce und nichts wert. Er hätte ihr gesamtes Vermögen »verschwinden« und sie geschröpft bis auf das Hemd im Regen stehen lassen können. Wie naiv sie doch in derlei Dingen war! Aber das tat er nicht. Im Gegenteil. Er war dort angekommen, wo er hin wollte. Er hatte eine gebildete, höchst attraktive Frau geheiratet, die in dem Ruf stand, von einem Mann nicht gebändigt werden zu können und die ihm die Tür in die große weite Welt öffnete. Ohne sie war er nur ein billiger Geschäftsmann, mit ihr der prominente Global-Player. Was konnte er mehr wollen?
In Bezug auf den Umgang mit dem anderen Geschlecht ließen sie sich gegenseitig völlig freie Hand, mit der Einschränkung, diese Angelegenheiten diskret, ohne Aufsehen und Nachwirkungen, über die verdunkelte Bühne zu bringen. Die Gefahr, daß er sich dabei verlieben könnte mitsamt all den damit verbundenen Unwägbarkeiten, schätzte sie als gering ein. Er war ein reiner Vernunftmensch, für den Gefühle so etwas wie eine beginnende Krankheit waren. Sie war sich sicher, die Zügel in der Hand und so die Oberhand über ihn behalten zu können. Bis ihr erste Zweifel kamen.



Dank des kleinen Lädchens des alten Dimitri war er mit allem Nötigen versorgt. Zigaretten, einem kleinen Wodka für den Notfall. Mehr benötigte er nicht. Er läutete zweimal kurz. Durch das Auge der Kamera betrachtete sie ihn vermutlich noch einen Moment lang, bevor er ihre Stimme vernahm.
»Ich bin soweit, oder wolltest du noch kurz auf einen Drink rauf kommen?«
Natürlich wollte er das. »Nein danke, wenn es dir recht ist, können wir sofort gehen.« Man will ja nicht gleich mit der vielzitierten Tür ins Haus fallen.
»Gut, bis gleich.« ließ sie ihn wissen.
Es knackte in der Gegensprechanlage und er nutzte die Zeit bis zu ihrem Erscheinen, um eine weitere Zigarette zu rauchen. War er nervös, fragte er sich selbstkritisch? Nein, natürlich nicht, belog er sich selbst. Nach einer Weile öffnete sich die Tür und sie erschien in einem eleganten schwarzen Kleid, reizend, aber dezent; darüber ein leichter Mantel, ebenfalls sehr elegant, wie er feststellte.

Als er klingelte, war sie fertig angezogen, dezent geschminkt und hatte sich gerade eine Zigarette angezündet. Sie blickte auf die Uhr und stellte fest, daß er fast auf die Sekunde pünktlich war. Vermutlich hatte er draußen vor der Tür gewartet.
Sie haßte Unzuverlässigkeit und Unpünktlichkeit. Beides duldete sie weder bei sich selbst noch bei anderen.
Die Zigarette drückte sie aus und wandte sich zum Gehen. An der Tür warf sie einen Blick zurück. Aus diesem Blickwinkel würden sie die Wohnung wieder betreten. Sie war mit dem Anblick zufrieden. Die Flasche Pernod war verschwunden und sie hatte so aufgeräumt, daß man nicht sah, wie strategisch durchdacht sie alles platziert hatte.

»Hi!« Sie küßte ihm die Wange. »Nettes Parfüm«, lächelte sie ihn an und er wußte zunächst nicht, ob sie scherzte oder nur ihre ehrliche Meinung kund tat.
Wie auch immer, also sagte auch er »Hi!«, küßte ihr ebenfalls die Wange, sah ihr tief in die Augen und bemerkte, zum Gegenangriff fest entschlossen, »...du siehst umwerfend aus!«. Er bot ihr Feuer an, als sie sich eine Zigarette zwischen die grellroten Lippen klemmte, dann schlenderten sie die Straße entlang.
»Balkanküche, ich meine, ich hoffe, du magst das?« stammelte er mehr, als er fragte.
»Natürlich. Dritte Kreuzung links?« antwortete sie.
»Genau, dritte Kreuzung links, ich sehe, dich kann so schnell nichts überraschen. Die haben gutes Essen, deftig, reichlich. Ich hoffe, du hast nur halb so viel Hunger wie ich!«
 »Mindestens, wenn nicht gar doppelt so viel!«. Sie lachten und waren im Handumdrehen am Restaurant angekommen.
»Meine Dame, darf ich ihnen den Mantel abnehmen?« begrüßte der Wirt beide mit einem übertriebenen Lächeln. »Der Tisch da auf der rechten Seite, mit den Kerzen und den Rosen, ist für Sie reserviert!«. Er wies mit einem Winken in eine gemütliche Ecke.
Sie bestellten Wein, einen leichten Weißen, schließlich hatten sie noch nichts gegessen. Zu viel versprochen hatte er nicht, die Portionen waren wirklich größer als gewöhnlich; und ihr Muckalica, Schweinefleisch mit Zwiebeln, Paprika und Tomaten, empfand sie auch geschmacklich als treffliche Wahl. Er hatte ihr sein Lieblingsgericht empfohlen und sie genossen beide das Gleiche.
Im Anschluß bestellten sie Espresso und Slibowitz. Sie sprachen über Belanglosigkeiten, die Stimmung war sehr heiter.
»Wo schleppen Sie mich heute noch hin, mein Herr?« fragte sie ihn.
Wie auf Kommando hielt er ihr zwei Karten für die Oper entgegen.
Sie lächelte ihn kokett an. Hab ich doch gleich geahnt, mein Lieber, dachte sie, irgendwas in der Art paßt einfach zu Typen wie dir; sie freute sich und freute sich einmal mehr über ihre Männerkenntnis.
»Pelléas et Mélisande« erläuterte er, mit dem wissenden Gesichtsausdruck eines Opernkenners, »von Claude Debussy. Schon gesehen?«.
»Nein.« entgegnete sie wahrheitsgemäß, wobei es ihr eigentlich egal war, in was für ein Stück er sie ausführte. Sie bedankte sich artig für das Essen und versicherte ihm ihre Freude auf den gemeinsamen Abend in der Oper, worauf er sich kurz entschuldigte, um auf der Toilette, die dem Rest des Restaurants an Niveau um einiges nachstand, einen Blick in den Spiegel und anschließend auf seinen Wodkavorrat zu werfen.
»Schöne Scheiße!« fluchte er, als er feststellte, daß er nur noch die Hälfte übrig hatte.
Andererseits lief eigentlich alles nach Plan, wozu also die unnötige Nervosität? So ging er also zurück zum Tisch und winkte den Wirt heran, um die Rechnung zu begleichen.
Dieser bedankte sich überschwenglich und verhalf seiner Dankbarkeit mit einem weiteren Slibowitz zum Ausdruck. Also rauchten sie noch eine weitere Zigarette und leerten die Gläser, bis sie ihrerseits die Nebenräume aufsuchte. Sie verspürte ebenso das Bedürfnis, einen Moment allein zu sein, um sich zu sammeln, sich zu konzentrieren. Die zurechtgemachte Linie Kokain auf dem Waschbeckenrand wischte sie mit einer hektischen Handbewegung weg, eine törichte Idee, jetzt zu koksen, und sich damit die Sinne zu vernebeln, denn der Abend versprach auch ohne diese schlechte Angewohnheit sehr angenehm zu werden. Sicher, das Richtige getan, oder besser, nicht das Falsche getan zu haben, kehrte sie zurück und schenkte ihm ein aufreizendes Lächeln. Zeit zu gehen.

Mittwoch, 9. November 2011

Rattenkampf – sechs


Das Telefon riß sie zum wiederholten Male aus ihren Gedanken. Wer immer das auch war – er würde sich gedulden müssen. Sie hatte jetzt keine Muße für irgendwelchen Tratsch, und ihr Bedarf an Neuigkeiten aller Art, war für heute gedeckt.
Ihre Bekanntschaft von gestern würde sie dann abholen. In seiner schnoddrigen Mail stand nicht wozu und wohin, aber wenn ihr aus ihrer wilden Zeit etwas geblieben war, so das Gespür für Männer.
Er hatte Stil und er hatte Geschmack, also würde er sie erst in ein teures Restaurant führen und dann in ein Konzert oder das Theater einladen. Sehr zuvorkommend würde er sein, und sie nur sehr sparsam mit Komplimenten versorgen. Sie wird das nicht hinnehmen und auf die gesamte Palette ihrer Verführungskunst zurückgreifen, so lange, bis er anfinge, sie zu umwerben. Dann hätte sie ihre Genugtuung und er würde da landen, wo alle Anderen landeten – in der uninteressanten Ecke.
Nein, dieses Mal würde sie auf das Machtspiel verzichten müssen. Für so etwas war er nicht zu haben und er würde sich höflich, aber bestimmt zurückziehen. Das wollte sie nicht riskieren.
Sie beschloß, noch einmal duschen zu gehen. Daß es der Dreck ihrer vergangenen Jahre war, den sie sich von der Seele spülen wollte, würde sie nie zugeben. Nicht einmal vor sich selbst.
Ihre Kleider ließ sie auf dem Weg ins Badezimmer so lasziv fallen, als würde sie für den späteren Abend proben – dabei wußte sie genau, wie sie sich zu bewegen hatte, um einem Mann endgültig den Todesstoß zu versetzen.
Lächelnd hörte sie noch, wie das Telefon erneut klingelt und er ihr auf den Anrufbeantworter sprach. Dieser Depp! Der Anruf war unnötig und verriet ihr nur, wie nervös er war. Seine Unruhe schmeichelte ihr. Sie konnte nicht ahnen, daß er aus einem ganz anderen Grund aufgeregt war.

Im Park war es naß, kalt, und es wurde dunkel. Es gab tausend Gründe, zu dieser Zeit an einem anderen Ort zu sein. Alles war besser, als hier herumzustehen. Hier zwischen Gestrüpp und Nieselregen. Aber nur von hier aus konnte man den Hauseingang der M. sehen, ohne selbst gesehen zu werden. Der Joker mußte hier bald auftauchen. Sein Auftraggeber war tot. Wenn er es auch noch nicht mit Bestimmtheit wußte, so ahnte er es zumindest.
Ihre Kugel traf ihn mitten zwischen den Augen, als er den Zündschlüssel ins Schloß stecken wollte und ihrer gewahr wurde. Sie hatte keine Wahl.
 Doch, die hatte sie. Die Alternative wäre gewesen, ihn am Leben zu lassen und unterzutauchen. Ohne Geld, ohne Perspektive und mit der Gewißheit, daß sie irgendwann von so einem Typen wie dem Joker gefunden werden würde. Das kam nicht in Frage.
Seinen Tod hatte er selbst zu verantworten. Man kramt nicht in der Handtasche seiner Sekretärin, auch wenn es sich dabei um die Geliebte handelte. Andererseits war es ihr Fehler gewesen, dort den USB-Stick mit all seinen Paßwörtern und Zugangsdaten aufzubewahren.
Dabei mußte er nichts von dem fürchten, was sie gefunden hatte. Das was sie vergeblich gesucht hatte, war sein Untergang – und Beide wußten, wo sie den jetzt finden würde.

Das Wasser rauschte an ihrem Körper herab. So luxuriös, wie vor Jahren war er nicht mehr. Das mußte sie sich eingestehen. Aber sie hatte auch das seltene Glück, daß ihr das Alter nicht allzuviel anhaben konnte.
 Sie blieb attraktiv, und heute Abend würde sie an die Triumphe längst vergangener Jahre anknüpfen. Pietätvoll wäre das sicher nicht – davon abgesehen, daß die Rolle der trauernden Witwe ihr sowieso keiner abnehmen würde – aber durch dieses Abenteuer gewänne sie Abstand zum Tod ihres Mannes und was dieser für sie bedeuten könnte.

In seiner Pension rückte er sich den Krawattenknoten zurecht. Der Spiegel war übermannsgroß und so breit, daß er hinter sich das halbe Zimmer und die Bettcouch sehen konnte. Ihr Bett war doppelt so groß.
Im Grunde hatte er keine Wahl. Sein Auftraggeber war mit Sicherheit tot. Trotz des lausigen W-LAN Empfangs – hier war einfach alles lausig – konnte er noch einmal seinen Posteingang sichten. Nichts. Auch die Ausweichvariante, eine belanglose telefonische Nachricht über die Pension, war ausgeblieben.
Das hieß, daß sein Geldgeber aus dem Rennen war. Ob tot oder nicht. Er könnte jetzt einfach die Dinge laufen lassen, egal was und ob überhaupt etwas passierte. Aber so würde er einen dicken Fisch von der Angel lassen und das konnte er sich nicht leisten. Diese Nacht mußte er die Unterlagen im Tresor sichten. Er mußte jetzt wissen, um wieviel Geld es ging und vor allem, wem die Dokumente viel Geld wert waren. Skrupel kennt kannte er dabei nicht. Zur Not würde er auch die M. erpressen, nachdem er die Dokumente in Sicherheit gebracht hätte.
Soviel er wußte, kannte jetzt nur noch er die Zahlenkombination für ihren Safe. Sicher hatte sein Klient sie irgendwo hinterlegt, aber so schnell würde da wahrscheinlich keiner ran kommen. Zumindest würde er ein, zwei Tage Vorsprung haben.
Der Chauffeur war für gewöhnlich pünktlich. In einer halben Stunde würden sie sich an der Metro-Station treffen, um den Verlauf des Abends abzusprechen. Er war sich im Klaren darüber, was er ihr bieten mußte und was sie von ihm erwartete. Bei dem Gedanken an Letzteres mußte er grinsen. Gut, das Spiel möge beginnen. Er zog die Tür hinter sich zu. Wenn er langsam liefe, wäre er ohne warten zu müssen rechtzeitig da.

Sie fror, und sie kämpfte gegen ein Gefühl der Einsamkeit an. Sie war allein. Schon immer. Gewöhnlich kam sie damit gut zurecht. Sie brauchte niemanden, der sie brauchte. Nur manchmal, so wie jetzt, sehnte sie sich nach etwas Rückhalt und Geborgenheit.
Er mußte jetzt bald kommen. Aber damit war die Warterei nicht zu Ende. Im Moment konnte sie nichts tun. Nichts Kluges zumindest. Alles hing von ihm ab. Die Unterlagen waren viel Geld wert. Er konnte den Tresor öffnen, sie selbst nicht. Die Zahlenkombination war bei ihm, M.’s Mann, nicht zu finden gewesen. Aber sie war sich sicher, daß der Fuchs sich ein Hintertürchen offen gelassen hatte. Seine Frau war nicht eingeweiht. So viel wußte sie. Aber er hatte sicher einen Weg gefunden, daß sie im Ernstfall – im äußersten Notfall – den Safe öffnen konnte. Die Chiffre mußte also in der Wohnung so versteckt sein, daß man sie ohne Hinweis nicht finden konnte.
Dem Joker hatte er die Kombination gegeben. Das und die Tatsache, daß nie jemand etwas von seiner Existenz geahnt hatte, sagten ihr, daß sie ihn sehr ernst nehmen sollte.
Sie mußte jetzt hier warten und sehen, was passierte. Vielleicht gingen die beiden ja aus. Dann konnte sie sich zumindest in der Wohnung umschauen. Ansonsten mußte sie auf morgen warten, und darauf vertrauen, daß der Joker ihrem Charme erläge.

Sonntag, 6. November 2011

Rattenkampf – fünf


Er rang mit sich. Doch irgendwann war ihm klar: Wenn er dran bleiben wollte, mußte er jetzt handeln. Also besorgte er Karten für die Oper und reservierte einen Tisch in einem Restaurant, welches sich der Balkanküche verschrieben hatte. Dort war man relativ allein und obendrein gab es deftige Portionen - eine Tatsache, die bei der Wahl des Lokals eine große Rolle spielte, denn er hatte seit Stunden unbändigen Hunger und befürchtete, daß der Wodka ihm aufgrund mangelnder Nahrungsgrundlage die Sinne schneller vernebeln könnte.
Er wählte ihre Nummer, doch als sich nur der Anrufbeantworter meldete, legte er wieder auf. Warum nur? Wahlwiederholung, Anrufbeantworter – er hinterließ ihr einfach eine Nachricht mit dem Bitte, sie später abzuholen. Außerdem sollte sie sich etwas Elegantes anzuziehen. Nach dem Auflegen schalt er sich einen Deppen: als wäre es vorstellbar, daß sie mal nicht elegant auftreten würde!
Außerdem wußte sie, wann er sie abholen würde. So verriet er ihr nur, wie nervös er war. Gut, sie würde dies zu ihren Gunsten werten. Er nahm eine Dusche und durchsuchte seinen E-Mail- Eingang nach der Nachricht, die einfach nicht eintreffen wollte.

Ihre Ehe bestand nur auf dem Papier. Von Anfang an. Der Adel, besonders der Geldadel, heiratete nicht aus Liebe, sondern weil es notwendig wurde.
Das Firmenimperium gründete ihr Vater nach dem Krieg, mit dem Geld, das seine erste Frau mit in die Ehe gebracht hatte. Dieses hatte ihr Vater durch windige Geschäfte in Budapest erlangt und als Seifenfabrikant fast wieder verloren. Aufgrund seines frühen Todes in einem Schweizer Sanatorium – Tuberkulose – hatte sie den Rest seines Vermögens retten und ihrem Gatten anvertrauen können. Das war alles, was sie zur Familienchronik beigetragen hatte.
Sie starb im Jahr ihrer Hochzeit in einem Schweizer Kurort, an den Folgen einer seelischen Erkrankung und einer Überdosis Schlaftabletten. Ihr Mann heiratete kurz darauf die Frau, die ihre Mutter werden sollte, und diese Ehe blieb, bis auf ihre Geburt, folgenlos.
Während ihre Mutter in Schweizer Kliniken genau wie ihre Vorgängerin auf Heilung hoffte, wuchs sie selbst gut behütet in verschiedenen Internaten des Alpenlandes auf. Ihre Eltern sah sie nur zu den obligatorischen Familientreffen. Was sie trieben und wer sie waren, blieb ihr unbekannt. Sie finanzierten ihr jeden Unfug und jede Schrulle vorbehaltlos.
Mit 18 Jahren bekam sie ihr eigenes Rennpferd, welches sie nur einmal sah und welches nie ein Rennen bestritt und aus einer Laune heraus bald eingeschläfert wurde. Sie studierte in Paris, Prag und London Kunst- und Kulturgeschichte, Semiotik, klassischen Gesang, amerikanische Literatur und noch einiges anderes mehr, ohne etwas davon zu Ende und zu einem Abschluß zu bringen.
Das Einzige, wofür sie sich wirklich nachhaltig interessierte, waren Männer aller Gesellschaftsschichten und Altersklassen. Sie studierte diese Wesen mit solch einer Inbrunst und   Skrupellosigkeit, daß sie bald den Status einer Persona non grata, nicht nur in allen vornehmen Häusern Europas, sondern auch in jeder schmierigen Hafenkneipe von Marseille bis Wladiwostok genoß.
Ihr Lebenswandel wurde von ihrer Mutter in allen Belangen unterstützt. Diese bewunderte und beneidete ihre Tochter für ihre zügellose Freiheit und verhinderte alle Versuche ihres Vaters, der zumindest in familiären Dingen auf seinen Ruf bedacht war, diesem Treiben ein Ende zu bereiten.
Während ihrer wilden Zeit, wie sie ihren Orientierungslauf nannte, sah sie ihre Eltern in einem Monat öfter als während ihrer gesamten Kindheit. Mit Ende Zwanzig kam dann unweigerlich, ohne Vorwarnung und Anlaß, ihr erster seelischer Zusammenbruch. Von der wilden, flippigen Partymaus war über die Nacht nichts mehr übrig geblieben.
Die Erkenntnis, daß ihr bisheriges Leben völlig sinnlos und inhaltslos verlaufen ist, traf sie völlig unvorbereitet. Ihre Bestandsaufnahme war ernüchternd und deprimierend. Sie konnte außer ein paar Schwangerschaftsabbrüchen und einer manifestierten Ziellosigkeit nichts Bleibendes vorweisen.
Ihr weiteres Leben wurde dann von wechselnden Sinnkrisen, schweren Depressionen und Drogenexzessen geprägt. Auf Anraten ihres Vaters, den sie bei dieser Gelegenheit das letzte Mal sah, ließ sie sich in ein Schweizer Sanatorium einweisen.

Ihre Mutter war kurz zuvor in derselben Klinik verstorben. Ihre Paranoia hatte zuletzt immer schwerere Formen angenommen. So fühlte sie sich von jedem Schriftstück bedroht. Egal, ob es ihre Krankenakte, eine Zeitung oder eine Eintrittskarte war – jedes beschriebene Papier löste in ihr schwere Panikattacken aus, die nur durch hohe Dosen Valium gedämpft werden konnten.
Nach einer versehentlichen Überdosierung erlitt sie einen Atemstillstand, der auch durch sofortige ärztliche Hilfe nicht beendet werden konnte. Ihr Vater akzeptierte diesen, von der  Klinikleitung eingestandenen Umstand, verzichtete auf dessen Sühnung, und man vereinbarte, aus Rücksicht auf das Ansehen der Heilstätte und deren Patienten, Stillschweigen über diese Panne.
Kurz darauf starb auch ihr Vater unter mysteriösen, nie geklärten Umständen. Er hatte es im Laufe der Jahre zu ansehnlichem geschäftlichen Erfolg gebracht. Die Spuren seiner Aktivität waren weit gestreut und kaum zu übersehen. Er besaß selbst mehrere Unternehmen, war an anderen beteiligt oder kaufte sie, schrumpfte sie gesund und verhökerte sie gewinnbringend weiter.
Dabei hatte er sich den Ruf eines harten Hundes erworben, der seine Interessen rücksichtslos durchsetzte. Man munkelte, daß vieles davon nicht ganz legal ablief und daß er nicht nur die sprichwörtlichen Leichen im Keller beherbergte.
Vor seinem Tod sei er auffällig lichtscheu geworden. Er verließ das Haus nicht mehr allein und machte einen nervösen und fahrigen Eindruck. Seine geschäftlichen Aktivitäten fuhr er auf das Notwendigste zurück und agierte sehr zurückhaltend.
Eines Tages fand ihn seine rechte Hand, sein junger Privatsekretär und Vertrauter, erschossen vor dem geöffneten Firmentresor liegend. Im Kamin lagen hastig verbrannte Dokumente, aber man vermutete, daß der größte Teil der im Tresor aufbewahrten Unterlagen verschwunden war. Einen Beweis dafür gab es nicht.
Sein Privatsekretär konnte nur vage Angaben über den Inhalt des Safes machen; ob sich der Firmengründer wirklich selbst erschossen hatte, wie es den Anschein erweckte, konnte nicht endgültig geklärt werden.

Freitag, 4. November 2011

Rattenkampf – vier


Es blieb ihr nichts anderes übrig, sie stellte die Dusche an und ließ das Wasser auf die Kopfhaut prasseln, in der Hoffnung, es möge neben dem Blut auch etwas von der Wirkung des Alkohols mit sich in die Kanalisation reißen. Der Polizei alles erzählen? Wenngleich sie diese Aussage als blanke Ironie abtat: was wäre, wenn doch …?
Ihre Gedanken drehten sich in ähnlicher Geschwindigkeit wie das Wasser im Becken, wenn es den Abfluß verläßt. Von ihrem gelegentlichen Kokainkonsum wußten sie vermutlich. Das dürfte ihnen egal sein. Sie war keine billige Vorstadtschlampe, der man deswegen einen Strick dreht. Nein, die melden sich nicht an und fragen höflich, wann sie zu sprechen wäre, wenn sie irgendeine Schweinerei vorhätten. Sie war sauber und hatte nichts zu befürchten. In einer halben Stunde würden sie da sein. Da blieb Zeit genug, um sich in eine Diva zu verwandeln.
Das Nasenbluten hatte, Gott sei Dank, auch aufgehört.

Der Schmerz in seinem Bein ließ langsam nach. Er lief langsam und zündete sich eine Zigarette nach der anderen an. Sein Weg zurück in die Pension führte ihn an einem Cafe mit Straßentischen vorbei. Er nahm einen der hinteren Tische, bestellte sich zum Kaffee ein Wasser und beobachtete die Straße.
Dort geisterte das scheinbar bunte Leben wie eh und je. Die Leute liefen die Straße entlang, manche hastig, manche gemächlich, gelegentlich vor prall gefüllten Schaufenstern verweilend).
Sie schauten sich Dinge an, die sie weder brauchten noch sich leisten konnten. Trotzdem verschwendeten sie ihre Gedanken daran. Dabei belauerten sie sich gegenseitig, bereit, jedem mit Neid und Mißgunst zu begegnen, der ein besseres Leben als sie selbst zu führen schien.
Als ob man mit angehäuften Kitsch und Trödel automatisch glücklicher wäre. Nein, er würde irgendwann so viel Geld haben, daß es ihm möglich wäre dieser kleinkarierten Raffgier zu entkommen. So viel, daß es keine Rolle mehr spielen konnte und man darüber nicht mehr sprechen mußte.
Die Frau die ihn angefahren hatte, ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Sie war jung, attraktiv und ihm irgendwie vertraut. Er wußte, daß er sie noch nie gesehen hatte, und doch schien er mit ihr etwas gemeinsam zu haben.
Wo kam sie plötzlich her? Das war ein anderes Kaliber als diese Diva, die er beaufsichtigte.
Ihr Nasenbluten müßte vorbei sein. Das Mittel, welches er ihr gestern verabreicht hatte, beruhigte extrem und schaltete alle Sicherungssysteme aus. Man wurde müde, fühlte sich geborgen und nahm seine Umgebung nur noch zur Hälfte wahr. So konnte er ihre Wohnung filzen, ohne daß sie es bemerkte.
Alles war noch an den beschriebenen Stellen. Unberührt und unbenutzt. Darüber würde sein Auftraggeber erleichtert sein. Er müßte die Mail mit seinem Bericht, die er vorhin beim Essen geschrieben hatte, bereits empfangen und gelesen haben. Die Antwort konnte nicht mehr lange auf sich warten lassen.
Sie würde nie auf die Idee kommen, daß er ihr etwas in den Drink gegeben hat. Danach fühlte sich alles ganz natürlich an. Wenn allerdings der Körper durch übermäßigen Alkoholgenuß schon angegriffen war, es am nächsten Tag unweigerlich ein leichtes bis mittelschweres Nasenbluten.
Sie heute Abend noch auszuführen, war sicher nicht die beste Idee, aber er konnte sich schlecht zu ihr einladen, um ihr Vertrauen zu erlangen. Ihre Wohnung war sicher, davon hatte er sich überzeugt. Selbst bei einem Einbruch mußten seine Gegenspieler unverrichteter Dinge wieder abziehen.
Er gab Plan A endgültig auf. Der sah vor, alles sofort verschwinden zu lassen. Wenn dies notwendig werden sollte, fände er später noch Zeit, dies in Ruhe zu tun.
Nein, besser war es, sich bei ihr einzuquartieren und den Liebhaber zu mimen. Das würde weniger Staub aufwirbeln, und er wäre immer vor Ort, um das Schlimmste zu verhindern. Die Erlaubnis dazu hatte er.
Vielleicht war auch alles nur blinder Alarm. Dann würde er sich unauffällig zurückziehen. Sie war verheiratet und in einem Alter, in dem man es bei einem flüchtigen Abenteuer für die Ego-Pflege beläßt. Der Mohr hätte seine Schuldigkeit getan, der Mohr konnte gehen. Das würde jeder verstehen.
Sein Laptop wanderte wieder auf den Tisch – wider Erwarten war sein Posteingang leer. Das bedeutete nichts Gutes. Wenn er spätestens morgen immer noch ohne Antwort war, mußte er handeln.

»Frau M.? Polizei. Wir hatten uns angemeldet.« Sie bat die beiden Herren herein und verschanzte sich hinter der Flasche Pernod. Beide sahen aus, als wären sie einem Klischee über Kriminalbeamte entsprungen. Hut, Lodenmantel, Brille, stechender Blick.
»Sie wissen schon Bescheid? Nein? Keiner hat sie informiert? Gut, dann müssen wir ihnen eine traurige Botschaft überbringen: Ihr Mann ist tot.«
Stille. Pernod. Zigarette. Stille.
»Wie ist das passiert? Wer war es?«
»Wie kommen Sie zu der Annahme, daß es jemand war?«, fragte der Ältere.
»Würdet ihr Typen einfach so hier auftauchen, zu zweit, wenn nichts Ungewöhnliches passiert wäre?« keifte sie zurück. Viel weniger störte sie die Tatsache, daß ihr Mann nicht mehr lebte, als die, daß die feinen Herren hier hereinspazierten und sie wie ein dummes Mädchen zu behandeln versuchten.
»Also, ich höre!« machte sie ihr Recht auf Information geltend.
»Erschossen, vermutlich schon gestern, am frühem Nachmittag, in der Tiefgarage, in seinem Wagen. Tut mir sehr leid.« Der Ton war versöhnlicher geworden.
»Wir haben, ehrlich gesagt, noch keine Spur. Die Spurensicherung ist noch vor Ort. Können wir noch irgend etwas für Sie tun?«
Sie überlegte. »Nein, danke ...« stammelte sie, drehte sich herum, starrte zum Fenster hinaus, verfolgte akustisch, wie die Beamten den Raum verließen. Erst, als sie das Türschloß einrasten hörte, entspannte sie sich. Eine Träne rann ihr über das Gesicht.